Wie geht das denn? #8c heute: Tagesklinik

Hier fängt’s an: Link, hier ist Teil 2: Link

Vielen Dank für eure Rückmeldung in den Kommentaren und auf Twitter. Ich mache dann mal in der gleichen epischen Breite weiter. 🙂

Inzwischen bin ich vor einer Woche (nach insgesamt 12 Wochen dort) aus der Tagesklinik entlassen worden und muss mich erst mal wieder in meinen normalen Alltag einfinden. Bevor die Erinnerungen zu sehr verblassen, schreibe ich also lieber mal zügig weiter.

Dienstags nach der Morgenrunde kam der eher unbeliebteste Teil der Woche: Wiegen und Blutdruck messen im Stationszimmer und natürlich haben wir dienstags erst danach gefrühstückt. Man will ja so leicht wie möglich davon kommen. 😀

Direkt vorm Mittagessen gab’s dienstags 100 Minuten KBT, was für Konzentrative Bewegungstherapie steht und wenig mit Sport oder „Turnen“, wie es ein Mitpatient immer genannt hat, zu tun hat. Bei der KBT ging es vor allem darum, mal weg von der Dauerverkopfung zu kommen und sich selber auf anderen Ebenen und vor allem auf jener des Körpers zu spüren. Die Eingangsfrage war dort meistens „Wie geht es Ihnen auf den 3 Ebenen? Wie geht es Ihnen körperlich? Wie geht es Ihnen auf der Gedankenebene? Was beschäftigt Sie da gerade? Und wie geht es Ihnen auf der Gefühlsebene?“, dann hat die Therapeutin versucht, irgendwie aus unseren Antworten etwas rauszuholen, das möglichst allen Bedürfnissen gerecht wird und auch im Tun und in der Bewegung ging es immer darum, nachzuspüren, was das gerade mit einem macht und wie es einem dabei geht. Oft in Verbindung mit Musik, die mit unterschiedlichem Tempo und unterschiedlicher Intensität zu verschiedenen Bewegungen anregen sollte. Ich glaube, nirgendwo hat es sich so krass wie in der KBT ausgewirkt, wenn die Gruppe gewürfelt wurde und neue dazu gekommen sind, weil das meist erst mal wieder dazu geführt hat, dass man sich vorsichtiger bewegt und zurückhaltender ist und eigentlich sagt das ja schon ziemlich viel aus, wie schambesetzt die Körperebene dann doch immer wieder ist und wie schwer das ‚dance like nobody’s watching‘ fällt.

Mittwoch Vormittags war Chefärztinnenvisite. Dafür kommt die Chefärztin der Station in die Ruheräume und besucht jeden an seinem Sessel. Da die aber ansonsten gar nichts bis wenig mit unserer Therapie zu tun hatte, war das eigentlich auch die sinnloseste Veranstaltung der ganzen Woche, denn in 3-5 Minuten zu erörtern, wie’s einem gerade geht und wo man in der Therapie steht – ob man das macht oder nicht, ist vollkommen egal und hat keinen Einfluss auf die Therapie.

Der Mittwoch war aber trotzdem einer meiner Lieblingstage, weil nach dem Mittagessen 100 Minuten Kunsttherapie auf dem Plan stehen. 🙂

Am vollgepacktesten ist der Donnerstag. Es fängt an mit Lockerung statt der üblichen Morgenrunde und das bedeutet zum ersten von insgesamt 3 Malen an dem Tag, in den Keller in den KBT-Raum, wo auch unter anderem die Lockerung stattfindet, zu stapfen. Schuhe aus – Antirutschsocken an und seit ich mir kurz vor Weihnachten in der Lockerung beim Fall auf den Hinterkopf und Rücken eine leichte Gehirnerschütterung geholt habe, achtet die Pflege auch sehr akribisch drauf, dass die wirklich antirutschend sind. In der Lockerung haben wir häufig Qi Gong gemacht, was ich dort für mich entdeckt habe und auch zu Hause noch immer mal mache, die schönsten Donnerstage waren aber mit Frau S., bei der wir meist gespielt haben und dabei schallend gelacht – angefangen beim pantomimischen Erklären von Sprichworten über Ballspiele, die mit Konzentration zu tun hatten, weil jede Ballfarbe in einer bestimmten Reihenfolge durch den Kreis geworfen werden musste bis hin zu einer Aufmerksamkeitsübung, wo wir uns zu zweit gegenüberstanden, einander eingehend betrachtet haben, uns dann jeweils umdrehen und ein kleines äußerliches Detail verändern mussten, was der andere dann beim Wiederumdrehen rausfinden musste. Den Vogel abgeschossen hat dabei Mitpatientin T., deren Veränderung KEINER erraten hat. Sie hat bei jedem Partnerwechsel ihre grauen Socken wahlweise an- oder ausgezogen und trug darunter schwarze Socken. Den Unterschied hat keiner rausfinden können. Erstaunlicherweise waren wir vorher immer total unmotiviert, wenn Lockerung statt Morgenrunde auf dem Plan stand, aber hinterher ging es uns allen immer gut – vor allem, wenn wir den Tag mit viel Lachen begonnen hatten.

