Gelesen im Januar 2013

Letztens beim Tapasessen mit meinem Spanischkurs, wurde ich gefragt, ob ich mir denn überhaupt etwas aus den Büchern, die ich lese, merken könnte, weil ich so viel lese und mir fiel auf, dass zwar aus Büchern, die mich besonders beeindruckt haben – im positiven oder auch negativen Sinne – meistens das Grundgefühl da bleibt, aber dass ich gerade bei den mittelguten Büchern später häufig nicht mehr so recht weiss, was mir daran gefallen hat oder was nicht. Ich versuche das also jetzt mal mit ein paar Notizen, direkt wenn ich ein Buch fertig gelesen habe. Mal sehen, wie lange ich dazu motiviert bin. Im Januar hat das ganz gut geklappt.

Markus Werner – Am Hang

Wäre das Buch mit seinen knapp 200 Seiten nicht so dünn gewesen, dass man es irgendwie durchhalten kann, hätte ich es wohl irgendwann beiseite gelegt, ohne es fertig zu lesen. Jetzt, im Nachhinein, wäre ich fast versucht, es direkt noch einmal von vorne zu beginnen.

Der ich-Erzähler, ein junger Scheidungsanwalt verbringt das Pfingstwochenende in seinem Ferienhaus – eigentlich um dort in Ruhe einen Fachartikel zu schreiben. Direkt am ersten Abend lernt er auf der Terrasse eines Hotelrestaurants einen älteren Herrn kennen. Die beiden essen zusammen und geraten bei jeder Menge Wein ins Gespräch, das allmählich persönlicher wird. Sie verabreden sich für den nächsten Abend, reden wieder bis tief in die Nacht, erzählen sich vor allem ihre Liebesgeschichten. Der ältere, ein missmutiger die Welt verachtender Griesgram, aus dessen Erzählungen nur jene über seine Frau, die er zu vergöttern schien, bevor er sie vor genau einem Jahr verloren hatte, herausstechen. Der Anwalt, mit zahllosen Affairen, aber keinen Beziehungen, immer das Weite suchend, bevor es ernst wurde.

Fast das ganze Buch ist in wörtlicher Rede gehalten, gibt die Gespräche der beiden wieder und so wie das Gespräch mäandert und wie speziell der ältere oft ins Schwadronieren gerät, ist auch die Struktur des Buches. Der Text klebt aneinander, es gibt keine luftigen Absätze, nur selten mal durch einen Zeilenumbruch verkürzte Zeilen, was mich persönlich sehr genervt hat, weil ich lieber an einem klaren ‚Haltepunkt‘ aufhöre zu lesen, wenn ich das Buch abends auf den Nachttisch zurücklege. Und die Sprache selbst, die die beiden verwenden, ist mir viel zu gestelzt als dass die beiden Protagonisten authentisch und menschlich wirken könnten. Schon gar nicht sprechen zwei, die sich zufällig begegnen und zusammen Wein trinken, in der gleichen geschwollenen Sprache.

Über den Inhalt lässt sich leider nicht viel mehr verraten, ohne zu viel aufzudecken. Die ‚Belohnung‘ (die in gewisser Weise vorhersehbar ist, weil man spätestens nach der Hälfte denkt ‚Wehe, da kommt kein krasses Ende!‘) für das Durchhalten und zu Ende lesen, erhält man auf den letzten Seiten – das ist auch der Punkt, wo man dann direkt nochmal von vorne anfangen könnte, um das teilweise recht emüdende Schwadronieren nochmal mit geschärften Sinnen zu verfolgen. Man könnte das jetzt als genial empfinden, wenn der Autor seine Leser dazu bringt, sein Buch direkt nochmal zu lesen, hier fühlt es sich für mich aber eher nach einem plumpen Trick an und ich habe nicht das Gefühl, das Buch nochmal lesen zu wollen, sondern eher es nochmal lesen zu müssen, um rückblickend überhaupt etwas davon zu haben, es gelesen zu haben.

