…macht kluch

Den ganzen Tag über das Gefühl, unter einer Dunstglocke zu sitzen. Die Gedanken breiig, verwaschen, die Gefühle ebenso. Zu viel Anspannung gestern und überhaupt gerade die ganze Zeit und sobald die mal einen Moment lang die Zügel locker lässt, ist da nur noch porentiefe Erschöpfung von Körper und Geist. Entsprechend ist der Wunsch, mich gerade in ein kuschliges Kissenfort zu verziehen groß und doch mache ich genau das Gegenteil: ich bin auf dem Sprung und gehe gleich noch aus. Aktivität gegen Nebel, Lebendigkeit gegen Taubheit, Gesellschaft gegen Isolationsdrang. Schlimmer werden kann’s ja gerade eigentlich kaum, aber vielleicht ja besser.

Versuch und so. Und wenn der nach hinten losgeht, dann hab ich’s aber immerhin versucht. Anders machen. Muster aufweichen. Neue Pfade suchen.

Auf los geht’s los, würde ich jetzt normalerweise eventuell sagen, bin aber Twitterin, also:

So!

Katja

Anspannung

Diese Tage, an denen du morgens schon vom Poltern der Handwerker wach wirst. Verstohlen aus dem Schlafzimmer um’s Eck zum großen Fenster lugen, ah da ist gerade niemand, dann ins Bad schleichen, von dort noch im Pyjama in die Küche, um die Kaffeemaschine einzuschalten. Aaah. Treffer. Da hockt Silvio direkt vorm Fenster und guckt gerade hoch als sich die Lichtverhältnisse im Raum durch dein Türöffnen ändern. Hmpf. Also gut. Rückzieher. Erst mal was überziehen. Zurück in die Küche. Immer noch das mulmige Gefühl, dauerhaft beobachtet zu werden. Trotz der Gardinen, von denen du früher nie viel gehalten hast, ohne die es aber in dieser Wohnung, mit so vielen, so dichten Nachbarhäusern gar nicht geht. Es klingelt. Du gehst die Treppe runter zur Haustür. Wieder Silvio und der andere Ältere mit der schwarzen Mütze, dessen Namen du noch nicht kennst. Silvio am Telefonieren, der Ältere „Bitte Signora, machen Sie alle Rolläden hoch.“ „Die sind doch oben.“ sagst du. „Nein, du hast falsch geklingelt. Die oben sollen die Rolläden hochmachen.“ sagt Silvio dem Älteren. Dann den ganzen Vormittag Radau aus unbestimmten Richtungen rund ums Haus. Metallsägen vorm Fenster der Gästetoilette. Gepolter von oben. Mittagspause. Der Lieferwagen mit dem Aufdruck der Fassadenfirma fährt weg. Endlich durchatmen. Du merkst, wie dir das beklemmte Gefühl für einen Moment von den Schultern weicht. Dann plötzlich, als du aus dem Arbeitszimmer kommst, ist der Ältere direkt vorm großen Fenster, guckt dich an. Du zuckst zusammen, hattest nicht gehört, dass sie zurück sind. Sofort ist die Beklemmung wieder da. Du schleichst durch die Räume, die Augen immer hektisch in Richtung der Fenster gerichtet. Verziehst dich irgendwann wieder ins Arbeitszimmer, an deinen Schreibtisch. Nur da ist gerade Ruhe. Wieder die Metallsäge, so laut und durchdringend, dass es in der Stirn dröhnt. Durchatmen. Höchstens noch ein paar Wochen. Hoffentlich kommt kein Wintereinbruch, denkst du. Hoffentlich bleibt es einigermaßen trocken. Die sollen endlich fertig werden, denkst du. Dieses Gefühl, zu Hause dauernd unter Beobachtung zu stehen, dich nicht frei in der eigenen Wohnung bewegen zu können. Du schreckst hoch. Silvio steht direkt vor deinem Schreibtisch. Also natürlich nicht genau davor, aber vorm Arbeitszimmerfenster, hinter dem dein Schreibtiscch steht. Du hast in weiser Voraussicht kein Licht gemacht, damit man nicht noch besser reinschauen kann. Nirgendwo. Hältst dich den ganzen Tag in der viel zu dunklen Wohnung auf. Aber der Monitor beleuchtet dein Gesicht sicher hell. Du flüchtest. Wiedermal. Wie du schon den ganzen Tag auf der Flucht bist, dich von Fenster zu Fenster, von Raum zu Raum treiben lässt. Der Nacken schmerzt von den dauerhaft angespannten Schultern. Nochmal zurück ins Arbeitszimmer. Den Laptop vom Schreibtisch holen. Zurück in die Küche. Da stehst du jetzt, den Laptop auf der Arbeitsplatte. Lässt das beklemmende Gefühl durch die Finger in die Tastatur entweichen, hoffst, dass es aus dem Nacken verschwindet. Dann das Geräusch des vorbeifahrenden Lieferwagens. Endlich Feierabend. Morgen nochmal und übermorgen, dann zwei Tage Ruhe, dann noch eine Woche mehr und vielleicht noch eine und vielleicht hast du dann schon alles hinter dir.

Katja