Donnerstags um 10 Uhr war die Rezeptive Musiktherapie. Rezeptiv bedeutet, wir haben dort nicht selber aktiv Musik gemacht, sondern zusammen Musik gehört und geguckt, was sie mit uns macht. Dafür hat jeder irgendwann, wenn er an der Reihe war, irgendwas um 4-6 Lieder ausgewählt und mitgebracht und den anderen vorgestellt. In der Stunde kann man dann beliebig viel selber zu seinen mitgebrachten Liedern sagen und die anderen können (aber müssen nicht) sagen, wie’s ihnen beim Hören geht. Das war meist eine eher träge Veranstaltung und es kam kaum zu Gesprächen, aber ich fand schon alleine den Teil ziemlich gut, mich selber damit auseinanderzusetzen, welche Songs ich präsentieren möchte und warum. Ich hab’s beim Aussuchen mit der Twitter-Timeline geteilt und da kam tatsächlich mehr Feedback als in der Therapiegruppe. Falls jemand mithören möchte, hier ist der Tweet, mit dem es losging und in den Antworten sind dann die einzelnen Songs verlinkt und meine Gedanken dazu, wieso die für mich wichtig sind: (Ein Klick auf’s Datum und die Uhrzeit im Tweet führt einen in den Thread)

Donnerstags, auch noch vorm Mittagessen ist Entspannung und nach der Musiktherapie ist das die dritte Veranstaltung, die im KBT-Keller stattfindet. Bei der Entspannung gibt’s immer entweder eine Achtsamkeitsübung in Körperwahrnehmung und Autogenes Training oder PME, das für Progressive Muskelentspannung steht, dann eine Buddhistische Atemübung und Stretching und es gilt die ungeschriebene Regel, dass wer einschläft und dabei schnarcht, der Pflege Apfelkuchen oder – wenn Frau S. die Entspannung macht – ein Mettbrötchen schuldet.

Nach dem Mittagessen findet dann nachmittags noch die somatische Visite statt, bei der alle nacheinander bei der Oberärztin antreten. Besprochen werden körperliche Beschwerden, Medikation, aber auch hier der Therapiefortschritt und was gerade an Themen anliegt.

Und dann schließlich Freitag und alle sind echt wochenend-ausruh-schlaf-bedürftig. Nach der Morgenrunde ist um 9 Uhr die zweite Gruppentherapiestunde der Woche, vorm Mittagessen nochmal 100 min KBT und nachmittags um 15 Uhr die Abschlussrunde, bei der Organisatorisches für die kommende Woche geklärt wird, zB wer den Küchendienst übernimmt und wer die Neuaufnahmen auf dem Gelände rumführt und alles erklärt und die Therapieräume zeigt.

Das ist der wöchentliche Rahmen, der für alle gleich ist. Zusätzlich gibt es noch diverse Gruppen, zB die Sozialkompetenzgruppe, die Angst- und Zwanggruppe, die Traumagruppe und einige mehr, in die man nach einigen Wochen in Absprache mit der Einzeltherapeutin geht. Und außerdem hat jeder pro Woche zwei Einzeltherapiesitzungen, ein langes Einzel, das 50 min dauert und ein kurzes, das 25 min dauert und ein Bezugspflegegespräch, das eigentlich 25 min dauert, aber bei meinem supertollen Bezugspfleger meist auf eine Stunde ausgedehnt war.

Und darüber hinaus ist die Pflege auch immer ansprechbar, wenn akut etwas anliegt – angefangen bei Panikattacken, Heulkrämpfen, aber auch solchen Dingen wie Formulare für die Krankenversicherung ausfüllen, wenn jemand damit gar nicht klar kommt.

Dass zwischendrin immer wieder so viel Leerlaufzeit da ist, ist ausdrücklich so gewollt, weil die Dinge, die in den Therapien hochkommen ja auch ihre Zeit brauchen, um verarbeitet werden zu können und weil außerdem Zeit für Gespräche mit den Mitpatienten sein soll, die ausdrücklich zum Konzept der Tagesklinik dazu gehören, damit man auch nochmal ganz andere Perspektiven auf die eigenen Themen bekommt.

