Kurz zitiert #34

Ich hebe das Teeglas hoch, und dabei sehe ich die Narbe auf meinem kleinen Finger, die ich mir in der Grundschule geholt habe, als wir eine Schale aus Teakholz schnitzen mussten. Mit einem Stechbeitel. Stechbeitel. Was für ein Wort.
Ich habe mal gehört, dass die Haut sich mindestens alle achtundvierzig Stunden erneuert. Also, wenn man jemandem nach ein paar Tagen die Hand schüttelt, hat man schon nicht mehr die selbe Person zu fassen, und man selber ist auch nicht mehr die selbe Person. Nur die Narben bleiben.

(Wolfgang Herrndorf, In Plüschgewittern, rororo Verlag, Seite 126)

Im Morgengrauen sind wir wieder den Weg durch die Dünen gegangen – und das liebe ich ja am meisten daran: dass man hinter jeder Düne erwartet, das Meer auftauchen zu sehen. Und dann kommen immer noch mehr Dünen, und Strandhafer und Dünen, und irgendwann, wenn man schon gar nicht mehr damit rechnet, entdeckt man auf einmal oben links so ein kleines blaues Dreeck, zwischen zwei Sandhügeln, und man weiß am Anfang gar nicht, ist das jetzt das Meer oder eine Luftspiegelung, eine Wolke oder eine Fahne? So komisch und so weit oben ist der Horizont da plötzlich. Und dann ist es das Meer.

(Wolfgang Herrndorf, In Plüschgewittern, rororo Verlag, Seite 174)

Gekauft wegen des Titels, ohne überhaupt vorher zu gucken, oder auch nur wissen zu wollen, worum es geht, bin ich lange nicht mehr so unmittelbar von der Sprache eines Autors eingesaugt worden und gerade das machte das Lesen für mich so schräg, weil das Buch mir durch seine Sprache so nahe kam, auch wenn der Inhalt mir so fern war.

Skurriles Gefühl beim Lesen, so wie das eben ist in diesem seltsamen Zwielicht, das in Gewittern oft herrscht.

Schön! Sobald ich den aktuell ziemlich hohen Stapel ungelesener Bücher durch habe, wandert ‚Tschick‘ von der Wunschliste ins Regal.

Katja

*Edit: Gerade ein bisschen gegoogelt nachdem ich das geschrieben hatte und rausgefunden, dass dieser Mensch mit der wunderbaren Sprache schwer krank ist. Drei Operationen, Chemos, Bestrahlung wegen eines Hirntumors und die Diagnose bleibt: unheilbar. Uffff.
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