Damals™ – wieder mal in Erinnerungen gekramt

Meinen ersten PC kaufte ich 1993. Ein 386er* mit 33 MHz Prozessor, 240 MB [sic!] Festplatte und 4 MB RAM. Damals im Fachhandel erstanden, zusammen mit einem frühen Tintenstrahldrucker für schlappe 3.700 DM. Im Fachhandel, weil ich ja selber noch gar keine Ahnung hatte und ich hoffte dort auf guten Service, falls ich mit der Kiste gar nicht zurecht käme. Der Verkäufer versicherte mir damals – und ich glaube wirklich, dass er das wirklich glaubte – dass es zwar auch schon 486er* gäbe, solche Höllenmaschinen aber niemand im normalen Hausgebrauch je benötigen würde.

Weil im Fachhandel gekauft, kam der Rechner mit vorinstalliertem Betriebssystem: MS-DOS (ich glaube in Version 1.3) und darauf aufsetzend Windows 3.11. Ganz zu Anfang nutzte ich aber Windows kaum, weil es so viele DOS-Anwendungen gab. Als Dateimanager hatte ich den Norton Commander und ich erinnere mich noch, dass mir dann später irgendwann die Umstellung auf Windows ungeheuer schwer fiel.

Die erste Hardwareergänzung, die ich selber vornahm, war etwa ein halbes Jahr später. Da stockte ich den Arbeitsspeicher von 4 MB auf 8 MB auf. Für die 4 MB RAM zahlte ich damals bei einem Freund einen Freundschaftspreis von 200 DM. 200 Mark für 4 MB RAM. Irrsinn.

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Bis ich den ersten Internetzugang zu Hause hatte, vergingen noch 4 oder 5 Jahre. Ich weiss nicht mehr genau, ob ich den schon in 1997 oder doch erst in 98 bekam. Damals musste ich das Telefon ausstöpseln, wenn ich mit dem 56k-Modem online gehen wollte und während das Modem seine seltsam gurgelnden Einwahlgeräusche machte, konnte man lässig auf’s Klo gehen und sich einen Kaffee holen.

Damals war für mich die großartigste Errungenschaft dieser neuen Zeit und Technik die Möglichkeit, Musik im Internet runterzuladen und mir war damals nicht mal bewusst, dass das illegal war. Immerhin nutzten alle Napster und eines der Themen, um die es damals im ICQ oder IRC immer wieder ging, war die Downloadrate beim Musik“saugen“. Um einen einzigen Song mit 3-4 MB Daten in schlechter Qualität runterzuladen brauchte man, wenn die Verbindung gut war, etwa eine halbe Stunde. Riss die Verbindung zwischendrin ab (oder die desjenigen, bei dem man im p2p-Netzwerk runterlud), musste man wieder von vorne anfangen, erst später konnte man an abgebrochene Downloads anknüpfen.

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Zum allerersten Mal gechattet habe ich via ICQ. Kurz nachdem ich damals das Programm installiert hatte, sprach mich über diese Random-Funktion ein Australier an. Ich weiss noch, dass ich furchtbar aufgeregt war. Ein Australier! Jemand, der am anderen Ende der Welt lebt und dessen geschriebene Worte doch in Sekunden auf meinem Monitor erschienen. Wahnsinn! Irrsinn! Die Welt war vorher riesengroß gewesen und auf einmal waren die Kontinente für mich ein Stück dichter zusammengerückt.

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Manchmal, muss ich mal bewusst an solche Dinge zurückdenken. Der erste Rechner ist knapp über 20 Jahre her und seitdem hat sich die/meine Welt in einem unfassbaren Ausmaß verändert.

Ich finde es schier unglaublich, wie billig heutzutage PCs im Vergleich sind und wie schnell Rechner und das Internet (und dass es mir trotzdem oft zu lange dauert). Und wie unglaublich klein die Welt geworden ist, wie unglaublich nahe die Gedanken und Ideen von so vielen Menschen überall auf der Welt.

Und ich finde es noch unglaublicher und faszinierender, dass ich der letzten Generation angehöre, für die das Internet keine Selbstverständlichkeit ist, mit der man schon aufgewachsen ist. Heute laufen teilweise schon Grundschüler mit eigenen Smartphones rum und Weihnachten saß der kleine zweijährige Neffe des Mitdings da und tippte fasziniert auf dem iPad rum und wusste ganz genau, was er da bei der Bauernhof-App antippen musste. Unser erstes Festnetztelefon bekamen wir als ich in der 3. oder 4. Klasse war, vorher war es gang und gäbe, dass die Verwandten bei den Nachbarn anriefen, die schon länger einen Anschluss hatten und dass die Nachbarin dann über den Hof geeilt kam, um meine Mutter an den Apparat zu rufen, der natürlich auf einem Tischchen mit Spitzendeckchen im Flur stand, fest mit seinem Kabel in der Wand verankert.

