Diplomschüler

Im Nachfolgenden lest ihr einen Gastbeitrag von ickemich. Er bat mich um eine Themenvorgabe und ich wünschte mir einen ‚Schwank‘ bzw. eine Erinnerung aus seiner Kindheit oder Jugend. Ich freue mich sehr über die Erinnerungen – vielen Dank ickemich! 🙂
Das Datum der Veröffentlichung ist übrigens kein ganz zufälliges, genau heute vor 25 Jahren war nämlich die erste Demo in besagtem Ort ganz oben, weit rechts.

ickemichs Blog findet ihr hier und hier geht es zu seinem Twitteraccount.

Viel Spaß beim Lesen! (Was es mit den Gastartikeln auf sich hat, könnt ihr hier nachlesen. Die Rechte an Text und Bildern liegen selbstverständlich bei ickemich, der sie mich freundlicherweise hier veröffentlichen lässt.)

Katja

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IMG_1133Ich darf mich hier nun also auch digital verewigen. Der Bitte nachkommen, während der Abwesenheit von Katja, hier etwas beizutragen. Dabei kann ich sogar noch, so wie „aufgetragen“, einen Schwank aus meiner Jugend präsentieren. Allerdings ohne aufzutragen.Vielen Dank dafür, dass ich das darf.

Vielleicht passt sie sogar ein wenig in diese Jahreszeit. Meine DDR- Jugend. Heute, so kurz vor dem 25. Jahrestag des Mauerfalls.
Wer allerdings von mir nun die totale Ostalgie erwartet, der darf jetzt gerne weiterklickern, denn es folgen lediglich ein paar meiner Erinnerungen. Mit dem Abstand von heute.
Nichts weiter.

Als Kind der Deutschen Demokratischen Republik gibt es sicherlich eine Vielzahl an Schwänken zu erinnern. Aus meiner Kindheit, aus meiner Jugend. Das beginnt ja schon damit, dass hinter dem antifaschistischen Schutzwall, von Ostfriesland aus betrachtet, die sozialistische Staatsbahn noch ‚Deutsche Reichsbahn‘ genannt wurde. „Reichsbahnlokführer“ kann man sich nicht ausdenken. Witzig nicht? Ja, nicht!

 

Witzig fand ich damals eher schon, dass der Farbfernseher meiner Eltern, in etwa vier Nettomonatslöhne meines Vaters kostete. Meine Eltern fanden das damals sicher nicht so witzig. Ich könnte auch darüber berichten, dass für den acht Jahre alten Trabbi durch meinen Vater nur noch gut das Doppelte vom Neupreis hingeblättert wurde.
So kaufte man sich damals eben Zeit. Wartezeit.

