Damals™ war alles anders

Bei uns hieß nicht nur Twix noch Raider, neue Musik kauften wir auch noch auf Schallplatten. Oder wir lungerten Nachmittage lang vorm Radiogerät rum, um irgendwann genau den Song, den wir natürlich auch nur aus dem Radio kannten, auf eine Cassette aufzunehmen. Und wenn man Pech hatte, was meistens so war, dann war man dann doch nicht schnell genug und die ersten Sekunden des Liedes, die man gebraucht hatte, um es überhaupt zu erkennen, fehlten bei der Aufnahme oder, was fast genauso häufig vorkam, der Radiosprecher plapperte irgendwann launig mitten ins Lied rein und je nachdem, wieviele Nachmittage man schon rumgelungert hatte, um genau diesen Song aufzunehmen, brüllte man das Radiogerät dann mehr oder weniger laut mit den wüstesten Verfluchungen an, stellvertretend für den Reinplapperer, der dafür verantwortlich war, dass man jetzt nochmal tagelang warten musste. Oft warteten wir dann aber gar nicht mehr, sondern die Aufnahme hatte eben diesen reingequatschten Teil und wenn man das oft genug gehört hatte, wurde das fast schon Bestandteil des Songs.

Im Fernsehen gab es drei Programme, ARD, ZDF und das lokale dritte Programm, bei uns Hessen 3. Nachmittags lief für ein oder zwei Stunden Kinderprogramm, aber ich guckte das nur selten, weil ich fast jeden Nachmittag zusammen mit meiner besten Freundin verbrachte. Später lief dann immer Dienstagabends Dallas und dafür versammelte sich die ganze Familie im Wohnzimmer und ich durfte sogar aufbleiben bis die Episode zu Ende war.

Wenn wir zu Schulzeiten Hausaufgaben machten oder Referate schreiben mussten und uns fehlten Informationen über das Thema, dann guckten wir in den großen Brockhaus im Wohnzimmerschrank oder ins ‚Große Handlexikon in Farbe‘ oder wir fragten die Erwachsenen. Es gab, gerade auf dem Dorf, kaum andere Zugangsmöglichkeiten zu Wissen. Aber von uns wurde auch nicht erwartet, dass wir umfassender an Informationen kommen konnten. Referate waren damals noch keine Multimediavorführungen, sondern man schrieb vielleicht ein paar Dinge an die Tafel oder hatte, wenn man sehr gut vorbereitet war, eine Wandzeitung angefertigt. Statt Fotokopien bekamen wir damals Matrzitzenabzüge und wenn die noch sehr frisch waren, stanken sie erbärmlich nach Spiritus.

Als wir unser erstes eigenes Telefon bekamen, ein sehr großer Apparat, grün und mit Wählscheibe, war ich 9 oder 10. Vorher hatten nur unsere Nachbarn eines und wenn jemand von unseren Verwandten uns erreichen wollten, riefen sie bei den Nachbarn an und die riefen meine Eltern oder Großeltern, damit sie in deren Flur den Anruf entgegennahmen. Wenn wir jemanden anrufen wollten oder mussten, gingen wir zur Telefonzelle, die auf dem Platz vor dem Rathaus im Heimatdorf stand. Kurz nachdem wir ein Telefon hatten, bekamen auch die Familien der meisten meiner Freundinnen einen Telefonanschluss und ich kann bis heute einige dieser Telefonnummern auswendig, obwohl ich sie seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt habe.

Wenn wir Kunst sehen wollten, dann kauften wir uns Bildbände über bestimmte Maler oder Epochen, wenn es sie beim Bertelsmann Club im Angebot gab oder im Buchhandel Kalender der entsprechenden Künstler, um mehr von ihren Werken sehen zu können. Wenn man nicht wusste, wie etwas funktioniert oder geht, dann musste man jemanden kennen, der das wusste oder ein Buch finden, in dem stand wie das geht oder sich durch die Bedienungsanleitungen quälen, die sich damals schon genauso uninteressant lasen wie sie das heute tun. Wir konnten nicht googeln oder uns eine Anleitung bei youtube ansehen.