Katja

(*Für die Jüngeren unter uns: man sprach das dreisechsundachtziger bzw. viersechsundachtziger.)

Damals™ war alles anders

Bei uns hieß nicht nur Twix noch Raider, neue Musik kauften wir auch noch auf Schallplatten. Oder wir lungerten Nachmittage lang vorm Radiogerät rum, um irgendwann genau den Song, den wir natürlich auch nur aus dem Radio kannten, auf eine Cassette aufzunehmen. Und wenn man Pech hatte, was meistens so war, dann war man dann doch nicht schnell genug und die ersten Sekunden des Liedes, die man gebraucht hatte, um es überhaupt zu erkennen, fehlten bei der Aufnahme oder, was fast genauso häufig vorkam, der Radiosprecher plapperte irgendwann launig mitten ins Lied rein und je nachdem, wieviele Nachmittage man schon rumgelungert hatte, um genau diesen Song aufzunehmen, brüllte man das Radiogerät dann mehr oder weniger laut mit den wüstesten Verfluchungen an, stellvertretend für den Reinplapperer, der dafür verantwortlich war, dass man jetzt nochmal tagelang warten musste. Oft warteten wir dann aber gar nicht mehr, sondern die Aufnahme hatte eben diesen reingequatschten Teil und wenn man das oft genug gehört hatte, wurde das fast schon Bestandteil des Songs.

Im Fernsehen gab es drei Programme, ARD, ZDF und das lokale dritte Programm, bei uns Hessen 3. Nachmittags lief für ein oder zwei Stunden Kinderprogramm, aber ich guckte das nur selten, weil ich fast jeden Nachmittag zusammen mit meiner besten Freundin verbrachte. Später lief dann immer Dienstagabends Dallas und dafür versammelte sich die ganze Familie im Wohnzimmer und ich durfte sogar aufbleiben bis die Episode zu Ende war.

Wenn wir zu Schulzeiten Hausaufgaben machten oder Referate schreiben mussten und uns fehlten Informationen über das Thema, dann guckten wir in den großen Brockhaus im Wohnzimmerschrank oder ins ‚Große Handlexikon in Farbe‘ oder wir fragten die Erwachsenen. Es gab, gerade auf dem Dorf, kaum andere Zugangsmöglichkeiten zu Wissen. Aber von uns wurde auch nicht erwartet, dass wir umfassender an Informationen kommen konnten. Referate waren damals noch keine Multimediavorführungen, sondern man schrieb vielleicht ein paar Dinge an die Tafel oder hatte, wenn man sehr gut vorbereitet war, eine Wandzeitung angefertigt. Statt Fotokopien bekamen wir damals Matrzitzenabzüge und wenn die noch sehr frisch waren, stanken sie erbärmlich nach Spiritus.

Als wir unser erstes eigenes Telefon bekamen, ein sehr großer Apparat, grün und mit Wählscheibe, war ich 9 oder 10. Vorher hatten nur unsere Nachbarn eines und wenn jemand von unseren Verwandten uns erreichen wollten, riefen sie bei den Nachbarn an und die riefen meine Eltern oder Großeltern, damit sie in deren Flur den Anruf entgegennahmen. Wenn wir jemanden anrufen wollten oder mussten, gingen wir zur Telefonzelle, die auf dem Platz vor dem Rathaus im Heimatdorf stand. Kurz nachdem wir ein Telefon hatten, bekamen auch die Familien der meisten meiner Freundinnen einen Telefonanschluss und ich kann bis heute einige dieser Telefonnummern auswendig, obwohl ich sie seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt habe.

Wenn wir Kunst sehen wollten, dann kauften wir uns Bildbände über bestimmte Maler oder Epochen, wenn es sie beim Bertelsmann Club im Angebot gab oder im Buchhandel Kalender der entsprechenden Künstler, um mehr von ihren Werken sehen zu können. Wenn man nicht wusste, wie etwas funktioniert oder geht, dann musste man jemanden kennen, der das wusste oder ein Buch finden, in dem stand wie das geht oder sich durch die Bedienungsanleitungen quälen, die sich damals schon genauso uninteressant lasen wie sie das heute tun. Wir konnten nicht googeln oder uns eine Anleitung bei youtube ansehen.

