Superduperbonustraurigkeit und anderes Gedankengeschwurbel

Es sind seit Wochen eigentlich wieder nur die kleinen Anzeichen. Ich merke, dass ich wieder ganz häufig und eigentlich grundlos losheulen muss. Ich merke, dass ich mich einigle, nicht rausgehe, wenn ich nicht sehr dringend muss, dass ich wenig kommuniziere. Ich merke, dass mir die täglichen Dinge des Lebens wieder viel mehr Kraft abverlangen, dass es mir manchmal unheimlich schwer fällt, mich aufzuraffen, überhaupt irgendetwas zu tun.  Dann reisse ich mich zusammen, mache 1, 2 Tage lang furchtbar viel, weil ich weiss ‚viel hilft viel‘, denke ‚jetzt geht’s aber wieder‘ und falle im nächsten Moment wieder in mich zusammen, wie ein Luftballon, aus dem die Luft entweicht.

Ich will das nicht mehr und nicht wieder und ich beisse die Zähne zusammen. Ich will weder mir noch sonst jemandem gegenüber eingestehen, dass es mir eigentlich wieder viel schlechter geht, die Depression sich wieder in mir breit macht und mir Kraft und Mut aussaugt. Mir fehlt wieder die Erklärung, warum das denn überhaupt so ist. Es ist ja doch eigentlich gar nichts passiert, was diesen neuen Schub wieder ausgelöst haben könnte. Es ist ja nicht mal die dunkle und graue Jahreszeit, in der ich es ja wenigstens durch mangelndes Licht erklären könnte. Es ist nichts. Du darfst nicht fallen. Das summt die ganze Zeit in meinem Kopf. Als ob es die Depression interessieren würde, ob es einen Grund oder eine Berechtigung für sie gibt. Genau das ist es ja gerade.

Und in mir rattert die ewige Frage nach dem Warum. Nicht nach dem Warum ich überhaupt Depressionen habe (das weiss ich ja längst), sondern nach dem Warum zur Hölle ich es nach so vielen Jahren einfach immer noch nicht gebacken bekomme, darüber hinwegzukommen. Alle anderen bekommen ihr Leben auf die Reihe, nur du bist zu klein, zu unfähig, zu schwach, zu feige. Es ist immer und immer wieder die selbe Stimme mit den selben Worten im Kopf. Warum kriegst du’s nicht auf die Reihe?

Und dann wird es meta, denn es geht mir nicht nur schlecht, weil es mir eben gerade wieder schlechter geht, sondern auch noch, weil ich mich selber dafür fertig mache. Mir nicht zugestehen kann, dass es mir schlecht geht, wenn es keinen _objektiv anerkannten Grund_™, also known as Legitimation, dafür gibt, weil es dann nämlich wieder mal ein Zeichen persönlicher Schwäche und persönlichen Versagens ist. (Da ist schon wieder eine so große Diskrepanz in mir, denn es würde mich wahnsinnig ärgern, aufregen und auf die Palme bringen, wenn jemand sagte, Depressionen seien einfach nur ein Zeichen persönlichen Versagens und ich käme selber auch nie auf die Idee, das bei anderen so zu empfinden. Nur bei mir ist das so. – In Momenten, wo mir das auffällt, zweifle ich dann auch noch an meinem Verstand.)

Innerlich werde ich irre, im Kampf mit den eigenen Gedanken, als würden wirklich zwei Seelen oder Gehirne in mir streiten und das eine ist das klügere, das weiss, wieviel Schaden ich mir mit dieser Selbstabwertung immer selber zufüge und dass ich genau damit und mit der Unfähigkeit, mit mir selber liebevoll/verständnisvoll/tröstend umzugehen, vermutlich die Antwort auf die Frage, warum ich es nicht auf die Reihe bekomme(n kann), vor Augen habe. Aber dieser Teil von mir kommt nicht gegen den anderen an, denn der ist viel älter und stärker und führt sich auf wie ein brünftiger Platzhirsch.

