Tabuzone

Achtung Triggerwarnung:

In diesem Text geht es um Suizidgedanken und den Umgang damit. Bitte lest den folgenden Text nicht, wenn es euch gerade schlecht geht, wenn ihr selber psychisch angeschlagen seid oder – aus welchen Gründen auch immer – nicht mit diesem Thema in Berührung kommen möchtet.

 

Mir geht es seit Wochen richtig schlecht, schlechter als es mir je vorher ging. Alle meine Dämonen scheinen sich gegen mich verschworen zu haben und haben irgendwo in mir drin eine Tür geöffnet und egal wie fest ich mich von außen dagegen stemme – ich bekomme diese Tür gerade nicht wieder zu und muss anscheinend erst durch die ganze Scheiße durchwaten, die mir gerade nicht nur bis zu den Knöcheln, sondern bis an die Oberkante der Unterlippe steht.

#ausGründen , die auch genau damit zu tun haben, was da gerade aus meiner Kindheit hochgetriggert wird, ist mir gerade jede Perspektive abhanden gekommen und in Momenten, in denen die Verzweiflung mich in großen Wellen überrollt, habe ich eine bisher ungekannte Todessehnsucht.

Ich kann nicht mehr.

Ich will nicht mehr.

Wozu das ganze?

In den schlimmsten Momenten krümme ich mich wie unter körperlichen Schmerzen, nur dass das, was mir wehtut, in mir drin stattfindet und schlimmer ist, als alle körperlichen Schmerzen, die ich je in meinem Leben aushalten musste.

Und diese schlimmsten Momente gibt es derzeit annähernd täglich.

Ich hatte das auch früher schon manchmal. Vor vielen vielen Jahren häufiger, in den letzten Jahren – wenn überhaupt – immer nur mal punktuell als einzelner Gedanke, den ich auch direkt wieder loslassen konnte. Was mir dabei auch immer sehr geholfen hat, war ein Tweet, den ich vor Jahren las und der sinngemäß aussagte, dass man bei Suizidgedanken doch meistens gar nicht will, dass das Leben endet, sondern nur, dass die Situation, in der man sich gerade befindet und die so ausweglos erscheint, endet. In der Vergangenheit hat das gut geholfen, im Moment tauchen diese Gedanken bei mir in einer solchen Vehemenz und Dichte auf und mir fehlt so dermaßen die Perspektive, dass ich mich oft nur mit Beruhigungsmitteln überhaupt wieder halbwegs stabilisieren und aus der jeweils aktuellen Lage rausholen kann. Das, was mal als Bedarfsmedikation gedacht war und ich seit kurz nach dem Klinikaufenthalt hier liegen hatte, nehme ich inzwischen täglich, weil es gerade die einzige Möglichkeit ist, meinen Kopf wenigstens ein bisschen ruhiger zu bekommen.

Was für mich neu ist, im Gegensatz zu den vereinzelt auftretenden Gedanken früher: ich habe angefangen, darüber zu reden. Ich rede mit meinem Therapeuten darüber und einige meiner Freunde wissen, dass mich gerade dauernd Suizidgedanken plagen und haben eine Ahnung davon, wie schlecht es mir geht. Und es auszusprechen, hilft mir irgendwie. Es macht zwar die Gedanken dadurch auch greifbarer und realer – ABER auf der anderen Seite bringt mich genau das wieder eher auf die Spur dessen, wie getrübt meine Wahrnehmung, wie verzerrt meine Perspektive, die als Nichtperspektive daherkommt, gerade ist und was meine Dämonen da eigentlich gerade aushecken.

Allerdings ist da immer, wenn ich darüber rede, andeute, wie schlimm es gerade ist, das Gefühl, eine Tabuzone zu betreten. Darüber spricht man nicht. Das darf man niemandem zumuten. Dieser Hilflosigkeit darf ich eigentlich niemandem aussetzen. Denn helfen kann ich mir ja tatsächlich nur selber. Das. weiß. ich.

Ich verstehe den Mechanismus nicht, der da in mir stattfindet, aber darüber zu reden, *wie* schlimm es gerade ist und *wie* schlecht es mir wirklich geht und das anzuerkennen und nicht mit einem „mir geht’s nicht so gut“, sondern mit einem ehrlichen „mir geht es so schlecht, dass ich an den meisten Tagen nicht weiß, wie ich sie überleben soll“, hilft mir tatsächlich. Weil es ehrlich ist. Weil es offen ist. Weil *ich* das bin und mich nicht verstelle und niemandem was vormache.

Wenn ihr zu denen gehört, denen ich davon in letzter Zeit erzählt habe, bitte nehmt mir das nicht übel. Ich weiß, dass ich euch damit wahnsinnig viel abverlange und zumute. 😦
Aber auszusprechen, wie schlecht es mir geht, hilft mir tatsächlich, irgendwie damit umzugehen, hilft mir die im Hinterhalt kichernden Dämonen und ihren Einfluss auf mich, wahrzunehmen und durch den Nebel wieder ein bisschen besser durchblicken zu können. Ihr könnt nichts machen, ihr könnt mir gerade nicht wirklich helfen (da muss ich selber durch), aber wenn ihr mich auch mit diesen Gedanken und in dieser Stimmung aushalten könnt und ich nicht das Gefühl habe, ich muss mich verstecken und darf nicht darüber reden, wie es in mir aussieht: das ist ganz großartig und hilft mir sehr! ❤

Ich setze das hier – obwohl es unheimlich persönlich ist – gerade nicht hinter Passwortschutz, weil ich glaube, dass es vielleicht nicht nur mir hilft, wenn auch dieses Tabu über diese Art von Gedanken, irgendwann kleiner wird.

Katja

Wenn ihr selber betroffen seid und jemanden zum Reden braucht: die Telefonseelsorge erreicht man kostenfrei unter 116 123.

 

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5 Kommentare zu “Tabuzone

  1. Mir gefällt das Du es aufschreibst, ich drücke dennoch nicht den Knopf, weil Du den Gedanken überhaupt hast und ich nicht verstehe warum. Ich kann nicht machen das der Gedanke weg geht, ich kann nur „hier“ rufen und mich Dir zeigen, damit Du weisst „hier bin ich“. Für Dich wenn Du willst. ((o)) Pass auf Dich auf.

  2. Mein „Like“ heißt, dass ich froh bin, dass du drüber redest und schreibst.

    Und wie du das damit umgehst, verlangt mir großen Respekt ab.
    Helfen kann da nur deine Selbstliebe, in der diese leise Hoffnung wohnt, dass es irgendwann wieder anders sein wird.

    Ich drück dich herzlich und weiß leider gut, wovon du redest.

Und jetzt du! Deine Gedanken, Worte, Punkte, Smilies, Bilder, Gesänge... Danke dafür!

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