Gelesen im Dezember 2014

Kurz und schmerzlos und ohne viel Gerade drumrum, weil ich gerade beim Erstellen meiner Top-5-Liste von 2014 bemerkt habe, dass es praktisch wäre, die Dezember-Leseliste zuerst zu veröffentlichen, um hierher verlinken zu können.

Das Jahr hat sich auf jeden Fall – sowohl, was meine mit Büchern zugebrachte Zeit als auch, was die wirklich guten Bücher angeht – im November und Dezember sehr gemacht.

Thommie Bayer – Vier Arten, die Liebe zu vergessen

Michael, Thomas, Bernd und Wagner waren in ihrer Jugend auf dem gleichen Internat und nicht nur das: aus den anfänglich verfeindeten Jungs wurde, eher durch einen Zufall, eine A Capella Gruppe. Jetzt sehen sie sich nach über 20 Jahren Funkstille auf der Beerdigung von Emmi, ihrer ehemaligen Lehrerin und Mentorin wieder und könnten verschiedener nicht sein. Trotzdem lädt Michael die anderen spontan zu sich nach Hause ein, nach Venedig, wo er seit 9 Jahren lebt. Aber was ist das eigentlich? Der Versuch, eine alte Freundschaft wieder aufzuwärmen oder jener, etwas ganz neues zu erschaffen? Und dann ist da auch noch Erin, eine weitere ehemalige Schülerin Emmis…

Thommie Bayer erzählt nicht nur aus den verschiedenen Perspektiven der vier Schulfreunde, er verwebt auch die unterschiedlichen Zeiten sehr gekonnt miteinander.

Bei Büchern mit Perspektivwechseln geht es mir manchmal so, dass ich genervt bin, wenn die Perspektive springt obwohl ich an dieser Stelle unbedingt mehr erfahren wollte. Das ging mir bei diesem Buch kein einziges Mal so. Das ist alles sehr stimmig verflochten. Die Charaktere sind nicht alle ausschließlich sympathisch (weil sie das gar nicht sein sollen), aber alle gelungen und in sich stimmig und glaubwürdig. Alle vier sind irgendwie, auf ganz verschiedene Weisen, im Leben an der Liebe gescheitert und das zeigt sich als (fast) einzige Gemeinsamkeit bei ihrem Aufeinandertreffen nach so vielen Jahren und das ist interessant und warmherzig und an vielen Stellen auch philosophisch erzählt:

„Immer wenn jemand stirbt, merkt man, dass es nicht so viele sind, mit denen man wirklich lebt. Die einem wichtig sind, mit denen man wirklich lebt. Die einem wichtig sind und für die man selber wichtig ist. An Emmis Grab ist mir aufgefallen, dass sie mir fehlen wird. Das wusste ich bis dahin nicht. Ich habe den Kontakt einfach abreißen lassen und erst, als es zu spät war, kapiert, dass ich mich irgendwie immer auf Emmi verlassen habe.
Vielleicht war sie so was wie ein Ersatz für meine Mutter. Auf einmal hatte ich das Gefühl, jetzt bläst mir ein Wind ins Gesicht, der vorher nicht da war.“

(Thommie Bayer, Vier Arten, die Liebe zu vergessen, Seite 157)

„Vier Arten, die Liebe zu vergessen“ ist ein ganz wunderbares Buch und gehört sicher zu den schönsten, die ich in diesem Jahr gelesen habe.

 

Jonas Jonasson – Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Eine Stunde bevor im Altenheim die Feier zu seinem 100. Geburtstag beginnen soll, klettert Allan Karlsson aus dem Fenster seines Zimmers mitten in die Blumenrabatten und büchst aus. Als ihn kurz darauf ein stoffeliger junger Mann, Mitglied der Motorradgang ’never again‘ am Busbahnhof bittet, mal eben auf seinen Koffer achtzugeben, während er zur Toilette geht, nimmt Allan den Koffer kurzerhand mit als sein Bus kommt. Kurz darauf begegnet er Julius, der seinen Lebensunterhalt, mehr oder weniger gut, durch Kleinkriminalität bestreitet und während die beiden sich bei Elchgulasch und jeder Menge Schnaps verbrüdern, taucht das Gangmitglied auf der Suche nach seinem Koffer in Julius Behausung auf.