Letztendlich ist mir irgendeine Art von Lesegenuss (ob jetzt eine schöne Geschichte oder eine tolle Sprache) direkt während des Lesens lieber als nur vom Nachgeschmack zu zehren. Einzig das Ende sorgt dafür, dass ich das Buch insgesamt noch als OK empfinde, besser aber nicht.

Misery Bear’s [sic!] Leitfaden für die Liebe

Ebenso depressiv wie in seinen zahlreichen Videos präsentiert sich der Misery Bear jetzt in seinem Buch über die erfolglose Liebe. Unbeantwortete Liebesbriefe, Cocktailrezepte, um den Kummer zu ertränken, Tagebucheinträge, die das Scheitern dokumentieren und das alles, wie auch bei den Videos, ohne glückliche Wendung zum Happy End.

Für Fans des Bären zum Hachzen und Soifzen. Wer die Videos nicht kennt oder den Bären dort nicht mag, wird auch am Buch keine Freude finden. Ich bin stets hin- und hergerissen, man wünscht ja an sich keinem Bären solch ein Unglück, aber wenn denn schon einer leiden muss, dann doch bitte ganz genauso. Und irgendwie war das wohl für ihn so vorgesehen:

„Hallo, mein Name ist Misery Bear. Ja, ich weiß selbst, dass das ein schrecklicher Name ist. Ich wünschte, meine Eltern hätten sich etwas Netteres ausgedacht. Trevor zum Beispiel. Oder Mr. Fluffington. Aber es ist nun mal nicht zu ändern. So ist das Leben.“

Anna Gavalda – Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet, Erzählungen

Nachdem ich von Anna Gavaldas ‚Zusammen ist man weniger allein‘ sowohl vom Buch als auch vom Film völlig fasziniert war, war ich von der Sammlung von Erzählungen in ‚Ich wünsche mir‘ ein bisschen enttäuscht. Das, was mir an dem langen Roman so gut gefallen hatte – ihre so wunderbar gezeichneten Charaktere, allesamt ein bisschen schrullig, alle mit Ecken und Kanten und genau dadurch so furchtbar liebenswert – kommt in den kurzen Erzählungen viel zu kurz. Für mich bleiben hier leider fast alle Charaktere flach und ihr Denken, Fühlen und Handeln erschließt sich mir nicht. Vielleicht sind das eher französische Stereotypen, die sie verwendet und es funktioniert nicht, weil in meinem Kopf beim Anreissen der Personen keine Bilder entstehen, das vermag ich nicht zu sagen, aber diese flachen Charaktere, die in zumeist deprimierenden Geschichten rumstapfen, sind mir einfach nicht nahe gekommen.

Aber dann sind da einige wenige der Geschichten, die herausragen, speziell ‚Jahrelang‘ hat so etwas wunderbar Zartes am Ende, dass ein Kloß im Hals bleibt. Schade, dass man die in diesem Büchlein so rauspicken muss.

Harry Cauley – Bridie und Finn

Es gibt so Bücher, bei denen man so tief in die Geschichte eintaucht, dass man sie am liebsten gar nicht zwischendrin weglegen sondern in einem Rutsch durchlesen möchte und wenn man dann am Ende zum letzten Mal umblättert, hinterlassen sie eine dumpfe Leere. Das sind die Bücher, die ich gleichermaßen liebe und hasse (wobei der Hass sich nur darauf bezieht, dass es zu Ende ist und ich nicht einfach weiter zwischen den Buchdeckeln stecken bleiben kann). Bridie und Finn ist eines dieser Bücher. Cauley hat für mich meisterlich die Figuren des Romans – und nicht nur die beiden Titelfiguren sondern auch deren gesamte Nachbarschaft aus der Livery Street in einer amerikanischen Kleinstadt der 1940er Jahre – zum Leben erweckt. Wahnsinnig warmherzig erzählt, Schmunzeln und Tränen liegen hier nah beieinander. Wunderschönes Buch über Freundschaft und darüber, wie nahe manchmal Liebe und Hass beieinanderliegen – ebenso wie beim Lesen Lachen und Weinen.

