Die Geister, die ich rief

Es gibt keine echte Fluchtmöglichkeit, in Zeiten, in denen die eigene Erinnerung der größte Feind ist. Wie entkommt man den Bildern, die die Erinnerung bei jedem Augenschließen auf die Netzhaut projiziert? Wie verscheucht man die tanzenden Schatten und Reflexionen in jeder dunklen Scheibe, die das eigene Gehirn einem vorgaukelt, von denen es einen glauben machen will, sie seien echt?

An manchen Tagen funktioniert Ablenkung, funktioniert es, in die Geschichte eines Buches einzutauchen oder in irgendeine Tätigkeit, die die Bilder für eine Weile verdrängt. An anderen bleiben nur Tränen oder, wenn davon keine mehr übrig sind, eine dumpfe Leere. Und dann wird das innere Schreien manchmal leiser, aber das Gefühl ist in diesen Momenten leblos und stumpf.

Und das, was vermutlich am ehesten helfen könnte – mich gerade nicht so sehr einzuigeln und stattdessen Kontakt zu suchen – fällt mir wieder einmal am schwersten, weil ich diesen traurigen Teil von mir, dem das Lachen so schwer fällt, noch nie gut zeigen konnte. Nicht mal hier kann ich das besonders gut, seit Tagen will ich mir das eigentlich von der Seele schreiben und immer wieder lösche ich meine Entwürfe oder fange erst gar nicht an aus Angst, wie ein Jammerlappen zu wirken.

Aber eigentlich ist das Murks und sollte mir egal sein. Denn Schreiben ist ja auch noch eines von den Dingen, die am ehesten helfen.

Katja

 

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10 Kommentare zu “Die Geister, die ich rief

  1. Wenigstens schreiben solltest du, so gut es geht, liebe Katja. Im Grunde haben viele von uns dich ja auch gefunden und sind geblieben, weil du darüber geschrieben hast, weil du uns ein Licht warst in unserem eigenen Kampf gegen diesen „schwarzen Hund“ namens Depression und seiner Gefolgschaft „Angst“. Gerade jetzt, wo ich selbst haarscharf an einem Burn Out vorbeigerutscht bin und mir selbst akut geholfen habe, indem ich mich nachts zum schlafen gezwungen habe [ja, durch Chemie, 4 Tage sind angedacht, um mich zu stabilisieren] – und nun ruhiger mache.

    Ich bin dir immer wieder für deine offenen Worte und auch dein sensibles Ohr dankbar, Katja. Ich denke an dich.

  2. Ich überlege in letzter Zeit echt immer häufiger, gelegentlich mit Passwortschutz zu schreiben, weil ich merke, wie ich mich selber einschränke, oft vage bleiben, obwohl ich mir Dinge eigentlich lieber vom Herzen schreiben würde, aber das bei manchen Themen nicht wage, weil es sich so ungeschützt anfühlt nicht zu wissen, wer das liest.
    Sind deine Erfahrungen mit dem Schutz durchweg positiv oder gibt es da auch Schattenseiten, die ich vielleicht nicht bedenke?

    Also grundsätzlich will ich ja auch weiterhin öffentlich über meine Depressionen und die Angst bloggen. Aber diese Bilder, die mich gerade so sehr verfolgen und belasten, sind zB nichts, was ich öffentlich zugänglich aufschreiben möchte.

    Ich danke dir sehr für deine Worte. Pass gut auf dich auf, liebe Sherry! 🙂

    • Weißt du,

      wenn du das Gefühl hast, dass du in deinem Herzen etwas zurückhältst, weil du es öffentlich nicht schreiben willst – und wenn du das Gefühl hast, dass es dir besser tun würde, wenn du es eben doch schriebest, dann empfehle ich dir den Passwortschutz.

      Ich habe damit nur gute Erfahrungen gemaht, obwohl es ca. 1-2 Probleme für mich gab, die ich dir einfach offen mitteile, damit du das für dich einfach abwägen kannst.

      1. Du wirst einigen kein Passwort geben und das könnte sie verletzen

      2. Du kannst von Menschen, denen du das PW gegeben hast, verletzt werden. Nicht direkt brutal, aber eben ein wenig durch „Ignoranz“ oder „totales Schweigen“, sprich: Un-Anteilnahme. [Das ist so eine schwierige Sache, denn ein wenig denkt man ja, man teile da etwas sehr Verletzliches und für einen selbst sehr Großes, wenn dann keine Reaktion kommt, kann das anfangs etwas pieksen. Bei mir war’s so, hat sich aber fast ganz gelegt.]