Was dann beginnt ist ein großer Spaß und Roadmovie erster Güte, denn nicht nur die Mitglieder von ’never again‘ sind hinter Allan her, sondern auch die Polizei und Staatsanwalt suchen den alten Mann, zuerst weil sie glauben, er sei entführt werden, später, wegen Verdacht auf 3-fachen Mordes, für den sie allerdings keine Leichen haben.

Niemand konnte ein Publikum so in Bann schlagen wie Großvater, wenn er mit dem Priem im Mund und leicht auf seinen Stock gestützt auf seiner Holzbank saß.
„Ja, aber… ist das denn wirklich wahr, Opa?“, fragten wir Enkel dann immer ganz hingerissen.
„Wenn ein’n man jümmers bloß de Wohrheit vertellt, denn is dat de Tid nich wert, dat je em tohört“, antwortete Großvater.

Dieses Buch ist ihm gewidmet.

Jonas Jonasson

Ich glaube, der Großvater ist / oder wäre unglaublich stolz auf den Enkel, denn die haarsträubende Geschichte, die Jonas Jonasson hier erzählt, ist zwar eindeutig nicht wahr, aber die Zeit, die man ihm zuhört bzw. die Geschichte liest, ist gut investiert!

Während die Gruppe um Allan immer größer wird und mehr Menschen versammelt, die mit ihm gemeinsam auf der Flucht sind, erfährt man ausserdem in Rückblicken, wie es dem Hundertjährigen so in seinem Leben ergangen ist und rein zufällig war der bei vielen wichtigen politischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts nicht nur live zugegegen sondern oft auch maßgeblich am Ausgang beteiligt. So rettete er zufällig Generalissimo Franco im spanischen Bürgerkrieg das Leben und gab den Physikern des Manhattan-Projekt den entscheidenden Hinweis, der den Bau der Atombombe ermöglichte – um nur zwei der spektakulären Lebensstationen zu erwähnen.

Das ist alles so dermaßen haarsträubend und absurd konstruiert, dass es schon wieder unfassbar gut und unheimlich witzig ist. Tolles Buch!

(Danke an Svü, die es für mich bei einer Verlosung zum Welttag des Buches gewonnen hat. ❤ )

(Kurz danach habe ich übrigens den Film gesehen und der ist tatsächlich Zeitverschwendung! Guckt den nicht, lest lieber das Buch! :))

 

Sascha Bors – Papa, ich geh zum Zirkus! oder: Karriere – kann man das essen?

Sascha Bors, der ein recht bekanntes Taxiblog schreibt, beschreibt hier anekdotisch seinen Lebensweg von der Schulbank in Stuttgart über diverse Stationen im Niedriglohnsektor bis er schließlich Taxifahrer in Berlin wird.

Hm, schwierig. Man kann das lesen, vor allem (und das war für mich tatsächlich das beste daran) weil es sehr kurz ist und schnell gelesen. Aber das ist ja nie ein gutes Zeichen, wenn man froh ist, ein Buch hinter sich zu haben. Man muss es also meiner Meinung nach tatsächlich nicht lesen. Ich fand die Geschichten okäääy (mit langem ä), aber weder besonders spannend oder auch nur interessant. Und mich hat an vielen Stellen gestört, dass hier ziemlich in alle möglichen Richtungen ausgeteilt wird, die selbstironischen Stellen stehen Buch und Autor deutlich besser zu Gesicht.

 

Robert Asprin (Hrsg.) – Die Diebe von Freistatt

Ich bin kein großer Fan von Fantasyliteratur, aber ich liebe Robert Asprins Funny Fantasy Dämonen-Zyklus rund um Skeeve, Aahz, Tanda und Glieb, und auch seine Serie über die Chaos-Kompanie, heiss und innig. Beide Serien habe ich in den letzten Jahren mehr als einmal gelesen, deswegen war es jetzt an der Zeit, mir Asprins weiteres großes Werk – den Diebeswelt-Zyklus – anzuschauen. Asprin schrieb hier nicht alleine sondern versammelte zwischen 1979 und 89 etliche Fantasyautoren und erschuf Freistatt – eine weitere Fantasywelt. Jedoch eine, vor deren Hintergrund dann die beteiligten Autoren ihre eigenen Helden einbrachten und ihre Geschichten erzählten und die Welt gemeinsam fortschrieben. 18 Bände hat Asprin insgesamt herausgegeben. „Die Diebe von Freistatt“ ist der erste Band des Zyklus und enthält auf insgesamt knapp 200 Seiten 4 Geschichten, je eine von John Brunner, Lynn Abbey, Poul Anderson und Andrew Offutt, sowie eine längere Einleitung von Asprin, in der er sowohl die Idee zur Anthologie als auch die Welt vorstellt.

