Ooh Baby, gonna get to you girl…

Ich bin rechtschaffen müde.

Im Backofen kühlt gerade ein Käsekuchen ohne Boden, aber mit frischen Him- und Brombeeren ab und auf dem Herd köchelt seit etlichen Stunden ein großer Topf mit Boeuf Bourguignon sanft vor sich hin. Die Wohnung ist, bis auf meinen Schreibtisch (ey, den hab ich einfach nicht mehr im Griff *soifz*) ziemlich ordentlich und sauber und jetzt ist endlich Feierabend und die Hektik weicht ein bisschen von mir.

Als ich gestern innerhalb von zwei Stunden wusste, was ich morgen für den Besuch kochen will, der Einkaufszettel geschrieben und der abendliche Einkauf in der Metro geplant waren, fiel mir irgendwann auf, wie krass das gerade ist und das ist eine dieser Veränderungen, die ich im ersten Moment gar nicht wahrgenommen hätte.

Die Zeit um 2 Jahre oder so zurückgespult. Für Gäste brauche ich eine Vorlaufzeit von mind. 2 bis 3 Wochen, in denen ich immer mehr zum nervlichen Wrack mutiere, Essen plane und den Plan wieder umwerfe [und repeat und repeat], hektisch aufräume, aber noch nicht zu viel machen, weil es ja richtig ordentlich sein muss und alles blitzeblank, wenn der Besuch da ist. Und das Rad, an dem ich drehe, wird von Tag zu Tag noch ein bisschen schneller.

Die Verabredung für morgen habe ich gestern Vormittag und ziemlich lässig getroffen. Dann Essen geplant etc. und bei all dem recht entspannt geblieben. Wenn mein Schreibtisch noch chaotisch ist, dann ist er das eben und ich kann endlich denken, dass die ja nicht kommen um zu kontrollieren, ob ich alle Türklinken geputzt habe, sondern um sich unsere neue Wohnung anzusehen und uns zu sehen und zu klönen.

Das ist anders. Das ist neu. Und das ist mir irgendwann gestern dann auch bewusst geworden, wie anders ich da mittlerweile ticke. Wie (gemessen an meinem früheren Ich) spontan ich mittlerweile sein kann. Ich bin heute zwar doch noch hektisch geworden, weil das alles wieder mal viel mehr Arbeit war, als ich vorher auf dem Schirm hatte, aber gemessen an früher bin ich einigermaßen locker (darf man das überhaupt noch sagen, versteht das noch jemand oder heißt das nur noch gechillt?).

Ich muss das jetzt auch hier ganz konkret festhalten, damit ich vor mir selber was zum Dagegenhalten habe, wenn sich in den trüben Novembertagen wieder mal alles anfühlt als würde ich seit Jahr und Tag auf der Stelle treten und nicht vorankommen. Das tue ich nämlich sehr wohl. Vielleicht nicht in Riesenschritten – aber überhaupt. Und darauf kommt’s letztendlich an.

Katja

Memo für mich.

Morgen kommt Ralph zu Besuch.

Den Satz kann ich gerade mit entspannter Lässigkeit sagen bzw. tippen und deswegen muss ich das dringend mal hier festhalten. Also nicht die Tatsache, dass Ralph mich (schon zum wiederholten Male) besucht, sondern dass ich dabei mittlerweile so ruhig bleibe, ist das, was ich dringend aufschreiben muss.

Es ist noch kein Jahr her, dass wir uns zum ersten Mal begegnet sind und vorher hat Ralph sicher schon ein Jahr lang versucht, mich zu einem gemeinsamen Kaffee zu überreden und ich war so ein unheimlicher Hasenfuß und wollte so gerne (wie so vieles andere auch) und habe mich doch nicht getraut. Immer die Angst, Menschen könnten mich „in echt“ nicht mögen. Immer die Angst, nicht zu genügen.

