Während draußen die Landschaft vorbeisaust

Und dann sitzt du im Zug, noch 2 Stunden Fahrt liegen vor dir, die Kopfhörer, aus denen Billy Talent ertönt, in den Ohren, das Handy in der Hand, im Blick ein bisschen vom Handy, ein bisschen von der Landschaft, die vorm Zugfenster vorbeisaust, ein bisschen von deinem Gegenüber, ebenfalls mit Kopfhörern in den Ohren, mit Häkelnadel statt Handy bewaffnet. 

So sitzt du und hast den Kopf voll mit Eindrücken von einem Tag in Erfurt, von einer ersten Begegnung mit einer tollen Frau, die du seit Jahren kennst, aber heute zum ersten Mal getroffen hast, und musst darüber nachdenken, wie sehr sich dein Leben in den letzten 2 Jahren verändert hat, wie sehr du dich verändert hast. So ein Ausflug wie heute wäre noch vor einigen Monaten undenkbar gewesen. Zu große Angst, mit der du dir selber im Weg gestanden hättest. 

Irgendwann vibriert dein Handy wegen einer eingehenden WhatsApp. Die Frau gegenüber grinst einmal kurz hoch, die WhatsApp: „wenn du was essen willst, winkst du, ja?“. Und dann merkst du, wie du auf einmal schwer an 3 Tränen schlucken musst. Die Frau mit dem Kopfhörer gegenüber, die statt zu reden, weil ihr beide gerade kommunikationsmüde und -satt seid nach dem langen Tag, der kurz nach 6 auf dem Bahnhof begonnen hat, WhatsApp schreibt, ist deine Freundin und das ist ein Gedanke, der dir gerade regelmäßig Tränen in die Augen treibt. So viele Jahre hast du dir jemanden gewünscht, mit dem du dich derart verstehst und der nicht am anderen Ende der Republik wohnt, sondern in einer Distanz, in der man sich auch einfach Mal so und ohne großen logistischen Aufwand und lange Planung treffen kann. So sehr, dass du es sogar via Anzeige versucht hast, um immer irgendwann festzustellen, dass das nie über ganz nett hinaus kam, immer anstrengend war und mit viel Bauchweh verbunden und dem Gefühl, immer aufpassen zu müssen, was du sagst und wie du bist. Immer gebremst, nur nicht zeigen, wie schräg und seltsam du manchmal bist.
Und dann ist da auf einmal jemand, da bist du ganz du und das ist ok. Und nach ein paar Monaten und etlichen Begegnungen, fragst du dich, ob es wirklich erst ein paar Monate sind, weil dieser Mensch mit vollkommener Natürlichkeit in die Lücke passt, die da so lange war. Irgendwann fällt dir auf, dass du wirklich eine Freundin gefunden hast und du heulst auf einmal Rotz und Wasser, als dir aufgeht, wie sehr du anfangs davon ausgegangen bist, dass sie nur Mitleid mit dir haben kann, weil was sollte so ein klasse Mensch ausgerechnet mit dir Loserin wollen? Aber das Verstehen, das da zwischen euch ist, das ist alles nur kein Mitleid und du fühlst dich auf einmal gar nicht mehr als Loserin sondern überaus dankbar über so viele Veränderungen.

Käthe