Gelesen im September und Oktober 2013

Bis ich nach meiner Reise nach Spanien daran dachte, dass ja noch die Leseliste vom September in den Entwürfen schlummert, war der Oktober schon zur Hälfte rum und deswegen habe ich dann direkt noch die zwei Wochen weitergesammelt. Ich lese ja in diesem Jahr für meine Verhältnisse ohnehin nur sehr wenig.

Christiane André – Mensch, Amor!

Irgendwie bin ich ja selber schuld. Ich weiss, dass ich diesen platten deutschen Liebeskomödien nichts abgewinnen kann, aber dann kaufe ich doch gelegentlich wieder eine, wenn ich über ein günstiges Angebot stolpere. Bei dieser dachte ich, dass sie vielleicht als Strandlektüre ganz brauchbar wäre, aber dann habe ich sie doch schon vorm Urlaub gelesen, das kam so: Ich hatte einige Zeit vorher den Baader Meinhof Komplex begonnen und der hat mich ziemlich umfassend mitgenommen und auch nachts verfolgt, sodass ich wieder mal kaum schlafen konnte. Deswegen brauchte ich dringend eine Ablenkung, und am besten weit weg von anstrengend oder anspruchsvoll. Das trifft dann schon ganz gut auf ‚Mensch, Amor!‘ zu . Das ist nämlich verkrampft darum bemüht lustig zu sein, ohne meiner Vorstellung von Humor auch nur nahe zu kommen und ebenso seicht wie vorhersehbar. Hat also alle Kriterien der Ablenkungslektüre erfüllt, erwartungsgemäß aber auch nichts darüber hinaus mit mir gemacht.

Stefan Aust – Der Baader Meinhof Komplex

Ich erinnere mich noch gut an die Fahndungsplakate, die in meiner Kindheit überall in Banken oder Postfilialen hingen, erinnere mich noch an die schlecht ausgeleuchteten Gesichter der RAF-Mitglieder in schwarz-weiss, die in großer Zahl auf den Plakaten abgebildet waren und dass ich immer davor stand und die Gesichter studierte, wenn ich mit bei der Bank oder Post war.

Vor ein paar Monaten entdeckte ich ein heruntergesetztes Exemplar des Buches beim Einkauf und obwohl ich es nicht so sehr mit Sachbüchern habe, musste ich es damals mitnehmen, um der seltsamen Faszination auf den Grund zu gehen, die mich bei der Erinnerung an die Plakate erfasste.

Für alle, die ebenso wie ich, vage Kindheitserinnerungen an die Fahndung haben, an die Schleyer-Entführung, die Radiofahndungsmeldungen der Zeit, sich aber noch nie näher mit der RAF und dem Terrorismus beschäftigt haben, der damals alle Meldungen beherrschte, ist das Buch sehr empfehlenswert.

Vor allem die Wege, wie die einzelnen Führungsköpfe der RAF in die Illegalität geraten sind, fand ich hmm irgendwie beängstigend, weil das im Grunde erst mal alles nur politisch interessierte und engagierte junge Menschen waren, die mit ihrem Staat, ihrer Regierung unzufrieden waren. Und dass der Übergang vom friedlichen Protest zu gewaltsamen Aktionen erfolgte – das ist leider keine Geschichte, in der man deutlich zwischen den Guten und den Bösen unterscheiden kann.

