Über Disteln

„Ich komme halt aus der Landwirtschaft.“, sagt der Therapeut mit seinem etwas schiefen, etwas verschmitzen Lächeln zu mir, nachdem er mir länger etwas über Pfahlwurzeln erzählt hat und Disteln und furchtbar tief in mir verwurzelten Mustern und ich nicke und ein „ufff“ entweicht meinem Mund, weil ich frustriert bin und ahne, was da noch an harter Arbeit auf mich zukommt. Das Bild von den Mustern wie tiefwurzelnden Disteln, setzt sich in meinem Kopf fest, die, sobald ich eine Schicht durchstoßen und mich ein paar Zentimeter weit frei gestrampelt habe, schon in der nächst tieferen Schicht auf mich warten und all meinen frisch hinzugewonnenenen Glauben an die Berechtigung der eigenen Gefühle, direkt wieder in sich zusammensacken lassen und ich frage mich, wieviel tiefer geht es denn da noch? Was kommt denn da noch? Und ein bisschen frage ich mich auch, wieviel Schaden es wohl anrichten wird und wieviel von meinem Inneren überhaupt noch übrig bleibt, wenn ich mich daran mache, die Pfahlwurzeln auszugraben.

Ufff.

Katja

14 thoughts on “Über Disteln

  1. Eigentlich überdecken Ängste und Depressionen ja das Selbst und alles, was man gerne tun würde. Ausgrabungen sind furchtbar schmerzhaft, zumal man – egal wie selbstreflektiv man meint zu sein – immer wieder Dinge entdeckt, die einfach schmerzen. Aber ich habe von sehr vielen immer wieder dieses Bild in allen möglichen „Variationen“ und „Worten“ gesagt bekommen: „Ich konnte plötzlich plötzlich wieder atmen, mich ganz und gar spüren und wieder klarer sehen. Und dann konnte ich handeln …“

    Ich hoffe, dass es dir genauso ergehen wird, liebe Katja … Ich denk an dich.❤

    • @Sherry: Liebe Sherry, hab vielen Dank!❤
      Was mir Angst macht: diese Wurzeln reichen bis in die früheste Kindheit, sind wesentlicher Bestandteil meines Wesens. Was ohne sie sein könnte, das weiß ich gar nicht und so ist es eigentlich "nur" eine Angst vor dem Ungewissen und davor, wer ich ohne diese ganzen Zwänge sein könnte und dass ich mich dann vielleicht noch weniger mag als bisher… Ich glaube aber, dass ich in meinem Therapeuten einen sehr guten Begleiter bei dieser Arbeit gefunden habe.🙂 (Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmal sowas über einen Therapeuten sagen könnte.)

      • Das freut mich so sehr für dich, Katja❤ Ein guter Therapeut, einer, den man "mag", dem man sich öffnen kann und einer, der nicht auf einen rumtrampelt oder zumindest den richtigen Zeitpunkt erspüren kann, wann er einen Klienten herausfordern kann, ist Gold wert. Wirklich …

        Ich meine zu verstehen, was du meinst. Die Sache ist nur die, meine Liebe: Menschen, die unter Ängsten, Zwängen, Zweifeln und die ganze Palette, die dazu gehört, leiden, fangen irgendwann an, den Großteil ihrer Persönlichkeit aus genau diesen negativen Gefühlen zu betrachten. Sprich: Ich bin davon überzeugt, dass der Großteil von Katja nicht ihre Angst und Depression ist, sondern von ihr verdeckt wird. Ich laufe ja auch mit "Krücken" rum, um mich selbst zu ertragen; und jedesmal, wenn ich etwas in mir bekämpfen konnte (oder auch liebevoll verabschieden), war's einfach so, als sei ich noch ich, aber ich hätte eine Krücke weggeschmissen oder eine Fehlhaltung korrigiert oder sonst etwas. Es ist harte Arbeit, aber ich glaube an dich.

      • Liebe Sherry, ich freue mich sehr über dein an mich glauben!❤
        Ich glaube, ich verstehe, was du mit den Krücken und der Befreiung meinst und darauf freue ich mich tatsächlich und merke das schon in ganz vielen Bereichen, wieviel schöner das Leben auf einmal dadurch wird, dass ich mich Dinge traue, die mir so lange Zeit Angst gemacht haben.

