Gelesen im November 2014

Ich glaube, mit 7 (naja, eigentlich 6 1/3) Büchern, war der November mein lesereichster Monat des Jahres und dabei habe ich noch nicht mal mit Tee auf dem Sofa gesessen, sondern einfach sehr viel abends im Bett gelesen. Oder morgens. Fix einen Kaffee gemacht und dann nochmal für eine halbe Stunde vorm Aufstehen die Nase ins Buch stecken. Es gibt schlechtere Arten, den Tag anzufangen…

Donna Leon – Auf Treu und Glauben, Commissario Brunettis neunzehnter Fall

Es war Rüdiger, der mich vor ein paar Jahren mit der Brunetti-Serie angefixt hatte und damit hatte er sehr nachhaltigen Erfolg, denn das war jetzt schon der 19. Roman der Reihe, den ich gelesen habe. Der letzte davon ist allerdings eine ganze Weile her, denn das habe ich auch irgendwann im Laufe dieser vorher 18 Bände gemerkt, dass ich die Brunettis nicht zu dicht hintereinander weg lesen darf, weil sie mir sonst zu sehr verschwimmen.

Das, was die Serie für mich ausmacht, sind nicht in erster Linie die Kriminalfälle, sondern vielmehr die Charaktere. Ich mag es, mit Brunetti über Venedigs Brücken und Plätze zu gehen und ich mag es, dass es in den Büchern wahnsinnig oft um Essen geht. Bei den Brunettis wird dauernd gekocht und gegessen und auch ansonsten erörtert der Commissario ganz gerne die neuesten Zeugenaussagen mit seinem Kollegen Vianello in einer der zahlreichen Bars Venedigs, auf ein paar Tramezzini und ein bis drei Gläser Wein. Ich mag es, wenn Brunetti nach dem Essen mit seiner Frau Paola auf einen Grappa auf der Terrasse sitzt oder auf dem Sofa, mal in trauter Eintracht, mal ordentlich am streiten – oft über Geschichte oder Politik oder Umweltbelange.

Und ich merke, wie ich der Serie auch verzeihen kann, dass man das alles nicht so genau hinterfragen darf. Wie zB eine Universitätsprofessorin für englische Literatur es schafft, jeden Tag mehrgängige Mittagessen und Abendessen für die Familie zu kochen, ihrem Unijob nachzukommen und ausserdem jede freie Minute mit der Nase in einem Henry James Buch zu verbringen – und das müssten zahlreiche sein, also freie Minuten, wenn man den Büchern so glauben darf. Entweder Paola kennt da jede Menge Tricks, wie man all diese zeitaufwändigen Tätigkeiten unter einen Hut bekommt oder die Geschichten sind an diesen Stellen einfach deutlich unscharf.

Aber ich kann das echt gut verzeihen, dafür mag ich die Brunettis zu sehr.

In vielen der Fälle gibt es nicht nur den Mordfall an sich, sondern Brunetti und Vianello kommen irgendeiner Art von Korruption auf die Spur und oft gehen die Fälle so aus, dass zwar die Wahrheit gefunden wird, aber niemand vor Gericht landet. Wie realistisch das im italienischen Rechtssystem ist, kann ich nicht ausmachen. Unterhaltsam zu lesen ist es trotzdem, auch dass der Commissario trotzdem nie aufhört, nach der Wahrheit zu suchen und wenigstens zu versuchen, die Täter ihrer Strafe zuzuführen.

In ‚Auf Treu und Glauben‘ ermitteln Brunetti und Vianello auf eigene Faust, was es mit einem Wahrsager auf sich hat, zu dessen Adresse Vianellos Tante die Familienersparnisse trägt und ausserdem lösen sie den Mord an einem Gerichtsdiener, der von allen als sehr korrekter und freundlicher Mensch beschrieben wird und der trotzdem auf irgendeine Art in eine Korruptionsangelegenheit verwickelt zu sein scheint.

 

Daniel Glattauer – Alle sieben Wellen

Wie schon im Oktober den Nordwind, habe ich jetzt die sieben Wellen nochmal gelesen. Ich verlinke mal auf meine ursprüngliche Einschätzung beim ersten Lesen. An diesem Lobgehudel hat sich nichts geändert, mich hat das Buch – obwohl ich den Ausgang kannte – auch beim zweiten Lesen völlig in seinen Bann gezogen.

 

Janne Teller – Nichts, Was im Leben wichtig ist

Der Siebtklässler Pierre Anthon aus einer kleinen dänischen Stadt, beschließt, dass nichts im Leben wichtig und von Bedeutung ist. Und weil nichts von Bedeutung ist, braucht man auch erst gar nichts zu machen. So geht er nicht mehr zur Schule sondern sitzt im Pflaumenbaum, von wo aus er seinen ehemaligen Klassenkameraden vor Augen führt, wie sinnlos ihr Leben und Streben ist.