Etwas wahnwitziger war es da schon, dass der Kilopreis vom Saisongemüse im örtlichen Konsum bisweilen deutlich unter dem garantierten staatlichen Aufkaufpreis für das gleiche Gemüse in der Ankaufstelle zwei Straßen weiter lag.
Man holte sich die Kohle also schon irgendwie wieder.
Auch munkelte man bisweilen, dass das subventionierte Brot deutlich günstiger war, als das weniger subventionierte Futtergetreide. Was einige Bauern wohl dazu animierte …
ihr könnt es euch ja sicher denken.
Ja, Schwänke und Anekdoten gibt und gab es viele. Sicherlich.
Es war ja sehr für uns gesorgt, für uns DDR-Bürger. Für mich, für meine Eltern und meine Großeltern. Später auch für meine Schwester.
Kinderkrippe, Kindergarten, Schule, Lehre, Armee, Studium, Arbeiten, Rente, Tod. Alles da. Alles vorgezeichnet. Wenn man denn etwas mitspielte, im real existierenden Sozialismus. Sicherlich.
IMG_1134Mit der Schule war ich im Sommer 1988 fertig. Also mit der Polytechnischen Oberschule. Mit Diplom sogar. 10 Jahre recht breites Allgemeinwissen erlernt, 10 Jahre Naturwissenschaften und Sprachen gebüffelt, etwas Kunsterziehung genossen – 10 Jahre Ideologie auch abseits vom Schulhof, 10 Jahre Kindheit, bzw. nach der Jugendweihe, auch Jugend. Pubertät hatte ich damals dann auch noch irgendwie. Die gab es ja selbst in der DDR, und sie war auch da gratis.
Für das Abitur hatte ich mir, etwas abseits der Norm, eine sogenannte „Berufsausbildung mit Abitur“ ausgesucht. Ja, man konnte sich sogar einige Dinge aussuchen. Zumindest als Diplomschüler. Maschinist wäre dann also der Beruf gewesen, falls es mit dem Studium nicht so hingehauen hätte. Im Kernkraftwerk. Heute nennt man die Dinger Atomkraftwerk, das Grundprinzip ist aber dasselbe. Berufsschule und Erweiterte Oberschule (Gymnasien hatten wir ja nicht) in einem Aufwasch. Drei Jahre, statt zweimal zwei. Das rechnete sich recht leicht. Nach dem Studium der Kernenergie dann irgendwann schichtleitender Diplomingenieur auf einer der Blockwarten. Knöpfchen drücken und hoffen, dass es gut geht. Zwischendurch noch die obligatorischen drei Jahre bei der Nationalen Volksarmee, um überhaupt an den Studienplatz zu kommen. Vom Diplomschüler zum Diplomingenieur?Check!
In meiner altmärkischen Heimat war das regionale Kraftwerk damals allerdings noch kernig in Bau. Seit Jahren schon. Wurde auch nicht wirklich fertig. Irgendwas war halt immer. Somit fand meine Lehre und das zeitgleiche Abiturbüffeln in Greifswald statt. Greifswald? Ja, Greifwald. Finger auf die Deutschlandkarte, hoch, ganz hoch, weit rechts. Über Dänemark noch drüber rechts. Insel Rügen! Wieder ein wenig runter, noch einen ganz kleinen Tick nach rechts. Da! Greifswald.
Wöchentliches Pendeln war also angesagt, mit der bereits angesprochenen Reichsbahn der Demokratischen Republik. Halbquer durch das Land über ca. 341,7 km. Am Wochenende daheim. In der Woche im betriebseigenen Internat. Pardon, im betriebseigenen Lehrlingswohnheim.
Drei-Mann-Bude, Dusche und Klo über den Flur. Sozialistisch betreutes Wohnen, und trotzdem eine neue Freiheit für mich. Mit sechzehn Jahren? Klar!
Daheim in der Altmark gab es noch meine zukünftige Ex-Frau. Also wurde am Sonntag gerne der letzte Zug genommen. Über Berlin, Hauptstadt der DDR. Dort fuhr dann der sogenannte Malmö-Express nach, genau nach Rügen und dann noch etwas weiter. Der Zug war immer recht zuverlässig, da er ja eine Fähre zu erreichen hatte. Die Fähre nach, ihr ahnt es bereits, Trelleborg/Schweden, jenseits des antifaschistischen Ostseewellenwalls. Und dann eben nach Malmö, logisch.
Das Expresszugding hatte einen Halt in Greifswald. Davor noch einen, aber das ist nicht so wichtig. Wichtig war vielmehr, dass man da einfach so mitfahren durfte und meist pünktlich gegen zwei Uhr morgens am Montag wieder im Lehrlingswohnheim war. In Greifswald. Und man traf sich am Berliner Bahnsteig bereits mit dem Berliner, dem Magdeburger und dem Dresdner aus dem Lehrjahr. Das war so weit ganz gut.
Auch nicht schlecht war es, wenn man an den Stadtgrenzen von Berlin bereits eingepennt war. Wochenenden mit der zukünftigen Ex-Frau konnten auch damals schon schlauchen. Etwas schlechter war es dann schon, wenn dies das ganze Abteil betraf.
Das Einpennen, nicht das Schlauchen.
So richtig blöd wurde es dann einmal, als kurz hinter dem Rügendamm die Transportpolizei, unterstützt vom Zoll und den Grenztruppen der DDR, nach den Pässen fragte. Diesen Heftchen mit dem Staatswappen außen und dem Visum innen, die wir natürlich nicht hatten. Dafür hatten wir Personalausweise und Fahrkarten bis Greifswald. Und ein Problem. Das war nämlich nicht mehr nur blöd oder peinlich, sondern auch gefährlich. Also, wir waren jetzt gefährlich.
Gegen sieben Uhr zurück in Greifswald, wurden wir vier dann nämlich bereits erwartet. Am Bahnsteig. Von Herren in auffällig unauffälliger Zivilbekleidung. Denen war es wahrscheinlich zu früh gewesen, um uns ganz aus Binz abzuholen, mitten in der Nacht. Gefährlich hin oder her. Unsere Personalien waren ja sowieso längst aufgenommen.
Und dann hatte man auf einmal schulfrei, weil man wurde ja befragt. Einzeln.

Wie man denn so zum Sozialismus stehe? Ob es denn Spaß macht, mit der Lehre und dem Abi? Ob man gerne Rockmusik hört? Warum man aus der Deutschen Demokratischen Republik flüchten wollte? Wie das Wochenende so war? Ob man denn gerne in den Jugendknast wolle? Wie es der Uroma in Niedersachsen denn so geht?

Diese letzte Anekdote war keine. Sondern damals bitterer Ernst für uns, mit gerade siebzehn Jahren. Wir durften dann irgendwann gehen und wieder zur Berufsschule. Waren wohl doch nicht so gefährlich. Gefährlich eingepennt? Vielleicht wurden wir nun auch verstärkt beobachtet. Ich will gar nicht wissen, von wem alles. IMG_1136
Einer blieb aber ab nun immer wach. Abwechselnd, im Malmö-Express am Sonntag.

Ein gutes halbes Jahr später wurde diese Geschichte dann doch noch zur Anekdote. Zu einer Anekdote der Geschichte.
Heute kann ich über all das nur noch den Kopf schütteln. Ganz leicht.
Und ihr dürft das nun auch. Bloß gut!

Nach meinem Facharbeiterabschluss bei der IHK Mecklenburg-Vorpommern und meinem Fachabitur habe ich übrigens nie wieder in einem Kern- oder Atomkraftwerk gearbeitet. Schon gar nicht als Maschinist.
Ich weiß auch sehr genau, warum. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.