        Ich glaube, ich muss das doch noch ein bisschen konkretisieren, was genau mir hier Angst macht: ich dachte immer, ich sei ein unheimlich emotionaler Mensch und würde meine Gefühle alle kennen und verstehen und habe erst in der Therapie gemerkt, dass das nur zum Teil stimmt. Von einem Teil meiner Gefühle bin ich nämlich komplett abgeschnitten. Ich hab schon früher oft gemerkt, dass es da in mir ein Bewertungssystem für meine Gefühle zu geben scheint und dass ich die "negativen" als unerwünscht empfunden habe und an manche tatsächlich auch gar nicht rankam (seit kurzem gilt hier die Vergangenheitsform), Wut ist dafür das beste Beispiel. Wenn du als Kind (grundlos) geprügelt wirst, wäre Wut die angemessene Reaktion. Dummerweise ist es aber auch die gefährlichste Reaktion. In mir drin sitzt die irgendwo, raus kommt bzw. kam aber immer nur Traurigkeit.
        Jetzt komme ich da langsam voran, um in der nächsttieferen Schicht auf neue Schuldgefühle zu treffen und wieder traurig statt wütend zu werden…
        Die Schuldgefühle sind das tief Verwurzelte, was ich rausziehen muss. Manchmal, wenn ich schon gut an Wut rankomme, bekomme ich ein bisschen Angst vor mir selber und dem "Hulk", der da irgendwo in mir zu stecken scheint und mit dem ich erst mal klarzukommen lernen muss.

        Der Vorteil an dem bisher bei mir "installierten" Gefühlssystem war, dass ich nach außen hin stets ein freundlicher Mensch gewesen bin und wenn ich auch sonst voller Selbsthass steck(t)e, war das immer eine Seite, die ich an mir mochte. Dass ich geduldig und freundlich bleibe.

        Das ist es, was mir jetzt ein bisschen Angst macht. Dass ich gar nicht so genau weiss, wie die "echte" Katja darunter, mitsamt diesem Hulk und den anderen nicht mehr ganz so ausschließlich freundlichen Gesellen, ist und ob ich mir dann noch so einfach im Spiegel in die Augen sehen kann…

  2. Ich habe mich vor einiger Zeit oft als schief und krumm gewachsenen Baum gesehen und mich gefragt, ob mir überhaupt eine andere Möglichkeit bleibt, als diese Verkrümmungen nur einfach wahrzunehmen und anzuschauen, „gerade biegen“ ließe sich da doch sowieso nichts mehr. Inzwischen bin ich da optimistischer.
    In Bezug auf Dein Bild frage ich mich, ob wir die Wurzeln entkräften, indem wir sie herausgraben, oder eher indem wir uns bewusst machen, wo sie entlanggehen und wie tief sie gehen. Bei Wurzeln denke ich gleich an Rhizome, die ich wahrscheinlich nie ganz rausbekommen werde, weil sie Teil meines Wesens sind und alles durchziehen – aber ich kann mir ihrer bewusst sein. Um das in dem Bild weiterzudenken – aus der Distelpfahlwurzel oder dem alles durchziehenden Rhizom kann etwas „anderes“ an der Oberfläche unserer heutigen Persönlichkeit und in der Gegenwart wachsen, als in der Wurzel angelegt ist – was in der Biologie der Pflanzen nicht geht, ist in unserer Persönlichkeit möglich. Oder, wenn etwas Neues wächst, wird vielleicht die ursprüngliche alte Wurzel mit der Zeit nicht mehr ausschlagen und irgendwann zu Humus zerfallen…
    Oder es ist wie das Fundament eines uralten Gebäudes, auf dem ein neues Gebäude errichtet wird – wenn ich weiß, dass in dem Fundament eine Schwachstelle ist, weil es damals z.B. in der Kindheit eine Prägung war oder zu dem Zeitpunkt meine Art und Weise, mit etwas Schwierigem überhaupt umgehen zu können, dann kann ich vielleicht nicht die Erde aufgraben und das Fundament komplett neu legen, weil ich die Zeit nicht zurückdrehen kann. Aber ich kann in der Konstruktion über der Erdoberfläche eine zusätzliche Stütze für die Statik einbauen, oder öfters mal mit dem Senkblei an der Stelle nachmessen, ob die Konstruktion, die ich da baue, stabil wird… im Sinne von Achtsamkeit und Selbstrücksichtsnahme, nicht im Sinne von Perfektionismus oder Druck.