      3. Irgendwann möchtest du deine Beiträge vielleicht mit einigen doch nicht mehr teilen und änderst dein PW oder benutzt für den jeweiligen Beitrag ein neues PW – auch da stehst du dann vor Problem 1.

      Ansonsten hilft es mir sehr, das weißt du auch selbst. Ich schreibe schon anders, wenn ich weiß, dass nur ein ausgewähltes Publikum lesen darf.

      • Sherry, vielen Dank für deine ausführliche Antwort! Bei mir war es bisher nur der Gedanke, dass ich gerne wissen möchte, wer über diese Themen lesen würde, ohne dass ich da jemandem den Zugang verwehren wollte. Allerdings habe ich bisher noch gar nicht über solche Dinge nachgedacht, ob ich tatsächlich jemandem das Passwort geben möchte, den ich überhaupt nicht kenne, was mich vor das Problem stellen würde, was du unter 1 schreibst.

        Und auch über deinen zweiten Punkt muss ich erst mal nachdenken.

        Danke, das sind echt Dinge, über die ich gar nicht nachgedacht hätte, aber sich das vorher zu überlegen, ist viel sinnvoller. Dein Kommentar hilft mir da echt sehr weiter! 🙂

    • Glaube ich dir auf’s Wort und bin froh, dass ich nach deinen Erfahrungen gefragt habe. Direkt zu merken ist ja nur der positive Teil, wieviel persönlicher du in den geschützten Beiträgen erzählst/erzählen kannst.

      Ich habe das bisher ja auch schon ein paarmal gemacht, dass ich hier die Kommentare geschlossen habe – in Fällen, wo es manchmal einfach nur wichtig für mich war, diese Dinge aufzuschreiben oder aber auch bei Dingen, von denen ich wusste, wie sensibel ich da auf Feedback reagieren würde und wie verletzlich ich mich in diesen Themen fühlte. Vielleicht müsste ich das in einem geschützten Rahmen dann einfach häufiger nutzen. Das würde mich auch ganz frei davon machen, auf Reaktionen (noch dazu auf bestimmte) zu hoffen/warten.

      Hmm. Hmm.

  3. Liebe Katja, nun weiß ich natürlich nicht, um welche Bilder es sich handelt, die in Deinem Hirn und Deinem Herzen herumgeistern; sich vielleicht mahnend erheben wie graue Nebel der Vergangenheit oder die eher hämmernd und bestimmt Einlass fordern… doch ganz vielleicht rütteln sie auch verzweifelt an den Gitterstäben ihres Gefangnisses… wollen raus und weg…. wollen selber flüchten. Doch sie können es nicht. Sie sind gefangen. Sie sind noch da, weil der Schmerz und das Leid, welches sie ausmacht noch da ist, noch nicht verarbeitet noch nicht geheilt ist…

    Irgendwann mal habe ich gelernt, alles was mich ausmacht, alles Leid aller Schmerz, jede noch so dunkle Stunde, jeden Zweifel und alle Angst als Teil von mir anzunehmen – mich so anzunehmen, wie ich bin. Ich lernte Vergeben, lernte mir zu vergeben und ich lernte dies auch, indem ich all dem eine Bühne gab. Ich schrieb mir die Seele aus dem Leib, schrieb mal tausend Worte an einem Tag in dem ich jedes Gefühl und jede quälende Begebenheit bis ins kleinste Detail schilderte; dann wieder schrieb ich kurze Texte, in denen ich das Credo einer nicht enden wollenden, durchwachten Nacht in 3 Zeilen komprimiert auf den Punkt brachte; ich malte Bilder am PC um jeder Facette meines Ichs eine Form zu geben… was auch immer… ich fand meinen Weg.

    Liebe Katja, ich wünsche Dir von Herzen, dass auch Du einen Weg findest, um all die Dinge, die dich belasten, die Dich quälen oder die Dich niederdrücken besser verstehen oder überwinden zu können. Ich wünsche Dir, dass Du Deinen Weg findest. Und wenn es das Schreiben ist, was Dir hilft, dann schreib – mit oder ohne PW.

    Liebe Grüße
    Rabea

    • Liebe Rabea, hab vielen Dank für deinen Kommentar und deine Wünsche!

