Tagebuchbloggen 27.05.2020

Blöde Neuigkeiten von der Reha-Front. Wir werden schon wieder neu in Gruppen eingeteilt und ich bin ausgerechnet nicht mehr mit N. in der Gruppe. Sie zu sehen, war gerade das einzig gute an den Präsenztagen. *soifz*
Ansonsten war der Tag aber ganz gut.
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Ich hab die Haare endlich wieder schön und sie sehen zum Glück nicht aus als sei ich direkt vom Friseurstuhl gesprungen. Karamell nannte A. die Farbe, die sich auf meinem Kopf jetzt aus mehreren Generationen Strähnchen, nur Ansatzsträhnchen und Naturfarbe zusammenmischt und das gefällt mir nicht nur seines Namens wegen gerade ganz gut.
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Eigentlich wollte ich nur mal kurz auf den Rhein gucken, wenn ich friseurinbesuchsbedingt eh in der Kleinen Stadt war, aber dann bin ich doch ein ganzes Stück spazieren gegangen und das war ziemlich gut. Ruhe im Kopf, um Menschen zu beobachten, die außer mir unterwegs waren und trotzdem heute mit ausreichender Distanz, so dass mich die vielen Menschen nicht wieder überfordert haben.

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Mit wehenden Haaren und den Autoscheiben auf beiden Seiten runtergekurbelt (ja, ich weiß, man kurbelt schon lange nicht mehr, aber in meinem Kopf heißt es immer noch so), lauthals die Musik mitsingend nach Hause gefahren und es war mir nur ein bisschen peinlich als ich an der Ampel bemerkt habe, dass ich ein paar Radfahrer gut unterhalten habe.
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Selten fühle ich mich erwachsener und vernünftiger als wenn ich alle halbe Jahre freiwillig einen Zahnarzttermin zur Kontrolle und PZR ausmache. „Sind Sie auch wirklich gerade nicht erkältet und hatten keinen Kontakt zu Corona-Infizierten?“ und wie schräg ist das eigentlich, dass man das fragen muss und die Leute nicht gefälligst eh freiwillig zu Hause bleiben (und zumindest nicht zum Zahnarzt gehen), wenn es so ist?
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Ansonsten habe ich heute viel geschafft und ausnahmsweise merke ich es auch und es fühlt sich danach an. Und dann hab ich auch noch Kartoffelsalat nach dem Rezept meiner Uroma, den es gleich zu Scholle gibt. Könnte tatsächlich alles schlimmer sein.

Feierabend!

Katja

Spannungsabfall

Zu viele Menschen heute, zu viel geredet, zu viele Spannungen und gerade als ich das aufschreibe, fällt mir auf, dass Entspannung ja tatsächlich den Spannungsabfall beschreibt (und man muss ihn nicht mal berechnen). Meine heute. Also Entspannung. Ohne viele Worte, dafür mit vielen Bildern. (Klick macht big)

Katja

Tagebuchbloggen 25.5.20

Ich hab gerade zum ersten Mal seit langem wieder täglich eine todo-Liste am Start und bin noch nicht sicher, ob das jetzt gut ist und sich nach „juhu, was geschafft“ anfühlt oder ob es doch wieder eher das Gegenteil bewirkt, weil ich dazu neige, dann alles zu notieren, damit ich nur ja nichts vergesse und dann wächst die Liste sehr viel schneller als ich’s abarbeiten kann und es fühlt sich ewig nach Druck und viel „müsste jetzt dringend“ an. Hmm. Hmm. Mal beobachten. Diese Woche geht’s nicht ohne. Zu viele Termine, zu viel was damit zusammenhängt, woran ich denken muss.
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Sagte ich schon „Ufff!“? Nach so langer terminarmer, wenn nicht sogar terminloser Zeit schafft es mich gerade tatsächlich sehr, viele oder überhaupt wieder Termine zu haben. Aber das kenne ich schon von mir, dass ich immer eine Weile brauche, mich damit zu akklimatisieren, wenn ich viel Zeit nur zu Hause verbracht habe.
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Heute ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, dass ich die erste schlimme depressive Episode gar nicht 2001 als mein kompletter Zusammenbruch war, hatte, sondern schon 3 Jahre vorher in der Zeit zwischen Abi und Studienbeginn. Meine Erinnerung an die Zeit ist vage (ach, das kenne ich doch irgendwo her) und ich hab immer nur gedacht, ich sei damals in ein Loch gefallen, weil ich nach dem großen Stress, den ich mir des Abis wegen gemacht hatte, erst mal nichts mit mir anzufangen wusste. Heute ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass ich damals schon mal diese Einigelungsnummer gebracht habe und fast schlagartig nach der Abiprüfung den Kontakt zu fast allen, mit denen ich Abi gemacht habe, abgebrochen habe. Mir war das gar nicht bewusst, wie sehr der Rückzug immer von mir ausging, ich hab mich stattdessen oft außen vor und nicht dazugehörend gefühlt. Das hat mich ganz schön erschüttert und ich muss wohl auch das auf die tothinkabout-Liste setzen. Diese Zeit und wie es mir da ging war mir völlig durch die Lappen gegangen.
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Rausgehen und unter Menschen ist gerade noch anstrengender als ich es ohnehin schon finde. Punkt.
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Mit Freuden festgestellt, dass immer noch gilt, dass ich von manchen Autoren wirklich jedes Buch innerhalb weniger Seiten liebe. Nick Hornby ist so einer und ich habe gerade „Juliet, naked“ angefangen.
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Jetzt: müde, aber zugleich unruhig, weil die Woche so viel Programm hat. Morgen ist der erste Präsenztag der Woche und der Wecker klingelt früh, ich sollte also mal zusehen, ins Bett zu kommen. Oh und vorher noch Klamotten raussuchen – das klappt morgens so früh und so müde nur semigut und ich brauche ewig, um mich zu entscheiden. Und die Bildschirmbrille einpacken, sobald ich sie gleich von der Nase nehme. Und an den USB-Stick denken.
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Und ihr so?
Katja