Mit 13 lernte ich in einem Volkshochschulkurs ‚Maschinenschreiben für Anfänger‘ auf einer alten Olympiaschreibmaschine (Klick für Bild in der Wikipedia), wenn man sich damals bei einem Brief vertippte, musste man entweder mit TippEx-Streifen korrigieren oder, wenn es sehr ordentlich aussehen sollte, direkt nochmal von vorne anfangen. Jahre später, als ich zum ersten Mal eine Schreibmaschine mit Korrekturtaste benutzte, empfand ich das als unglaublich luxuriösen Fortschritt.

Damals™ trugen wir die kurzärmeligen Shirts noch unter den langärmeligen, nicht umgekehrt und wenn wir (ein bisschen später dann so mit 18/19/20) in Urlaub fuhren, dann beluden wir das alte klapprige Auto mit allen möglichen Dingen, vor allem aber auch einem dicken Straßenatlas, den der Beifahrer auf dem Schoß hatte und dann fuhren wir irgendwann los in Richtung Südfrankreich. Hotels fanden wir dadurch, dass sie am Rand der Straße standen und Schilder hatten und wenn wir reingingen und nach Zimmern fragten, hatten wir keine Ahnung, auf was wir uns dabei einließen. Das ging selten gut, meistens eher gründlich daneben und dann schlief man eben mal eine Nacht auf der mitgebrachten Isomatte im Schlafsack auf dem Hotelzimmerboden, weil die Betten einfach zu grausam und schmutzig waren und sich die Haare und alle möglichen Ausdünstungen von mindestens einer Gästegeneration vorher darin sammelten. Aber immerhin hatte man ein Klo und mit Glück sogar fließendes und klares Wasser. Manchmal war das aber auch schlammfarben. Irgendwann lernten wir daraus und fragten immer vorm Bezahlen, ob wir das Zimmer zuerst mal anschauen könnten. Aber am Ende hat man das alles auch überlebt und hatte dann doch viel mehr oder zumindest ganz andere Dinge im Urlaub erlebt und hinterher zu erzählen als heute, wenn man schon im Vorfeld von zu Hause aus via Streetview vorm Hotel die Straße auf- und abmarschiert ist und den kürzesten Weg zum Strand ausgeguckt hat.

Und wenn wir dann nach dem Urlaub wieder zu Hause waren, hatten wir noch jede Menge ausländischer Münzen im Geldbeutel und es dauerte immer ein bisschen länger beim Bezahlen, weil man da erst wieder die deutschen dazwischen finden musste und mit Karte konnte man auch noch nirgends zahlen. Ausser vielleicht an Tankstellen, aber dafür brauchte man spezielle Tankkarten der entsprechenden Tankstelle. Als ich damals zum ersten Mal mein erstes eigenes Auto betankt habe, kostete der Liter Superbenzin noch knapp unter 1 DM.

Um die Urlaubsfotos entwickeln lassen zu können, musste erst mal der Film vollgeknipst sein und weil das Entwickeln und auch die Filme ja nicht gerade günstig waren, konnte das mitunter Monate nach dem Urlaub dauern und man konnte sich dann kaum noch erinnern, was genau man da fotografiert hatte. Manchmal fand man auch noch irgendwo in einer Tasche einen alten Film von dem man gar nicht mehr wusste, zu welcher Gelegenheit man ihn vollgeknipst hatte und es war unglaublich spannend, dann direkt im Fotoladen die Tüte mit den Bildern zu öffnen und durchzublättern, welche Schätze man da wieder ausgegraben hatte.

Sich zu verabreden war in früheren Zeiten sehr einfach. Oft machten wir schon an einem Wochenende direkt etwas für das nächste aus und verabredeten uns für einen Kinobesuch oder zum Eis essen oder für die Disco und dabei blieb es dann. Punkt. Ohne ‚ich kann das jetzt noch nicht sagen‘ und ohne ‚lass uns kurz vorher nochmal telefonieren oder texten‘. Diese Verbindlichkeit fand ich tatsächlich viel besser als dieses umständliche erst-auf-den-letzten-Drücker-Festlegen, das heutzutage so verbreitet ist (und von dem ich auch gar nicht immer frei bin). Insgesamt weiss ich manchmal, wenn ich in so nostalgischer Stimmung wie im Moment bin, gar nicht so genau, was davon jetzt besser oder schlechter war als es heute – speziell durch die umfangreichen technischen Möglichkeiten und die dauernde Erreichbarkeit – ist. Ich habe nur manchmal das Gefühl, zu vergessen, wie ANDERS früher vieles gewesen ist, wenn ich mich nicht gelegentlich mal ganz bewusst an solche Dinge erinnere.

