Wait? What?

„Vielleicht kommt da gerade dein wahres Temperament zum Vorschein und das war nur immer unter der ganzen Angst begraben.“, sagt der beste Freund am Telefon, als ich ihm morgens um 9 sprudelnd von meinen gewaltigen Sprüngen über den eigenen Schatten in der letzten Zeit erzähle und alleine die Tatsache, dass „morgens um 9“ und „sprudelnd“ so dicht beieinander stehen, in einem Satz, in dem es um mich geht, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass da irgendetwas gewaltig anders ist als sonst.

Neben und zwischen den ganzen Stimmungsschwankungen, die da in letzter Zeit mit mir passiert sind – denn so wirklich einflussreich habe ich mich ihnen gegenüber nicht gefühlt, es fühlte sich tatsächlich eher nach einem passiven Geschehen an – habe ich tatsächlich irgendwo unglaubliche Energie in mir entdeckt, die gerade mal einfach so die ganze Angst, mit der ich mir üblicherweise selber im Weg stehe, über den Haufen rennt.

Seitdem er das gesagt hat, geht mir das nicht mehr aus dem Kopf, denn diese Frage, die stelle ich mir ja schon lange. Wer bin ich eigentlich? Wie bin ich eigentlich? Was liegt unter der Depression und all der vielen Angst? Manchmal versuche ich mich daran zu erinnern, wie ich früher gewesen bin, bevor das so alles so schlimm wurde, aber einfallen tun mir dabei meistens Episoden, die eher zeigen, dass ich wahrscheinlich schon als Kind depressiv gewesen bin. Und Angst war sowieso immer das vorherrschende Gefühl meines Lebens. Zusammen mit Traurigkeit.

Jetzt ist da auf einmal dieses Energiebündel, das mir aus dem Spiegel heraus die Zunge rausstreckt, mir irgendwie ähnelt und doch so unendlich fremd erscheint. Und ich weiß noch nicht so genau, ob ich bei dem Tempo überhaupt mitkomme, mit mir selber und der neu entdeckten Energie wirklich Schritt halten kann. Ich weiß nicht, ob und wie sinnvoll es ist bzw. wäre, mich selber ein bisschen auszubremsen. Langsam zu machen, langsamer. Und dann der nächste Gedanke ist direkt jener, was ist, wenn das alles sowieso nur vorübergehend ist? Nur mal für 2, 3 Wochen so bleibt und danach wieder die bleiernen Gewichte an Armen und Beinen automatisch dafür sorgen, dass ich zu meinem normalen Tempo zurückkehre. Also vielleicht doch lieber den Schwung nutzen, so lange er da ist?

Es ist kompliziert und ich kann langsam nicht mehr zählen, wie oft ich das im letzten Jahr gedacht habe. (Aber es ist gerade auch gut und das denke ich wirklich nicht besonders oft.)

Katja

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4 Kommentare zu “Wait? What?

  1. Ich hatte für mich früher mal als Bild entwickelt, dass Schüchternheit und Ängste für mich wie ein dicker (schwarzer) Kaputzenmantel (heute würde ich vielleicht sagen: ’ne Burka) sind (waren), die mich umhüllen – und darunter bin ich „ich“. Um überhaupt mit außen im Kontakt zu sein, muss ich in dieses Bild des „mich selbst“ durch diese Stoffbarriere nach draußen projizieren: was ich mir ein bisschen so vorstellte, wie mit einem Beamer mein „ich von innen“ auf den Stoff zu bringen, der mich umgibt, so dass es von außen sichtbar ist – es ist aber immer mindestens einen Schritt vom eigentlichen Innen entfernt, sozusagen ein „nachgespieltes“ Ich.
    Ich drücke mich gerade sehr umständlich aus, wobei das Bild mir sehr viel für mich über mich erklärt.
    Je nach Vertrautheit mit den Personen, mit denen ich zusammenbin, kostet es mehr oder weniger Kraft, um mein „ich“ so nach außen sichtbar werden zu lassen. Mal sind die beiden Ebenen sehr dicht aneinander dran, mal ist die nach außen dringende Projektion nur eine Karikatur, eine holzschnittartige Wiedergabe in (sehr) groben Zügen dessen, was ich innen „bin“.
    Wenn großes Vertrauen da ist, fühlt es sich an, als ob die Zwischenschicht nicht da ist, dann können aber leider immer noch im Nachhinein die Ängste und Selbstzweifel kommen und die Erfahrung in Frage stellen.
    In anderen Alltagssituationen mit z.B. Unbekannten ist dieser Mantel ein Schutz (und diese Schutzfunktion ist wahrscheinlich der Ursprung), und vielen, denen ich relativ kurz begegne, fällt wahrscheinlich noch nicht mal auf, dass ich diesen Mantel trage, weil ich das „Draufprojizieren“ auf diese Mantelschicht im Lauf der Zeit so perfektioniert habe, dass es (für kurze Begegnungen) echt wirkt.
    Dennoch habe ich im Lauf der Jahre festgestellt, dass es auch bei alltäglichen Begegnungen mit Unbekannten eigentlich die bessere Begegnung ist, wenn ich in der Lage bin, ohne diese Zwischenschicht zu existieren – aber das habe ich nicht immer in bewusster Kontrolle, ob ich diese Zwischenschicht ablegen oder zumindest die Kaputze abstreifen kann. Aber langfristig ist das natürlich das Ziel.

