Haftnotiz*

Ich hab heute viel über genügen nachgedacht und noch mehr über nicht_genügen und wie es kommt, dass mein Kopf dafür sorgt, dass aus einem „das genügt mir nicht“, am Ende das Gefühl wird, selber nicht zu genügen. Jedes zarte aufkommende Selbstbewusstsein richte ich irgendwann doch wieder gegen mich selber, weil das Muster so vertraut ist, die Formel „ich genüge nicht“ – und das ganz egal, wie sehr ich mich anstrenge und was ich auch tue – so tief eingebrannt ist, weil sie immer noch besser als gar keine Erklärung war. Und wer bin ich denn, dass ich überhaupt das Recht auf einen Anspruch hätte, das kann ja doch nur ein Fehler sein. Mich klein denken, mich klein fühlen, mich selber klein halten – aber immerhin ist der Boden da doch so vertraut, dann kann er doch nicht so verkehrt sein. Uffff. Doch. Isser. Vielleicht sollte ich mal ein bisschen meines Mutes (dass ich den habe, weiß ich immerhin, vielleicht meine beste und wertvollste Eigenschaft) dafür aufwenden, den Schritt aus dem Schatten, in den ich mich selber immer wieder verbanne, ins Licht zu machen. Es ist ok, wenn man mich da sieht. Ich darf da sein. Ich darf sein. Ich darf. Ich.

Katja

 

(*damit das, was drin steht, vielleicht hoffentlich endlich bei mir haften bleibt und das sollte ich _eigentlich_ wieder viel häufiger tun, Gedanken aufschreiben, um sie zu konservieren)

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Für nichts.

Ich weiß nicht, ob du noch darauf wartest, dass ich mich heute melde oder ob du die Hoffnung, dass deine widerspenstige Tochter gefälligst den Muttertag würdigen soll, inzwischen aufgegeben hast. Es sind jetzt wohl an die 20 Jahre, in denen ich mich an diesem Tag sehr bewusst nicht mehr bei dir melde. Und genauso lange bin ich an dem Tag von Schuldgefühlen zerfressen, weil ich genau weiß, dass dich trifft, dass ich den Tag ignoriere. So oft habe ich versucht, mit dir darüber zu reden, was damals passiert ist, habe gehofft, ein Zeichen von dir zu bekommen, dass du wahrnimmst, was du mir angetan hast, dass du deine Schuld anerkennst und es dir leid tut. Jeden verdammten Tag meiner Kindheit habe ich Prügel bezogen, weil du jeden verdammten Abend haarklein Bericht erstattet hast, was die Kinder den Tag über ‚verbrochen‘ haben. Du bist nie auf die Idee gekommen, ‚da war nichts, die waren lieb‘ zu sagen. Stattdessen hast du Kleinigkeiten aufgebauscht, damit es wirklich jeden Tag einen Grund für Sanktionen gab. Und jetzt bin ich diejenige von uns mit den Schuldgefühlen, weil ich immer noch das unartige Kind bin, dass sich am Muttertag nicht bei seiner Mutter meldet, obwohl die doch immer alles richtig gemacht hat und eine gute Mutter war. In ihrer Wahrnehmung.

„Ihre Mutter kann das gar nicht anerkennen. Die muss sich ihre eigene Wahrheit zurechtbiegen, das Märchen von ihr als guter Mutter, in der sie alles für ihre Kinder getan hat, weil sie – wenn sie der Wahrheit ins Gesicht sehen würde – unter der Schuld zusammenbrechen würde, die sie sich aufgeladen hat und damit nicht würde weiterleben können.“ sagt der beste Therapeut irgendwann zu mir und wortähnlich sinngleich die Vertretungstherapeutin in der Klinik. Und dann bin ich wieder diejenige, die bei sich sucht, sich fragt, ob sie dann nicht ebenso Schuld auf sich lädt, wenn sie ihre ‚arme‘ Mutter so abstraft, sich dem Kontakt so entzieht, sich nicht (mal) am Muttertag meldet. Die bei sich sucht und sich fragt, ob sie nicht diejenige sein müsste, die einlenken müsste, wenn ihre Mutter doch eigentlich gar keine Chance hat, sich der Vergangenheit zu stellen, weil das zu schmerzhaft wäre. Müsste ich dann nicht versöhnlicher sein und wer weiß, wieviel Zeit dafür überhaupt noch bleibt und ob ich nicht hinterher irgendwas bereue, nicht getan zu haben, wenn’s dann zu spät ist. Aber ich hab so lange die Verantwortung für alles übernommen, die ‚Schuld‘ bei mir gesucht, mich mit Selbsthass gequält, weil ich so verkehrt bin, dass nicht mal meine Mutter mich lieb hat.

„Es liegt nicht an dir, sondern an ihr.“ schrieb der gute Freund mir über Monate hinweg jeden einzelnen Morgen, damit die Botschaft sich bei mir einbrennt. Und doch, genau heute kommen wieder all die Zweifel hoch, ist die Sehnsucht nach einer Mutter, bei der man sich am Muttertag melden möchte, so groß und wird der Mangel in mir drin so deutlich und schmerzt so sehr.

Katja