Der Rest der Klasse fürchtet, dass Pierre Anthon insgeheim recht haben könnte und dass wirklich nichts von Bedeutung ist – also fangen die Kinder an, Dinge von Bedeutung zu sammeln und in einem alten, stillgelegten Sägewerk als Berg aus Bedeutung aufzuschichten. Zuerst wandern dort nur alte Fotos und kaputte Spielsachen hin, doch dann beginnen die Kinder gezielt, bedeutungsvolle Dinge von ihren Klassenkameraden zu fordern. Die ich-Erzählerin muss ihre nagelneuen und heissgeliebten grünen Sandalen abliefern und aus Rache verlangt sie von der Mitschülerin, deren Idee das war, deren Hamster. Je mehr der Kinder an die Reihe kommen, desto ‚teurer‘ werden die geforderten bedeutungstragenden Dinge.

Das Sammeln scheint immer mehr ausser Kontrolle zu geraten, die Klassenkameraden von Pierre Anthon geraten in eine Art Sog und werden in ihren Forderungen immer grausamer und einander gegenüber immer brutaler in der Durchsetzung.

Es ist schwierig, inhaltlich noch mehr ins Detail zu gehen, ohne den kompletten Inhalt des ohnehin recht dünnen Büchleins zu verraten. Ich habe das Buch an einem Tag durchgelesen und weiss immer noch nicht recht, was ich davon halte. Beim Lesen wird irgendwann recht früh die Richtung klar, in die das geht. Das Schlimme ist, ich weiss tatsächlich nicht, welche Botschaft das Buch letztendlich vermitteln möchte bzw. welche bei mir ankommt. Das Ausmaß an Gewalt und der Sog dorthin ist verstörend. Der Ausgang des Buches legt nahe, dass tatsächlich nichts von Bedeutung sein könnte, zumindest in der Wahrnehmung der ich-Erzählerin. Ausser jenem allerletzten Schritt, aber ich kann nicht glauben, dass das wirklich die Intension der Autorin ist und vielleicht verstehe ich auch nur einfach nicht den Parabelschluss, der aus der Geschichte folgt.

Ein sehr krasses Buch ist ‚Nichts‘ auf jeden Fall. Ich hätte mir, speziell bei der Thematik und speziell, weil es ein Jugendbuch ist, eine deutlichere und positivere Auflösung gewünscht und ich bin nicht sicher, ob es tatsächlich für Jugendliche so gut geeignet ist, speziell schädlich halte ich es für solche in Phasen, wo sie ohnehin auf der Suche nach einem Sinn im Leben sind.

 

Leonie Swann – Garou

Ich wollte hier eigentlich etwas über Leonie Swanns Fortsetzung ihres grandiosen Schafskrimis Glennkill schreiben, den ich im Januar schon gelesen hatte (hier mehr darüber), aber dann fiel mir ein, dass Cloud, das wolligste Schaf der Herde, sicher blöken würde, dass vielleicht ein Schaf wollt(e), aber doch keine Katja.

Also schreibe ich nur, dass alles, was ich Anfang des Jahres über Glennkill geschrieben habe, auch auf Garou zutrifft, nur dass mir Garou noch ein bisschen besser gefallen hat als Glennkill und dass das Winterlamm im Laufe der Jagd auf den Garou – den Werwolf – endlich einen Namen bekommen und dass Moppel den Mond gefressen hat.

Ein großes Lesevergnügen! Ich hoffe, es wird irgendwann noch weitere Teile geben.

 

Chris Carter – Der Kruzifix-Killer

Robert Hunter ist Detective bei der Morddezernat der LAPD und ist dort zuständig für besonders gewalttätige Verbrechen und Serienkiller. Just als er einen neuen Partner – Grünschnabel Garcia – bekommt, wird eine grausam zugerichtete Frauenleiche gefunden. Hunter verliert die Fassung, denn die Leiche trägt zudem das ‚Erkennungszeichen‘ eines Serienkillers, gegen den er vor Jahren ermittelt hat und der zum Tode verurteilt und längst hingerichtet wurde.

Hunter holt die alten Akten aus dem Keller und die Jagd auf den Mörder, der ihm immer einen Schritt voraus zu sein scheint, beginnt von neuem.

Spannend! Und das durchgängig und ohne irgendwelche Längen mittendrin bei fast 500 Seiten. Beim Fund der ersten Leiche war ich skeptisch, ob es mir die Gewaltbeschreibungen nicht zu explizit wären. Ich kann da nicht viel ab und da ich oft abends vorm Schlafen lese, meide ich lieber Thriller mit zu viel Gewalt. Ich weiss nicht so genau, ob es hinterher tatsächlich ein wenig besser geworden ist und nur der Anfang so ein Paukenschlag, aber der Gedanke, das Buch wegzulegen kam mir später gar nicht mehr. Ganz im Gegenteil fiel es mir schwer, es aus der Hand zu legen.

Bei der Figur des Robert Hunter hatte ich manchmal den Eindruck, das sei alles ein bisschen zu arg dick aufgetragen. Als Kind schon mehrere Schulklassen übersprungen, hochintelligent, belesen, gut aussehend, sportlich, ein Doktortitel in Kriminalpsychologie, wobei die Doktorarbeit als Lehrbuch bei der Ausbildung von FBI-Agents verwendet wird.

