trotzig

Dann wird dir zum ersten Mal bewusst, dass du in der letzten Zeit eine Art Trotzgefühl gegen dich selber, gegen deine eigenen Gedanken entwickelst, das, nicht immer aber doch schon gelegentlich, dann anspringt, wenn der Selbsthass in dir hochkocht. Wenn du dich gerade wieder mal klein und wertlos und falsch fühlst, so wie du bist, ist da auf einmal auch ein Gedanke, dass du dich nicht mehr so fühlen willst, dass du dich nicht mehr selber abwerten willst, dass du endlich aus diesem Muster ausbrechen willst. Und der Kopf traut sich zu denken und in Sätze zu fassen, dass es vielleicht ja auch gar nicht so ist, dass du überhaupt nicht wertlos bist, sondern ganz ok, so wie du bist und ja eigentlich genau weisst, wo diese negativen Gefühle herkommen und dass die dazugehörigen Gedanken nicht wahr sind oder zumindest nur so wahr, wie du ihnen Wahrheit zugestehst. Auch wenn sie sich so anfühlen. Und es wird dir bewusst, dass du wahrscheinlich diesem dich selber mögen und annehmen, diesem _Selbst_wert_gefühl noch nie so nah auf den Fersen warst, wie jetzt in dieser Zeit und dass das ja schon irgendwie ziemlich cool ist.

Katja

Was mir am Herzen liegt – (m)eine Bitte an euch

(oder: immer wieder im November)

Meistens bin ich ein optimistischer Mensch und auf der Suche nach positiven Dingen, über die ich mich freuen kann. Ich liebe es zu fotografieren, zu reisen, in der Küche zu wurschteln oder im Garten, in einem Buch zu versinken. All das sind Dinge, die mir gut tun und von denen ich weiss, dass sie recht zuverlässig funktionieren.

„Man kann dir das gar nicht glauben, dass du Depressionen hast, wenn man dich so sieht und mit dir redet.“ sagte mir eine Bekannte vor ein paar Jahren und genau das ist ein großer Anteil der Heimtücke, die Depressionen an sich haben. Man sieht es den Betroffenen oft nicht an. Niemand hinkt oder hat eine laufende Nase. Es gibt keine Beulen, Blutergüsse oder eingegipste Körperteile. Manchmal/bei manchen gibt es Schnitt- oder Kratzwunden, aber die zeigt man natürlich niemandem. Und auch die Tränen versteckt man oft. Von aussen sieht man einem depressiven Menschen die Depression erst mal nicht an und oft merkt man sie der- oder demjenigen auch nicht an, denn das Gefühl der eigenen Unfähigkeit/Unzulänglichkeit bringt einen dazu, nach aussen hin eine Maske zu tragen, sich möglichst nichts anmerken zu lassen.

Es gibt kein gesellschaftlich anerkanntes Symptom, kein äusseres Merkmal, das der Krankheit nach aussen eine Art Rechtfertigung verleiht. Man hat „nur“ die Dinge, die in einem passieren und da ist die Bandbreite weit und verschieden. Mal zerreisst einen ein inneres Fegefeuer und alles in einem schreit vor Schmerz. Mal ist alles dumpf und taub und grau und man befindet sich in einem zombieartigen Zustand (zumindest stelle ich mir den so vor), völlig vom echten wachen Leben und den eigenen Gefühlen abgeschnitten. Und alles dazwischen und noch mehr und ohnehin bei jedem anders.

Was da mit einem passiert, kann man oft selber so wenig verstehen (zumindest anfangs), dass man es erst recht niemandem erklären kann und spätestens, wenn man zum zweiten Mal „jetzt reiss dich mal zusammen“ oder „stell dich nicht so an“ oder „du musst doch nur“ oder ähnliches gehört hat, neigt man dazu, noch besser zu verbergen, wie es einem geht. Denn man weiss das ja selber nicht so genau, zweifelt an sich selber, zweifelt, ob man sich tatsächlich „nur anstellt“ und sich „einfach nur zusammenreissen“ müsste, damit wieder alles gut ist. Aber wie geht denn dieses Zusammenreissen?

