(nicht ganz so) kurz zitiert #45

Mein ehemaliger Bankberater hatte ein feines Gespür für Abwesenheiten. „Heute regnet es sehr stark nicht“, konnte er zum Beispiel unvermittelt feststellen oder: „Die Leere dieses Bierglases ist zu groß“ oder auch: „Ich erinnere mich genau an all das, was ich jemals vergessen habe“, obwohl ich dabei vermute, dass es aus irgendeinem Lied stammte und mein ehemaliger Bankberater nur fand, dass es gut klang. „Aber mal im Ernst“, sagte er dann immer. „Es gibt viel mehr nicht, als es gibt.“
(Seite 24)

Dass ich unbedingt auch mal seinen Bruder kennenlernen müsse, sagte mein ehemaliger Bankberater, an den würde ich ihn nämlich erinnern. Dann suchte er in seiner Brieftasche lange nach einem Foto von ihm, fand aber keines und zeigte mir stattdessen einen entwerteten Fahrausweis, den der Bruder bei seinem letzten Besuch angeblich benutzt hatte. „Als ersten Eindruck“, sagte er.
(Seite 41)

Mein ehemaliger Bankberater war angeblich nie müde. Immer wenn er anfange, müde zu werden, denke er darüber nach, was für ein unglaublich faszinierendes Gefühl die Müdigkeit doch sei, wie rätselhaft, wie unerforscht, und dann sei er so aufgeregt über seine Müdigkeit, dass sie sofort verschwinde. Erst Stunden später komme sie zurück, sagte er traurig, aber da schlafe er immer schon.
(Seite 57)

Man könne das Wachstum gar nicht verhindern, erklärte mir mein ehemaliger Bankberater. „Wenn die Wirtschaft schrumpft, wachsen die Schulden. Wenn die Haare ausfallen, wächst die Glatze. Wenn die Handys kleiner werden, dann wächst halt die Fläche um die Handys herum.“ Auch mein Geld sei also nicht direkt weg, ich hätte dafür etwas anderes bekommen. „Nun müssen wir nur noch herausfinden, was das ist.“, sagte er und klopfte mir auf die Schulter.
(Seite 64)

Alles aus: Tilman Rammstedt, Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

 

Manche Bücher sind wahre Schatzkisten voller wunderbarer Formulierungen. Jene beiden von Tilman Rammstedt, die ich bisher las, gehören dazu und ich muss das hier mal in dieser epischen Breite festhalten, weil ich diese Satzschätze viel zu schön finde und sie nicht einfach wieder stumm ins Regal räumen mag.

Katja

 

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10 Kommentare zu “(nicht ganz so) kurz zitiert #45

  1. Eben mal gegoogelt, deinen Schatz. Großteils eher schlechte Rezensionen beim großen A. Und ich merke, wie eine gewisse Genervtheit in mir hochkocht.
    Die letzten zwei Tage ein Buch mit weit über hundert Rezensionen voller Lobeshymnen gelesen, und dachte, ich bin im falschen Film. Schlechte Übersetzung, wirre Schreibe, zäh ohne Ende.Anstrengende Enttäuschung.
    Kannst mal wieder sehen, was man auf Rezensionen geben kannst.
    Nix!

  2. @Silencer: Finde ich auch. 🙂

    @WdW: Ich hab beim Lesen oft gedacht, das würde sicher der Welt auch gefallen!

    @Jane: Ich gucke nur selten in Rezensionen, ist ja eh meist eine Frage des persönlichen Geschmacks.
    Allerdings muss ich beim Bankberater dazu sagen, dass er zwar diese tollen zitierbaren Schätze enthält, mich das Buch insgesamt aber stellenweise schon ein bisschen genervt hat. Das hat trotz der insgesamten Kürze zwischendrin Längen. Das aber immer im anderen Teil, in dem Bruce Willis die Hauptrolle spielt. Die Bankberaterszenen, die immer im Wechsel kommen, sind großartig – und die Zitate stammen auch alle aus diesen Teilen.

  3. Ich kaufe auch nicht nach Rezensionen. Beziehungsweise nicht wirklich. Ich schaue mir an, wie Leute, die von mir gelesenen Bücher bewertet haben. Also im Nachhinein. Dann schaue ich mir an, welche Bücher die dann gut finden. Damit fahre ich eigentlich recht gut. Meistens. Gerade jetzt hab ich eines zu fassen, das eher eine Enttäuschung ist 😦
    Man ist ja irgendwann dankbar für jeden Buchtipp. Ist ja auch alles eine Frage des Geldes :-/

  4. @WdW: Ohne die Handlungsebene würde allerdings wohl auch etwas fehlen. Ach ich weiss auch nicht recht… Erledigungen vor der Feier von Tilman Rammstedt kann ich aber im Gegensatz dazu ganz ohne Einschränkung empfehlen. 🙂

    @Jane: Ich gucke häufiger auf Empfehlungen von anderen Bloggern. Da weiss man oft ja ein bisschen was über die Leute selber und kann eher einschätzen, was ihnen gefällt und wie man sich dahingehend ähnelt. 🙂
    Ich kaufe übrigens seit ein paar Jahren für mich selber nur noch gebrauchte Bücher. Mir wäre das sonst auch zu teuer, wenn ich 13, 15, 20 Euro pro Buch ausgeben müsste und ich war’s irgendwann leid, immer wieder die gleichen zu lesen, die ich schon kannte, weil so viele neue zu teuer waren.

    Was liest du denn gerade Enttäuschendes?

    • „Tage wie Salz und Zucker“
      Und das Buch ärgert mich von Seite zu Seite mehr. Bullerbü. Obwohl das nicht stimmt, aber es wird so dargestellt, als ließe sich jedes Problem weglächeln.
      Rrrrrr …!
      Seit drei Jahren lese ich das Meiste elektronisch. Einmal ist das günstiger, und zweitens augenfreundlich. Man droht nicht mit der Brille auf der Nase einzuschlafen, und mit verbogenem Gestell wieder aufzuwachen 😉
      Als nächstes ist „Stoner“ dran. Wenn ich die letzten fünf Prozent aus dem Ärgernis hinter mich gebracht habe. Keine Ahnung, warum ich das überhaupt zu Ende lesen will …

      • @Jane: Weia, das klingt nach viel Zucker, wenig Salz…
        Dann drücke ich mal Daumen, dass sich die letzten 5% möglichst schnell weglächeln lassen!

  5. Pingback: Gelesen im Januar 2015 | Gedankensprünge

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