Dieser Moment

…, wenn du das fehlende Puzzleteil, das du wochenlang überall gesucht hast, dann endlich irgendwo in der hinteren Ecke unterm Schrank findest. Wenn du es an seinen Platz legst und auf einmal das Motiv klar erkennen kannst, weil es nicht nur einfach ein fehlendes Teil, sondern DAS fehlende Teil war. Das Muster, dieses altbekannte, dieses vertraute, von dem du so lange nicht wusstest, welches es ist, liegt auf einmal deutlich vor dir und du merkst, wie du aufatmen kannst, wie du die anderen Teile in die Hand nehmen kannst und in Ruhe betrachten, wo sie hinpassen. Wenn es Klick in dir macht und sich ein Knoten endlich (endlich!) auflösen lässt oder zumindest schonmal lockerer ziehen, weil er auf einmal nicht mehr wie eingebrannt fest sitzt. Und wenn du dann merkst, dass da auf einmal wieder Platz in dir drin ist und Luft und Licht. Beim Aufräumen und Sortieren kannst du Dinge an ihre Plätze verräumen und nicht einfach nur einmal oder zweimal oder dreimal im Kreis tragen ohne zu wissen, wohin damit.

Und dann, wenn dir klar wird, dass du vermutlich tatsächlich erst mal schmerzhaft auf den Knien landen und vor Schmerz ein bisschen unten  am Boden liegen bleiben musstest, damit dir das fehlende Teil da hinten unter dem Schrank überhaupt ins Auge fallen konnte, da mischt sich unter die Wut auch ganz deutlich ein Stückchen Dankbarkeit, weil du dieses Mal weißt oder zumindest zu wissen hoffst, wie du das mit dem Muster auf die Reihe bekommen kannst und dann hoffst du, dass der Autonomiegewinn durch die Erkenntnis dir erhalten bleibt und die nächste Zeit überdauern kann.

Time will tell. Aber gerade in zuversichtlich.

Katja

 

Nebelmeer. (nT)

(Klick macht groß.)

(Alles Cuxhaven, Elbe und Nordsee, Anfang April 2017)

Katja

Das bin ich!

Drei Worte, nur 9 simple Buchstaben – und mir die immer wieder zu sagen, ist in den letzten Tagen eine meiner schwersten Übungen. Dabei stammen sie nicht mal von mir, sondern von einer Freundin, über deren Präsenz und Geduld ich bei den inneren Grabenkämpfen, die ich derzeit mit mir selber austrage, unendlich dankbar bin.

Viel zu viel – eigentlich fast die komplette bisherige – Zeit meines Lebens, habe ich damit verbracht, mich falsch zu fühlen, so wie ich bin. Immerzu immer zu. Zu irgendwas. (Hier lang.) Zu emotional. Zu offen. Zu kompliziert. Zu anhänglich. Zu verletzlich. Zu nah. Zu empfindlich. Zu anstrengend. Zu schwierig. Zu ehrlich.

Ich möchte so gerne die vielen ‚zu‘ aus meinem Leben oder zumindest meinem Denken verbannen. Ja, ich bin emotional, offen, kompliziert, anhänglich, verletzlich, nah, empfindlich, anstrengend, schwierig, ehrlich. „Dein Herz macht immer 100% mit. Bei allem und manchmal ist das schön, manchmal weniger. Aber auch das macht Dich aus & liebenswert!!!“ schreibt jene Freundin mir (und ich hoffe, sie nimmt mir nicht übel, dass ich sie hier zitiere) und bringt mich damit erst mal zum Heulen – mitten unter Menschen. Ja, ich bin emotional (q.e.d.) und wenn ein Mensch genau jene Seiten an mir, die ich immer und ewig als Schwäche und Fehler empfinde, die manchmal alles so furchtbar kompliziert machen, als meine Stärke ansieht, als das, was mich ausmacht, ist das ein ziemlich krasses Gefühl.

Und vielleicht ist genau das der Gedanke, der mir dabei helfen kann, besser mit mir auszukommen. Das bin ich! Und das ist oft anstrengend (für mich und in meinem Kopf vermutlich in noch größerem Ausmaß als für mein Umfeld), aber es ist eben nicht per se schlecht. Ich kann nicht halbherzig und oberflächlich – auch wenn ich es manchmal wirklich gerne können würde, weil vieles dann vermutlich einfacher wäre. Aber dafür gibt es im Gegenzug auch immer Ganzherzigkeit und Verlässlichkeit von mir. Wenn Menschen einen Platz in meinem Herzen haben, dann haben sie den in der Regel auf Dauer. Und wenn sie gehen, bleibt auch nach langer Zeit meist eine freie Stelle, mit einer Silhouette desjenigen.

