Über viel Angst und ein bisschen entspannte Scheissegaligkeit

„Aber was oder wer oder wie bin ich dann überhaupt?“ frage ich in der letzten Sitzung bevor ich wieder losheulen muss. So viel Fremdbestimmung im Kopf, so viele „Werte“ und Vorstellungen, die auf einmal in Frage stehen, von denen ich nicht weiss, ob sie überhaupt eine Bedeutung haben und wo sie überhaupt herkommen. Naja doch, letzteres weiss ich eigentlich verdammt gut. Nur nicht, wieso zur Hölle sie immer noch so tief und fest in mir sitzen und vor allem, wieso mir das schon so viele Jahre nicht bewusst ist. Und damit meine ich nicht mal alle Lebensjahre, sondern nur die letzten, die in denen ich eigentlich ja ziemlich reflektiert war. Dachte ich. War ich vermutlich auch. Und trotzdem ist da dieser große blinde Fleck gewesen, diese Gedanken und Gefühle, die so tief in mir verschlossen sind, dass mir ihre Existenz nicht mal bewusst war.

Dass Therapie kein Spaziergang ist – auch wenn ich hinterher häufig einen mache, um den Kopf freizulaufen – wusste ich schon von vorherigen, viel weniger hilfreichen, Therapien. Dass es so dermaßen in harte Arbeit ausarten könnte, so dermaßen anders verlaufen könnte, als ich mir vor und zu Beginn vorgestellt hatte und dass sich so dermaßen viele neue Baustellen in mir auftun würden, statt dass sich alte erledigen, hätte ich nicht geahnt.

Jetzt also richtig. Und richtig gründlich. Kein „Herumdoktorn“ an Symptomen sondern der Versuch an die Ursachen zu kommen und während ich das schreibe, spielt die kopfeigene Band die Schlusssequenz von „Sweet Transvestite“ aus der Rocky Horror Picture Show und Tim Curry alias Frank N Furter sagt schon im Aufzug stehend „…so I’ll remove the cause… but not the symptom“ bevor er sein kleines Lachen lacht, wohingegen ich die Augen aufreisse, wie es nur Susan Sarandon als Janes Weiss besser hinbekommt, weil mir das, was da gerade passiert unglaubliche Angst macht.

Nie vorher wusste ich gründlicher und in größerem Ausmaß nicht, wer oder besser wie ich überhaupt bin und wo mir normale Ungewissheiten wie zB „Wird das Paket ausgerechnet jetzt kommen, wenn ich schnell auf’s Klo flitze?“ schon zusetzen, macht mir das hier richtig gründlich zu schaffen. Was wird am Ende dabei rauskommen? Wer bin ich dann? Wie bin ich dann? Wird sich überhaupt so viel ändern, wie es mir gerade vorkommt, dass sich ändern wird? Wird das überhaupt alles in nur so wenig Zeit reinpassen? Werde ich die, die ich werde, wirklich mehr mögen oder vielleicht noch weniger als die aktuelle Version von mir? Und ich merke, wie mir alle diese Fragen die Luft abschnüren, wie sie es mir schwer machen, mich auf das alles einzulassen.

Und dann sind da diese anderen Momente. Die, in denen ich schon merke, dass sich etwas… nein besser: dass ich mich schon verändert habe und wie sehr. Dass da auf einmal immer mal ein völlig neues Selbstbewusstsein rausblitzt – das mich dann natürlich direkt im nächsten Moment selber erschreckt. Und ich meine damit echtes Selbstvertrauen, keine lockere Flapsigkeit, das konnte ich trotz allem erstaunlicherweise immer recht gut. Aber jetzt ist es zusätzlich noch ein für mich selber Eintreten und DAS konnte ich wirklich noch nie. Bei all der vielen neuen Angst, geht an der Stelle auch welche verloren und wird durch ein bisschen entspannte Scheissegaligkeit ersetzt.

Katja

 

6 thoughts on “Über viel Angst und ein bisschen entspannte Scheissegaligkeit

  1. Würde es die Flüchtlinge nicht geben, so müsste die neo liberale Wirtschaftselite sie erfinden.
    Ansonsten würden sie womöglich bei ihrer „Arbeit“ ertappt werden und diese dient ihnen selbst, nicht dem Volke.

    • @aquasdemarco: Hast du den Kommentar möglicherweise im falschen Tab abgegeben? Ich verstehe leider null, was du mir damit sagen möchtest oder wie das zu meinem Blog/-eintrag passen könnte…

  2. Ich scheue die nächste Runde, sammle Kraft dafür, weil sie die härteste und arbeitsintensivste werden wird. Der Weg ist das Ziel … lass sie blitzen, wenn sie blitzen will, du wirst dich daran gewöhnen, wie du dich an dein alter Ego gewöhnt hast. Mit dem du ja nicht immer klarkommst … also?

  3. Pingback: Über viel Angst und ein bisschen entspannte Scheissegaligkeit | The Realm of Wonder

  4. @Anette: Ich glaube bei mir / uns war das gar nicht irgendwie beabsichtigt, sondern ergab sich automatisch im Laufe der Sitzungen. Ich stieß auf immer mehr neue Baustellen und noch tiefer liegende Schichten…

    @Jane: Hm, ja, also. Ich glaube, es ist die Angst, ausgerechnet den Teil an mir zu ‚verlieren‘, dem ich nix vorzuwerfen hatte. Wobei auch das näherer Betrachtung nicht standhält. Du weisst: es ist kompliziert. Immer.

    Dir alles Gute beim Kraftsammeln!

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