Nach aussen merke ich, wie ich wieder in ein Vermeidungsverhalten rutsche. Nicht sagen/zeigen wie es mir geht, weil ich nicht weiss, wie ich es erklären könnte. Es ist so fucking schwierig zu sagen: ‚es geht mir schlecht. Nein, es gibt eigentlich keinen Grund dafür, also keinen akuten. Es geht mir aber trotzdem schlecht.‘
Ich weiss, wie hilflos ich mich demgegenüber bei anderen fühle, vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass es mir so schwer fällt, es auszusprechen, wenn es mir schlecht geht. Und immer noch haftet daran auch Scham. Kein Grund, keine Berechtigung, also Versagen. Schäm dich.
Und gleichzeitig steigt dann auch wieder diese Zusatzsuperduperbonustraurigkeit in mir auf, weil ich mich von allen abgeschnitten und isoliert fühle, weil niemand sieht und merkt, wer und wie ich bin. Und dann schäme ich mich wieder, denn wie könnte das jemand sehen und wahrnehmen, wenn ich so bemüht darum bin, die lächelnde Fassade nach aussen zu tragen und gar nicht sage und/oder zeige, wie es mir dahinter geht. Und wieder: Don’t blame it on sunshine, don’t blame it on moonlight, don’t blame it on good times, blame it on Katja.

Dann diese Momente, da fühle ich mich der Lösung (als ob es das tatsächlich so punktuell gäbe) so nahe. In den Augenblicken, in denen ich mitten im selbstabwertenden Gedanken merke, was ich da tue und innehalten kann. Aber das ist in der nächsten Minute schon wieder vorbei, weil dann die nächste Ebene schädlicher Gedanken einsetzt: Da schau her. Sie weiss sogar wie es geht und wie sie es aufhalten und lösen könnte und selbst dann kriegt sie’s nicht auf die Reihe.
Und dann lacht irgendetwas in mir, etwas anderes in mir höhnisch aus und ich sacke in mir zusammen.

You can run, but you can never hide
From the shadow that’s creepin‘ up beside you

Katja

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15 Kommentare zu “Superduperbonustraurigkeit und anderes Gedankengeschwurbel

  1. Liebe Katja,

    ich kann Dich so gut verstehen, und es macht mich gerade ganz bedrückt das ich nicht die einzige bin die solche Gefühle und Gedanken hat…das auch andere so leiden müssen! Jetzt muss ich weinen.
    Ich denke an Dich, hab Mut!
    Alles Liebe,
    Jule

  2. Das ist ein Teufelskreis. Bitte fühl dich doch nicht schuldig für deine Depression, das macht es doch nur schlimmer. Klar, das weißt du auch, aber na ja, vielleicht musst du es auch von anderen hören. Und wenn es dir schlecht geht, dann sag es! Du bist nicht allein, du kannst dich gern an mich wenden und ich bin mir sicher, dass viele andere deiner Leser auch gern für dich da sind. *großes drück*

  3. @Jule: Liebe Jule, es tut mir so leid, dass dich mein Eintrag zum Weinen bringt. 😦
    Es ist so ein Mist mit diesen Dämonen, die man in sich trägt und dass es so schwer fällt, gegen sie anzukommen.
    (((Jule)))

    @Rüdiger: :)!

    @Anette: Hab vielen Dank für deinen Kommentar und das Angebot! Ich konnte das noch nie gut jemandem sagen, wenn es mir nicht gut ging. :/ Ich drück‘ dich feste zurück!

  4. Wie kommen wir dahin, für uns selbst so viel Akzeptanz und Verständnis aufzubringen wie für andere? Wenn man die Lösung dafür hätte: unbezahlbar.

