Fehlwort

Es sitzt so tief dieses Gefühl, nicht „nein“ sagen zu dürfen. Immer alles zur Zufriedenheit aller erledigen. Nur niemanden vor den Kopf stoßen, nur nicht anecken.

Gerade gerate ich in einer Beziehung an eine meiner Grenzen, die ich zum ersten Mal so deutlich wahrnehme und spüre. Merke, wie es mir fast körperliches Unbehagen bereitet, mit Bitten, die sich – da bin ich vermutlich selbst dran schuld mit meinem ewigen „Ja“-Sagen – schon fast wie (An-)Forderungen anfühlen, konfrontiert zu werden, immer ein bisschen größer, immer ein bisschen mehr. Und ich bin da so reingerutscht, aus Sympathie und dem ewigen Wunsch gemocht zu werden und meiner Unfähigkeit, mich evtl. schon frühzeitig(er) ein bisschen abzugrenzen.

Das nicht „Nein“-Sagen-Können ist alt, ist mir früh als nicht „Nein“-Sagen-Dürfen antrainiert worden. Jetzt fange ich an, diese Situationen wahrzunehmen, wo meine Gutmütigkeit ausgenutzt wird, empfinde und (be-)werte sie anders als früher. Das ist auf der einen Seite gut, weil es sich endlich ein Stück weit danach anfühlt, dass auch ich mit meinen Bedürfnissen wichtig bin, endlich anfange mich selber auch ein bisschen wichtiger zu nehmen und mir zuzugestehen, nicht immer alles freudig für andere zu erledigen. Auf der anderen Seite ist es so unendlich schwierig, weil ebenso tief wie das nicht „Nein“-Sagen-Können immer noch das Gemocht-Werden-Wollen* sitzt und ich werde irgendwo zwischen den alten Mustern und den neuen Gefühlen wie ein Spielball hin- und hergeworfen und weiß (noch) nicht, damit umzugehen.

Katja

[*Ja, ich weiß, dass Nein-Sagen nicht zwangsläufig zum Nicht-Mehr-Gemocht-Werden führt, aber Wissen und Fühlen und Befürchten sind oft so weit voneinander entfernt.)

4 thoughts on “Fehlwort

  1. Für mich war es gegen Ende meines Studiums (ja, ziemlich spät) ein Aha-Erlebnis, zu merken: Ja, ich finde xy (eine Kommilitonin) zutiefst unsympathisch, und es ist völlig ok, sie unsympathisch zu finden – und erleichtert und fast ein wenig erfreut darüber zu sein, dass sie mich auch merkbar unsympathisch fand. Es gab sicher auch schon vorher Leute, die ich nicht mochte, aber so bewusst hatte ich es mir nie eingestanden. Vor allem, weil es mir auch immer wichtig war, von möglichst allen/vielen (auch denen, die ich nicht mochte) gemocht zu werden. Ich bin mit ziemlich heftiger Überdosis von „liebe deine Feinde“ erzogen worden, und Leute unsympatisch zu finden, erst recht welche aus der „Gemeinde“, und das womöglich zu äußern oder deutlich zu machen, ging gar nicht.
    So richtig gelöst habe ich mich aus dieser Haltung dann nach meinem Studium, als ich bei meiner ersten Arbeitsstelle von meiner Chefin gemobbt wurde (mir ist erst hinterher aufgegangen, dass es eine Mobbingsituation war, dass es nicht an mir und meinen „schwachen Nerven“ oder so lag, dass ich jeden 2. Tag auf Arbeit heulte, sondern dass da immer dieselben Niedermachtechniken meiner Chefin dahintersteckten). Der Rat meiner Eltern war: „Liebe deine Feinde, blablabla, Gott wird die Situation dann schon lösen…“. Gelöst hat sich die Situation (und das Mobbing hörte auf, wobei ich das nicht als Allheiilmittel bei Mobbing verkaufen will), als mir die Anerkennung und Sympathie meiner Chefin nicht mehr wichtig waren und ich ihr gegenüber gleichgültig wurde. Durch diesen Rückzug konnte ich mich ihr irgendwie entziehen, und sie merkte, dass sie mich nicht mehr traf – und hörte erstaunlicherweise auf. Sie hätte genauso gut eskalieren können.
    Das war ein wenig abgeschweift von Deinem Thema…
    Leuten gegenüber nein zu sagen, an deren Meinung und Haltung einem etwas oder sehr viel liegt, ist durchaus schwieriger als sich auf eine „Du bist mir egal“-Haltung gegenüber antipathischen Leuten zurückzuziehen.

