kurz zitiert #39

„Ich werde versuchen, es Ihnen mit einer Analogie zu verdeutlichen“, begann sie. „Vor zehn Jahren habe ich beim Spülen ein Weinglas zerbrochen und mir dabei einen winzigen Splitter in den Daumen gerammt. Ich konnte ihn nicht herausziehen und der Arzt wollte wegen der benachbarten Nervenstränge nichts unternehmen. Im Laufe der Jahre hat es manchmal ein bisschen wehgetan, mehr nicht, und der Körper hat sich die ganze Zeit vor dem Glassplitter geschützt. Er hat Hautschichten darum gebildet, bis der Splitter wie eine winzige Erbse war. Und dann hat der Körper ihn eines Tages abgestoßen. Die Erbse kam an die Oberfläche und war mit Hilfe von ein wenig Magnesiumsulfat ganz aus meinem Daumen zu entfernen.“
„Und das soll Ihre Erklärung für die Art von Realität sein, von der wir hier reden?“
„Glassplitter können auch in die Seele eindringen“, sagte sie, und schon bei der Vorstellung wurde ihm übel. „Manchmal sind diese Splitter zu schmerzhaft, um sich mit ihnen zu befassen. Wir schieben sie in die hintersten Nischen unseres Gehirns. Wir glauben, dass wir sie vergessen können. Unser Verstand beschützt uns sogar vor ihnen, indem er diese Splitter umhüllt … mit Lügen. Bis eines Tages irgendetwas passiert und ein Splitter scheinbar völlig grundlos wieder an die Oberfläche unseres Bewusstseins dringt. Der Unterschied zwischen Körper und Geist besteht darin, dass wir den Glassplitter nicht mit Magnesiumsulfat in unser Bewusstsein ziehen können.“

(Robert Wilson – Der Blinde von Sevilla, Goldmann Verlag, Seite 345f)

Diese Analogie, das Bild des Splitters, ist für mich eine wunderbare Beschreibung der Verdrängung, die manchmal so (über-)lebensnotwendig ist.

Als ich damals an Depressionen erkrankte waren es diverse Umstände in meinem Leben, die zu diesem Zeitpunkt zu einem Zusammenbruch führten. Ich hatte dabei immer das Bild eines Walls oder Staudammes vor Augen, der durch starke Beanspruchung damals zusammengebrochen ist und nicht nur die Dinge, die in meinen damaligen Lebensumständen problematisch waren, ungebrochen auf mich einstürzen ließ, sondern auch all diese Dinge aus meiner Vergangenheit nicht mehr zurückhalten konnte und in mein Bewusstsein stürzen ließ, die sich auf einmal nicht mehr verdrängen ließen.

Einigen der Dinge, die damals hochkamen, habe ich mich mittlerweile gestellt, aber da sind andere, die habe ich, sobald ich dazu in der Lage war, wieder tief in mir vergraben, weil mir bisher immer die Kraft gefehlt hat, mich damit auseinanderzusetzen. Zu denen passt das Bild der Splitter – denn immer mal wieder passiert es, dass einer davon es schafft, in mein Bewusstsein zu schwappen und mich eine Weile lang zu pieksen und zu piesaken.

Den letzten Satz des Zitates finde ich nicht mehr stimmig – ich wollte ihn nur der Vollständigkeit halber mit aufschreiben – denn mMn geht es nicht darum, den Splitter (nur) ins Bewusstsein zu ziehen, sondern ihn irgendwann/irgendwie durch diese Oberfläche hindurch ganz aus der Seele zu verbannen.

Tolles Buch übrigens und eigentlich ein verflucht spannender Krimi, nix psychomäßiges bzw. nur sehr am Rande, als Teil der Geschichte.

Katja

11 Kommentare zu “kurz zitiert #39

  1. @Svü: Fand ich auch. 🙂

    @Leonie: Das ist ansonsten aber wirklich ein Krimi. Allerdings hat der mir ausgezeichnet gefallen. Es ist der erste Band einer Tetralogie. Ich hatte zuerst den vierten Band gelesen, den ich zufällig gekauft hatte, weil er in Sevilla spielt, ohne zu wissen, dass er drei Vorgänger hat. Danach musste ich mir direkt die anderen drei Bücher der Serie kaufen. Jener hier ist der erste und hat mir noch besser gefallen als der vierte.

    @Anette: Findest du den letzten Satz des Zitats dann auch so unpassend? Ich fand den Rest so unheimlich stimmig, aber man will die Splitter ja nicht wirklich ins Bewusstsein ziehen. Die pieksen ja leider von selber los und man will sie eher ganz loswerden.

      • Aber so oder so hat er das wunderbar formuliert und ein sehr nachvollziehbares Bild kreiert! Ich musste, als ich beim Lesen an der Stelle ankam, unbedingt meine Haftmarker vom Schreibtisch holen, damit ich das einfach wiederfinde. 🙂

  2. …manchmal hakt es ja an der Übersetzung eines Buches. Im ersten Absatz heißt es ja, dass Magnesiumsulfat den Splitter entfernt hat und daher passt der letzte Satz wirklich nicht. Wie Du schon sagst, man will „den Splitter“ loswerden.

  3. Ich könnte mir vorstellen, dass es statt „…dass wir den Glassplitter nicht mit Magnesiumsulfat in unser Bewusstsein ziehen können…“ besser heißen sollte „…dass wir den Glassplitter nicht mit Magnesiumsulfat AUS UNSEREM Bewusstsein ziehen können…“ und es würde für mich mehr Sinn machen und dann auch wieder ins Bild passen.

    Ich nenne diese Splitter für mich übrigens „Leichen im Keller“ – das klingt zwar nicht annähernd so schön wie der Text oben, aber ich schaffe so gedanklich auch noch eine räumliche Entfernung. Die hilft mir „Abstand zu wahren“.

    • Dann würde es tatsächlich direkt Sinn machen.
      Ich dachte, er wäre bei dem Bild an der Stelle gestolpert, dass das ins Bewusstsein gelangen eher vergleichbar ist mit dem Pieksen, das man manchmal beim Splitter spürt, nicht mit dem Rausziehen des Splitters.
      „Leichen im Keller“ fühlt sich für mich im ersten drüber Nachdenken eher so an als hätte ich was Schlimmes gemacht und wollte das dort verbergen. Wobei ich den Gedanken des räumlichen Abstandes mag.
      Mein Therapeut brachte mir damals zwei Techniken aus der Tagtraumtherapie bei. Eine davon diente dazu, diese Dinge wieder unter Verschluss zu packen, die zu schmerzhaft sind, um mich ihnen direkt zu stellen. Das war damals das Bild eines gut gesicherten und verborgenen Tresors, wo ich die Bilder, die mich plagten wegsperren konnte. Das hat damals sehr gut für mich funktioniert. So weit muss ich sie heute zum Glück nicht mehr wegsperren.

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