    So bleibt mir nur, ein paar Herzchen hierzulassen: ❤ ❤ ❤ ❤ ❤ ❤

  5. Sorry, Katja, ich musste Jule eben einfach erstmal umärmeln 😉
    Es gibt Dinge, die Stimmen mich sehr sehr nachdenklich, wie die Sache mit Robin Williams nun. Das zeigt mir persönlich auf, dass Depressionen wohl nie wirklich weggehen, sondern nur schlummern. Das macht mir Angst.
    Es ist leicht gesagt, zu sagen, vergiss die Schuldgefühle, und so schwer getan.
    Mir hat es geholfen, als ich aber genau das geschafft habe. Ich versuche heute, ganz weg von irgendwelchen Schuldfragen zu kommen. Dinge passieren, weil Situation sie hergaben. Egal, ob man sich mit anderen streitet, oder mit sich selbst im Unreinen ist, eben weil man krank ist. Sprich, ich versuche Dinge hinzunehmen, ohne sie für mich annehmen zu müssen. Hört sich wirr an, ist es aber nicht. Es gibt eben immer Dinge, die man nicht beeinflussen kann, egal wie sehr man es sich anders wünscht.
    Das hat mich ein ganzes Stückweit versöhnt. Mit mir selbst, aber auch mit anderen. Man neigt ja dazu, anderen Dinge zuzugestehen, die man sich selbst nicht zugestehen mag. Warum nicht sich selbst zugestehen dürfen, sich schlecht zu fühlen? Depressionen sind nicht logisch zu erfassen. Es geht einem schlecht, weil es eben so ist. Manchmal kann man Gründe festmachen, manchmal eben nicht.
    Ich schließe mich Jule an (und wünsche ihr das auch): hab Mut.
    Auch dir eine Umarmung.

  6. @Katrin: Das wäre wirklich unbezahlbar! Ich dank‘ dir für soviel Herz! ♥
    (Das mit den Häkchen passiert mir auch dauernd in letzter Zeit. Auch oft so, dass ich es gar nicht mal bemerke.)

    @WWdWudW: Danke für soviel Trost, den ich so oft bei dir finde! (((WdW)))

    @Jane: Danke für die Umarmung und deinen Kommentar!
    Es macht Hoffnung zu lesen, dass du das hinter dir lassen konntest (und ich ignoriere gerade die Stimme in mir drin, die wieder piekst und fragt: ach und warum kannst du das nicht?)!
    Vor über 20 Jahren sagte ich mal scherzhaft zu einem Freund, mein zweiter Vorname sei ‚personifiziertes schlechtes Gewissen‘. :s Das steckt seit meiner Kindheit in mir drin und ist über die Jahre noch schlimmer geworden. 😦
    Depressionen sind nicht logisch zu erfassen, da hast du recht. Was mich so irre macht ist, dass ich ja eigentlich so genau weiss, wo meine Fallstricke liegen und welche Muster es sind, die dem zugrunde liegen und dass ich das einfach nicht loslassen kann. Trotz allen Verstehens.

    *
    Ich danke euch allen. Ihr wisst gar nicht, was es mir bedeutet, dass ihr da seid! ♥

  7. Ähm. Also ganz weg ist es nicht, und das wird es auch nie sein. Aber ich habe wenigstens in Teilbereichen die Kontrolle zurückerobert. Das mit dem schlechten Gewissen kenne ich. Ich habe auch anderen immer Fehler zugestanden, mir nie.
    Aber irgendwie habe ich da die Kurve bekommen, mir das Leben selbst nicht noch selbst durch (und darin war ich ungeschlagene Königin) Selbstzerfleischung schwerer zu machen.
    Dafür hat es aber auch einen Knall gebraucht. Danach ging es irgendwie, als mir klar wurde, dass ich besser bin, als ich dachte, und man mir teilweise von außen suggerieren wollte.

    Depressionen sind einfach ein Ar***.

    • @Jane: Ah, ich hab das vielleicht unklar ausgedrückt. Ich hatte das schon so verstanden, dass nicht die Depression ganz weg ist (ich glaube, das gibt es ohnehin nur äusserst selten. Man lernt höchstens sich immer besser damit zu arrangieren und das Fallen frühzeitig zu erkennen und abzufedern), sondern dass du das auf Schuldgefühle und schlechtes Gewissen an Stellen beziehst, wo sie gar nicht angebracht, sondern nur gelerntes Muster sind.
      Das würde ich auch gerne hinter mir lassen, weil das ja häufig Anlass für die Selbstzerfleischung ist – also bei mir zumindest.

Und jetzt du! Deine Gedanken, Worte, Punkte, Smilies, Bilder, Gesänge... Danke dafür!

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