Titel hier eingeben

„Warum erlaubst du dir eigentlich nicht, glücklich zu sein?“ fragte mich vor 1,5 Jahren eine Frau, die ich damals erst ein paar Tage lang kannte und der ich ein bisschen von mir erzählt hatte und die ich dann über ein Jahr lang nicht gesehen und jetzt in ganz anderem Kontext wiedergetroffen habe und regelmäßig sehe und das ist ganz gut so, denn fast jedes Mal, wenn ich ihr begegne, habe ich genau diese Frage wieder im Kopf, die leider immer noch genauso aktuell ist, wie vor 1,5 Jahren.

„Warum erlaubst du dir nicht, glücklich zu sein?“ Weil ich’s nicht verdiene, ist die Antwort tief in mir drin, die dort immer noch lauert, auch wenn ich es mir noch so sehr wünsche, dieses Glücklichsein und auch wenn ich es absolut nicht will, dass das mit dem Nichtverdienen die Antwort ist. Ich bin so vollgepackt mit inneren Verboten und Geboten, mit Glaubenssätzen, die gar nicht die meinen sind, mit Fremdwertzuweisungen, da wo es um Selbstwert gehen sollte und immerhin merke ich das inzwischen, auch wenn ich immer noch nicht raus kann aus meiner Haut, so ist mir inzwischen zumindest klar, wo das alles herkommt und was es genährt hat und zumindest manchmal gelingt mir der Schritt zurück und ich kann es aus der Distanz betrachten und in Frage stellen.

Zur Abwechslung mal nicht mich selber in Frage stellen, sondern das Falsche in mir, was das Richtige ist, um in Frage gestellt zu werden. Ergibt das außerhalb meines Kopfes Sinn?

Katja

Nur Blei

Und dann merkst du, wie du gerade gleichermaßen fürchtest auf dich selber zurückgeworfen zu werden und doch hoffst, dass du dadurch endlich wieder mehr von dir zu greifen bekommen könntest.
„Vielleicht macht’s Sinn sich nochmal neu zu verirren, denn jede Suche führt uns näher zu uns.“ So viele Jahre schon, hast du die Textzeile aus „Gold gegen Blei“ von von Brücken in der Seitenleiste deines Blogs stehen und jedes Mal, wenn du sie siehst, denkst du, dass Nicholas wahrscheinlich wirklich der einzige ist, dem du das „Sinn machen“ lächelnd durchgehen lassen kannst und wie ironisch es eigentlich ist, dass gerade diese Textstelle so enorm wichtig für dich ist, dass du sie trotz des dich ansonsten immer störenden Machens so prominent im Blog stehen haben willst. Aber herrje, wie lange soll denn dieses sich neu verirren noch dauern? Wann kannst du denn endlich mal wieder bei dir ankommen? Und wie sollst du das anpacken? So viel Veränderung in den letzten Jahren, wie sollte das Gefühl, das dir so fehlt, denn zu dir zurückfinden, wenn dein ganzes Leben sich so verändert hat? Oder umgekehrt, wie solltest du es wiederfinden können? Wann ist das große Verirren endlich vorbei? Wann führt die Suche dich wieder näher zu dir selbst? Und wie zur Hölle solltest du das eigentlich anpacken mit der Suche? Wo gibt’s die Taschenlampen für die Suche nach dir selbst, wo die Spürhunde? Wie geht das alles überhaupt? Und wann wird und wird überhaupt diese große Unsicherheit und Ratlosigkeit sich wieder mal lichten?