Mit 13 lernte ich in einem Volkshochschulkurs ‚Maschinenschreiben für Anfänger‘ auf einer alten Olympiaschreibmaschine (Klick für Bild in der Wikipedia), wenn man sich damals bei einem Brief vertippte, musste man entweder mit TippEx-Streifen korrigieren oder, wenn es sehr ordentlich aussehen sollte, direkt nochmal von vorne anfangen. Jahre später, als ich zum ersten Mal eine Schreibmaschine mit Korrekturtaste benutzte, empfand ich das als unglaublich luxuriösen Fortschritt.

Damals™ trugen wir die kurzärmeligen Shirts noch unter den langärmeligen, nicht umgekehrt und wenn wir (ein bisschen später dann so mit 18/19/20) in Urlaub fuhren, dann beluden wir das alte klapprige Auto mit allen möglichen Dingen, vor allem aber auch einem dicken Straßenatlas, den der Beifahrer auf dem Schoß hatte und dann fuhren wir irgendwann los in Richtung Südfrankreich. Hotels fanden wir dadurch, dass sie am Rand der Straße standen und Schilder hatten und wenn wir reingingen und nach Zimmern fragten, hatten wir keine Ahnung, auf was wir uns dabei einließen. Das ging selten gut, meistens eher gründlich daneben und dann schlief man eben mal eine Nacht auf der mitgebrachten Isomatte im Schlafsack auf dem Hotelzimmerboden, weil die Betten einfach zu grausam und schmutzig waren und sich die Haare und alle möglichen Ausdünstungen von mindestens einer Gästegeneration vorher darin sammelten. Aber immerhin hatte man ein Klo und mit Glück sogar fließendes und klares Wasser. Manchmal war das aber auch schlammfarben. Irgendwann lernten wir daraus und fragten immer vorm Bezahlen, ob wir das Zimmer zuerst mal anschauen könnten. Aber am Ende hat man das alles auch überlebt und hatte dann doch viel mehr oder zumindest ganz andere Dinge im Urlaub erlebt und hinterher zu erzählen als heute, wenn man schon im Vorfeld von zu Hause aus via Streetview vorm Hotel die Straße auf- und abmarschiert ist und den kürzesten Weg zum Strand ausgeguckt hat.

Und wenn wir dann nach dem Urlaub wieder zu Hause waren, hatten wir noch jede Menge ausländischer Münzen im Geldbeutel und es dauerte immer ein bisschen länger beim Bezahlen, weil man da erst wieder die deutschen dazwischen finden musste und mit Karte konnte man auch noch nirgends zahlen. Ausser vielleicht an Tankstellen, aber dafür brauchte man spezielle Tankkarten der entsprechenden Tankstelle. Als ich damals zum ersten Mal mein erstes eigenes Auto betankt habe, kostete der Liter Superbenzin noch knapp unter 1 DM.

Um die Urlaubsfotos entwickeln lassen zu können, musste erst mal der Film vollgeknipst sein und weil das Entwickeln und auch die Filme ja nicht gerade günstig waren, konnte das mitunter Monate nach dem Urlaub dauern und man konnte sich dann kaum noch erinnern, was genau man da fotografiert hatte. Manchmal fand man auch noch irgendwo in einer Tasche einen alten Film von dem man gar nicht mehr wusste, zu welcher Gelegenheit man ihn vollgeknipst hatte und es war unglaublich spannend, dann direkt im Fotoladen die Tüte mit den Bildern zu öffnen und durchzublättern, welche Schätze man da wieder ausgegraben hatte.