Katja

 

Damals™ in dem winzigen Dorf an der Ostsee…

Wir verbrachten damals den Sommerurlaub immer im gleichen winzigen Dorf an der Ostsee. In den ersten Jahren noch zusammen mit einer anderen Familie, die entfernt mit uns verwandt war und zu denen meine Eltern engen Kontakt hatten, später, als es denen zu viel wurde, jedes Jahr wieder in den gleichen Ort zu fahren, dann nur meine Familie alleine. In den ersten Jahren ging ich noch nicht mal zur Schule und insgesamt fuhren wir dorthin bis ich 14 war. Also vermutlich 10 Jahre, eher 11 am Stück, jeden Sommer. In manchen (wenigen) Jahren auch noch zusätzlich eine Woche über Ostern. Aber normalerweise nur im Sommer, denn die Osterferien verbrachten wir fast immer, in etwa der gleichen Entfernung in die andere Richtung – am Bodensee bei meiner Oma väterlicherseits.

Dieser Ort, das war mein wahres Zuhause, zumindest war da immer dieses Gefühl, dass das alles verkehrt herum ist. Dass wir dort leben und wohnen und dann dorthin, wo wir tatsächlich wohnten in Urlaub fahren sollten.

Wir wohnten immer im gleichen Haus bei den gleichen Leuten in der Ferienwohnung, fast immer in der gleichen Wohnung. Wir links im Flur, wenn man die Treppe hochkam. Die andere Familie direkt am Treppenabsatz rechts. Später dann, als das Dachgeschoss ausgebaut war und wir alleine hinfuhren, wohnten wir oben unterm Dach. Wenn man zur Wohnungstür reinkam, stand man direkt im Wohnzimmer mit Esstisch und kleiner Küchenzeile. Eigentlich war es gar kein richtiges Wohnzimmer, denn es gab für 4 Personen nur insgesamt 2 Sessel als bequeme Sitzgelegenheit. Nach links ging es zuerst ins Bad, dann in das Zimmer von meiner Schwester und mir. Rechts vom Wohnzimmer war das Schlafzimmer meiner Eltern.

Die Dachgeschosswohnung mochte ich lieber, denn wenn man sich weit aus dem Fenster unseres Zimmers rauslehnte und den Oberkörper halb nach rechts drehte, dann konnte man von dort aus bis zum Sportplatz und mit guten Augen auch bis zum dahinter liegenden Spielplatz gucken. Man konnte zwar nicht erkennen, wer dort war, aber auf jeden Fall, ob jemand da war.

Je häufiger wir dort hinfuhren, desto besser lernten wir die dortigen Dorfkinder kennen. An die ersten Jahre kann ich mich nicht mehr so gut erinnern, aber sobald ich schreiben konnte, hatte ich dort meine ersten Brieffreundinnen und Brieffreunde. Anfangs nur 2, dann von Jahr zu Jahr wurden es mehr Kinder, denen ich das ganze Jahr über Briefe schrieb und die mir schrieben.

Vor dem Haus gab es ein kleines Stück Rasen und davor ein flaches Mäuerchen und an den Tagen, wenn wir dort zum Urlaubsbeginn ankamen, saß schon immer ein halbes Dutzend der Dorfkinder und erwartete uns sehnsüchtig. Wir mussten immer erst helfen, das Auto auszuräumen – natürlich unter tatkräftiger Hilfe der Freundinnen und Freunde – und mussten auch immer zuerst unsere Betten beziehen, aber dann hielt uns nichts mehr in der Wohnung und wir stürmten allesamt durch den Garten unserer Ferienwohnungsvermieter, der einen direkten Zugang zum Sportplatz hatte und über den Sportplatz zum Spielplatz. Die große Blockhütte, die dort stand, war unser Ziel. Dort verbrachten wir die meiste Zeit der Urlaube. Zu den Essenszeiten strömten alle ins jeweilige Zuhause, aber ansonsten verbrachten wir die meiste Zeit des Tages zusammen mit den Kindern dort.

Später verlagerte sich das an die Bushaltestelle. Ich glaube, wir fühlten uns einfach zu alt und zu cool damals, um noch den ganzen Tag auf dem Spielplatz abzuhängen. An der Bushaltestelle gab es zwei solcher überdachten und seitlich verkleideten Bänke, eine nach vorne zur Straße, eine nach hinten raus. Wer zuerst da war, erkannte man daran, wer einen Platz hinten ergattert hatte. Da konnte man zwar nicht so gut beobachten, was auf der Straße so vor sich ging, aber man konnte auch nicht so einfach von vorbeikommenden Erwachsenen gesehen werden.