Ufffff. Einatmen. Ausatmen. Geht schon Schnaps?

Katja

Tagebuchbloggen 20.5.20

Ich merke, wie das tägliche Bloggen mich gerade dazu bringt, wieder aufmerksamer dafür durch die Gegend zu stapfen, was mir am Ende des Tages aufschreibenswert erscheint. Das ist gut, weil es insgesamt dazu führt, dass ich fokussierter bin.

Heute ist da zum Beispiel die Sonne auf dem Weg morgens, wie sie durch die Wolken bricht und Transporterstrahlen zur Erde schickt und die Mutter mit ihrer Tochter auf dem Beifahrersitz, die ich an 3 roten Ampeln in der Stadt hinter mir habe und die allem Anschein nach an jeder Ampel einen Wettbewerb im Kaugummiblasenmachen austragen und sich dabei köstlich amüsieren – und zum Glück durch ihre Kaugummis so abgelenkt sind, wie ich durch das Geschehen im Rückspiegel, so dass wir beide verpassen als die Ampel grün wird.

Da ist außerdem die Ratlosigkeit, wie ich mit einer gewissen Situation umgehen soll, wie einem Menschen begegnen, der, sobald man ansetzt, ihm eine Frage zu stellen, nach einem halben Satz dazwischen geht, weil er glaubt zu wissen, welche Frage kommen wird, dann weitschweifig anfängt etwas zu beantworten, was nicht gefragt war und einem keine Chance lässt, nun umgekehrt dazwischen zu gehen, um zu sagen, dass man auf etwas ganz anderes hinauswollte und der dann, wenn er fertig ist mit seiner Antwort auf eine ungestellte Frage und wenn man dann die Frage zu Ende stellt, die man direkt schon stellen wollte, ungehalten reagiert, weil er da jetzt nun nicht auch noch drauf eingehen kann, wo er doch gerade schon so lange erklärt hat und mit einer Frage müsste es ja nun auch mal gut sein, die andere könne man wann anders und an anderer Stelle stellen. Inzwischen zeichnet sich ab, dass das kein einmaliges Erlebnis war, sondern jedes Mal so abläuft. Es. ist. so. unfassbar. anstrengend. Und es bringt mich keinen Millimeter voran, weil ich meine echten Fragen niemals stellen kann und inzwischen glaube ich, es ist auch besser, es gar nicht mehr zu versuchen. Antworten bekomme ich ohnehin keine, dann kann ich mir auch diesen Kraftakt sparen und gleich alleine versuchen, eine Lösung zu finden. Aber eigentlich war das nicht so gedacht.

Und dann hab ich noch zwei Termine ausgemacht, die mich tatsächlich voranbringen werden und einen dritten angeschoben und vielleicht ist mir ein bisschen übel, weil sich Termine ausmachen, auch wenn es eigentlich nichts besonderes ist, worum es geht, so wirklich anfühlt.

Katja

tothinkabout

Wenn dir auf einmal auffällt, dass einer der Sätze, die du gerade am häufigsten denkst „da muss ich unbedingt mal drüber nachdenken“ ist und du ernsthaft darüber nachdenkst, ob es wohl funktionieren könnte, analog einer todo-Liste eine tothinkabout-Liste anzulegen. Wenn da nicht das Problem wäre, dass es ja umso schwieriger wird, ruhig zu bleiben und konzentriert und fokussiert nachzudenken, je mehr Druck da ist und alleine die Länge der aktuellen Liste würde quasi direkt zu Überforderung führen und die ist nun wirklich kein guter Begleiter.

Zu viel auf der tothinkabout-Liste, das ist noch schlimmer als zu viel auf der todo-Liste, weil stures Abarbeiten auch unter hoher Last immer noch irgendwie funktioniert, irgendwie besser zumindest, als in Ruhe nachzudenken. Und wahrscheinlich ist genau das der Grund, weswegen du nur darüber nachdenkst, dass du darüber nachdenken müsstest, aber das eigentliche – auf ein Ziel und/oder Ergebnis fokussierte -Nachdenken bleibt aus und die imaginäre Liste wächst und wächst und wächst dieser Tage. Vielleicht also doch Dinge notieren? Alleine schon, um sie nicht zu vergessen? Und dann die Liste erst mal beiseite legen und nur als Gedächtnisstütze behalten, nicht um sie wirklich abzuarbeiten? Vielleicht macht sie dann weniger Druck und rumort nicht so im Hintergrund?

An den begrenzten Ressourcen merkst du am deutlichsten, wie (heraus-)fordernd diese Zeit gerade ist. Das, was im Draußen passiert, das was drinnen passiert und wäre es sprachlich nicht enorm elegant, wenn man Dinge, die man in sich drin und mit sich selber ausmachen muss, Herein- oder noch schöner Innendrinforderung nennen würde?

Katja