Dann habe ich aber gelesen, dass der Autor, Chris Carter selber forensische Psychologie studiert und für die Staatsanwaltschaft gearbeitet hat (das Fachwissen fließt auch erfreulicherweise häufiger ins Buch ein, zB wenn Hunter den Unterschied zwischen Schizophrenie und einer multiplen Persönlichkeitsstörung erklärt), danach hat er alles hingeworfen und hat Karriere als Gitarrist gemacht und war da mit etlichen bekannten Künstlern unterwegs, um dann nochmal alles hinzuwerfen und Bücher zu schreiben. Wer selber so umfassend talentiert ist, darf auch bei seinen erfundenen Charakteren ein bisschen dicker auftragen, finde ich.

Und ich bin ganz froh, dass der nächste Hunter-Band – insgesamt gibt es mittlerweie 6 Teile – schon auf mich wartet.

 

José Saramago – Die Stadt der Blinden (abgebrochen auf Seite 107 von 316)

Da mag das Thema noch so interessant sein, ich finde das Buch unlesbar. Und jenes Drittel, das ich gelesen habe, war mehr ein Durchquälen als dass ich irgendetwas davon gehabt hätte. Das liegt einzig und allein am – in meinen Augen – ganz furchtbaren Stil des Autors. Als gäbe es einen Mangel an Satzzeichen, reiht er wörtliche Rede einfach so, mitten in den Text mit ein, höchstens durch Kommata abgetrennt und auch ansonsten sind die Sätze lang und wahrlich nicht schön zu lesen. Im ganzen Buch gibt es so gut wie keine Absätze, man findet also zu allem Ärger auch keine guten Punkte an denen man aussteigen und Pause machen kann – auch das trägt für mich nicht zur Lesbarkeit bei.

Ich zitiere hier mal nur einen einzigen Satz, ganz vom Anfang, damit man sich ein Bild davon machen kann. Inhaltlich tue ich dem Buch sicher großes Unrecht, es geht nur vom Stil für mich überhaupt nicht.

Die Ampel hatte schon wieder die Farbe gewechselt, einige neugierige Passanten näherten sich der Gruppe, und die Fahrer von hinten, die nicht wussten, was los war, protestierten gegen das, was sie für einen üblichen Verkehrsunfall hielten, eine kaputte Ampel, eine verbeulte Stoßstange, nichts, was dieses Durcheinander rechtfertigte, Ruft die Polizei, riefen sie, schafft die Trümmer beiseite.

(José Saramago, Die Stadt der Blinden, Seite 4)

 

Zoë Beck – Wenn es dämmert

Ganz anders ging es mir mit ‚Wenn es dämmert‘ von Zoë Beck. Das war insgesamt schon das dritte ihrer Bücher, das ich gelesen habe und bisher haben mir alle wirklich gut gefallen.

Ich lese ja Bücher aus ganz unterschiedlichen Gründen sehr gerne, manche wegen ihrer Geschichte, manche einfach nur wegen der Spannung, die sie erzeugen, auch wenn die Geschichte gar nicht so überzeugt, manche wegen ihrer Sprache.

Bei Zoë Beck kommen mindestens zwei der Punkte zusammen. Ich finde ihre Bücher stets so spannend, dass es mir ab einem gewissen Punkt wirklich schwer fällt, sie überhaupt wieder aus der Hand zu legen, ich mag aber ausserdem auch ihre Sprache unheimlich gerne.

Sie öffnete vorsichtig die Augen. Ihre Lider waren so schwer wie der Samtvorhang einer alten Theaterbühne.

(und etwas später im Text:)

Sie wischte den beschlagenen Spiegel nicht frei, wozu auch, es war zu dunkel. Sie wusste nicht, wo hier ein Lichtschalter war. Wo hier überhaupt irgendetwas war. Wo hier war.

(Zoë Beck, Wenn es dämmert, Seite 8 bzw. 9)

Sehr lesenswert! Ich glaube, das hat mir von ihren Büchern bisher am besten gefallen.

Katja

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3 Kommentare zu “Gelesen im November 2014

  1. Die nächste Stufe wären dann die Hörbücher. Es lässt sich sich gar vortrefflich an, wenn man an einem Strand liegend sich die Folgen 19/20/21 und 22 reinpfeifen kann. Man will gar nicht mehr weg. Vom Stand und vom Buch. Wenn Du soweit bist, gib bitte Laut, Folge 1 liegt für Dich schon bereit. … gott, wie so’n Dealer…. 😀

    • @Rüdiger: Hihi, ich muss gerade an den Schlemihl aus der Sesamstraße denken. Hey du psssst…. genaaaaaau! 😀
      Ja, das mit den Hörbüchern, ich bin irgendwie immer noch nicht damit warm geworden. Aber wenn dann, weiss ich! Danke! 🙂

  2. Pingback: Leseliebe 2014 – meine Top 5 Bücher des Jahres | Gedankensprünge

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