Ich hoffe, das hat einen kleinen Einblick in die Blackbox (teil-)stationäre Psychosomatische Klinik gegeben. Fragt gerne, wenn euch darüber hinaus noch was interessiert. Danke für’s Lesen und euer Interesse!

Katja

 

Wie geht das denn? #8b heute: Tagesklinik

Zu Teil 1, in dem es um eher organisatorischen Kram geht: Hier entlang!

 

Jeder Morgen (bis auf den Donnerstag) beginnt um 8 Uhr mit der sog. Morgenrunde. Die findet im Gruppenraum statt, wird von einem der 3 Leute aus dem Pflegeteam geleitet und dauert ungefähr eine halbe Stunde. Je nachdem, wer von der Pflege anwesend ist, läuft die ein wenig unterschiedlich ab. Im Grunde geht es meist um so Fragen: Wie geht’s dir gerade? Wo stehst du gerade in der Therapie? Montags erzählen wir vom Wochenende und woran wir in der Woche therapeutisch arbeiten wollen, freitags von der Wochenendplanung. In der Morgenrunde werden organisatorische Fragen geklärt, manchmal Atemübungen gemacht, manchmal psychologische Hintergründe und Modelle zB die Transaktionsanalyse und dergleichen grob umrissen und erklärt. Manchmal bekommen wir eine Geschichte vorgelesen – die natürlich stets einen psychologischen Hintergrund hat. Manchmal machen wir Imaginationsübungen und müssen unser aktuelles Befinden nicht einfach nur beschreiben, sondern zB uns vorstellen, wir seien Sportler, die gerade im Trainingslager sind und wir müssen uns eine Sportart aussuchen, in der wir trainieren und unseren Stand in der Therapie mit dem Trainingszustand beschreiben. Bei einer anderen Übung mussten wir uns ein Werkzeug überlegen, das wir benutzen könnten um an unserem aktuellen Problem zu arbeiten.
Manchmal spielen wir Spiele, bei denen es um Konzentration geht. Die Morgenrunde ist von allen Therapien die vielseitigste, wo die meisten unterschiedlichen Dinge passieren.
Der Donnerstag sticht da noch besonders raus, da haben wir statt der üblichen Morgenrunde Lockerung, wo wir manchmal ein Ballspiel machen, manchmal Qi Gong, manchmal pantomimisch Sprichworte erklären, manchmal Wikinger Schach spielen oder Betttuch Tennis und was sich durch alle Therapien durchzieht sind immer die Fragen: „Wie geht’s mir gerade? Was macht die Übung mit mir? Tut mir das gut oder eher nicht? Woher kenne ich das Gefühl?“ Es wird quasi nichts getan ohne es auch noch zu reflektieren und das alleine ist ungeheuer anstrengend, dass man sich den ganzen Tag immer wieder mit der Frage beschäftigen muss, wie es einem gerade geht und Worte dafür finden muss, es zu beschreiben. Es ist natürlich auch ok, einfach mal die Klappe zu halten, weil man das gerade nicht in Worte fassen kann. Und man darf sich generell aus bestimmten Dingen ausklinken, wenn einem eine Übung nicht gut tut, ein Thema triggert oder dergleichen. Es ist in der Klinik nicht nur erlaubt, sondern erwünscht, dass man auf sich selber und seine Bedürfnisse achtet, seine Grenzen findet und beachtet. Natürlich auch, dass man probiert, darüber hinaus zu gehen – es soll sich ja schließlich etwas ändern. Aber ein ‚geht gerade nicht‘, ist jederzeit legitim und man kann dann – im Rahmen der jeweiligen Therapie – sehen, was das aktuelle Bedürfnis ist und die Therapeuten sind da auch immer mit Hilfestellung da, um herauszufinden, was man gerade braucht. Einer meiner liebsten Sätze aus der Lockerung ist „Die Übung ist für Sie da, nicht Sie für die Übung“ und das beschreibt den Umgang mit den Patienten ganz gut. Das ist insgesamt sehr auf Augenhöhe und jederzeit transparent, wozu Dinge dienen.

Außer der Morgenrunde, die es täglich gibt, gibt es nur noch zwei weitere tägliche Rituale: das eine ist das gemeinsame Mittagessen in der Gruppe um 12.45 Uhr und das andere der Tagesabschluss, der bedeutet, dass wir uns alle nacheinander persönlich bei der Pflege abmelden müssen bevor wir die Klinik nachmittags verlassen und nach Hause fahren. Dafür stehen wir tatsächlich ab kurz vor halb 4 nachmittags vor dem Stationszimmer an und warten drauf, dass die Tür endlich aufgeht, wir nacheinander reingehen können, unsere Medikamentenration bekommen und evtl. noch Terminzettel oder dergleichen. Wenn man in therapiefreien Zeiten tagsüber das Klinikgelände verlassen möchte, ist das aber kein Problem – man muss sich dafür nur in eine Abwesenheitsliste eintragen.

