Über Reisevorbereitungen und Kontrollzwang

Gestern habe ich den Einkaufszettel für den ersten Einkauf, quasi den Urlaubsstarteinkauf mitsamt Öl, Gewürzen und Pipapo, im spanischen Supermarkt geschrieben und seitdem beschäftigt mich das ein bisschen. Ich mache das jetzt schon zum 2. oder 3. Mal, dass ich diese Liste schon vor der Abreise schreibe, um ehrlich zu sein, habe ich das Grundgerüst dafür sogar in einer Excel-Datei, zusammen mit der Dauerpackliste für Urlaube, die ich schon noch ein paar Jahre länger habe, damit ich nicht vor jeder Reise erneut überlegen muss, was alles mitmuss und damit ich dann nicht tagelang mit dem dumpfen Gefühl rumlaufe, dass ich doch irgendetwas _tooootal_ Wichtiges vergessen habe.

Meine freundliche Interpretation für diese „Macke“ ist, dass ich eben total gut organisiert bin und zeiteffizient. Weil ich sowieso jedes Jahr wieder eine Liste schreiben würde (abhaken ist beim Packen für mich wichtig, damit ich _weiß_, dass ich nichts vergessen habe). Weil die vorher angefertigte Einkaufsliste mit dem Grundbedarf für die ersten Tage dafür sorgt, dass wir auch tatsächlich die dringenden Dinge besorgen und nicht in den ersten Tagen schon zwei-, dreimal einkaufen müssen, wie es uns in den ersten Jahren immer ging, wenn wir völlig gaga nach 2.500 km und 3 Tagen Fahrt, ohne Liste zum ersten Einkauf in einen Supermarkt stürmten und dann plan- und wahllos ein paar Dinge einsammelten, aber garantiert die Milch für den Kaffee oder ähnliches vergaßen. Meine ollen Listen sparen also wertvolle Urlaubszeit, Nerven, whatever.

Seit gestern treibt mich, forciert durch ein paar neue Erkenntnisse über mich in den letzten Monaten, der Gedanke um, dass die weniger freundliche Interpretation „Kontrollzwang“ heißen könnte. Nur nix dem Zufall oder Glück überlassen. Nur nicht hilflos überfordert im Laden rumstehen und nicht drauf kommen, was noch fehlt. Nur nicht die Packliste jedes Mal neu machen und riskieren, dass ich wirklich mal was vergesse.

Jetzt weiß ich auch nicht so genau. Naja, ein bisschen schon und ich einige mich vielleicht am besten mit mir selber auf eine Interpretation irgendwo in der Mitte: Warum sollte ich nicht auf solche Hilfsmittel zurückgreifen, wenn sie mir doch soviel Sicherheit verleihen? Was ist denn so schlecht und böse daran, wenn ich ein bisschen „trickse“, um der Komplett-Überforderungs-Panik-Attacke zu entgehen? Oder den „Oh Mann, nix kriegste hin und jetzt hast du auch noch das Shampoo vergessen!“-Selbstvorwürfen?

Warum kann ich mich nicht einfach darüber freuen, dass ich ganz gut darin bin, Strategien zu (er-)finden, die mir in Situationen, von denen ich weiss, dass sie mir Angst machen oder mich schnell überfordern (was blöderweise immer noch oft in Panik-Attacken mündet), Sicherheit verleihen? _Eigentlich_ ist das doch etwas Gutes und Positives. Aber ich muss so für diese Sichtweise gegen die innere Stimme ankämpfen (immerhin kann ich das mittlerweile überhaupt), muss mir diese Kompromiss-Interpretation hart gegen mich selbst erstreiten, weil ich immer noch so streng mit mir bin, mein Fokus nur darauf liegt, was alle anderen mit Leichtigkeit können und ich nicht…

Ist doch Mist!

Hallo, ich bin Katja und ich bin, wenn ich reise, überaus gut organisiert! Ommm. (Nimm das innere Stimme!)

Katja

8 thoughts on “Über Reisevorbereitungen und Kontrollzwang

  1. Jetzt rate mal wer 2 Wochen vor der Fahrt nach Kroatien eine 5 Seitige Urlaubseinkaufsundpackliste erstellt, bearbeitet und abgehakt hat…hmmm? Kommste nicht drauf, wetten?
    Ist doch toll, wenn man Strategien erfinden kann.
    ;o***
    Jule

  2. Ich mache das auch so, obwohl ich normalerweise gar nicht so kontrolllastig bin. Sowas gibt Sicherheit, für mich macht es aber auch einen Teil der Vorfreude aus. Dieses Gefühl, dass es eigentlich schon losgeht bevor es losgeht.

