Zwischen Kirchen und Kaffee, Katja entdeckt Italien #9

Wo ist hier nur Gleis 9 3/4?

Jetzt aber endlich: Florenz! Eigentlich will ich mich um 7 vom Wecker wecken lassen. Das ist aber wieder mal gar nicht nötig, weil ich schon vor 6 nicht mehr schlafen kann. Dann also wenigstens Zeit, in Ruhe Kaffee zu schlürfen und ein bisschen wach zu werden. Das ist ja auch nicht verkehrt.

Wir kommen endlich mal so rechtzeitig wie geplant los (was – und das muss ich hier natürlich ausdrücklich betonen – in keinerlei Zusammenhang mit meinem verfrühten Aufwachen steht, sondern rein der übergroßen Disziplin an diesem Morgen geschuldet ist) und haben auch eine grobe Vorstellung davon, wo wir parken können. Sinchen hatte mir den Parkplatz an der Fortessa Fiera empfohlen, den hatten wir vorher im Navi abgespeichert und der war auch gut in der Stadt ausgeschildert. Als wir ins Parkhaus fahren, ist es dort noch ziemlich leer und wir können problemlos parken, dieses Mal mehr Wasser im Rucksack verstauen, damit wir nicht wieder viel zu wenig trinken, wie in Siena, und dann los – erst mal in Richtung Dom. (Klick macht alle Fotos größer)

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In den Straßen ist wahnsinnig viel los. In vielen Straßen gibt es Marktstände mit typischem Touristengedöns, Sonnenbrillen, Klamotten und den – vermutlich in Florenz obligatorischen – David Shorts. Alles ist wahnsinnig bunt und laut und ich muss aufpassen, das nicht zu dicht an mich ranzulassen, um nicht in Panik vor den vielen Menschen zu geraten.

Dann, recht plötzlich, stehen wir vor der, wieder mal achteckigen, Taufkirche und natürlich ist auch dieses Battisterio San Giovanni geweiht.

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Wir gehen erst einmal rundum, bestaunen zuerst die Portale. Nachdem Andrea Pisano das Südportal geschaffen hatte (von dem ich nicht mal ein Foto gemacht habe, wie ich hinterher festgestellt habe), wurde die Gestaltung der anderen Portale als eine Art Wettbewerb ausgeschrieben. Das war 1402 und vermutlich der erste Bau- bzw. Gestaltungswettbewerb dieser Art; und die Namen der Bewerber sind immerhin so berühmt, dass sogar ich Banausin schon von ihnen gehört hatte, u.a. Jacopo della Quercia, Donatello, Brunelleschi und Ghiberti. Ghiberti gewann und der Sage nach soll Brunelleschi sich nach der Niederlage von der Bildhauerei abgewandt und vorwiegend nur noch als Baumeister und Architekt gearbeitet haben. Das war wohl kein größerer Verlust, denn darin war er ziemlich gut. Immerhin ist er verantwortlich für die Kuppel des Florenzer Doms, die durch ihre Größe ein beeindruckendes Meisterwerk ihrer Zeit ist.

Aber jetzt erst mal die Türen der Taufkirche: Von 1403 bis 24 schuf Ghiberti 20 Tafeln, die man heute am Nordportal sehen kann und direkt im Anschluss erhielt er den Auftrag für das letzte Portal, an dem er von 1425 bis 52 arbeitete. Insgesamt hat er also 49 (!) Jahre mit den beiden Türen zugebracht. Das muss ich mir auf der Zunge zergehen lassen, während ich zwischen einer großen Horde Menschen vorm Ostportal stehe und versuche, zwischen den ganzen Hinterköpfen möglichst viel von den Tafeln zu sehen.

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Das obere sind zwei Tafeln des Nordportals (also auch von Ghiberti), die sich in Stil und Gestaltung an der Art des Südportals orientieren sollten. Ursprünglich waren diese Tafeln am Ostportal (das ist das dem Dom zugewandte und wichtigste) angebracht, doch weil die Arbeiten des zweiten Portals, bei dem man Ghiberti freie Hand in der Gestaltung ließ, so viel prächtiger wurden, entfernte man die Tafeln und baute die älteren ins Nordportal und den zweiten Satz ins wichtigere Ostportal, das heute als Paradiespforte bekannt ist. Das ist deswegen so bemerkenswert, weil die Sätze sich inhaltlich unterscheiden. Die künstlerisch weniger ’schönen‘ stellen die Christusgeschichte dar. Traditionell ist der Platz dafür das wichtigste Portal, das Ostportal. Auf den Paradiespfortenplatten finden sich Motive aus dem alten Testament. Dass diese den Platz auf den wichtigsten Kirchentüren bekommen haben, war für damalige Zeiten eine Ungeheuerlichkeit – da wurde Schönheit und Ästhetik über Kirchentradition gestellt. Das macht mir die Florentiner direkt immens sympathisch.

