Gedankengeschwurbel über Freundschaften und ein Umdenkversuch

Immer wieder piekst das Thema, mal deutlicher mal weniger schlimm, aber immer irgendwie präsent. Mir fehlt hier eine Freundin in direkter unmittelbarer Umgebung, jemanden mit dem ich mich gelegentlich an einen Tisch setzen, einen Kaffee schlürfen, quatschen kann.

Vor ein paar Tagen gab es so einen tiefen Stich. Ich habe eine Mail bekommen und bin beim Lesen der Absenderin fast vom Stuhl gefallen. Meine Freundin aus Kindertagen, jene für die ich, seit sie seit ein paar Jahren auf keinen meiner Kontaktversuche mehr reagiert hatte, jedes Jahr zu ihrem Geburtstag hier Geburtstagsgrüße im Blog hinterlasse (zB hier), weil es für mich einfach undenkbar ist, ihr an ihrem Geburtstag nicht zu gratulieren. Es war der erste nach meinem eigenen, den ich auswendig wusste.

Und ich mache die Mail auf und sie ging nicht nur an mich, sondern ohne BCC (was mich üblicherweise völlig irre machen würde) scheinbar an ihr gesamtes Adressbuch, mich und weitere 85 Empfänger und zwischen einem Christoph und einem Eugen taucht da auch mein Name und meine (alte) Mailadresse auf und darin findet sich nichts ausser einem sinngemäßen ‚öffnet keine Anhänge in Mails von mir, irgendwas ist hier bei meinem Mailkonto komisch‘.

Nach dem Lesen sitze ich da, weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll, kann zweiteres aber nicht zurückhalten. Ein Lebenszeichen, es gibt sie noch, sie hat noch ihre alte Mailadresse – also vermutlich auch meine Mails bekommen, nur nicht beantwortet und ich kann mir nicht mehr länger vormachen, dass sie vielleicht einfach nicht angekommen sind.

Seitdem bin ich ratlos, weiss nicht, ob ich die Mail einfach ignorieren kann (soll) oder vielleicht darauf antworten und doch nochmal einen letzten Versuch unternehmen, sie zu erreichen. Warum macht sie sowas? Warum hebt sie meine Mailadresse auf und lässt die nicht wenigstens bei den Empfängern solcher Massenmails raus, wenn sie sonst auf keinem Kanal auf meine Kontaktversuche reagiert? Das reisst soviele Wunden (und soviel Sehnsucht) auf einmal auf. (Bitte macht das besser! Solltet ihr mal jemanden aus eurem Leben streichen, dann streicht sie/ihn auch als Empfänger aus solchen Massenmails!)

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Fast 2,5 Jahre ist es her, dass ich via Onlineanzeige nach einer Freundin hier in der Gegend gesucht hatte. Ungefähr ein Jahr ist es her, dass jene Freundin, die ich über diese Anzeige gefunden hatte, mir ein Ultimatum gestellt und damit die noch frische Freundschaft wieder beendet hat. Und auch das nagt immer noch, auch wenn ich mittlerweile denke, dass es so vermutlich besser war. Seit ich vor ein paar Wochen mit Ralph bei Twitter auf das Thema kam, überlege ich, ob ich das einfach nochmal versuchen soll, mit einer solchen Anzeige, aber ich traue mich nicht.

Heute habe ich eine Mail von dem Kleinanzeigenportal bekommen, wo ich damals die Anzeige veröffentlicht hatte. Die ist tatsächlich immer noch online, nur sehr nach hinten durchgerutscht und heute hat tatsächlich noch jemand darauf geantwortet. Diese Frau hat 54 Seiten mit je 20 Anzeigen durchgeklickt bis sie bei meiner angekommen war und hat nach fast 2,5 Jahren noch darauf geantwortet. (Deprimierend übrigens: viele der Anzeigen, die jetzt aktuell unter Bekanntschaften in der Gegend drin stehen, gab es fast wortgleich vor 2,5 Jahren schon so und diese Leute suchen scheinbar auch immer noch nach Freunden.) Seitdem ich die (leider sehr kurze und quasi nichtssagende) Nachricht gelesen habe, dreht sich wieder alles in mir. Da ist so viel Hoffnung und Angst gleichzeitig und ich begreife zum ersten Mal wirklich, weswegen Menschen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, manchmal solche Schwierigkeiten haben, wieder zu vertrauen und sich auf andere Menschen einzulassen. Natürlich betrifft das meist Beziehungen, aber für mich fühlt es sich genauso schwierig und frustrierend an, eine Freundin zu finden.

Und ich merke, wie fest und tief immer noch dieses selbst Niedermachen sitzt. Meine Angst ist immer nur einseitig, immer nur in die Richtung, dass ich nicht genügen könnte, zu feige, zu wenig unternehmungslustig, zu verschlossen, zu ruhig, zu klein, zu schüchtern, zu aufgeregt, zu depressiv, zu gestört, zu alles sein könnte und deswegen falsch bin und nicht in das Raster Freundin passe.

Ich kann nicht denken „ok, ich antworte mal auf die Nachricht und wenn sich rausstellt, dass die Frau doof ist, dann muss ich sie ja nicht treffen“ – in meinem Kopf gibt es nur „oh je und was ist, wenn sie mich doof findet und es dann wieder nichts wird?“.  Und wenn ich wenigstens weiterdenken würde (ohne mich hier jetzt bewusst dazu zu zwingen das aufzuschreiben, sondern als natürliche Folge des letzten Gedankens) „oh ok, wenn sie mich doof findet, dann wäre sie ja eh nicht die richtige Freundin für mich gewesen“, aber dafür fehlt mir das Bewusstsein, dass ich ja gar nicht doof bin. Wenn sie mich doof findet, hat sie recht und es liegt an mir.

Umdenkversuch:

(Vielleicht kommt es ja tatsächlich irgendwann bei mir an, wenn ich endlich anfange, mich dahingehend zu korrigieren – auch wenn ich das selber (noch) gar nicht glauben kann.)

Ich bin kein schlechter Mensch und keine schlechte Freundin. (Ich weiss nicht, ob etwas dran ist, aber ich habe mal gelesen, das Hirn blendet Verneinungen aus, deswegen besser andersrum.)
Ich bin ein guter Mensch und eine gute Freundin. Ich bin freundlich, großzügig, fürsorglich, warmherzig, empathisch und manchmal sogar lustig. Ich kann gut zuhören und Verschiedenartigkeit annehmen ohne sie zu (be-)werten. Ich bin offen und ehrlich und ich lüge nicht aus Bequemlichkeit. Was ich sagen will, sage ich eher in den Zeilen als dazwischen.

Ufff. Ich weiss nicht, ob ich mich gleich traue, das so zu veröffentlichen. Ich glaube, ich habe noch nie so sehr versucht, mich von einer positiven Seite zu betrachten. Üblicherweise verleihe ich mir eher die Attribute naiv statt freundlich und gluckenhaft statt fürsorglich und ich komme mir gerade vor als würde ich eine Mogelpackung kreieren und mir selber falsche Werbeversprechen aufdrucken.

Aber vielleicht ist es gerade der Punkt, dass ich das nicht nur mir selber so andrehen muss, sondern zusätzlich auch noch die furchtbare Scham überwinden, so positiv öffentlich über mich zu reden bzw. zu schreiben. (Nochmal uffff.)

(Und entschuldigung für die vielen Klammern, die nicht gerade die Lesbarkeit unterstützen, aber ich habe das gerade nicht ohne hinbekommen.)

Katja