kurz zitiert #42

„Was ist denn überhaupt Realität?“

„Sie ist das, von dem die meisten glauben, daß sie so sein sollte. Nicht unbedingt besser, nicht logischer, doch den kollektiven Wünschen angepaßt. Sehen Sie, was ich da um den Hals trage?“

„Eine Krawatte.“

„Sehr gut. Ihre Antwort ist logisch, kohärent, die eines ganz normalen Menschen: eine Krawatte!
Ein Verrückter würde jedoch sagen, daß ich ein buntes, lächerliches, nutzloses, auf komplizierte Weise geschlungenes Stück Stoff um den Hals trage, das die Beweglichkeit des Kopfes einschränkt und uns zwingt, tiefer zu atmen, damit Luft in die Lungen gelangt. Wenn ich in der Nähe eines Ventilators bin und nicht aufpasse, kann dieses Stück Stoff mich erwürgen.
Wenn ein Verrückter mich fragt, wozu eine Krawatte gut ist, muß ich ihm antworten: zu überhaupt nichts. Nicht einmal zum Verschönern, weil sie heute zum Symbol der Versklavung, der Macht, der Distanz geworden ist. Die Nützlichkeit der Krawatte besteht darin, nach Hause zu kommen und sie abzunehmen und das Gefühl zu genießen, daß wir uns von etwas befreit haben, von dem wir nicht einmal wissen, was es ist.
Doch rechtfertigt dieses Gefühl der Erleichterung die Krawatte? Nein. Dennoch wird, wenn ich einen Verrückten und einen normalen Menschen frage, was das ist, derjenige als gesund erachtet werden, der mir antwortet: eine Krawatte. Gleichgültig, wer es richtig sieht oder wer recht hat.“

(Paulo Coelho, Veronika beschließt zu sterben, Diogenes, S.95f)

Alleine dafür liebe ich das Buch ja schon nach der Hälfte der Lektüre. Das ist so ein simples Beispiel und es zeigt so deutlich, wie verdreht Mensch manchmal ist – und am schlimmsten: oft ganz ohne es zu merken. Für mehr

Was ist denn überhaupt Realtität?
Was ist normal und was verrückt?
Und stimmt das wirklich so rum?

im Leben. Und in Büchern.

Katja

5 Kommentare zu “kurz zitiert #42

    • Insgesamt kann ich noch gar nichts dazu sagen, aber ich finde, für solche gedanklichen Schätze wie jenen oben lohnt sich (für mich auf jeden Fall) das Lesen. 🙂

  1. Oh ja, „gedankliche Schätze“, das ist eine gute Auffassung seiner Worte. Deswegen lese ich auch in seinen Bücher gerne. Aber zurück zur „Realität“. Sie ist, so wie sie ist. Der Blick jedes Einzelen, macht sie zu dem was sie ist. Verdrehte Gedanken – verdrehte Welt.

    • @Ilonka: Aber – gibt es denn dann überhaupt _eine_ Realität, wenn der Blick eines jeden Einzelnen sie ausmacht? Das hätte ich eher als individuelle Wahrheit gesehen. 🙂 Aber vielleicht ist das auch primär eine Frage der Begrifflichkeit? Ich hätte es bei Coelho eher so verstanden, dass er die Realität als etwas ansieht, das qua Definition festgelegt ist – oder eben weil alle respektive die Mehrheit etwas auf bestimmte Weise macht / sieht.

      Sei herzlich Willkommen auf meinem Blog! 🙂

  2. Pingback: Gelesen im April 2014 | Gedankensprünge

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