Ich finde den Unterschied aber auch wirklich sehr bemerkenswert. Ich weiss nicht, ob das auf den Bildern so gut rauskommt, aber die Tafeln der Paradiespforte wirken sehr viel plastischer als die älteren im oberen Bild. Das liegt an einem, für damalige Zeit, neuen Trick, den Ghiberti anwendet, nämlich jenem, dass die Figuren umso flacher gearbeitet werden, je weiter entfernt sie vom Betrachter sind. Das heisst Flachrelief und die Bilder bekommen dadurch entgegen ihres Namens viel mehr Tiefe.

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Von diesen ganzen Dingen wusste ich natürlich nichts selber. Diesen ganzen Kram habe ich mir im Reiseführer und in diversen Wikipediaartikeln angelesen.

Nachdem wir die Türen ausgiebig bestaunt haben, bestaunen wir als nächstes die lange Schlange, die sich fast komplett um den Dom windet. Aus der Erfahrung in Siena sind wir aber dieses Mal schlau genug, uns nicht anzustellen, sondern erst mal in Erfahrung zu bringen, wo man überhaupt die Karten bekommt. Und auch hier ist es so, dass es die in einem benachbarten Gebäude gibt. (In der Nähe des Nordportals des Baptisteriums übrigens und dort gibt’s auch Toiletten. #Serviceinfo Und noch eine Serviceinfo: Wir mussten die Eintrittskarten erst für den Raum unterhalb des Doms und das Battisterio vorzeigen, in den Dom selber, kam man ohne Ticket rein. Wem also die Türen der Taufkirche genügen und wer nicht nach unten oder auf die Kuppel möchte, muss evtl. nicht zwingend ein Ticket haben. Wobei ich allerdings keine Ahnung habe, ob das generell gilt oder nur an diesem Tag zufällig nicht am Dom kontrolliert wurde. Da die aber sehr wohl Überbekleidung verteilt haben am Eingang, dabei aber keine Karten angeschaut haben, könnte ich mir vorstellen, dass das immer so ist.)

Was in Florenz und speziell an dem Platz rund um den Dom sehr ins Auge sticht ist, dass die Restaurants und Cafés alle Werbung mit ihren Innenräumen machen. So wie bei uns Werbung mit einem Biergarten oder einer Terrasse gemacht wird, wirbt man dort mit klimatisierten Innenräumen und das ist kein Wunder bei der Hitze, die vormittags schon dort herrscht. Und dort, wo draussen Tische und Stühle stehen, gibt es häufig festmontierte große Ventilatoren, die ausserdem alle paar Sekunden Wasser versprühen, um die Luft der direkten Umgebung ein bisschen abzukühlen.

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Wir besorgen Karten und reihen uns in die lange Schlange vor den Domtüren ein, was ein bisschen Zeit lässt, um die Fassade zu betrachten.

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Die schneidet zugegebenermaßen, im Vergleich zu dem reizüberflutenden rosa Zuckergusswerk in Siena mit einem ‚ganz nett‘ ab, was aber noch vergleichsweise toll ist, denn das Dominnere, strahlt für mich den Charme einer großen Bahnhofsvorhalle aus. Ähnlich andächtig ist auch die Stimmung dort und irgendwann sitze ich auch auf einer Bank am Rand und packe erst mal das Handy aus, um live aus dem Dom in die Twittertimeline zu grüßen. Das ist auch nicht schräger als die zahlreichen Menschen, die hier vor den Kameras ihrer Begleiter posen, während sie Opferlichter anzünden.

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Die beiden Bilder von Reiterstandbildern im oberen Foto werden vom Reiseführer als eines der Highlights des Dominneren angepriesen und leider hat er damit recht.

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Einzig die Kuppel sticht hier sehr heraus. Die ist riesig, auf etwa 4000 Quadratmetern tummeln sich dort Hunderte von Figuren und eigentlich war der Plan, damit Michelangelos ‚Jüngstes Gericht‘ in der Sixtinischen Kapelle zu übertreffen. Nur, dass die Kuppel in Florenz viel zu hoch ist und viel zu dunkel, sodass man vom Boden aus nichts von den Details erkennen kann. Das geht erst, wenn man auf den Fotos stark heranzoomt.