Wenn man sich selber verändert, ist einem das oft gar nicht bewusst, wie krass manche Änderungen sind (eine dahingehende Erkenntnis hatte ich heute auch noch in einem ganz anderen Bereich) und man muss erst mal einen Schritt zurücktreten, um nicht zu dicht dran zu sein, um es wirklich zu bemerken.
Der beste Freund ist für mich oft ein Indikator, der mich den Schritt zurücktreten lässt. Häufig kommt es vor, dass ich ihm etwas erzähle und er fängt schallend an zu lachen, weil ihm direkt auffällt, wieviel mutiger ich in den, jetzt schon über 9 Jahren, geworden bin, die wir befreundet sind. Wenn mich dann sein Lachen irritiert, erzählt er mir, wie jene Katja von vor einigen Jahren war – speziell was solche Sozialkontakte und den Mut, den sie mir abverlangen, angeht. Und es ist echt erstaunlich, dass ich manchmal seine Erinnerung und seine Hinweise brauche, um das selber überhaupt wahrzunehmen. Man merkt es manchmal wirklich gar nicht, wie sehr man sich verändert. Das geht ja auch selten von heute auf morgen in dieser ganzen Krassheit.

Dieses Mal brauchte ich sein Lachen gar nicht. Ich muss mich nur in der Wohnung umschauen, die gerade alles andere als tippitoppi besuchsfein ist, sondern eben ganz normal aussieht, wie wir hier so wohnen und ich muss daran denken, in welche panische Hektik ich noch vor einiger Zeit am Vorabend geraten wäre, wenn ich am nächsten Tag Besuch erwarte, weil dieses Aufräumen und Saubermachen bei mir so viel Angst und Nervosität kompensiert hat. Weil ich dachte, wenn hier nur alles ordentlich ist, kann es vielleicht darüber hinwegtäuschen, wie doof und wenig liebenswert ich „in echt“ bin. Und jetzt? *zuckt die Schultern* Jetzt sitze ich lieber hier und denke darüber nach, wie viel leichter es mir mittlerweile schon oft fällt, Menschen zu begegnen und wie lässig ich mich darauf freuen kann. Ganz ohne Panik.

Katja

Gestern dann hier so:

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Die tollsten Gäste sind ja solche, bei denen man gar nicht auf die Idee kommt, zwischendrin irgendwann auf die Uhr zu sehen. 🙂

Rezepte kommen demnächst noch!

Katja

Und dann heute so

 

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So oder ähnlich sollten Samstage ja häufiger mal sein.

Katja

Wer nicht hören will…

Der unangenehme Besucher, von dem ich letztens erzählte, hat so zeitnah schon wieder ‚zugeschlagen‘.

Die anscheinend zu höflich ausgefallene Absage auf seine Anfrage hin, ob er mit einem Freund hier übernachten und sein Auto für einige Tage abstellen kann, ignorierend, hat er sich, ohne weitere Nachfrage einen Tag vorher einfach für letzten Sonntag angekündigt. Zwar hatte er während seines Besuchs hier schon gefragt, ob er dann ‚irgendwann demnächst in diesem Sommer‘ sein Auto für ein paar Tage hier abstellen könnte, aber die ausdrückliche Bitte, das dann nochmal vorher zu besprechen, hat er mal einfach in ‚Bescheid sagen‘ umgemodelt.

Und bitte! Er kenne den Freund immerhin seit 1962 (ungelogen), da könne man ja wohl kaum von einem Fremden reden, war seine Reaktion auf die Absage, hier einen Wildfremden übernachten zu lassen.

Da die Ankündigung des Erscheinens am Sonntag noch dazu via Mobilbox des Telefons erfolgte, nutzten wir die wunderbare Gelegenheit der Tutanchamun-Ausstellung in Köln, die gerade noch ein paar Tage läuft und die ich seit Wochen gerne anschauen wollte, einen Besuch abzustatten. (Fotos von dort demnächst in diesem Theater)
Zum Glück gab’s Samstag nachmittags noch Karten für den Sonntag.

Bei soviel Ignoranz aller Absagen und bei soviel Aufdringlichkeit vergesse ich echt langsam meine Höflichkeit. Und ich konnte mir dann nachmittags in Köln ein Grinsen nicht verkneifen als ich daran dachte, dass er wohl gerade vor verschlossener Tür steht. Das leise Stimmchen in mir, das anmerkt, dass man das ja auch werten könne, als hätte ich mich aus der eigenen Wohnung vertreiben lassen, mag ich gerade mal ignorieren. In dem Moment des Pläneschmiedens und auch am Sonntag Nachmittag fühlte es sich nämlich tatsächlich ein Stück weit verwegen an, wenigstens überhaupt eine Art von Widerstand und Rebellion aufzubringen.