Kai Meyer – Schweigenetz

Wieder mal eines der Bücher, bei dem ich mich gefragt habe, weswegen ich es überhaupt zu Ende gelesen habe, wo ich ja eigentlich ausreichend viele (hoffentlich) gute Bücher auf dem ungelesenen Stapel liegen habe. Vom Schreibstil war ich bereits nach 50 Seiten genervt, ohne dass ich genau sagen könnte, weswegen der mir so wenig gefiel. Ich glaube, es war der Mix aus übertriebener Adjektivitis und der dauernden Steigerung der Steigerung. Wenn jemand um sein Leben rannte (was relativ oft im Buch vorkommt, weil es ziemlich viele Verfolgungsteile gibt) dann sollte man meinen, dass derjenige schon ziemlich an seinem Limit läuft. Bei Meyers Schweigenetz gelingt es dem Verfolgten aber nach einiger Zeit noch einen Zahn zuzulegen. Und wenn es im Unwetter schon so dunkel ist, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sieht, wird es garantiert kurze Zeit darauf noch finsterer. Drama Baby!

Dazu fand ich die Charaktere nicht glaubwürdig in ihrem Verhalten und die ganze Geschichte viel zu konstruiert und in sich nicht schlüssig. Die Umstände (zB wie es in einer Zeitungsredaktion zugeht) wirkten auf mich eher geraten bzw. erfunden als auch nur halbwegs recherchiert. Das mag natürlich alles schriftstellerische Freiheit sein, aber bei mir kommt da kein echtes Lesevergnügen auf.

Mehr eher schlechte und dafür ein sehr gutes Buch. Im Schnitt kann das eigentlich fast nur besser werden. 🙂

Katja

Leseliebe 2012 – meine Top 5 Bücher des Jahres

Corina und die kleine Idee fragen nach den Top 5 der in 2012 gelesenen Bücher und weil mir der Gedanke gut gefiel, meine Leseliste von 2012 nochmal durchzuschauen und zu überlegen, welches davon jetzt wirklich die besten waren, hier meine Top 5 in aufsteigender Reihenfolge:

5. Allesandro Baricco – Seide

Dieses kleine Büchlein hat mich völlig fasziniert, weil sich der ganze Text anfühlt, wie das Material, das dem Buch auch den Titel verlieh. Hauchzart und fein gewoben erzählt Allesandro Baricco eine berührende Geschichte über die Sehnsucht. Und so wie bei der Sehnsucht stets etwas abwesend ist, liegt die Kunst des Buches in der Auslassung.

4. Tilman Rammstedt – Erledigungen vor der Feier

Darüber hatte ich hier schon ausführlich geschwärmt.

3. Hape Kerkeling – Ich bin dann mal weg

Das Buch ist mir in den letzten Jahren so häufig empfohlen worden wie vermutlich kaum ein anderes, aber irgendwie war ich da immer zögerlich, weil ich mit Hape Kerkeling eigentlich nie so viel anfangen konnte und auch das Pilgern interessierte mich nicht sonderlich.

Schon während ich das Buch las, hätte ich am liebsten mal alle Unwegsamkeiten und Ängste runtergeschluckt und die Schuhe geschnürt und wäre losgelaufen. „Der Weg ist das Ziel“, man hört und sagt das so oft, aber selten habe ich deutlicher verstanden, was sich hinter den 5 Wörtern verbirgt wie beim Lesen von Hape Kerkelings Buch.

Für mich das (positiv) überraschendste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Deswegen gehört es unbedingt in die Top 5.