    • @Anne: Liebe Anne, das ist ein sehr plastisches Bild. Vielen Dank, dass du mir davon erzählst!

      Ich versuche gerade herauszufinden, ob es da für mich Parallelen gibt. Ich hatte oft das Bild einer Maske im Sinn, die ich früher trug. Darunter lagen Angst und Depression, was ich aber nach außen nie zeigen oder einräumen konnte. Irgendwann – nein, nicht irgendwann, sondern als mir der Boden unter den Füßen so wegrutschte – rutschte mir auch diese Maske vom Gesicht und seitdem bekomme ich sie kaum noch drauf. Das was darunter liegt, ist trotzdem immer da.
      Das jetzt geht eine Schicht tiefer (und ich merke langsam, dass diese ganze Therapie und Veränderung in mir gerade immer mit Schichten zu tun hat) zum Kern hin und ich frage mich, ob unter der Angst und dem mir selber im Weg stehen, doch auf einmal noch ein Mensch, mit viel Kraft und Energie zum Vorschein kommt, der einfach macht und sich traut. (Das was ich mir eigentlich immer gewünscht habe, zu sein bzw. zu können.)

      Ich glaube, das ist anders als bei dir, denn dein „Innen“ ist mal besser, mal weniger gut verhüllt, wenn ich dich richtig verstehe, aber nicht so in Aufruhr geraten, nein?

      Was mir auf jeden Fall unfassbar vertraut ist: das nachträgliche Infragestellen. Mit wenigem kann ich mich so einfach selber in die Ecke grübeln, wie damit…

      Herzliche Grüße an dich!

      • Die Schicht hat schon eine Filterfunktion – sowohl Persönlichkeitsfacetten werden zurückgehalten, als auch inneres Chaos. Mir ist neulich aufgefallen: Ich habe eine langjährige Freundin, wir kennen uns sehr sehr gut, seit ich 12 und sie Mitte Zwanzig war. Mit ihrem Mann, den ich nett finde, ist sie seit bald 20 Jahren zusammen, er ist mir also auch kein Unbekannter… Trotzdem, aus dem nicht ganz so gut kennen heraus, schlägt in seiner Anwesenheit meistens die Verkrampfheit zu – ich wirke vielleicht halbwegs normal, bin aber mega angespannt – viereckiges Fotografiergrinsen statt echtes Lächeln beschreibt das, glaube ich, als Pars pro Toto am besten. Eine Auswirkung der zur Zeit probierten Sachen war, dass ich neulich feststellte – hej, ich bin entspannt, ich mache flapsige Bemerkung beim Rumsitzen mit beiden zusammen und es ist echt und nicht gespielt. Und der Unterschied war nicht, dass ich plötzlich anders über ihn dachte oder annahm, dass er anders über mich dachte: ich wusste schon vorher (und vertraute darauf), dass er mir wohlwollend gegenübersteht. Der Unterschied war, dass diese Zwischenschicht nicht da war, die ich mit so viel Energie und Aufwand überwinden muss, dass das, was nach außen dringt, angespannt und künstlich wirkt…
        Was das innere Chaos angeht: Ein anderes Bild war eine Zeitlang (es trifft (zum Glück) nicht mehr zu), dass ich mich in einer Art Lagerfeuerring sitzen sah, alle Energie geht in diese Lagerfeuer, so dass es von außen so aussieht, als sei alles in Ordnung und Ok und voller Wärme und Energie. Und ich sitze mittendrin, komme einerseits selbst nicht nach außen und sitze auch zu weit von dem Lagerfeuerring entfernt, um mich selbst zu wärmen…
        Was Masken angeht: die spielen eine so riesengroße Rolle in meiner engeren Familie, Eltern und Geschwister. Meinen Schwestern gegenüber hat sich im Lauf der Jahre, weil sie auch ihre eigenen Prozesse durchgemacht haben, mehr Echtheit etabliert. Aber meinen Eltern und meinem Bruder gegenüber bin ich einerseits nicht mehr in der Lage, die Maske von „Alles ist gut und wunderbar“ aufzusetzen, andererseits gibt es noch keine neue Ebene, auf der wir jenseits von „alles ist/war gut“ kommunizieren könnten. Verdammt schwierig.
        Ich hoffe, es ist ok, wenn ich in den Kommentaren zu Deinem Blog immer so viel schreibe – irgendwie stoßen Deine Posts oder Deine Reaktionen auf meine Kommentare mich ganz häufig an, etwas auszuformulieren, was gerade aktuell oder auch schon länger im Kopf herumschwirrt, und dann greif ich zu diesem leeren Kommentarfeld…;-)

      • Ich finde es ganz wunderbar, dass du diese Gedanken hier aufschreibst, liebe Anne!

        Es gibt ja nicht nur einen Einblick ins Gegenüber, sondern auch immer Denkansätze, die man an sich selber ausprobieren kann. Insofern empfinde ich es als große Bereicherung, dass du deine Gedanken hier lässt. 🙂

        Das, was du über den Mann der Freundin schreibst und wie sich da etwas in dir gewandelt hat, gibt mir gerade zu denken. Ich beobachte das in letzter Zeit, dass ich im Umgang mit jemandem, permanent verkrampfe und (noch) gar nicht zu fassen bekomme, was da genau mit mir passiert. Ich muss da mal genauer nachforschen, was mit mir passiert.

Und jetzt du! Deine Gedanken, Worte, Punkte, Smilies, Bilder, Gesänge... Danke dafür!

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