Jetzt gucken Sie doch mal!

„Jetzt gucken Sie doch mal!“, sagt die kleine Frau und dann legt sie mir den Arm um die Schulter und dreht mich in die von ihr gewünschte Richtung, wo ich hingucken soll. „Ist das nicht wunderschön geworden?“, fragt sie während sie mit dem freien Arm, der nicht um meine Schulter liegt, in Richtung der Tomaten fuchtelt. „Gucken Sie! Ich hab da erst rechts die Tomaten eingeräumt und wollte schon die anderen direkt daneben packen, aber dann dachte ich „machste erst noch was Gelbes dazwischen, für den Kontrast“ und dann hab ich die gelben Zucchini entdeckt und dann wieder Tomaten und da noch ein grüner Streifen aus Frühlingszwiebeln und sehen Sie das, dass ich die sogar mit den Wurzeln abwechselnd sortiert habe?“ und während sich dieser Wortschwall in meine Richtung ergießt und ich zwar immer noch völlig irritiert bin, über die spontane und andauernde Berührung einer Fremden, merke ich doch, dass mich das Anfassen gar nicht so sehr stört, wie es eigentlich in einer solchen Lage der Fall wäre, denn diese kleine, ältere Frau ist ganz und gar entzückend in ihrer Freude und Begeisterung über ihr Werk – die farblich und auch ansonsten ansprechende Sortierung des Tomatenregals im Rewe. Und statt mich also unangenehm zu winden und aus ihrer Umarmung zu befreien, drehe ich mich zu ihr um, strahle sie ebenso breit an, wie sie mich und versichere ihr, dass das wirklich wunderschön aussieht und dass sie das wirklich gut gemacht hat.

Und dann gehe ich grinsend weiter – nicht ohne welche von den hübsch drappierten Tomaten und den Frühlingszwiebeln zu kaufen – aber auch ein bisschen betrübt, weil ich selber diese Fähigkeit nicht habe, mich so ausgelassen über etwas zu freuen oder stolz darauf zu sein, was ich selber gemacht habe und das auch laut herauszulassen. Aber Mitfreuen, das kann ich gut!

Katja