An manchen, schlimmen Tagen ist man ja schon froh, wenn man überhaupt noch weiss, wie aufstehen und zur Toilette gehen funktioniert. An Duschen oder Essen oder weitere so unfassbare Anstrengungen ist da nicht zu denken. Manchmal erscheint selbst Atmen als Überforderung.

Und manchmal wünscht man sich, man könnte einfach aufhören zu atmen. Und zu leben.

Diese ganz schlimmen Phasen und Gedanken und der Wunsch, nicht mehr weiterleben zu müssen, sind bei mir zum Glück schon lange Geschichte. Ich habe, mittlerweile häufig genug erlebt, dass jede dieser unterschiedlich dunklen Phasen irgendwann wieder vorübergeht und ich habe, dadurch, dass ich mich genau beobachte, auch gelernt, wie ich mich selber aus dem bodenlosen Fallen wieder rausholen kann, gelernt, welche Methoden bei mir (zumindest oft) funktionieren.

Aber ich weiss auch, dass diese depressiven Phasen mich immer wieder erwischen, mir immer wieder die Beine unterm Hintern wegziehen – auch wenn ich noch so gut auf mich aufpasse und versuche, das zu vermeiden oder den Fall zumindest abzufedern.

Das ist bei mir – auch – von der Jahreszeit und der Helligkeit bzw. fehlenden Helligkeit abhängig, wie gut es mir gelingt. Speziell im November, wo zu der dauernden Dunkelheit für mich persönlich noch viele Tage mit schmerzhaften Erinnerungen dazukommen, bin ich mittlerweile besonders darauf bedacht, mir möglichst viele Aktivitäten zu suchen, die mich vom Grübeln ablenken. Und trotzdem merke ich – auch dieser Tage – wieder, wie ich mich zu kaum etwas aufraffen kann, wie alle Kleinigkeiten mir große Kraft abverlangen, was mir beides mittlerweile Warnzeichen geworden ist.

Aber gerade weil es mir mittlerweile (an Jahren gemessen) so viel besser geht, ist es mir – speziell zu dieser Jahreszeit, wo durch fehlendes Licht und durch die anstehende Weihnachtszeit, in der sich Einsamkeit für viele besonders gemein anfühlt – ein Anliegen, wieder einmal die „Werbetrommel“ zu rühren*, für mehr Aufmerksamkeit und Verständnis für diese hundsgemeine Krankheit Depression und die an ihr erkrankten Menschen.

Bitte passt ein bisschen aufeinander auf. Fragt die Menschen in eurem Umfeld wieder einmal, wie es ihnen geht. Gerade jene, die sich vielleicht ein bisschen zurückgezogen haben. Und seid zugewandt und hakt nach, falls ihr ein ‚muss ja‘ oder dergleichen zu hören bekommt.

Bitte tut Depressionen nicht als „sich anstellen“ ab und sagt nicht über andere / zu anderen, sie sollten „sich zusammenreissen“. Depressionen sind eine ernste Erkrankung, deren Heilung nicht durch ausreichendes „Wollen“ zu bewältigen ist.

Bitte sprecht nicht abwertend über die Erkrankung und über die Erkrankten
(auch nicht, wenn sie nicht dabei sind)
(auch nicht, wenn ihr genervt seid, dass mehr Arbeit an euch hängen bleibt, weil die Kollegin „Burn out“ hat – ihr meckert (vermutlich) auch nicht über den blöden Meier, der sich jetzt ausgerechnet den Fuß gebrochen hat, wo Urlaubszeit ist und ihr unterbesetzt seid).

Bitte helft so mit euren Worten und eurem Verhalten dazu beizutragen, dass das Tabu, das dem Thema Depressionen anhaftet, in eurem Umfeld ein bisschen kleiner wird. Je „normaler“ der Umgang mit der Krankheit wird, desto einfacher wird es auch für Betroffene, sich zeitnah Hilfe zu holen.

Bitte passt vor allem auf euch selber gut auf!

Wenn ihr betroffen seid und in einer akuten Krise: Bitte holt euch Hilfe!

Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, wenden Sie sich bitte an Ihren behandelnden Arzt oder Psychotherapeuten, die Ambulanz der nächstgelegenen Psychiatrischen Klinik oder die Telefonseelsorge (in Deutschland 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222; in Österreich 142; in der Schweiz 143). Wenn diese nicht erreichbar sind, rufen Sie den Notarzt (in Deutschland 112, in Österreich und der Schweiz 144).

(Quelle: http://www.deutsche-depressionshilfe.de/ – Dort gibt es auch viele Informationen.)

*Dieser Teil fällt mir am schwersten, denn ich kann nicht gut um Aufmerksamkeit bitten, wo sie mir nicht von selber geschenkt wird. In diesem Fall tue ich es trotzdem (wieder einmal), denn es geht mir nicht um Aufmerksamkeit für mich, sondern um jene für das Thema und ich hoffe, ihr nehmt es mir nicht krumm, wenn ich euch dafür einmal im Jahr auf die Pelle rücke und euch nachdrücklich bitte, den Link bzw. den Artikel zu teilen und zu verbreiten.

Ich wünsche mir sehr, dass es irgendwann genauso normal sein kann, über Depressionen zu reden, wie über eine Grippe!

Danke für’s Lesen, für die Aufmerksamkeit. Danke für’s Weitersagen!

Katja

 

Superduperbonustraurigkeit und anderes Gedankengeschwurbel

Es sind seit Wochen eigentlich wieder nur die kleinen Anzeichen. Ich merke, dass ich wieder ganz häufig und eigentlich grundlos losheulen muss. Ich merke, dass ich mich einigle, nicht rausgehe, wenn ich nicht sehr dringend muss, dass ich wenig kommuniziere. Ich merke, dass mir die täglichen Dinge des Lebens wieder viel mehr Kraft abverlangen, dass es mir manchmal unheimlich schwer fällt, mich aufzuraffen, überhaupt irgendetwas zu tun.  Dann reisse ich mich zusammen, mache 1, 2 Tage lang furchtbar viel, weil ich weiss ‚viel hilft viel‘, denke ‚jetzt geht’s aber wieder‘ und falle im nächsten Moment wieder in mich zusammen, wie ein Luftballon, aus dem die Luft entweicht.

Ich will das nicht mehr und nicht wieder und ich beisse die Zähne zusammen. Ich will weder mir noch sonst jemandem gegenüber eingestehen, dass es mir eigentlich wieder viel schlechter geht, die Depression sich wieder in mir breit macht und mir Kraft und Mut aussaugt. Mir fehlt wieder die Erklärung, warum das denn überhaupt so ist. Es ist ja doch eigentlich gar nichts passiert, was diesen neuen Schub wieder ausgelöst haben könnte. Es ist ja nicht mal die dunkle und graue Jahreszeit, in der ich es ja wenigstens durch mangelndes Licht erklären könnte. Es ist nichts. Du darfst nicht fallen. Das summt die ganze Zeit in meinem Kopf. Als ob es die Depression interessieren würde, ob es einen Grund oder eine Berechtigung für sie gibt. Genau das ist es ja gerade.

Und in mir rattert die ewige Frage nach dem Warum. Nicht nach dem Warum ich überhaupt Depressionen habe (das weiss ich ja längst), sondern nach dem Warum zur Hölle ich es nach so vielen Jahren einfach immer noch nicht gebacken bekomme, darüber hinwegzukommen. Alle anderen bekommen ihr Leben auf die Reihe, nur du bist zu klein, zu unfähig, zu schwach, zu feige. Es ist immer und immer wieder die selbe Stimme mit den selben Worten im Kopf. Warum kriegst du’s nicht auf die Reihe?

Und dann wird es meta, denn es geht mir nicht nur schlecht, weil es mir eben gerade wieder schlechter geht, sondern auch noch, weil ich mich selber dafür fertig mache. Mir nicht zugestehen kann, dass es mir schlecht geht, wenn es keinen _objektiv anerkannten Grund_™, also known as Legitimation, dafür gibt, weil es dann nämlich wieder mal ein Zeichen persönlicher Schwäche und persönlichen Versagens ist. (Da ist schon wieder eine so große Diskrepanz in mir, denn es würde mich wahnsinnig ärgern, aufregen und auf die Palme bringen, wenn jemand sagte, Depressionen seien einfach nur ein Zeichen persönlichen Versagens und ich käme selber auch nie auf die Idee, das bei anderen so zu empfinden. Nur bei mir ist das so. – In Momenten, wo mir das auffällt, zweifle ich dann auch noch an meinem Verstand.)

