Mut, nachträglich empfunden und nachgetragen

Vor einiger Zeit habe ich erzählt, wie sehr es mir zugesetzt hat, als wir im Spanisch-Kurs alle unsere Berufe nennen mussten, wie sehr in meinem Kopf wieder diese Gedankenspirale Wert-abhängig-von-Leistung einsetzte. Gestern Abend erschien jener Abend im April auf einmal in einem völlig anderen Licht.

Wieder ging es um unsere Berufe, aber dieses Mal mussten wir den Nachbarn vorstellen. Und es ging nicht nur um den Beruf, sondern auch um die Arbeitsstelle und den Arbeitsort. Naja, eben so ein erste-Sätze-üben-Ding. Die Panik, die ich vor einigen Wochen an der Stelle empfunden hatte, war nur noch ein „och nicht schon wieder“-Gefühl, aber das liess sich mit zwei Mal schlucken verdrängen. Ich hatte es ja eh schon erzählt und überlebt, mir konnte also eigentlich gar nichts mehr passieren.

10 Minuten später fühlte ich mich allerdings nachträglich ganz schön mutig, dass ich das beim letzten Mal schon so offen erzählt hatte und nicht in das „was ich eigentlich mal war“ geflüchtet bin. Es stellte sich nämlich heraus, dass ausser mir noch drei der (unter 10) Anwesenden aktuell nicht (oder nur teilweise) berufstätig sind.

Ich glaube, wirklich leicht fiel das gestern keinem von denen und bei allem Mitfühlen war ich wirklich froh, dass ich das Schlimmste schon hinter mir hatte.

Ich bin nicht sicher, ob ich mir wünsche, ich könnte so lange lächelnd so „tun als ob“ bis ich so sehr in die Enge getrieben wäre, dass ich mit der Sprache rausrücken oder lügen müsste. Ich kann’s nicht und ich fluche oft genug drüber. Ich glaube aber, mir ginge es noch schlechter in so Situationen, wenn ich mich doller in die Ecke getrieben fühlen würde.

Eigentlich wär’s an der Zeit, solche Sprachlernbücher mal auf so soziale Fallstrickschämdinge zu überprüfen. Zumindest die Anfangslektionen bis man sich erst mal eine Weile lang kennt.

Katja

Selbstwertschätzung, wieder mal

Dienstag in Spanisch war’s so weit. Wir haben Kapitel 2 des Buches erklommen und da kommt ganz am Anfang die Frage nach dem Beruf. Und wie das bei so Kursen vermutlich üblich ist, mussten wir natürlich reihum alle unseren Beruf auf Spanisch nennen (wer das Wort für seinen noch nicht kannte, bekam selbstredend Hilfe der Kursleiterin).

In dem Moment als mir klar wurde, was mir gleich blüht, fing mein Herz an zu rasen und ich hatte fies zittrige Knie und Hände. Verflucht. Diese verschissene kleine Frage, macht mir solche Probleme und solche Angst. Immer, wenn mir die gestellt wird, fühle ich mich wertlos, nutzlos, als Versagerin und merke, dass ich mich immer noch über solche Werte wie den Beruf, die Leistung (also das, was die Gesellschaft darunter nunmal versteht), die Karriere definiere.

Ich mache nix, also bin ich niemand. Ich war mal jemand. War Verwaltungsfachangestellte, dann Verwaltungsfachwirtin, dann Abiturientin, dann Studentin. Ich hab mal was geleistet. Ich war furchtbar ehrgeizig. War bei meiner Ausbildungsbehörde Jahrgangsbeste, hatte das beste Abi meines Jahrgangs, hatte ein Stipendium der Studienstiftung an der Uni. Und dann Bumm.

Ich lerne – zum ersten Mal im Leben – verdammt langsam und spät, dass ich – als Mensch – einen Wert habe, der nichts mit dem ganzen gerade aufgezählten Kack zu tun hat. Dass ich liebenswert bin, weil ich ich bin. Und zum ersten Mal in meinem Leben, entwickele ich sowas, was wohl Selbstwertgefühl und -bewusstsein (im wahrsten Wortsinne) gleichkommt.

Und dann kommt in so ’nem doofen Kurs so ’ne verschissene Frage und alles ist wieder dahin. Ich sitze auf meinem Stuhl und würde am liebsten im Erdboden versinken, als der Zeitpunkt, dass ich dran bin, immer näher rückt.
Am liebsten würde ich mich mit den alten Federn schmücken, rausschreien wer oder eher was ich mal war oder wenigstens sagen, dass ich gerade nicht berufstätig bin, weil ich krank bin. Das würde natürlich überhaupt nicht in den Rahmen passen und so frage ich die Kursleiterin als ich dann dran bin mit brüchiger Stimme, was denn „ich bin zur Zeit Hausfrau“ auf Spanisch heisst.

Ich habe den Abend überlebt und auch mein erster Reflex, dass ich da nicht mehr hingehen kann, weil die ja jetzt alle wissen, dass ich ’ne Vollversagerin bin, hat sich wieder gelegt. Vielleicht (hoffentlich?) haben die ja nicht mal gemerkt, was mit mir in dem Moment los war und finden das nicht mal schlimm, dass ich nicht arbeiten gehe.

Was ich gemerkt habe ist, dass die Baustelle in meinem Empfinden und in meinen Gedanken über diese Wertedefinition noch viel größer ist, als ich mir die meiste Zeit selber eingestehen will.

Gerade fiel mir ein, dass ich bei dem Thema schon vor ’nem Jahr an fast dem gleichen Punkt war und nicht wirklich weitergekommen bin – zumindest nicht in solchen akuten Situationen. Mist.

Katja