Schlangenhaut

Diese Tage, an denen der Kopf so pickepackevoll mit Eindrücken ist, dass die Gedanken abends träge und schwer sind, weil sie sich durch so viel neues Material kämpfen müssen.

Als ich heute in der Bahn saß, auf dem Rückweg aus Mannheim, wo ich mich zum ersten Mal mit Anette getroffen habe (die übrigens ‚in echt‘ noch toller ist als im Web), wurde mir erst so richtig bewusst, wieviele Dinge ich mich, an diesem einen einzigen Tag heute, getraut habe und wie gut das ging. Die Angst, von der ich befürchtet hatte, sie könnte mich doch noch einholen, ist einfach ausgeblieben. Ich war zwar nervös, aber herrje, was ist das schon und was macht das schon? Zumindest hält es mich gerade nicht davon ab, Dinge zu tun, die ich gerne tun möchte. Selbst in der echt großen Menschenmenge am Mannheimer Bahnhof musste ich „nur“ darauf achten, fokussiert zu bleiben und mich nicht zu sehr aus der Ruhe bringen zu lassen. Dreimal tief durchatmen und dann ging auch das irgendwie. Wobei ich da schon sehr froh war, dass ich Anette schon vorher gefunden hatte und mich nicht alleine durchkämpfen und auch noch den richtigen Weg suchen musste, aber ich bin fast sicher, dass ich auch das hinbekommen hätte, wenn es hätte sein müssen.

Und letzteres ist der vermutlich entscheidende Punkt. Ich traue mich gerade so viele Dinge, weil ich endlich auch (wieder) anfange, mir diese Dinge zuzu-trauen. In der Bahn auf dem Rückweg sitzend kam mir der Gedanke, dass es fast so ist, als hätte ich mich gehäutet wie eine Schlange und wenigstens eine Lage der allumfassenden Angsthülle abgestreift, die mich so oft vom (er)Leben abgehalten hat in den letzten Jahren.

Irgendwas hat einen der Knoten in meinem Kopf gelöst. Jenen, durch den ich mir oft so umfassend selber im Weg stand und der dafür gesorgt hat, dass ich so lange über Dinge, die ich gerne gemacht hätte, nachgegrübelt und mich damit selber so sehr in Panik versetzt habe bis ich irgendwann nur noch reglos mit den Fingern in den Ohren, zugekniffenen Augen und laut ‚lalala‘-singend da stehen konnte und das, was ich gerne gemacht hätte, natürlich nicht machen konnte. Weil wegen geht nicht. Geht nicht. Ich würde so gerne, aber es geht nicht. Ich würde so gerne, aber ich traue mich nicht. Die Angst war selten konkret, wie das bei Angst ja oft so ist, war wenig greifbar. Geht nicht, nicht mal genauer hingucken, Angst betrachten. Den Kopf voller Abers und dann nix ausser der Angst. Ich würde ja gerne, aber.

Ich glaube, ein Teil des ‚Tricks‘ ist, dass ich mir jetzt verbiete (und erstaunlicherweise funktioniert das sogar recht häufig), zu intensiv über solche ’soll/kann ich das machen?‘-Fragen zu grübeln. Ich hab aufgehört in ‚würde gerne, aber‘-zu verfallen, sondern sage bei vielen Dingen fast schon reflexartig und fast direkt ‚ja‘. Wenn die Entscheidung dann gefallen ist, wird der Kopf vom ‚ob und aber‘-Gegrübel abgelenkt, weil er dann damit zu tun hat, sich um die Detailfragen ‚wann und wie‘ zu kümmern. Wenn’s nicht in frage steht und ich’s ja eh mache, dann wäre allzu viel folgendes Grübeln ohnehin nicht sinnvoll. Dass ich mich damit gut selber in Panik reinsteigern kann, weiss ich ja. Also lasse ich’s. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen, die ich in den letzten Wochen und Monaten gelernt habe: nicht lange grübeln, einfach entscheiden und einfach machen. Wenn ich dann auf Hindernisse stoße (toitoitoi, das war bisher recht selten der Fall), kann ich mich denen immer noch stellen. Ich muss sie aber nicht alle schon im Vorfeld vor mir zu einer unüberwindbaren Hürde aufbauen.

Mein Kopf ist gerade wattig von den vielen Eindrücken heute, den vielen Menschen, der ungewohnten Bahnfahrt, der fremden Stadt, dem (für meine Verhältnisse ungewohnt) vielen Reden, aber in mir ist auch gerade total viel Zuversicht.

Katja