  3. Du kannst dich halt entscheiden:

    Wird nichts dem Zufall*¹ überlassen, dann sind Checklisten effektiv und effizient, um komplizierte Situationen mit minimalem Aufwand abzuarbeiten. Noch dazu, wenn sie vorhersehbar sind. Vor Reisen halte ich das ganz besonders für hilfreich, etwa wenn man nachts bei Mondenschein noch mit dem Kopfkissen unterm Arm loseiern darf, um *den einen* teuer gebuchten Flug zu erreichen. Die Piloten im besagten teuer gebuchten Flug haben aus gutem Grund für jede Eventualität Checklisten, und sogar in der Chirurgie kommen sie allmählich in Gebrauch. — Ich habe Listen für Outdoor-Zeug, wenn ich draußen übernachten will, wo die Sicherheitsmargen geringer sind und Komfortmängel schnell echt unangenehm werden. Aber seltenst beim Einkaufen, weil ich stets das gleiche esse.

    Wird alles dem Zufall*¹ überlassen, dann tun sich ungeahnte Pfade auf. Es kann zu Serendipität führen, oder dem Gegenteil, zu Zemblanity*³. Für den Zweck ist es am besten, nicht nur Pläne, sondern auch übliche Gewohnheiten und Hilfsmittel loszulassen und sich ganz vertrauensvoll auf das Erlebnis einzulassen. Gerade das Ausland bietet sich dafür an. Dann hat man halt mal keine Milch für keinen Kaffee, was aber nicht schadet, weil man auch kein Wasser hat, und nur Tassen voller Spinnen [¡perdón!]. Oder so. Wird dafür aber vom Pärchen im Nachbarhaus zum Tee eingeladen, wobei sich herausstellt, dass sie gemeinsame Bekannte mit Tante Trude aus Buxtehude und darüber hinaus für $ExtravaganterTraum offen sind, und gute Tipps für eine „No-Poo“-Leben geben können, usw.

    Also: Was willst du im Leben? Was wählst du auf jener Reise? Passen deine Handlungen zu der Absicht? Wieviel darf der Dämon auf der Schulter da mitreden? Hat er nicht schon zu viel gesagt?

    *¹ Fügung/göttlichen Geschick/Hüpfen der Atome in einem sinnleeren Kosmos/…
    https://en.wikipedia.org/wiki/Zemblanity#Related_terms

  4. Ich weiß gar nicht mehr ob ich nicht sogar bei Dir von solchen Excel Listen gelesen habe, aber seither habe ich auch welche – für Reisen mit/ohne Kinder, Sommer/Winter Urlaub, Ferienwohnung/Hotel/Familien Urlaub, Auto/Koffer/Handgepäck. Und ich LIEBE sie, werden natürlich auch ausgedruckt und abgehakt. Kein Packstress mehr (oh wie ich packen hasse), kein rumgesuche, kein Gefühl was vergessen zu haben, das ist doch einfach superorganisiert und praktisch. Für Chaos habe ich keine Zeit – die investiere ich lieber in ein entspanntes losfahren und Vorfreude🙂

    Tanya, das Ganze als evolutionäres Organisationstalentverhalten erklärend❤

  5. @Jule: Aye! Ich hab beschlossen, ich konzentriere mich da jetzt auch auf die positive Sichtweise!🙂 Das mit den Listen, war sicher M.!😀

    @Sternenkratzer: Das stimmt allerdings, es versetzt mich schon vorher ganz gut in eine Aufbruchsstimmung.🙂

    @Michael: Vielen Dank für deine Gedanken / Denkanstöße! Diese Strukturierung hat mir gut getan, u.a. weil ich dadurch schnell gemerkt habe, wo aktuell (noch) meine Prioritäten liegen!
    Extradank für den Begriff „Zemblanity“, den ich bisher nicht kannte. Serendipity hingegen mag ich so sehr, dass ich es über Jahre in einem Spiel als Namen für meine Spielfigur verwendete.

    @Gerry: Dankeschön und herzlich Willkommen auf meinem Blog!

    @Tanya: Spätestens jetzt wäre ich vollends überzeugt!❤

    • @WdW: Dem Flop geht es sicherlich gut. Der wartet da bis du wiederkommst und lässt sich schonmal vom Prinzen finden.❤

      Wenn ich etwas verliere / vergesse, kommt es darauf an, wie lieb es mir war, aber ich mag mir das wirklich vorstellen, dass es eine Art Tausch ist, dafür dass ich ein Stück des liebgewonnen Ortes in mir mit nach Hause nehme. Dann ist nur fair, dass ich etwas von mir dort lasse.

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