Sich zu verabreden war in früheren Zeiten sehr einfach. Oft machten wir schon an einem Wochenende direkt etwas für das nächste aus und verabredeten uns für einen Kinobesuch oder zum Eis essen oder für die Disco und dabei blieb es dann. Punkt. Ohne ‚ich kann das jetzt noch nicht sagen‘ und ohne ‚lass uns kurz vorher nochmal telefonieren oder texten‘. Diese Verbindlichkeit fand ich tatsächlich viel besser als dieses umständliche erst-auf-den-letzten-Drücker-Festlegen, das heutzutage so verbreitet ist (und von dem ich auch gar nicht immer frei bin). Insgesamt weiss ich manchmal, wenn ich in so nostalgischer Stimmung wie im Moment bin, gar nicht so genau, was davon jetzt besser oder schlechter war als es heute – speziell durch die umfangreichen technischen Möglichkeiten und die dauernde Erreichbarkeit – ist. Ich habe nur manchmal das Gefühl, zu vergessen, wie ANDERS früher vieles gewesen ist, wenn ich mich nicht gelegentlich mal ganz bewusst an solche Dinge erinnere.

Katja

 

Advertisements

13 Kommentare zu “Damals™ war alles anders

  1. Das mit den Schallplatten war noch vor meiner Zeit 😀

    Ich bin in den Neunzigern aufgewachsen und kenne noch die Welt ohne Internet. Die simple Informationsbeschaffung kenne ich auch noch, genauso wie Kassetten.

    Das Telefon, als man dann endlich mal eines hatte, wurde zum bevorzugten Kommunikationsmittel. Viele Telefonnummern kenne ich auch heute noch aber ich denke das man die Freunde bzw. Ihre Familie nach wie vor unter dieser erreichen kann. Zumindest teilweise.

    Analoge Fotografie und die Spannung im Supermarkt beim öffnen der Bildertütchen kenne ich auch noch bestens. Gerade nach dem Urlaub 🙂

    Es war alles ungeplanter, einfacher aber um einiges spannender. Aber schön war es trotzdem 😀

  2. Stimmt, man vergisst das wirklich schnell… Bei uns war es meine Oma, die bei uns im 1. Stock wohnte, die das Telefon hatte, wir haben auch erst eins bekommen, als ich 8 war. Ich kann dir sagen, bis wir mal ne RTL-ANTENNE geschweige denn einen Videorekorder oder eine SATELLITENSCHÜSSEL bekommen haben! 😉

  3. Matritzenabzüge!!! ich habe sie erfolgreich verdrängt… Selbst in der Berufsschule, als die Technik des Kopierers durchaus schon bekannt war, wurde noch mit Matritzenabzügen gearbeitet. Armes, armes Hamburg…
    Das Elend mit den selbst aufgenommenen Cassetten und dem Moderatorengequatsche habe ich noch gut in Erinnerung. Ebenfalls ärgerlich, wenn auch oft wichtig: Unterbrechung des Liedes durch Verkehrsfunk.
    Telefon hatten meine Eltern, solange ich denken kann (vielleicht, weil sie selbständig waren und öfter mal telefonieren mussten), es war so ein scheußliches eierschalenfarbenes mit Wählscheibe.
    Ein Grund, der gegen Nostalgie spricht: Damals war Caipi in Deutschland noch nicht sehr bekannt (wenn überhaupt). :mrgreen: 😉

  4. So, wie es sich anhört/liest, sind wir in etwa gleich alt…

    Meine Elterrn bevorzugten dann ‚Denver Clan‘, hatten aber schon etwas früher ein Tasten-Telephon… Paßt schon!

    Liebe Grüße, Sus

  5. ooohhh, ICH habe Matritzenabzüge gaaanz arg gemocht, eben, weil sie so toll nach Spiritus dufteten! Und ich kann mich gut daran erinnern, dass ich es immer nie abwarten konnte, bis man endlich wieder Kniestrümpfe anziehen konnte… und fror dann auf dem Weg in die Schule immer erbärmlich. Und im Fernsehen gab es zur Mittagszeit so ein komisches Pausenbild und dazu wurde ein Radfio eingespielt.
    Danke für den Rückblick 🙂

  6. Wunderbar liebe Katja, dass Du alle diese Dinge hier mal in einem Rückblick aufgeschrieben hast. Bei jedem Satz von Dir habe ich „ja, ja“ gedacht. Auch alles erlebt, vom Schreibmaschinenkurs auf der Olympia, bis grünes Telefon und Rucksackreisen – tolle Erinnerungen. Vielen lieben Dank. lg Leonie

  7. Da werden Erinnerungen wach… danke für´s Aufwecken 🙂 Zeigt mir mal wieder, in welch wunderbarer Zeit wir leben, in denen uns das Wissen der Welt zur Verfügung steht, wann immer wir wollen. Aber Du hast recht, heute ist nicht alles besser. Es ist anders.