2. Elisabeth Rank – Und im Zweifel für dich selbst

Großartiges Buch, über das ich hier schon gebloggt hatte. Ich freue mich schon auf ihr nächstes!

1. Anna Gavalda – Zusammen ist man weniger allein

Eines der Bücher, bei denen mir das Herz aufgeht. Deswegen liebe ich lesen so sehr, deswegen liebe ich Bücher so sehr. ♥

Hier hatte ich mich schon zu ausgiebigen Liebesbekundungen zum Buch hinreissen lassen.

Macht noch jemand mit? 🙂

Katja

~♥~

Diese Bücher, die man am liebsten schon nach wenigen gelesenen Seiten nicht wieder aus der Hand legen würde, weil sie direkt so ganz dicht an einen herankommen. Die man am liebsten in einem Rutsch durchlesen würde und wo man sich zwingen muss, den Alltag darüber nicht völlig aus den Augen zu verlieren.

Diese Bücher, bei denen man schon nach wenigen gelesenen Seiten weiss, wie sehr man es bedauern wird, wenn man sie erst mal ausgelesen hat. Bei denen man sich wünscht, für jede gelesene Seite würde sich am Ende mindestens noch eine neue anhängen, damit man sich nicht verabschieden muss.

Und dieses hin- und hergerissene Gefühl zwischen diesen beiden Polen, zwischen dem Ineinemdurchlesenwollen und dem Niefertiggelesenhabenwollen, die widersprüchlicher nicht sein könnten.

Ich glaube Bücher, die das mit mir machen, die dafür sorgen, dass ich mich so fühle, sind jene, die wirklich das Zeug zu Lieblingsbüchern haben. Das sind jene Geschichten, weswegen ich das Lesen so sehr liebe.

Gerade lese ich wieder mal ein solches Buch. Vor etwas über einem Jahr hatte ich den Film gesehen und der war so wunderschön, dass ich direkt das Buch auf meine Wunschliste gesetzt hatte. Jetzt lag es schon seit vor dem Urlaub auf dem ungelesenen Stapel, war auch mit in Spanien und irgendwie hatte ich die ganze Zeit Angst davor, es zu lesen. Ich weiss nicht, ob ich befürchtete, es könnte nicht an den zauberhaften Film herankommen oder ob ich befürchtete, es könnte ganz genau an den zauberhaften Film herankommen, was im Falle eines Buches ja (für mich) immer bedeutet, dass es ihn noch übertreffen würde.

Jetzt lache ich beim Lesen abwechselnd damit, dass mir die Tränen kommen – und meist nicht jene traurigen sondern jene ‚oh Gott ist das schön’igen und das ganz ohne (zu) kitschig zu sein. Und ich bin schon seit der 30. oder 40. Seite so im Bann, dass ich weiss, wie traurig ich sein werde, wenn ich’s fertig habe und von diesem Ende trennen mich nur noch gut 100 Seiten. Und auch wenn ich durch den Film grob weiss, was da noch passieren wird, nimmt mir das nichts von der Freude beim Lesen, weil es weniger um die Spannung geht, sondern mehr um das nahe Gefühl beim Lesen. Darum, wie lieb mir diese paar skurrilen Charaktere auf den letzten 450 Seiten geworden sind.

Und zu all dem wunderbaren kommt noch hinzu, dass es einen der schönsten Buchtitel überhaupt hat:

Zusammen ist man weniger allein.

Ich glaube, ich muss in Zukunft bei der Frage über mein Lieblingsbuch zumindest nachdenken. Ganz verdrängen kann’s den Prinzen nicht. Dafür ist der zu viel für mich. Aber dieses Buch, das muss mindestens mit auf’s Treppchen.

Hachz. Ich geh jetzt mal gucken, ob die Frau noch mehr geschrieben hat.

Katja

(Witzig, als ich über den Film gebloggt hatte, hatte Tanya kommentiert und gerade auch bei diesem Buch hatte sie über diese Leere gebloggt.)