Wenn die Morgenrunde gegen 8.30 Uhr vorbei ist, sitzen wir oft im Gruppenraum zusammen und jeder futtert sein mitgebrachtes Frühstück. Die meisten frühstücken erst in der Klinik, weil wir fast immer zwischen 8.30 und 9 Uhr Zeit haben und man dann morgens zu Hause ein paar Minuten einsparen kann.

Montags ist dann ab 9 Uhr Kunsttherapie. Auch da gibt es eine Anfangsrunde, in der alle – schon wieder – sagen, wie es ihnen geht und auch, woran bzw. mit welchen Materialien sie in der Kunsttherapie arbeiten wollen. Was wir da machen, ist vollkommen uns überlassen. Manche malen 10 Wochen lang Mandalas mit Buntstiften aus, weil es ihnen gut tut – oder sie sich nicht trauen, etwas anderes auszuprobieren. Manche bearbeiten Speckstein oder Ton oder Modelliermasse. Es gibt jede Menge Bastelkram, Papier und Tonkarton in allen Farben und für alle möglichen Zwecke und jede Menge Farben von Acryl- und Aquarellfarben über Buntstifte, Pastellkreide, bunte Tusche…. bis zu Wachsmalern. Wer möchte, legt einfach los, wer keine Idee hat, kann mit der Kunsttherapeutin gemeinsam überlegen, was gerade das richtige für ihn sein könnte. Die Therapie geht über 100 min und die letzten paar Minuten nutzen wir fast immer für eine Abschlussrunde, in der jeder (freiwillig) sein Bild vorzeigen kann und nochmal reflektieren, wie’s ihm geht und ob das gut getan hat oder ob man womöglich das Falsche für die jeweilige Stimmung erwischt hatte.

Die Kunsttherapie war für mich persönlich die größte Überraschung an der ganzen Kliniksache. Ich habe zuletzt in meiner Jugend ’nen Pinsel oder Farben in der Hand gehabt und das nie besonders gerne und schon gar nicht gut gemacht. Aber ich habe es in der Kunsttherapie tatsächlich geschafft, ab der ersten Therapiestunde völlig unbefangen ranzugehen, all mein ‚ich kann doch nicht malen‘ zu unterdrücken und mir zu erlauben, einfach mit Farbe rumzumachen, ohne dass da am Ende was künstlerisch Wertvolles dabei rauskommen muss. Zu meiner großen Überraschung tut mir das zum einen unglaublich gut – mich einfach einzulassen ohne mich zu bewerten, noch überraschter bin ich aber darüber, dass es mir nicht nur Spaß macht, sondern mir einige meiner dort entstandenen Bilder echt gut gefallen. Und dann noch Überraschungspunkt 3: ich kann mir zugestehen, dass mir meine eigenen Bilder gefallen und mache sie nicht direkt wieder klein und tue das ab. In 10 Wochen ist es mir nicht einmal passiert, dass ich aus dem Kunstraum gegangen bin und nicht breit gegrinst habe und auch in therapiefreien Zeiten packe ich häufig die Malsachen im Gruppenraum aus und male dort einfach weiter.

Nach dem Mittagessen gibt es montags um 13.30 Uhr noch die Gruppenpsychotherapie, die 50 min dauert. Dabei sitzen wir tatsächlich ganz klischeehaft in einem Stuhlkreis. Zu Beginn suchen wir immer ein Thema. Jeder hat da die Möglichkeit sein Thema, über das er gerne reden möchte, einzubringen und wenn mehrere ein Thema haben, das bei ihnen gerade ansteht, dann einigen wir uns zuerst darauf, über was wir reden. Der Psychologe, der die GPT leitet, hält sich selber meist raus und wir diskutieren unsere verschiedenen Erfahrungen und Blickwinkel und er mischt sich nur selten ein und moderiert ein bisschen oder erklärt einen psychologischen Hintergrund. Themen sind zB Abschied nehmen, Überforderung, Umgang mit Erwartungen und Enttäuschungen, soziale Ängste und dergleichen. Dadurch, dass in der Gruppe so viele verschiedene Charaktere – von der Frau mit den 14 Geschwistern bis zum leitenden Angestellten mit Burnout – zusammenkommen, sind die unterschiedlichen Perspektiven breit gefächert und meist bekommt man irgendwie wertvollen Input.

Hm, ich merke, dass ich ganz schön aus- und abschweife. Interessiert euch das auf diesem detaillierten Level? Ich mache hier mal wieder einen Cut für die Lesbarkeit.

Katja