So langsam komme ich dahinter, dass es tatsächlich eine Superheldenfähigkeit ist, Menschen so nah an sich ranlassen zu können. Und das ist eine meiner Eigenschaften, die ich gegen nichts eintauschen möchte. Ich will Menschen nah sein, auch wenn das häufiger mal weh tut. Das gehört vermutlich irgendwie zu dieser Nähe dazu.

Wieder mal viel Auseinandersetzung mit mir selber gerade, same same but different, und vielleicht gerade ein Schritt vorwärts. Ein kleiner zumindest.*

Das bin ich!

Katja

[*Zumindest bis in 10 Minuten, wenn mein Kopf in die nächste Runde der ZU-irgendwas-Achterbahn einsteigt, den Selbsthasshaltebügel fest auf die Schultern gepresst…]

Spaziergang: Wortbeute – Bildbeute

Und dann raus, den Gedanken entfliehen, es zumindest versuchen, so tun als ginge das besser, wenn du dem Drinnen entfliehst, buchstäblich, dem eigenen Drinnen und dem zu Hause Drinnen, die Füße auf den Boden setzen, Bodenhaftung suchen, Schritt für Schritt für Schritt, so lange und schnell bis du nicht mehr merkst, dass du eigentlich zu dünn für das Wetter angezogen bist. Schritt. Bodenhaftung, der Gedanke geht dir seit Tagen durch den Kopf als er dir am Strand kam, wo du nicht nur auf dem Boden, sondern sogar ein deutliches Stück in den Boden eingesackt, standest, Bodenhaftung und dass sie dir vor einer Weile abhanden gekommen ist, zwischen all dem Tun und Machen und Unterwegssein. Schritt. Zu wenig Zeit mit deinem Kopf und Bauch, wobei das nicht stimmt und du verkneifst dir das eigentlich, weil es tatsächlich und nicht nur eigentlich nicht stimmt, zu wenig Zeit, in der du mit dir gut zurecht kommst, grundsätzlich mangelt es gar nicht so sehr an Zeit, aber du bist dauernd auf der Flucht vor dir selber. Schritt. Das, was dich beschäftigt, glitscht dir durch die Finger oder meinetwegen auch die Hirnwindungen, auf jeden Fall glitscht es und lässt sich nicht (be-)greifen, nicht fassen, nicht festhalten, aufdröseln, genauer betrachten, es flutscht und glitscht und rollt sich in einer Ecke zusammen und du bekommst immer nur wieder die gleiche Seite zu sehen, von der du genau weißt, dass sie nur ein Trugbild ist. Schritt. In Teilen ist es so wie es immer war, du ringst um Verstehen und Begreifen, um Worte, die das beschreiben können, was in dir los ist. Schritt. Neu ist, dass du nicht mal genau verstehst, was da in dir los ist, also ausnahmsweise nicht nur, wo es herkommt, sondern auch noch, was es überhaupt mit dir macht. Schritt. Und warum. Schritt. „Bleiben Sie bei sich“, dröhnt es in deinem Kopf und du fragst dich, wo du gerade überhaupt bist und wie du bei dir bleiben kannst, wenn du nicht mal weißt, wo du bist. Schritt. Also erst mal festen Boden suchen, dich auf das besinnen, was das für dich ausmachen kann, gucken, wo du stehst. Und dann weiter. Schritt für Schritt für Schritt. (Klick macht groß)

Katja

Momentaufnahme: am Meer

Ist das Revolution
Wenn man schließlich erkennt
Dass man mitten in sich
Plötzlich lichterloh brennt
Ist das Evolution
Wenn das All expandiert
Und das Oben zum Unten
Zum Überall wird

Schließ eine Tür vor mir
Ich reiß die Mauern aus
Bringe sie hinter mich
Und stell sie wieder auf

Ist das Revolution
Wenn das Drängen mich weckt
Dass in jeder Aktion
Ein Stück Endlichkeit steckt
Ist das Evolution
Wenn das Wissen erwacht
Dass der Stillstand aus uns
Stille Teilhaber macht