Ich glaube, das war es, was mich insgesamt am meisten beim Lesen erschüttert hat. Dass diese Einteilung in schwarz und weiss längst nicht so klar ist, wie ich mir das vorgestellt hätte, dass vieles, das auf mich immer wie Aktion wirkte, tatsächlich (aber auch) Reaktion war. Meine Wahrnehmung der damaligen Zeit und der einzelnen Seiten, meine naive Vorstellung des Staates als ‚die Guten‘ im Sinne zu verstehen als diejenigen, die im Rahmen von Gesetzen handeln ist erschüttert durch die unfassbaren ungesetzlichen Aktionen, die die Behörden damals begangen haben. Dass die vertraulichen Gespräche der in Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder mit ihren Anwälten abgehört wurden, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs.
Dahingehend war die Lektüre ziemlich ernüchternd und wenn ich das Gelesene in direkten Bezug zu den aktuellen Geschehen rund um die Überwachung und Bespitzelung setze, dann wird mir ganz schlecht und ich frage mich, wie groß die Beteiligung oder zumindest das Wissen unserer Regierung tatsächlich ist. Wo verläuft die Grenze, wann – und vor allem: ob überhaupt! – darf der Staat selber ungesetzlich handeln, wenn es in der Absicht geschieht, Verbrechen zu bekämpfen oder zu verhindern? Nach der Lektüre fühle ich mich noch weniger als vorher in der Lage dazu, mir eine eindeutige Meinung zu bilden, weil das meinen Blick auf ganz andere Blickwinkel gelenkt hat.

Lesenswertes Buch! Wenn auch nicht gut Nachttisch geeignet für Menschen wie mich, die sich nicht gut gegen solche Dinge abgrenzen können. Mich hat das oft im Schlaf noch verfolgt – vielleicht gerade weil ich wusste, dass das keine Fiktion ist, sondern ein Stück deutscher Geschichte. Die Geschichte derer, deren schwarz-weisse Gesichter ich in meiner Kindheit so oft studiert hatte.

Elizabeth Strout – Mit Blick aufs Meer

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Ich hielt es für eine gute Idee, ‚Mit Blick aufs Meer‘ mit Blick auf’s Meer zu lesen, deswegen durfte das mit in den Urlaub. Leider war es nicht so gut strandlektüretauglich wie erhofft. Strout erzählt von den Einwohnern von Crosby, einer Kleinstadt an der Küste von Maine. Das Buch setzt sich aus vielen Geschichten zusammen, die (nur) dadurch miteinander verbunden sind, dass man einigen der Personen immer wieder in verschiedenen Geschichten begegnet. Die Charaktere sind es auch, die die Geschichten sehr lebendig machen. Die sind unheimlich liebevoll und warmherzig entworfen, da bleibt keiner flach und oberflächlich und das hat mich sehr fasziniert, weil sie dafür gar nicht das ganze Buch brauchte, das ging ganz fix in der ersten Geschichte schon, dass einige der Figuren für mich sehr lebendig wurden. Weswegen ich das Buch nicht so strandtauglich fand waren eher die Geschichten an sich. Die sind größtenteils schwermütig und bedrückend. Wie das so ist, im Leiden sind die Charaktere natürlich tiefere als im Glück.

Ich muss das Buch irgendwann nochmal lesen, wenn es draussen stürmt und auf dem Stövchen die Teekanne bollert. Ich glaube, in die Stimmung passt es für mich wesentlich besser. Das ist ein Herbstbuch, kein Sommerbuch.

Wer Geschichten rund um liebevolle lebendige Charaktere liebt, wird das Buch sicher mögen. 🙂

Heinz Strunk – Fleisch ist mein Gemüse – Eine Landjugend mit Musik

Mathias Halfpape alias Heinz Strunk schreibt mit autobiografischem Bezug über seine Jahre bei der norddeutschen Tanzmusikband Tiffanys, mit der das Romanalterego (real war es wohl etwas kürzer) zwölf Jahre lang, rund 70 Mal pro Jahr auf Schützenfesten, Silberhochzeiten oder zum Faslam (wie der norddeutsche Fasching heisst) Mucke gemacht hat. Mucke machen hieß das, denn keiner der Beteiligten hätte die Tanzmusikveranstaltungen als Auftritt bezeichnet, mit echtem Musikmachen hatte das wenig zu tun.

Heinz Strunk oder Heinzer, wie ihn seine Bandkollegen bei den Tiffanys – pardon Tiffanys, es heisst nur Tiffanys ohne Artikel – nennen, ist schwer von Akne geplagt und hat keinen Erfolg bei Frauen. Ironisch betrachtet er die Veranstaltungen, sich selber, die Bandkollegen, die Brautväter, Schützenkönige und Gastwirte, denen er begegnet. Er wohnt mit seiner Mutter im winzigen Reihenhaus, hat ein Alkoholproblem und verdaddelt das Geld, das er bei den Auftritten verdient, an Spielautomaten.