Das alles war so anders als in meinem echten Zuhause, denn die hielten alle zusammen. Klar gab’s da auch mal Streit. Aber wir wurden dort mit einem unglaublichen Selbstverständnis in die Gemeinschaft aufgenommen und gehörten einfach dazu. Es spielte keine Rolle, dass wir nur ein paar Wochen im Jahr da waren, wir hatten ja auch das ganze Jahr über Kontakt. In meinem Heimatdorf gab es sowas nicht. Dort hätten niemals die Älteren sich mit den Jüngeren abgegeben, da war es schon schwierig innerhalb der einzelnen Jahrgänge irgendwie dazuzugehören.

Vor ein paar Tagen habe ich in einem Gespräch über glückliche Kindheitserinnerungen nachgedacht und deswegen muss ich das jetzt hier aufschreiben. Denn fast alle meine glücklichen Kindheitserinnerungen gehören in diese Urlaube, gehören in dieses kleine Dorf an der Ostsee.

Wenn wir nicht gerade auf dem Spielplatz saßen und große Pläne schmiedeten, waren wir oft angeln. Es gab 3 kleine Teiche im Dorf. Den Feuerwehrlöschteich, der immer komplett von einer grünen Schicht Entengrütze überzogen war (Lasst euch nie in so ’nen Tümpel schubsen! Das Zeug klebt fies in den Haaren und allen Poren.), den Krügerteich, wo wir eigentlich aber gar nicht hätten angeln dürfen und wo wir das nur gemacht haben, wenn Kais Eltern nicht da waren und den Teich vor Marios Haustür, von dem ich gar nicht mehr weiss, ob er einen Namen hatte. Dort durften wir angeln, dort störte sich niemand an uns. Und da saßen wir auch unzählige Stunden rum, oft schweigend, denn wenn man zu laut ist, beissen die Fische natürlich nicht. Was wir fingen, wurde vorsichtig vom Haken genommen und wieder in den Teich geworfen. Ums Angeln an sich ging es uns, nicht um den Fang.

Beim allerersten Mal, wo ich zum Angeln mitdurfte, wurde ich – als Jüngste und noch dazu Mädchen (angeln gingen fast nur die Jungs, die Mädchen hatten sie nicht so gerne dabei, weil die, ihrer Meinung nach, nicht stillsitzen konnten) – auserkoren, die Köder zu besorgen. Ich war damals stolz wie Oskar, dass sie mich mitnahmen und es machte mir überhaupt nichts aus, bis zu den Ellbogen im Kompost zu wühlen, um nach Regenwürmern zu graben. Wir lachten viel, aber es war kein Auslachen, dass ich so doof war, tatsächlich die Arme in den Kompost zu stecken, sondern ein gemeinsames Lachen, weil ich daran sogar noch Spaß gefunden habe. Nur am Haken befestigen wollte ich die armen Würmer dann doch nicht…

In dem Ort gab es einen Kaufmann. Ein echtes Original, sowohl der Laden als auch der Ladenbesitzer, der mir schon uralt vorkam als ich noch nicht zur Schule ging und der den Laden immer noch betreibt. Der nennt sich auch heute noch Kolonialwarenladen und verkaufte einen kruden Mix verschiedener Waren, von denen ich mich bei manchen schon als Kind gefragt habe, wie lange die wohl schon in den Regalen des Ladens liegen. Zum Beispiel bekam man dort noch echte alte Metallwärmflaschen – nicht als besonderes Gimmick, sondern die blieben so lange im Sortiment bis sie eben verkauft waren. Und so lange hatte er auch keine Nachfolgemodelle aus Gummi in den Regalen liegen, was besonders skurril wirkt, wenn man dem Wikipediaartikel glauben kann, dass die aus Gummi schon in den 1920er Jahren in Mode kamen.

Abends, wenn sie vom Kartenspielen mit dem Ferienwohnungsvermieterpaar zurück in die Ferienwohnung kamen, legten meine Eltern ein bisschen Kleingeld auf den Esstisch und es war die Aufgabe von meiner Schwester oder mir, morgens, bewaffnet mit der kleinen Plastikmilchkanne, loszuziehen und Milch und Brötchen beim Kaufmann zu holen. Doch egal wie früh man auch hinkam – die Brötchen waren nie frisch und schmeckten immer so und waren auch so hart, als wären sie mindestens einen Tag alt. Aber im Ort gab es ansonsten auch keine andere Möglichkeit der Brötchenbeschaffung, also nahmen wir das ziemlich lange so hin.