Ewigkeit sie zieht sich
Zum Ende hin nur ewig
Für Zeit gibts nur ein Maß
Zu viel oder zu wenig

(von Brücken, Das Türen-Paradoxon)

Hier jetzt: eindeutig zu wenig. Seit Freitag bin ich am Meer, auf der Suche nach Wind, der mir den Kopf durchpustet und mir dabei hilft, den seit Monaten so verschwurbelten Kopf ein bisschen aufzuräumen, auf der Suche nach der Weite des Horizonts im Blick, die mir dabei hilft, das seit Monaten sehnsuchtsvolle Herz ein bisschen zu kurieren und es ist, wie es leider immer dort ist, wo man sich am wohlsten fühlt: alle Zeit ist viel zu kurz und jetzt muss ich morgen schon wieder hier weg und bin doch längst noch nicht fertig mit dem Wind und der Weite, mit dem Kopf und dem Herzen, mit dem Aufräumen und Kurieren.

Lose, unsortierte Sammlung an Dingen, die mir in den drei Tagen hier (wieder sehr) bewusst geworden sind:
Ich ticke, denke und fühle in Wellen und Schichten.
Wenn mich eine Welle unerwartet erwischt, haut sie mir innerhalb kürzester Zeit den Boden unter den Füßen weg und oft fühle ich mich, als würde ich mit dem Rücken zum Meer stehen und sie nicht kommen sehen.
Die Anordnung der Schichten überrascht mich manchmal und ist für mich oft unverständlich. (Prioritäten? Aber falls, welcher Teil von mir bestimmt die?)
Ich verstehe vor allem mein Fühlen viel weniger als mir lieb ist, da fehlt mir oft Basis und Stabilität, was mich oft mit dem Kopf untertauchen lässt und die Orientierung, wo oben und wo unten ist, verlieren lässt.
Ich kann auch am Meer immer noch fast schmerzhafte Sehnsucht spüren. (Wobei hier gerade leider auch wenig Weite verfügbar ist. Blöde Tidezeiten, Nebel, der den Horizont abschneidet und quasi keine Wellen und Wellen und Weite sind doch genau die Sehnsuchtsheiler.)
Ich bin viel zu ungeduldig (mit mir) und habe keine Idee, wieso das so ist.
Ich hab mich im letzten Jahr stärker verändert als vermutlich in den 10 Jahren vorher zusammen und das meiste davon ist ziemlich gut.
Manche Dinge haben sich kein Stück weit verändert und das ist längst nicht immer gut.
Ich hab kaum noch Angst im Vergleich zu früher und das ist vielleicht die großartigste Sache überhaupt.
Vor allem habe ich viel weniger Angst davor, herauszufinden, wer ich bin und vor allem keine mehr, dass ich Teile von mir verlieren könnte. (Vielleicht macht’s Sinn sich nochmal neu zu verirren, denn jede Suche führt uns näher zu uns. [Schon wieder von Brücken, Gold gegen Blei])
Ohne Musik geht gerade wenig und ich hänge andauernd emotional in Songtexten fest.

Ich will hier morgen nicht wieder weg. Noch nicht. Ich bin noch längst nicht fertig mit dem Meer und der Weite im Blick und den Wellen vor den Füßen und manchmal um die Füße und dem Sand in den Schuhen und dem Salz auf den Lippen und der Sonne auf der Nase und dem ganzen Denken und Fühlen.

Katja

Geschützt: Kopfstand

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Eins. Zwei. Drei.

Mit meinen schönsten und buntesten Stiften habe ich die Sehnsucht auf deine leinwandweiße Haut gemalt und in der gleichen Sekunde vergessen, dass es die Farben meiner Träume sind und nur von außen aufgemalt.

Dann, auf einmal, stehe ich bis zu den Knöcheln in einer bunten Pfütze. Einatmen. Ausatmen.

 

Und auch das größte Wunder geht vorbei
Und wenn es dich nicht loslässt zähl bis drei
Und es geht vorbei es geht vorbei
Es geht vorbei es geht vorbei

 

 

Den Blick geradeaus, nicht nach oben, widerstehe ich der Versuchung, in der Pfütze zu springen, halte die Füße still, atme ein, atme aus. Ein. Aus. Ein. Eins. Zwei. Drei.

Katja