  8. @Ralph: Aber in den 90ern das waren dann schon Handys, oder? Ich glaube, ich hatte mein erstes Handy 1997, war da aber eher schon spät dran.
    Danke übrigens! Dein Kommentar war genau der 11.000. 12.000. auf meinem Blog! Tusch und Schneddereddeng! 🙂

    @Anette: Videorekorder war bei mir damals die erste größere Anschaffung von selbstverdientem Geld als ich meine Ausbildung begonnen hatte. Das war damals der heisse Scheiss mit so einem Scannerstift zur Programmierung.

    @Katrin: Oh und erinnerst du dich noch an die Reiserufe im Radio? Sowas gibt es heute auch gar nicht mehr, dass durchgesagt wird, dass Familie x aus y auf dem Weg nach München dringend zuhause anrufen soll. Damals hörte man das dauernd.
    Das Telefon unserer Nachbarn war auch so ein eierschalenfarbenes. 😀

    @Noémi: Ein klitzekleines bisschen jünger bin ich, Jahrgang 71.

    @Sus: Bist du auch ein Kind der 70er? Sei auf jeden Fall herzlich willkommen auf meinem Blog!

    @Rabea: Oh und beim Fernseher gab’s Sendeschluss! Das muss ich unbedingt dem Lieblingsneffen (der spätestens in den Ferien immer zur absoluten Nachteule mutiert) erzählen. 😀

    @Leonie: Hast du beim Umstieg auf elektrische Schreibmaschinen dann auch viel zu fest auf die Tasten gehämmert und musstest erst lernen, nicht mehr etliche gleiche Buchstaben auf einmal zu schreiben? 😀

    @Silencer: Den Zugang zu so viel Wissen und auch zu Kultur empfinde ich als großartigste Änderung! Bei meiner Mutter gibt es nur extrem lausiges Netz und immer, wenn ich dort mal zu Besuch bin, merke ich, wie normal (und auch luxuriös) es ist, Dinge sofort nachschlagen zu können.
    Wenn ich mir allerdings überlege, wieviele Flaschen Sekt (das war früher unsere Standardwettwährung) ich damals bei irgendwelchen Thekenwetten gewonnen habe – sowas gibt es heute vermutlich auch nicht mehr, weil schneller jemand nachgeschlagen hat als dass man überhaupt zum Wetten käme. :mrgreen:

  9. @Rüdiger: Gerne! 🙂
    Nicht lachen, aber der Schwall kam in der Tat hoch als ich ein neues Oberteil anprobiert habe. Ein Longsleeve, wie es Neudeutsch heisst, wir sagten früher langärmeliges T-Shirt dazu. Naja und beim Anprobieren habe ich dann ein kurzärmeliges Shirt drübergezogen, weil ich das zugegebenermaßen mittlerweile ganz gerne mag, aber da fiel mir ein, dass wir früher darüber den Kopf geschüttelt hätten, weil das ja voll falsch rum ist und die langen Ärmel über die kurzen gehören. :mrgreen:

    @WdW: Und auch: es gab kein Anklopfen, wenn besetzt war, war besetzt und dann wurde die beste Freundin schon mal abgewürgt, weil ja der Schwarm ausgerechnet in dem Moment anrufen könnte. 😀

  10. Ja, die Reiserufe, ich erinnere mich! „Uwe Meier, unterwegs in einem braunen Opel Kadett … wird dringend gebeten …“
    Damals, als es noch nicht so viele Radiosender gab, die wenigen dafür aber ein weitaus größeres Spektrum abdeckten…

Und jetzt du! Deine Gedanken, Worte, Punkte, Smilies, Bilder, Gesänge... Danke dafür!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s