Irgendwann, ich war dann sicher schon in der Schule, wir waren also schon ein paar Jahre lang dort im Urlaub gewesen, als tatsächlich mal jemand vor mir an der Backwarentheke stand, sollte ich eine wichtige Lektion für künftige Jahre des Brötchenkaufs dort lernen: Es gab dort zwei Kübel mit Brötchen hinter der Theke und die Frau, eine Einheimische, die vor mir dran war, bestellte ‚x frische Brötchen‘ und bekam ihre Brötchen aus dem einen Kübel, ich bestellte ganz normal meine ‚x Brötchen‘ und bekam sie aus dem anderen, die natürlich wieder steinhart waren. Aber das war das letzte Mal, ab dem nächsten Tag gab es auch bei uns frische Brötchen und ich erinnere mich an das ungewohnte Lächeln des Kaufmanns bei der Bestellung. Wer den Geheimcode kennt, gehört dazu.

Wenn ich an den Ort denke, habe ich heute noch ein warmes Gefühl im Bauch. Ich frage mich, was aus den Kindern von damals geworden ist. Ich denke an unzählige Morgen, an denen ich, die Milchkanne schwenkend das Dorf durchquert habe und an denen mir mit großer Selbstverständlichkeit das ‚Moin‘ als Gruß über die Lippen ging, wenn ich an einem der Dorfbewohner vorbeikam, der gerade den Sand auf dem Bürgersteig vor seinem Haus gerecht hat.

Ich denke an unzählige Male, in denen ich in einem der Teiche gelandet bin – und nur ein einziges Mal bin ich tatsächlich aus Dappigkeit und ohne fremdes Nachhelfen reingefallen.

Ich erinnere mich daran, wie wir heimlich, als unsere Eltern tagsüber am Strand waren, unsere Freunde mit in die Wohnung nahmen, was uns eigentlich verboten war und wie wir dort gemeinsam Spaghetti kochten und Pudding und dass meine Mutter uns tatsächlich glaubte, meine Schwester und ich wären so hungrig gewesen, dass wir alleine ein ganzes Kilo Nudeln verschlungen haben.

Ich denke an Tanja und Sven, an Hauke und Heiko, den alle nur Fiete nannten, an Mario und Jan, nach denen ich schon unzählige Male gesucht habe, seit es das Internet gibt, an Susan und Anne, die beiden Andreas, Kirsten und Peggy, an Kai und Dirk, an Ingo, der in Hamburg wohnte und die Ferien immer bei seiner Tante verbrachte und der mich auf seiner Mofa, denn die Mofa ist im Norden zwingend weiblich, mit ins Kino nahm und an Marc, der eigentlich in Lübeck wohnte, aber die Ferien bei seinem Großvater in der Schmiede verbrachte und der mit mir zusammen durchbrennen wollte. Zu all diesen Namen habe ich noch Gesichter im Kopf, trotz all der Jahre, die dazwischenliegen.

Ich erinnere mich an mein erstes Udo Lindenberg Konzert von vielen und wie sehr Jan, der einsneunzig Riese mir damals geholfen hat, meine Eltern davon zu überzeugen, dass er mitgehen und gut auf mich aufpassen würde und dass er mitkam, obwohl er Udo nicht sonderlich mochte und daran, dass irgendwo im Keller immer noch das von der Plakatwand in der nächsten Stadt geklaute Plakat des Konzertes liegt, und an den Abend, als ich das mühevoll mit mehreren Plakatschichten untendrunter abgefummelt habe, damit es nicht einreisst und dass mein Vater ein paar Meter weiter Schmiere stand und immer gepfiffen hat, wenn jemand sich näherte und das ist überhaupt meine älteste richtig gute Erinnerung an meinen Vater.

Die Erinnerung macht mir ein warmes Gefühl. Freundschaft und Zusammenhalt – denen bin ich selten im Leben in solchem Ausmaß wie in dem winzigen Dorf an der Ostsee begegnet.

Katja

Mohnkoppweck

Keine 100 Meter von dem Haus entfernt, in dem ich aufgewachsen bin, befand sich die Bäckerei des kleinen Ortes. Von zuhause aus musste ich nur unsere lange Hofeinfahrt runter bis zur Straße, dann die Straße, auf der damals nie besonders viel los war, überqueren und noch an die 60 oder 70 Meter weiter in Richtung der Kirche, die in dem Ort mitten auf einer Verkehrsinsel steht. Über der Eingangstür wies nur ein kleines Schild auf die Bäckerei hin und wenn man in den Laden wollte, musste man das Haus durch die ganz normale Haustür, die man, wenn geöffnet war, einfach aufdrücken konnte, betreten. Vom Hausflur aus gelangte man nach links in die Wohnung der Bäckersleute, weiter hinten knickte der Flur nach rechts ab, dort ging es in die Backstube und die einzige Tür auf der rechten Seite führte in den kleinen Laden, in den nicht mehr als 3 oder 4 Kunden auf einmal passten. Die anderen mussten im Flur warten. Nur wir Kinder quetschten uns oft fast im Dutzend zusammen in den engen Raum.