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Weitaus interessanter finde ich die Etage unter dem Dom. Dort kann man die Ausgrabungen von Santa Reparata besichtigen, die möglicherweise schon aus dem 4. Jh stammt. Der damalige Bischofssitz wurde beim Bau von Santa Maria del Fiore im 13. Jh zunächst umbaut und während des Baus weiterhin genutzt. Große Teile des Bodenmosaiks sind dort erhalten und teilweise kann man sogar darüber laufen. Sowas beeindruckt mich immer sehr. Auf Steinen laufen, von denen ich weiss, dass da über 1000 Jahre vor mir schon Menschen drüber gelaufen sind und vor allem, dass die damals schon in der Lage waren, mit ihren einfachen technischen Möglichkeiten, solche Kunstwerke zu erschaffen.

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Im genau richtigen Moment beschließe ich, dass mir die Luft unten zu stickig wird und gehe schonmal wieder nach oben. Als der Mitreisende ein paar Minuten später nachkommt, erzählt er, dass für einen kurzen Augenblick der Strom weg war und es stockfinster gewesen sei und dass in der Zeit auch niemand nach oben konnte, weil die Türabsperrung elektrisch funktioniert.

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Dann raus aus dem Dom und rein ins Battisterio.

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Hier gefällt es mir wesentlich besser als im Dom. Es ist kühler und ruhig und ich mag den verschlungen gemusterten Fußboden. Ich hocke mich, wie so viele andere, auf eine der Bänke. Neben mir erklärt eine englischsprachige Mutter ihren Kindern anhand der Kuppelbilder die Unterschiede bei Engeln und ich höre fasziniert mit. Leider habe ich das nicht direkt notiert und den Inhalt mittlerweile wieder komplett vergessen.

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Dann wieder raus in die blendende Sonne und auf in Richtung Stadt, wo ich kurz darauf entdecken sollte, was mich an Florenz am allermeisten fasziniert hat ( – und nein, es war nicht der nackige David :D). Aber darüber beim nächsten Mal mehr!

Katja

*

Lange ist’s her! Der Beitrag lag jetzt seit September in den Entwürfen. Wird Zeit, ihn endlich mal zu veröffentlichen.

Was bisher geschah kann man hier finden: Katja entdeckt Italien

9 Kommentare zu “Zwischen Kirchen und Kaffee, Katja entdeckt Italien #9

  1. Wir waren gar nicht erst im Dom. Unsere Führerin meinte auch, dass der innendrin nicht besonders interessant wär und es sich nicht lohnen würde, sich da anzustellen. Jetzt bin ich beruhigt, dass sie recht hatte 🙂

  2. @Anette: Die Domkuppel ist schon ganz hübsch, aber – speziell wenn man 2 Tage vorher in Siena war – der Dom an sich, da lohnt sich die Zeit nicht, in der man stattdessen was anderes sehen könnte. 🙂

    @Träumerle: Sehr gerne! 🙂 Da kann ich mich wenigstens ein bisschen für dein virtuelles Mitnehmen auf Reisen gerade revanchieren.
    Weisst du noch, was dir in Florenz am besten gefallen hat?

  3. Oh, wo an der Festung gibt es denn einen guten Parkplatz? Und das Untergeschoss des Doms kenne ich so auch noch nicht – da war, meine ich, was gesperrt als ich da war. Ich habe nur den Shop gesehen.

    • Es gibt da eine Tiefgarage. Wir hatten die genaue Adresse (der Einfahrt) vorher nicht rausfinden können und eine Straßenecke dort ins Navi gespeichert, waren dann aber ganz überrascht, dass das sehr weiträumig ausgeschildert war und sind dann nur nach Beschilderung gefahren und haben es super gefunden. (Der Fußgängereingang (und ich glaube, auch die Einfahrt) sind auf der dem Bahnhof zugewandten Seite. Man muss da erst einmal um die Festung rumlaufen, wenn man von der Stadt aus kommt).
      An die Preise kann ich mich nicht mehr erinnern – die waren aber an sich überall noch moderat, das ist in Spanien in den Städten teils viel teurer. (OK, dafür ist die Toskana viel eintrittslastiger.)
      Wir waren irgendwann morgens zwischen 10 und 11 in der Stadt und da war das Parkhaus noch fast leer und wir hatten freie Auswahl bei den Plätzen. Das sah da alles recht neu aus und die Plätze sind auch (für südeuropäische Verhältnisse) recht komfortabel groß.

    • Wir waren im Vorfeld auch unsicher, weil wir in Googlemaps keinen (größeren) Parkplatz dort sichten konnten. Ich hab gerade nochmal geguckt – das müsste unter der Piazzale Caduti sein. Da kann man (im Westen des Platzes) auch die Einfahrt sehen.

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