    • @Anne: Es ist ja – trotz Abschweifung – eines meiner Themen, mit denen ich mich auseinandersetzen will/muss/sollte/endlich_kann und insofern hab vielen Dank für deine Gedanken und dass du sie hier teilst.
      Ich finde es in der Tat noch ganz schön schwierig, diese Stimme in mir zu Wort kommen zu lassen, wenn mir jemand unsympathisch ist und nicht direkt zu glauben, es läge sicher alles wieder mal nur an mir…

      Dass sich diese Mobbingsituation so aufgelöst hat, ist erstaunlich. Hast du das direkt so erkennen und annehmen können? [Ich frage, weil ich in einer solchen Situation vermutlich zuerst an meiner Wahrnehmung gezweifelt hätte und mich gefragt, ob ich’s mir vielleicht nur eingebildet hätte. Auch das bei mir leider typisch, ich zweifle zuerst immer an meiner Wahrnehmung und brauche oft die Bestätigung von außen, dass etwas wirklich so (naja, das ist ja auch nur ein Konstrukt, aber zumindest auch in der Wahrnehmung einer anderen Person, ähnlich) ist.

      • Das war jetzt natürlich nur sehr kurz zusammengefasst. Die ganze Entwicklung wurde mir erst im Nachhinein richtig deutlich. In der damaligen Gegenwart sah das so aus, dass die Chefin mich über Monate immer wieder zur Schnecke machte, bis ich heulte (und immer aus anderen Schlagrichtigungen, und dann kam natürlich noch ihr „Du bist zu empfindlich!“). Dann hörte es auf. Erst im Nachhinein konnte ich das im Zusammenhang sehen, dass ich mich ihr innerlich entzogen hatte, und eben nicht über ein „Liebe deine Feinde, und sie werden gar nicht anders können als irgendwann auch nett zu sein“ (ich bin heute noch wütend über diesen „Ratschlag“), sondern über ein innerliches: „Die Chefin ist eine so fiese, dumme Kuh, und was immer sie sagt basiert auf irgendwelchen Macht- und Egospielchen, aber nicht auf Tatsachen!“ – und ich vermute heute, dass sie irgendwie gespürt hat, dass ich eine Haltung gefunden hatte, an der sie abprallte, und sie hörte auf. Wie gesagt, bestimmt kein Allheilmittel in Mobbingsituationen, aber bei mir hat es geholfen.
        Eine ganz große Rolle spielte auf JEDEN Fall eine Kollegin, die aus dem Mutterschutz zurückkam und die einige der Auseinandersetzungen mitbekam und besagte Chefin auch schon länger kannte. Die Kollegin ist außerdem eine ganz entspannte, souveräne, starke Frau und half mir, die Situation klarer zu sehen – natürlich war ich vorher der Meinung, es liege an meinem Verhalten, an meinen Fehlern usw. Das perfide an solchen Situationen ist, dass man alles, was die Mobbende als Auslöser nimmt, vermeidet, was sie dann aber nicht daran hindert, einen neuen Auslöser an den Haaren herbeizuziehen. Die nette Kollegin half mir zu sehen, dass es nicht an mir lag und meinem Verhalten, dass ich angegriffen wurde, egal wie ich mich verhielt, weil die Chefin letzten Endes schwach und unsicher (wie so viele Bullies, was keine Entschuldigung für Bully-ing ist) ist und sich über Mobbing stark fühlen muss. Das führte nicht zur Panik oder Hilflosigkeit („Ich kann sowieso nichts an der Situation ändern!“), sondern zu dieser innerlichen Distanz, die dann die Chefin anscheinend entwaffnete. Zumindest erkläre ich mir heute die damalige Situation, aber es ist auch schon 8-9 Jahre her.

      • Liebe Anne, ich bin viel zu lange nicht zum Antworten gekommen, möchte dir jetzt aber doch gerne noch für die Ergänzungen danken!
        Ich glaube, das ist ein guter und in so vielen Lebensbereichen sinnvoller und für einen selber gesunder Standpunkt, sich davon lösen zu können, bei sich zu suchen. Wenn sich mir gegenüber jemand schlecht benimmt, dann bin nicht ich das Problem, sondern die*der andere. In mir springt dann immer noch dieses tief sitzende Kindheitsgefühl an, es nicht anders verdient zu haben. Mich dagegen aufzulehnen kostet enorme Kraft, aber immerhin kann ich diese andere Seite mittlerweile sehen…

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