Innerlich werde ich irre, im Kampf mit den eigenen Gedanken, als würden wirklich zwei Seelen oder Gehirne in mir streiten und das eine ist das klügere, das weiss, wieviel Schaden ich mir mit dieser Selbstabwertung immer selber zufüge und dass ich genau damit und mit der Unfähigkeit, mit mir selber liebevoll/verständnisvoll/tröstend umzugehen, vermutlich die Antwort auf die Frage, warum ich es nicht auf die Reihe bekomme(n kann), vor Augen habe. Aber dieser Teil von mir kommt nicht gegen den anderen an, denn der ist viel älter und stärker und führt sich auf wie ein brünftiger Platzhirsch.

Nach aussen merke ich, wie ich wieder in ein Vermeidungsverhalten rutsche. Nicht sagen/zeigen wie es mir geht, weil ich nicht weiss, wie ich es erklären könnte. Es ist so fucking schwierig zu sagen: ‚es geht mir schlecht. Nein, es gibt eigentlich keinen Grund dafür, also keinen akuten. Es geht mir aber trotzdem schlecht.‘
Ich weiss, wie hilflos ich mich demgegenüber bei anderen fühle, vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass es mir so schwer fällt, es auszusprechen, wenn es mir schlecht geht. Und immer noch haftet daran auch Scham. Kein Grund, keine Berechtigung, also Versagen. Schäm dich.
Und gleichzeitig steigt dann auch wieder diese Zusatzsuperduperbonustraurigkeit in mir auf, weil ich mich von allen abgeschnitten und isoliert fühle, weil niemand sieht und merkt, wer und wie ich bin. Und dann schäme ich mich wieder, denn wie könnte das jemand sehen und wahrnehmen, wenn ich so bemüht darum bin, die lächelnde Fassade nach aussen zu tragen und gar nicht sage und/oder zeige, wie es mir dahinter geht. Und wieder: Don’t blame it on sunshine, don’t blame it on moonlight, don’t blame it on good times, blame it on Katja.

Dann diese Momente, da fühle ich mich der Lösung (als ob es das tatsächlich so punktuell gäbe) so nahe. In den Augenblicken, in denen ich mitten im selbstabwertenden Gedanken merke, was ich da tue und innehalten kann. Aber das ist in der nächsten Minute schon wieder vorbei, weil dann die nächste Ebene schädlicher Gedanken einsetzt: Da schau her. Sie weiss sogar wie es geht und wie sie es aufhalten und lösen könnte und selbst dann kriegt sie’s nicht auf die Reihe.
Und dann lacht irgendetwas in mir, etwas anderes in mir höhnisch aus und ich sacke in mir zusammen.

You can run, but you can never hide
From the shadow that’s creepin‘ up beside you

Katja

Übungstitel: Ich bin OK. Und ich darf das sein.

Seit Tagen schon gärt es in meinem Kopf und ich finde keine Stelle, wo ich die Gedanken fassen kann, um sie so aufzudröseln, dass sie einen Sinn und Zusammenhang bekommen. Ich fange also mal wieder einfach an, ins Unreine vor mich hin zu tippen und hoffe, dass die Notwendigkeit, Sätze darüber zu formulieren, auch wieder im Kopf für Entwirrung sorgt.