Mir hatte eine liebe Bekannte das Buch empfohlen, aber es ist irgendwie immer das gleiche, wenn ich mich an solchen äh eher humoristischen Büchern versuche. Ich finde die nicht wirklich lustig. Das ging mir mit der Bibel nach Biff zuletzt so und auch mit dem Strunk jetzt. Den fand ich mehr bedrückend und trostlos, als dass er mich zum schmunzeln gebracht hätte.

Und dann stammt der titelgebende Satz nicht mal von ihm selber!

„Jens war von ganz anderem Schlag, ein Mann der Sachthemen. Über Privates sprach der patente Jungbeamte nur selten. Sein Vater war gleichfalls Beamter, und auch sein jüngerer Bruder Andreas wollte einer werden. Jens war leidenschaftlicher Fleischesser und hielt mit seiner Einstellung in dieser Sache nicht hinterm Berg. So pflegte er oft mahnend zu sagen: ‚Der Mensch ist kein Beilagenesser.‘ Von ihm gab es viel zu lernen. Obst ist ein Nahrungsmittel für Bewohner subtropischer und tropischer Regionen; Gemüse dient in erster Linie der farbenfrohen Auflockerung des mit verschiedenen Fleischsorten bestückten Tellergerichts. Deshalb mit Obst und Gemüse sparsam umgehen, weil es sonst schnell zu einer unerwünschten Vorsättigung kommt! Eine schöne heiße Suppe mit Klößen ist allemal besser als fader Salat und weich gekochte Eier – auf jeden Fall schmackhafter als ein Müsli, an dem man ewig zu kauen hat. Nachdem Jens sich einmal bei einer Hochzeitsfeier seinen Teller so richtig mit Braten, Würstchen und Koteletts und den dazugehörigen Soßen voll geladen hatte, brach es plötzlich mit Macht aus ihm heraus: ‚Fleisch ist mein Gemüse!'“

(Heinz Strunk, Fleisch ist mein Gemüse, rororo Verlag, Seite 49f)

Sebastian Fitzek, Michael Tsokos – Abgeschnitten

Normalerweise dauert es ein paar Kapitel (oder auch länger) bis ich in ein Buch reinkomme, bis es mich irgendwie fesselt oder fasziniert. Abgeschnitten hat mich direkt im Prolog einkassiert und am liebsten hätte ich es in einem Rutsch durchgelesen und dann erst wieder weggelegt.

‚Der Seelenbrecher‘ von Fitzek fand ich schon sehr spannend, deswegen war ich hocherfreut, dass ich ‚Abgeschnitten‘ in der Geburtstagstombola von Corinas Kleiner Idee gewonnen hatte.  Ein wirklich sehr krasses Buch, ich glaube, ich komme nicht drumrum, nach und nach alles von Fitzek zu lesen – auch wenn mich das vermutlich manches Mal um den Schlaf bringen wird.

Ein renommierter Berliner Pathologe findet bei der Obduktion einer verstümmelten Frauenleiche einen Zettel mit einer Telefonnummer. Der Handynummer seiner Tochter, wie sich kurz darauf raustellt.

Wenig später erhält er einen Anruf einer unbekannten jungen Frau – der Comiczeichnerin Linda, die sich auf Helgoland vor ihrem psychopathischen Exfreund versteckt hält – die am Strand von Helgoland eine Leiche gefunden hat und bei der Leiche ein Handy, in dessen Speicher sich nichts findet, ausser den entgangenen Anrufen von Paul Herzfeld, dem Pathologen, denn es handelt sich um das Handy dessen Nummer er in der Leiche gefunden hat.

Ab da beginnt eine großartige Schnitzeljagd, denn Hannah, Herzfelds Tochter ist in der Gewalt des grausamen Killers – oder sind es gar mehrere? – und der nächste Hinweis auf ihren Aufenthaltsort verbirgt sich, so vermutet es Herzfeld zu recht, in der Leiche, die Linda am Strand gefunden hat.

