Nicht genug.

Vor ein paar Jahren war ich relativ eng mit einer Frau befreundet, die ein wahres Energiebündel war. Sie hatte ein unheimliches Talent, sich in Dinge, die sie für sich entdeckte und die sie interessierten, Hals-über-Kopf und mit Vollgas reinzustürzen. Dann machte sie diese Sache für eine Weile und dann stürzte sie sich mit der gleichen Energie wieder in etwas Neues. Sie probierte alles aus, war dahingehend extrem mutig und forsch.

Und wenn ich oben unheimlich schreibe, dann tatsächlich im doppelten Wortsinne, denn mir war dieses energische Vorgehen oft nicht geheuer, weil ich so ganz anders bin und ticke. Ich bin feige. Ich kann nicht gut mit Veränderungen umgehen. Ich bin überhaupt nicht spontan. Ich muss bei den meisten Dingen erst ewig darüber nachdenken, mögliche Eventualitäten oder möglicherweise auftauchende Schwierigkeiten durchdenken, damit sie mich nicht überraschen. Ich stehe mir mit dem vielen Nachdenken oft selber im Weg und komme erst gar nicht bis zu dem Punkt, wo ich anfangen könnte.

Jene Freundin damals (und damals meint einen Zeitraum, wo es mir zB noch viel schwerer fiel, überhaupt rauszugehen) hat mich oft mit ihrer Energie überrollt. Immer, wenn ich über irgendetwas erzählte, das mir Spaß machte, kam sie mit Hau-Ruck-Plänen, wie ich daraus etwas machen könnte, mich reinstürzen könnte. „Du musst doch einfach nur…“. Mich hat das total überfordert und sie hat (glaube ich zumindest) nicht verstanden, wieso ich nicht einfach mit den Dingen loslegte, wo doch ihr Plan quasi direkt fertig war und ich nur hätte machen müssen.

Damals, das war auch der Zeitraum, indem ich zum letzten Mal bei einer Therapeutin war. Irgendwann im Laufe einer Sitzung erzählte ich von dieser Freundin und was sie alles an Ideen für mich hatte und wie sehr mich das überforderte und die Worte der Therapeutin werde ich vermutlich nie vergessen. Sie sagte mir „Na das ist ja ganz schön armselig von Ihnen.  Sie selber haben keine rechte Idee, was sie mit sich anfangen sollen und anstatt froh zu sein, dass Ihre Freundin das so energisch für sie anpackt, beklagen Sie sich, dass Ihnen das zu schnell geht.“

Zusammen mit noch ein paar Dingen, die sie in vorherigen Sitzungen gesagt hatte, sorgte dieser Spruch dafür, dass ich da eigentlich nie wieder hingehen wollte. Dann habe ich tagelang rumüberlegt, weil es eben unter anderem so furchtbar schwierig ist, überhaupt einen Termin bei einem Therapeuten zu bekommen und weil es so furchtbar schwierig ist, einen zu finden, der zu einem passt. Und weil ich nicht sicher sein könnte, dass es bei einem anderen besser werden würde, habe ich beim nächsten Termin all meine Angst überwunden und ihr gesagt, dass es mir schwer fällt, ihr zu vertrauen und ihr Dinge zu erzählen, wenn sie so darauf reagiert, was nach 30 Minuten Empörung ihrerseits, dass sie ja wohl die Expertin sei, dass sie diese Dinge nicht grundlos sagen würde und dass sie so viele Patienten hätte, denen sie geholfen hätte und bei denen ihre Zeit nicht so vergeudet wäre wie bei mir aufsässigen Person, dazu führte, dass sie mich rauswarf – aus der Sitzung und auch der Therapie.

Einem lieben Freund habe ich zu verdanken, dass ich das hinterher richtig einzuordnen gelernt habe und nicht die Schuld bei mir gesucht habe. Und auch, dass ich dieser ‚Chance‘ nicht hinterher getrauert habe sondern letztendlich froh und auch ein bisschen befreit war, nicht mehr dort hinzugehen.

Aber eigentlich fiel mir das alles gerade wieder ein und auch, dass ich schon längst mal erzählen wollte, weswegen ich seitdem so zögerlich darin bin, mir einen neuen Therapeuten zu suchen, als ich über eine liebe Bekannte nachdachte, ebenfalls eine sehr aktive Frau, die ich gelegentlich treffe und die, ähnlich wie jene Freundin damals, ganz häufig zu mir sagt, ich müsse aber doch etwas aus all dem machen, was ich gut könne und was mir Spaß macht und dass mich das regelmäßig überfordert, weil ich gar nicht weiss, wie ich das genau anpacken soll, etwas ‚draus zu machen‘ und auch nicht, ob ich das hinbekäme, weil mir der Gedanke so wahnsinnige Angst macht. Alleine mich damit auseinanderzusetzen. Und ich habe fast jedes Mal nach einem Treffen ein schlechtes Gewissen – auch wenn ihr das sicherlich furchtbar fern liegt, das auszulösen und sie das nur in bester Absicht sagt. Aber diese ständige Aussage, ich müsse etwas daraus machen, löst bei mir immer das Gefühl aus, dass es so wie es momentan ist, falsch ist. Dass Machen alleine nicht genügt, sondern ich muss etwas daraus machen. Etwas Sinnvolles. Nur so für mich ist ja nicht ausreichend sinnvoll.

Ich habe ganz viele Jahre immer dieses Gefühl gehabt, dass das Leben irgendwo draussen ohne mich stattfindet, dass ich meines irgendwo auf einem Wartegleis geparkt habe.

Jetzt mache ich, gemessen an dem, was die meisten anderen Menschen machen, wenig.

Jetzt mache ich, gemessen an dem, was ich vor ein paar Jahren machen konnte, wahnsinnig viel.
Und manchmal fühlt es sich auch immer noch nach zu viel an und nach Überforderung. Und meistens fühlt es sich an, als könne ich, zumindest momentan, auf keinen Fall noch irgendetwas weiteres – und schon gar nichts mit einer festen Verpflichtung – zusätzlich bewältigen.

Und ich empfinde mich eigentlich auch nicht mehr auf dem Wartegleis, sondern mitten in meinem Leben.

Aber ich schaffe es nicht / traue mich nicht, das genau so zu sagen. Fast niemandem gegenüber. Weil ich immer das Gefühl habe, dass alle anderen von mir erwarten, dass ich mehr schaffen müsste, mehr machen müsste, etwas aus den Dingen machen müsste, die ich kann und nicht nur die Dinge selber machen.

Und diese, oft nur unterschwellige Erwartungshaltung, diese Tatsache, dass andere mich auf dieses Wartegleis setzen, mich dort sehen, obwohl ich mich selber eigentlich gerade gar nicht dort sehe, weil ich erst mal die Kämpfe am Status Quo im Leben besser im Griff haben muss, setzt mich so massiv unter Druck, dass es mir noch schwerer fällt und noch mehr Angst macht, mich damit auseinanderzusetzen, ob und wie und was ich machen könnte oder wollte.

Und niemand fragt mich. Wie ich bin, wie ich ticke, was ich will. Aber alle scheinen zu wissen, dass das, wie und was ich gerade bin, nicht ausreicht. So sehr, dass ich mir den Schuh, nicht auszureichen, natürlich direkt wieder oft genug selber anziehe und nur auf das gucke, was ich nicht kann, statt auf das zu gucken, was ich (schon wieder) kann.

Katja

 

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