*

Vor einigen Tagen bloggte Svü darüber, dass sie es satt hat, wenn andere Menschen, die Ursache für ein bestimmtes Empfinden bei ihr sofort mit der psychischen Erkrankung assoziieren, weil sie die Dinge ganz genauso sehen oder empfinden würde, wenn sie gesund wäre. Bis auf ihr Fazit, dass sie die Dinge genauso sehen würde, wenn sie nicht krank wäre  (was man, so glaube ich zumindest, einfach nicht wissen und einschätzen kann – man weiss ja nie, wie man fühlen würde, wenn ein Faktor anders wäre als er ist), war mein erster Gedanke „Jawoll! Ich will nicht immer auf die Erkrankung reduziert werden! Ich bin doch so viel mehr als nur Depression und Angst, warum merkt das denn niemand?“ Und während ich etwas ähnliches ins Kommentarfeld tippen wollte, fiel mir auf, dass ich es eigentlicht oft selber bin, die sich reduziert. Ich bin immer diejenige, die zögert, ob sie etwas wirklich kann oder schafft. Ich bin diejenige, die sich Dinge nicht (zu-)traut. Und ich bin auch diejenige, die, wenn sie dann etwas schafft, das Gefühl hat, das ‚trotzdem‘ geschafft zu haben, nicht einfach es geschafft zu haben. Das ist immer da, immer präsent – da läuft immer der interne Gegencheck.

Ich bin die, die mich dauernd mit der Krankheit verbindet. Klein. Unfähig. Nicht liebenswert. Gescheitert.

Und manchmal weiss ich, dass diese negativen Gedanken, die mich schon so lange genauso klein halten, wie ich mich fühle, schädlich sind, nicht gut sind. Und noch seltener weiss ich, dass sie auch gar nicht unbedingt stimmen.

*

Dann las ich bei Sherry über ihr Selbstexperiment, bei dem sie, über Wochen hinweg, gegen negative und selbstabwertende Gedanken mit den positiven Gegenstücken der Gedanken interveniert hat und dass sie damit tatsächlich Erfolg hatte und ihre automatische – negative – Denkweise hin zu einem positiveren Selbstbild ändern konnte. Und Sherrys Artikel hat mich zum Lachen gebracht und zum Weinen und mir war beim Lesen heiss und kalt, weil sie dort unter anderem über ihre aus der Erschöpfung resultierende Wut schrieb, die sie dazu brachte, diese negative Denkweise über sich selber zu hinterfragen. Und an dieser Stelle ist beim Lesen etwas bei mir eingerastet.

Ich weiss, dass ich, eigentlich schon seit ich denken kann, nur wenig Selbstwertgefühl habe und ich weiss auch, zumindest überwiegend, wo die Ursachen dafür liegen, warum mir dieses Urvertrauen in mich selber und den eigenen Wert und die eigene Liebenswertigkeit und -würdigkeit so fehlt. Und seit Jahren renne ich gedanklich immer wieder vor die gleichen Wände, dass ich das zwar theoretisch und intellektuell alles begreifen kann, dass ich aber einfach aus dem entsprechenden Fühlen nicht rauskomme und auch nicht weiss, wie ich diese negativen Gedanken über mich selber abstellen soll, weil die immer und automatisch auftauchen.

Neu ist für mich durch die Denkanstöße, die Sherrys Text mir gibt – der Zweifel an bzw. die Frage nach der Berechtigung. Das Wissen, wo diese Denk- und Fühlmuster ihren Ursprung haben, hat mir nicht geholfen, die irgendwie abzustellen, in den Griff zu bekommen. Ich weiss seit Jahren, dass ich mich so oft wertlos fühle, weil ich als Kind das Gefühl vermittelt bekam, wertlos zu sein. Und ich habe das mein Leben lang so akzeptiert. Und wenn ich mir selber auch gesagt habe, dass ich ja weiss, wo das Denken herkommt, so habe ich trotzdem immer weiter akzeptiert, dass ich so denke und so fühle.

Aber ich bin nie auf die Hinterbeine gegangen und habe mich, meine Mutter oder sonst wen in der Welt gefragt, wieso zur Hölle, ich eigentlich kleiner, doofer, unfähiger, wertloser sein soll als alle anderen. Warum? Warum nehme ich immer hin, dass ich das bin, denke immer, dass ich das bin und frage nie, warum das so sein soll? Was, verflucht nochmal, mache ich denn konkret, was mich soviel schlechter macht als andere. Oder überhaupt schlecht?