Dummerweise nur, ist Helgoland durch einen Sturm komplett vom Festland abgeschnitten und Paul Herzfeld kann nicht selber auf die Insel kommen, um die Obduktion durchzuführen. Und die Zeit rennt.

Spannend, spannend, spannend. Und obwohl man natürlich bei solchen Psychothrillern immer merkt, dass die Geschichte konstruiert ist, gelingt es Fitzek meisterlich eine, trotz einiger Wendungen, in sich sehr schlüssige Geschichte zu erzählen, die immer, wenn ich dachte, langsam die Zusammenhänge zu durchschauen noch eins oben drauf setzen konnte, ohne je grobe Brüche in der Logik aufzuweisen.

Hat mir gut gefallen, obwohl ich eigentlich eine Memme bin und da teilweise schon sehr detailliert Obduktionsschritte und auch Gewaltszenen geschildert werden.

Katja

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6 Kommentare zu “Gelesen im September und Oktober 2013

  1. Ich sollte „Der Baader Meinhof Komplex“ auch lesen. Ich kann mich auch noch an die Fahndungsplakate erinnern, die waren für mich als Kind was ganz Normales, ich hab mir gar nicht viel dabei gedacht! Unglaublich… Ich habe mich vor Kurzem mit meiner 15 Jahre älteren Schwester unterhalten und sie hat mir erzählt, dass es damals unter den Abiturienten und Studenten durchaus viele Sympathisanten der RAF gegeben habe. Viele von ihnen hätten deren Mittel abgelehnt, aber es gab wohl auch einige, die auch die Mittel in Ordnung fanden. Sollte mich auch mal näher damit befassen, warum das so war. Danke für den Tipp.

  2. @Muriel: Kannst/Magst du das näher begründen oder kommt das einfach nur tief aus dem Bauch raus?
    (Ich kenne das, zumindest bisher, nicht von Autoren, aber ich könnte Dinge zertrümmern, wenn Tobey Maguire auf der Leinwand auftaucht.)

    @Anette: Das war etwas, was ich vor der Lektüre des Buches auch nicht wusste, wieviele Sympathisanten die RAF in der Bevölkerung hatte. Das Buch kann ich wirklich empfehlen, wobei man beim Lesen auch im Hinterkopf behalten sollte, dass Stefan Aust mal mit Ulrike Meinhof zusammen gearbeitet hat und auch deren Kinder aus einem Versteck in Sizilien abgeholt und zu ihrem Vater gebracht hat, damit die Meinhof sie nicht in ein palästinensisches Waisenlager bringen konnte, damit der Vater sie nicht bekommt. Er ist also nicht ganz der unbeteiligte Beobachter und das sind schon auch sehr persönliche Eindrücke, die da einfließen. Man merkt zB gut, dass er nichts von Baader hielt (der hatte ihn wohl auch töten wollen, nachdem er die Kinder befreit hatte).

    • Ich empfinde seinen Stil als extrem prätentiös und gleichzeitig ungeschickt. Ich komme mir immer vor wie mit einem Kind, das unentwegt extrem laut herumkrakeelt, dass es ohne Hände Radfahren kann, und dass man doch endlich mal gucken soll, es dann aber nicht mal packt, wenn man endlich doch hinschaut. Und ich bin nicht mal die Mutter des nervigen Balgs.
      Und als zusätzliche, weniger metaphorischen Kritik: Seine Dialoge unterhalten mich nicht, und seine Charaktere sind mir durchweg unsympathisch.

      • OK, man kann da umfassend erkennen, dass du ihn wirklich nicht magst. 😀
        Ich muss beim nächsten Buch von ihm mal auf das achten, was dich stört. Erstaunlicherweise bin ich viel weniger aufmerksam, was den Stil angeht, wenn ich eine Geschichte sehr spannend finde, wohingegen ich bei Autoren, deren Stil mir sehr gefällt gar keine großartige Geschichte brauche und auch keine Spannung.

      • Ich kann mit Spannung nichts anfangen. Bin nicht mal ganz sicher, was das ist.
        Aber ist ja schön, dass es für verschiedene Vorlieben verschiedene Autoren gibt.

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