    • @Anne: Liebe Anne, vielen Dank für deine Gedanken. Als ich den Kommentar zuerst gelesen habe, regte sich in mir ganz spontaner Widerstand, von dem ich gar nicht wusste, woher er kam. Jetzt mit ein bisschen mehr Abstand zu dieser sehr heftigen Therapiesitzung glaube ich, es lag einfach daran, dass mein Therapeut mir dieses Bild der Wurzel gegeben hatte, die ich mit seiner Hilfe ausgraben kann (was mir ein bisschen Hoffnung gegeben hatte) und ich dann nach deinem Kommentar das Gefühl hatte, ich bekomme das doch nicht hin. Man kann ja gar nicht dagegen an, wenn es so tief sitzt (was ich ja ohnehin seit Jahren befürchte, dass ich einfach so „verkorkst“ bin, dass es gar keinen anderen Weg für mich gibt).

      Ohne detailliert darauf eingehen zu wollen, auf was sich mein Ursprungsbild bezog: diese spezielle Wurzel MUSS ich ausgraben, um voranzukommen.
      Dein Bild ist ein Schönes, Gutes – das kann ich jetzt mit ein bisschen Distanz gut sehen und für andere Wurzeln/Muster vielleicht auch verwenden, aber es passt nicht zu meinem, über das ich schrieb – was ja kein Wunder ist, ich habe ja nur kryptisch geschrieben.

      • Liebe Katja, ich hatte vor und beim Schreiben noch überlegt, ob ich den Kommentar schreiben/posten sollte – hätte vielleicht noch länger überlegen sollen, entschied mich dann dafür, weil Deine Wurzelgedanken diese Wurzel-/Gebäudegedanken bei mir angestoßen haben. Ich fand diese Gedanken für mich selbst sehr wichtig, sie wirkten gegen mein „Krummer-Baum“-Bild, bei dem mir in diesem Kontext auffiel, dass es für mein Empfinden von mir selbst nicht mehr gilt, und ich war (für mich) froh, dass neben dem nicht möglichen Ast-Geradebiegen ein alternativer Blick entstand, indem ich das Bild veränderte – was ausgelöst wurde durch Dein Bild (oder das Deines Therapeuten). Das fand ich schön und wollte es daher gerne mitteilen.
        Entschuldige bitte, dass ich mit meinem Kommentar Dein Bild in Frage gestellt bzw. relativiert habe – ich kenne das eigentlich, dass das bei einem Bild, das für einen an Bedeutung gewonnen hat, Widerstand auslöst, daher hätte ich, wie gesagt, beim Posten/Schreiben länger nachdenken sollen. Beim erneuten Lesen des Kommentars nach Deinem Hinweis fällt mir auf, dass ich eher beim „ich“ beim Beschreiben des Bilds hätte bleiben sollen, und nicht dieses generelle „wir“ hätte verwenden sollen. Ich bin froh, dass Du mir diese Rückmeldung zu meinem Kommentar gibst!

      • Liebe Anne, ich bin froh, dass du den Kommentar abgeschickt hattest! Gerade über den inneren Widerstand, der sich in mir erst mal regte, konnte ich noch viel besser greifen, was das Bild für mich bedeutet und dann, mit ein bisschen Abstand und dem im Kopf mitgelesenen „das ist Annes Bild“ eben auch etwas über deinen, ganz anderen und sehr interessanten, Umgang mit deinen „Altlasten“ lernen.
        Ich wertschätze unseren Austausch sehr und bin froh, dass wir auch über solche Stellen, an denen es ein bisschen Reibung gibt, miteinander reden bzw. schreiben können!🙂

  3. ich kenne das nur zu gut wovon du erzählst. bei mir fühlt sich das manchmal wie ein endloser kreis oder ein sich immer drehendes rad an aus dm man manchmal denkt ausbrechen zu können, doch dann nach einer umdrehung merkt man dass man wieder an der selben stelle angekommen ist….werde darüber auch demnächst schreiben, bis jetzt hab ich mich nur getraut über meine hoch ohasen zu schreiben

    • @Maria Helena: Genau. Man kommt die Umdrehung weiter und dann geht es wieder von vorne los. Aber ich habe die Hoffnung, dass es kein Kreis ist, sondern eine Spirale, bei der ich immer weiter nach innen vordringe und irgendwann doch im Zentrum ankomme.
      Sei herzlich auf meinem Blog willkommen!🙂

  4. Meine Vorrednerinnen haben es so schön in Worte gefasst, und nun bleibt mir nur, Dich zu drücken, liebste Katja.

    Und: Gärtnern ist letztlich so befriedigend und befreiend. Man sieht, was man tut, man muss Reste entfernen, bevor man neu pflanzen kann. Geduld gehört auch dazu, weil nichts schneller wächst, nur weil man dran zieht.

Und jetzt du! Deine Gedanken, Worte, Punkte, Smilies, Bilder, Gesänge... Danke dafür!

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