Ich weiss, wo dieses negative Selbstbild seinen Ursprung hat, aber ich bin nie den Schritt gegangen, die Berechtigung davon wirklich in Frage zu stellen, sondern habe das immer einfach hingenommen. Und ich hakele gerade selber an der Stelle, dass ich ja eigentlich schon lange wusste, dass diese negativen Denkmuster schädlich sind und dass ich ja auch wusste, dass das Muster sind. Trotzdem habe ich – zumindest unbewusst – die Richtigkeit nie hinterfragt.

*

Heute Morgen wollte ich nach dem Aufstehen, noch ziemlich im Tran und mit nur einem Kaffee intus, Kuchen backen. Dafür wollte ich etwas aus einer der Schubladen aus dem Küchenschrank holen und war dabei so tief über die Schublade gebeugt, dass ich nicht merkte, dass ich mit der Front beim Rausziehen, die Klappbox vom Hocker vor der Schublade schob. Erst als es polterte und dooferweise auch klirrte.

Danach setzte wieder mein üblicher Selbstzerfleischungsalgorithmus ein – klein, unfähig, kann nicht mal ’nen Kuchen backen, zu doof zum Leben.

Aber zum ersten Mal kam mir – wenn auch deutlich zeitverzögert – die Frage in den Sinn, weswegen ich eigentlich so streng mit mir bin. Klar, das war doof gelaufen und ungeschickt. Aber ich war ja auch noch müde und nicht so fit. Und letztendlich ist doch gar nichts so furchtbar Schlimmes passiert. Auf jeden Fall nichts, das rechtfertigt, dass ich mich selber so fertig mache. Jedem anderen hätte ich in einer ähnlichen Situation gesagt: „Ach komm! Shit happens! Das kann jedem passieren und ist doch nicht so schlimm!“

Nur mir selber sage ich in so Situationen Dinge wie: „Du kannst nix! Du bist zu doof! Du bist so unfähig! Wieso versuchst du nur immer wieder überhaupt sowas zu machen? Lass es doch alles am besten gleich bleiben, dann wäre allen geholfen. Du kriegst doch eh nichts hin! Du bist soooooo doooooof! Doooof! Doooof!“

Das kann doch jedem passieren! Warum lasse ich mich selber, in der Bewertung solcher Dinge, dabei aussen vor? Es ist doch nicht so, dass ich mich für besser hielte und deswegen an mich andere (höhere) Maßstäbe anlegen müsste, sondern genau das Gegenteil. Ich halte mich für kleiner und unfähiger. Und trotzdem habe ich mit allen, die ich für besser und größer als mich halte, mehr Nachsehen und Geduld als mit mir selber? Alleine da stimmt doch was nicht…

*

Und jetzt?

Ich hoffe, dass alleine das Aufschreiben hilft, dass ein paar der Gedanken tiefer bei mir hängen bleiben. Ich will mich – zumindest wenn es mir überhaupt auffällt (oft merke ich das ja nicht mal) – in Zukunft bei Missgeschicken lieber selber trösten als mich selbst zu zerfleischen.

Ich zögere davor, mir vorzunehmen, mir selber 3 Mal täglich zu sagen, dass ich irgendetwas kann oder gut mache oder einfach ok oder liebenswert bin – aber vermutlich sollte ich genau das tun.

Ich zögere deswegen, weil es mir so schwer fällt, dort Schattierungen und Abstufungen zu erkennen, weil es sich für mich so anfühlt, als wäre das ein Kippschalter, von der Nichtigkeit hin zum Größenwahn. Ich habe immer Angst, dass ich, wenn ich nicht mehr zurückhaltend bin in der Meinung über mich, direkt arrogant sein könnte.

Aber ich weiss auch (zumindest intellektuell, auch wenn ich das emotional noch nicht begreife), dass irgendwo dazwischen vielleicht die Realtität liegt. Und dass Selbstabwertung nicht gleich Bescheidenheit ist.

Das ist alles noch sehr verworren und durcheinander im Kopf und die erste oder wichtigste Frage, die ich mir vermutlich selber beantworten muss, klaue ich bei Sherry: Warum verwehre ich mir seit Ewigkeiten das Recht, mich selber OK zu finden? Warum eigentlich?

Katja