      Das Schlimme ist, dass auf diese Bilder aus der Vergangenheit, die mich aktuell so quälen, all das wahr sein könnte, was du aufzählst und dass ich das nicht richtig zu greifen bekomme. Das ist ein Thema, das ich bei dem einzig guten Therapeuten, bei dem ich je war, nicht anpacken konnte, weil es noch zu schlimm für mich gewesen ist. Damals, mit seiner Hilfe, gelang es mir aber, die Erinnerungen in den Griff zu bekommen, mich von den Flashbacks zu befreien.
      Jetzt drängt der Scheiss wieder nach oben und ich weiss einfach nicht, ob ich versuchen sollte, ihn möglichst elegant wieder wegzusperren oder ob ich jetzt soweit bin, mich dem richtig zu stellen und mich damit auseinanderzusetzen.
      Und ich weiss auch nicht, ob ich dem alleine gewachsen bin. Ich weiss aber, dass ich da keine akute Hilfe finden werde. Man wartet hier zwischen 9 und 18 Monaten auf einen freien Slot bei einem Therapeuten und mittlerweile fürchte ich das so sehr, weil bei allen, bei denen ich gewesen bin, wirklich nur ein guter dabei war. *soifz*

      Aber vielleicht braucht es einfach jetzt auch diese Zeit in mir und muss vor sich hin gären und ich werde dann schon merken, was es mit mir macht. Immerhin kenne ich mich mittlerweile gut genug, dass ich zum Glück meine Reissleinen finde, bevor es gar zu sehr abwärts geht.

      Was du über dein Schreiben und Zeichnen schreibst, finde ich sehr interessant. Erstaunlich, dass man so oft, Dinge von innen nach aussen transportieren muss, um letztendlich herauszufinden, wie man von innen aussieht und wer da drin steckt.
      Ich kann das auch besser darüber, mich auszudrücken, als einfach nur in mich reinzuhorchen. Ich brauche immer irgendeinen Resonanzboden, um Dinge an und in mir wahrzunehmen.

      Nochmal vielen Dank und liebe Grüße zurück ins Rabenhaus!

  4. Liebe Katja,

    es tut mir sehr Leid, dass Du wieder eine schlechte Phase hast. Ich war das letzte Mal im Januar 2012 dran. Zwei Jahre ging es mir sehr gut und dann der Absturz. Die dunklen Monate habe ich, bis jetzt,ganz gut gemeistert.

    Ich habe gerade Deine Bedenken zum Paßwortschutz gelesen. Ich kann mir vorstellen, dass DU mit Passwortschutz viel freier Schreiben kannst und wohl auch viel freiere Kommentare erhältst. Ich gehe im Alltag mit meiner Krankheit sehr offen um, weiß aber auch, dass viele Menschen kein Verständnis und keine Einsicht haben. Diese Menschen, denen ich offen über meine Krankheit berichte, kenne ich persönlich. Hier bei Wp habe ich meine Probleme offen zu reden. Insoweit wäre vielleicht ein Passwortschutz doch besser. Ich denke Du merkst doch welche Personen das gleiche Problem haben wie Du und auch damit umgehen können, weil sie vielleicht selber betroffen sind.

    Ob Passwort oder nicht musst Du selbst entscheiden. Als Alternative könnte ich mir E-Mail-Kontakt vorstellen. Im Gegensatz zu WP ist die Möglichkeit einer Diskussion beim E-Mail-Kontakt nicht möglich.

    Dir wünsche ich, dass Du die schwarzen Schatten bald wieder verjagen kannst und sich Dein Leben bald wieder einigermaßen normalisiert.

    Liebe Grüße
    Harald

    Wie geht eigentlich Dein Umfeld mit Deiner Krankheit um?

    • Lieber Harald, vielen Dank für deine Gedanken und Wünsche!
      Eigentlich fällt mir das ja gar nicht so schwer, offen zu schreiben. Es gibt nur gewisse Dinge, bei denen ich gerne die Kontrolle darüber behalten möchte, wer sie lesen kann.
      Die meisten meiner Blogleser kenne ich nicht, nur den Teil, der auch kommentiert. Und da mein Blog mittlerweile über meinen vollständigen Namen findbar ist, möchte ich einige Dinge nicht öffentlich zugänglich erzählen.

      So weiss ich jetzt doch auch, was dich hierher auf mein Blog geführt hat. Ist es bei dir in der dunklen Jahreszeit auch grundsätzlich schlimmer? Dir auch die besten Wünsche, Harald!

      Wie mein Umfeld mit der Krankheit umgeht? Sehr unterschiedlich, wie bei vermutlich fast jedem. Meine Mutter zB ignoriert alles, was ich ihr darüber erzähle fast vollständig.

      Liebe Grüße zurück!

Und jetzt du! Deine Gedanken, Worte, Punkte, Smilies, Bilder, Gesänge... Danke dafür!

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