Soweit der interessante Teil des Ganzen. Leider sind dann drei der vier Geschichten gar nicht nach meinem Geschmack. Weder gibt es interessante Charaktere, noch spannende Handlung und auch die Sprache gefällt mir in diesen drei Geschichten überhaupt nicht. Einzig sehr positiv sticht für mich „Todesurteile“ von John Brunner heraus.

Durch die Kürze der einzelnen Geschichten habe ich auch weitergelesen, obwohl mir die meisten nicht gefielen – die nächste hätte ja besser sein können. Das kann unter Umständen aufgehen, für mich ging es nicht auf, weil mir der deutlich größere Anteil nicht gefiel. Vielleicht lag es auch nicht primär am Fantasycharakter, sondern an der Kürze der Geschichten, dass sie mir so fern blieben. Im Grunde ist das aber egal, für mich bleibt Band 1 der einzige der Serie. Es gibt ja eh viel mehr (gute) Bücher als man zu lesen schafft.

 

Alan Bradley – Flavia de Luce, Vorhang auf für eine Leiche

Im vierten Band der Reihe kommt jede Menge Leben in die ansonsten so ruhigen Gemäuer des de Luce’schen Familiensitzes Buckshaw. Um den finanziellen Ruin abzuwenden hat Flavias Vater das Herrenhaus an eine Filmcrew vermietet, die dort ausgerechnet kurz vor den Weihnachtstagen mit einer vielköpfigen Mannschaft Einzug halten. Als dann bei einer vom Dekan auf Buckshaw organisierten Bühnenaufführung am Weihnachtsabend die ganze Gegend einschneit und fast die komplette Bevölkerung von Bishop’s Lacey sich auf Buckshaw befindet, wird in der Nacht eine, mit einem Filmstreifen erdrosselte, Leiche gefunden. Natürlich von Flavia, die auch in diesem Fall wieder auf eigene Faust ermittelt und der Polizei ein ums andere mal eine Nasenlänge voraus ist, während sie ausserdem versucht den Weihnachtsmann einzufangen und ein großes Feuerwerk zu planen.

Überaus unterhaltsam. Ich mag Flavia, diese naseweise, chemievernarrte 11-jährige Hobbydetektivin wirklich von Band zu Band noch lieber! 🙂

 

Jane Austen – Stolz und Vorurteil (in der Übersetzung von Karin von Schwab)

Die zauberhafte Geschichte um Miss Bennet und Mr. Darcy hat vermutlich ausser mir schon jede*r gelesen und wer nicht, ist selber schuld. Ich hatte vor einiger Zeit die BBC Verfilmung mit Colin Firth als Mr. Darcy gesehen und spätestens seitdem wollte ich das Buch lesen. Abgehalten hat mich dann eine ganze Weile, dass ich mir bei Klassikern oft mit der etwas sperrigen Sprache ein bisschen schwer tue. Die Befürchtung war aber bei Jane Austen ganz unbegründet. Das liest sich flüssig, sie schreibt ungeheuer jung und spritzig und die Figur der Lizzy Bennet muss für die damalige Zeit aussergewöhnlich gewesen sein, so modern und unabhängig wie sie agiert. Immerhin ist das Buch in 2013 schon 200 Jahre alt geworden.
Fast noch mehr als Elisabeth mag ich den trockenen Humor ihres Vaters:

Nachdem Mr. Bennet sich eines Morgens die Ergüsse seiner beiden jüngsten Töchter eine Weile hatte mit anhören müssen, meinte er: „Soweit ich nach eurem Gerede schließen kann, dürftet ihr die beiden dümmsten Mädchen im ganzen Land sein. Den Verdacht hatte ich schon längere Zeit, aber jetzt weiß ich es mit aller Gewißheit.“

(Jane Austen, Stolz und Vorurteil, Seite 38)

Katja