Womit ich natürlich nicht gerechnet hätte: Bei der Rückkehr stand das Auto auf dem Hof. Einfach abgestellt, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, ausser einem Gruß beim Nachbarn. D.h. alle Flucht hat nur für den Moment geholfen und irgendwann in den nächsten Tagen – und verdammt, ich weiss nicht mal wann – wird es dann doch an der Tür klingeln. Grmpf.

Katja

 

 

Wacklig auf den Füßen

Ach Mist. Ich ärgere mich jetzt seit über einer Woche über mich selber, weil mir diese Sache so zusetzt und ich mich demgegenüber so hilflos fühle. Wieder einmal bin ich eingeschüchtert, geknickt, traurig an einer Stelle, wo ich eigentlich gleichgültig, oder wenn das nicht geht, dann sauer werden sollte.

Dieser Besuch, der sich leider nicht vermeiden ließ und von dem ich vorher schon befürchtete, dass er nicht sehr gemütlich würde, war noch ungemütlicher als ich befürchtete.

Was er mir deutlich gezeigt hat ist, wie wacklig das alles noch auf den Füßen ist. Diese Dinge, die ich mache, die mir gut tun und die mir wichtig sind. Dieses dadurch aufkommende Selbstbewusstsein, das den Namen wohl eigentlich nicht verdient. Was ist das für ein Selbstwert, den man so leicht ins Wanken bringen kann?

Die Kritik war allgegenwärtig an diesem Wochenende. Das Gefühl, alles falsch zu machen, das falsche Leben zu führen, nichts richtig, nichts gut genug, nichts ausreichend. Aber das eigentlich Schlimme daran war, dass das so unterschwellig erfolgte, dass ich mich dauernd fragte, ob ich Gespenster sehe, paranoid werde. Irgendwann war ich an dem Punkt, wo ich mir wünschte, einfach ein direktes ‚ich find‘ dich und dein Leben scheisse‘ an den Kopf zu bekommen, um mich endlich zu trauen, wütend zu werden, um endlich sagen zu können ‚das geht dich aber gar nichts an‘. Aber so? Vielleicht habe ich tatsächlich alles missverstanden und es ist gar nicht so. Aber verflucht nochmal, das Gefühl, das ich dabei hatte, das war sehr wohl so. Und es kann doch nicht komplett und ausschließlich und nur am Empfänger liegen, wenn indirekte Botschaften auf eine bestimmte Weise verstanden werden. Zudem diese Art von Paranoia mir eigentlich fremd ist.

Mich ärgert das so. Also ich mich über mich. Das ist jemand, den es tatsächlich wenig bis nichts angeht, wie ich mein Leben lebe und eigentlich könnte mir diese Meinung völlig schnurz sein. Abgesehen davon, dass ich alt genug bin, dass mir da alle Meinungen schnurz sein sollten. Aber immer fühlt es sich für mich an als müsse ich ‚gefallen‘, ist da dieser Wunsch akzeptiert zu werden als die, die ich bin. Es fühlt sich an, als bräuchte ich die ‚Genehmigung‘ oder wenigstens den ‚Wohlwollen‘ von anderen, so zu leben wie ich es tue, die Dinge zu tun, die ich tue. Als bekämen sie erst dadurch ‚echten‘ Wert. Als wäre mein eigenes ihnen Wert Zumessen sonst nicht mehr gerechtfertigt.

Und ich weiss, wie beknackt das ist und trotzdem komme ich so wenig dagegen an. Mit dem Kopf – ja schon. Aber das nutzt ja wenig, wenn ich mich nach solch einem Besuch so klein fühle und über eine Woche brauche, um wieder halbwegs in die Spur zu kommen.