Der Laden hatte eine Holzeinrichtung, die in diesem für die 60er Jahre typischen Mittelkackbraun lackiert war. Gegenüber der Tür war direkt schon die Ladentheke; auf der linken Seite niedriger, weil man dort seine Waren bekam, auf der rechten Seite etwas höher und zum Teil als verglaste Vitrine. Auf der Theke stand die alte Registrierkasse, die bei jedem Öffnen klingelte und hinter der Theke befand sich das Brotregal, oben Regale für die Brote, unten eine Art Schütte für die Brötchen. Die Brötchen hießen dort natürlich nicht Brötchen sondern Weck, so wie sie in München Semmeln oder in Hamburg Rundstücke heissen. Es gab dort eine einzige Brotsorte, ein Roggenmischbrot und eine einzige Sorte Brötchen, die ganz normalen und es gab Kümmelstangen. Ausserdem konnte man Weissbrot bekommen, das wurde aber nur in abgezählter Stückzahl auf Vorbestellung gebacken. Das normale Brot bestellte man besser auch, denn sonst war am Nachmittag häufig nichts mehr übrig. Wenn man Samstagmorgens Brötchen zum Frühstück wollte, musste man sich den Wecker stellen, denn nach 8 oder allerspätestens halb 9 hatte man nur selten Glück. Wenn etwas aus war, wurde nicht mehr nachgebacken, das gab es dann eben am nächsten Tag wieder. Aber für Notfälle, gab es immer eine tiefgekühlte Reserve an Brot aus der privaten Tiefkühltruhe der Bäckersfamilie. Auch am Mittwochnachmittag, an dem der Laden eigentlich geschlossen war. An den anderen Nachmittagen gab es Kaffeestückchen. Die besten Nougatplunder der Welt (und ich habe mittlerweile viele verschiedene an verschiedenen Orten probiert), Zimtschnecken mit dickem hellen Zuckerguss, die ganz ok waren, wenn man die Rosinen rauspickte, Streusselstückchen und diverse Blechkuchen, je nach Saison. Damals wurde noch jeden Nachmittag der Kaffeetisch gedeckt und fast immer gab es ein Stückchen dazu.

Zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst, wenn im Ort der traditionelle Krämermarkt veranstaltet wurde, gab es ausserdem Schillerlocken, gefüllt mit Sahne oder Buttercreme und sog. Maatsweck. Das war vom Teig her etwas ähnliches wie Rosinenbrötchen, aber ohne die doofen Rosinen (ich mochte sie trotzdem nicht, ausser in kalte Milch getunkt). Zu Beerdigungen wurden die gleichen Brötchen zum Trauerkaffee gereicht, da hießen sie allerdings nicht Maatsweck, sondern Beerdigungs- oder Totenweck.

Über der Ladentür hing eine große Glocke, die anschlug, wenn man die Tür öffnete und dann dauerte es meist nur einen kleinen Augenblick bis die Bäckersfrau durch die immer offenstehende Schiebetür hinter der Theke den Laden betrat. Tante Hilde. Oder eigentlich eher sowas wie „Dante Hilde“, weil das der Aussprache im Dialekt meines Heimatortes viel eher entsprechen dürfte. Wobei das „D“ in „Dante“ ein bisschen härter als ein normales „D“ und das „T“ ein bisschen weicher als ein normales „T“ gesprochen wird. Natürlich war sie nicht meine echte Tante, aber alle Kinder im Dorf nannten sie so, obwohl sie vom Alter her eher unsere Oma hätte sein können. Tante Hilde trug immer ihre Haare in einem korrekten Dutt hochgesteckt, der war ziemlich breit und groß und saß ziemlich weit oben auf ihrem Kopf. Deutlich weiter vorne als bei den meisten anderen Frauen, die einen Dutt trugen. Darüber trug sie, wenn sie in der Backstube oder im Laden war, immer ein Haarnetz, das in der Farbe ein kleines bisschen heller war, als ihr eigener Haarton, sodass man das immer sehen konnte. Und sie hatte immer eine dunkelblaue Kittelschürze mit adrettem weissen Kragen und weiss eingefassten Säumen an.