Eigentlich müsste ich es genau umgekehrt empfinden. Müsste mich fragen, was zur Hölle das für ein merkwürdiger Mensch ist, der – von Samstag bis Sonntag eingeladen – entscheidet, freitags zu kommen und montags zu gehen. Der einen besuchen will, dem es aber nicht genügt, zusammen zu sitzen und sich zu unterhalten – auch wenn man sich seit Jahren nicht gesehen hat – sondern der unbedingt etwas unternehmen möchte, weil er das nunmal gerne macht. (Nix gegen Unternehmungen, aber das muss ich nicht zwangsweise mit jemandem, den ich alle paar Jahre mal sehe.) Der einem zwar komplett überlassen will, was dann unternommen wird , der dann aber trotzdem einen Vorschlag nach dem anderen abschmettert oder zumindest kritisiert, weil er _eigentlich_ ja dachte, man würde xy unternehmen – das verrät er aber natürlich nicht vorher. Vorher gibt er aber überhaupt keine klare Meinungsäusserung ab und zwingt einen dazu zu entscheiden – was sich hinterher immer als die falsche Wahl herausstellt. Der von vorneherein 1,5 Stunden später als ausgemacht und als das Essen fertig gewesen wäre, eintrifft und statt sich für die Verspätung zu entschuldigen, anmerkt, dass das ja viel zu spät zum Essen sei. Der darauf insistiert, dass man ihm einen Bäcker auftreibt, der Sonntag morgens in der kleinen Stadt Brötchen verkauft, damit er welche holen kann, weil er das bei allen Leuten so macht, die er besucht und dem völlig egal ist, dass man mehrfach betont, dass man eigentlich welche selber backen wollte. Der das Auto zu groß findet und den Beamer völlig übertrieben. Der darauf besteht einen auswärts zum Kaffee auszuführen, obwohl man extra seinetwegen Kuchen gebacken hat, was er weiss. Und. Und. Und.

Wenn ich das jetzt so lese und dabei auch noch die Dinge im Sinn habe, die ich hier nicht erzähle(n mag), wirkt das wirklich total skurril auf mich und ich frage mich erst recht, weswegen ich mich ausgerechnet von so jemandem so habe runterziehen lassen. 🙄

Katja

Von Pflaumenkuchen, der sich wie ’ne mündliche Prüfung anfühlt

Und während ich die Küche aufräume wird mir klar, was den Unterschied ausmacht, wieso ich so fies nervös bin und neben mir stehe. Irgendwie fühlt es sich eher wie eine bevorstehende Prüfung an, möglichst eine mündliche, so flau wie sich mein Magen anfühlt und nicht wie der Besuch einer lange nicht gesehenen Freundin, auf Kaffee und den ersten frischgebackenen Pflaumenkuchen des Jahres und für mich war die ganze Zeit nicht greifbar, weswegen das nochmal ganz anders ist, als alle anderen Besuche, die ich in den letzten Jahren hatte und bei denen ich ja weiss Gott schon nervös genug war, aber bei weitem nicht so schlimm wie heute. Und ich bin wieder mal baff, wie simpel die Lösung ist. Das heute fühlt sich so anders an, weil es so anders ist.

All jene, die mich in den letzten Jahren besucht haben, habe ich auch in den letzten Jahren erst kennengelernt und alle kennen nur die Katja, die ich jetzt bin, durch die Krankheit geworden bin. Und einige davon, die ich häufiger getroffen habe in dieser Zeit, haben die Entwicklung, die ich in den Jahren vollzogen habe, mitbekommen. Die Entwicklung aus dem Rückzug in Richtung Leben. Die Freundin, die heute kommt, habe ich einige Jahre bevor ich krank wurde kennengelernt und auch vorher zum letzten Mal getroffen. Sie kennt die meistens gut gelaunte, kontaktfreudige Katja mit der großen Klappe und trifft heute zum ersten Mal jene, die ich jetzt bin.

Und ich glaube, es macht mir so ungeheuere Angst, dass mein neues (und wohl tatsächlich zum ersten Mal echt aufkommendes und nicht aufgesetztes) Selbstbewusstsein, das endlich anfängt und sich traut, sich selber zu mögen, ’nen ordentlichen Schlag bekommt, wenn das nicht mehr hinhaut, wir nicht mehr miteinander klar kommen und uns nichts mehr zu sagen haben. Weil das ja irgendwie hieße, dass ich mal ‚besser‘ war als ich es jetzt bin. Und auch wenn ich weiss, dass es ‚anders‘ heissen müsste und nicht besser und dass sich das anders für mich meistens sogar insofern besser anfühlt, dass ich die Dinge, die mit mir passieren, viel besser verstehen kann, fällt es mir so ungeheuer schwer, das auch meinem Bauch beizubringen.

Aber egal, was passiert: Heute gibt’s den ersten Pflaumenkuchen für dieses Jahr!

Katja