Oben auf der Ladentheke standen die Dinge, die damals unsere Kinderherzen am meisten begehrten. Kleine Gefäße mit allerlei Süßigkeiten, je für wenige Pfennige zu haben. Da gab es kleine rote Kirschlutscher mit grünen Pappstielen, bunte Kaustäbchen in Orangen-, Himbeer- und Zitronengeschmack, Lakritzschnecken, die ich schon als Kind nicht mochte, essbare Schnüre mit Apfel- und Colageschmack, weisse Schaummäuse und vor allem die runden Brausebonbons, die nur 2 Pfennige das Stück kosteten. Obwohl wir die einzelnen Preise natürlich auswendig konnten, standen wir immer lange überlegend und halblaut zusammenrechnend da und verplanten unser Taschengeld. Wir alle hatten Tante Hilde wirklich lieb. Nicht nur, dass sie immer freundlich zu uns war und ohne zu drängeln abwartete bis wir endlich wussten, was wir wollten. Sie verlor auch nie die Geduld, wenn sich wieder mal jemand verrechnet hatte und oft packte sie uns ein, zwei Dinge mehr in die kleinen, weissen Papierspitztüten, in denen wir die Kostbarkeiten aus dem Laden trugen. Und wenn man mit dem für Brot exakt abgezählten elterlichen Geld geschickt wurde, schenkte sie einem immer einen der Kirschlutscher oder eine weisse Maus, damit man nicht leer ausging. Ich war ungefähr 10 als sie starb und ich war damals lange traurig und habe sie vermisst, wie viele andere Kinder im Ort auch.

Tante Hildes Mann, der alte Bäcker, an dessen Namen ich mich gar nicht mehr erinnern kann, bekam man nur selten zu Gesicht. Eine Staublunge hatte er, durch das jahrzehntelange Einatmen des feinen Mehlstaubes ohne Mundschutz und er war schon, als ich noch recht klein war, sehr krank. Der Sohn hatte danach die Backstube übernommen, Bäckers Arnold – sprich: Bäggösch Annold, das „ö“ ganz weich gesprochen. Die Bäckersfamilie hieß nicht Bäcker, aber in meinem Heimatdorf war es üblich, dass die Leute sog. Dorfnamen hatten. Die waren Generationen früher, viele anhand der damaligen Berufe der Menschen, entstanden und zogen sich durch die Generationen fort. Oft war auch der Name mit dem Haus seiner früheren Bewohner verhaftet. Zogen Auswärtige in ein altes Haus, so bekamen sie auch oft den Dorfnamen der früheren Bewohner verpasst, da hieß man dann zB Zinke-ihr-nu-Fraa.

Morgens, wenn wir zur Bushaltestelle gingen, um mit dem Schulbus zur Schule zu fahren, hatte der Bäckersladen noch geschlossen. Aber hinten, an der Tür von der Backstube zum Hof, brannte immer für uns Kinder Licht. Die Backstubentür war nur angelehnt und wir mussten nur kurz rufen, dann kam der Bäcker mit einem Blech frischer, noch warmer Weck zur Tür. Er stellte sein Blech ab, nahm ein großes Messer, schnitt die Brötchen auf und packte einen der Mohnköppe, die Tante Hilde auf einem silbernen Tablett bereit gestellt hatte, in jedes Brötchen und jedem von uns einen Mohnkoppweck in eine Papiertüte. Mohnkoppweck, so hieß das damals in dem Ort. Erst Jahre später wunderte ich mich, weil da ja eigentlich gar kein Mohn drin war und noch später war der Begriff „Mohrenkopf“ politisch überaus unkorrekt. Vielleicht war er das auch damals schon, aber nicht in diesem Ort, in dieser kleinen Blase, in der man lebte. Die heutigen Schokoküsse hießen nunmal so. Das Geld, 25 Pfennige kostete dieser köstliche süße Genuss, hatten wir abgezählt in der Hand, denn es musste schnell gehen, damit wir den Bus nicht verpassten.

Ein paar Jahre später baute Bäckers Arnold sein Elternhaus um. Dort wo es links zur Wohnung der Bäckersleute ging, baute er einen größeren Laden hin mit einem eigenen Eingang und mit großem Schaufenster, vielen beleuchteten Regalen, hellem Fließenboden und einer Vitrine, so groß wie der ganze alte Laden gewesen war. Es gab eine zweite Sorte Brot, ein Vollkornbrot und jeden Tag Weissbrot, auch ohne Bestellung und es gab eine dunkle Brötchensorte und samstags auch Käse- und Sesam- und Mohnbrötchen. Noch ein paar Jahre später, erkrankte auch Arnold an einer Staublunge. Er zog aus dem Ort weg und verkaufte die Bäckerei. An Auswärtige. Die blieben erst mal bei den altbewährten Rezepten, änderten und ergänzten erst mal nur zaghaft das Sortiment. Die „neuen“ sind mittlerweile längst eingebürgert, haben die Bäckerei immer noch.

Aber dieser Charme des alten Ladens, der Charme von Tante Hilde und von noch warmen Mohnkoppweck, frisch von der Backstubentür, der ist nurmehr eine schöne Erinnerung.

Katja