Mohnkoppweck

Keine 100 Meter von dem Haus entfernt, in dem ich aufgewachsen bin, befand sich die Bäckerei des kleinen Ortes. Von zuhause aus musste ich nur unsere lange Hofeinfahrt runter bis zur Straße, dann die Straße, auf der damals nie besonders viel los war, überqueren und noch an die 60 oder 70 Meter weiter in Richtung der Kirche, die in dem Ort mitten auf einer Verkehrsinsel steht. Über der Eingangstür wies nur ein kleines Schild auf die Bäckerei hin und wenn man in den Laden wollte, musste man das Haus durch die ganz normale Haustür, die man, wenn geöffnet war, einfach aufdrücken konnte, betreten. Vom Hausflur aus gelangte man nach links in die Wohnung der Bäckersleute, weiter hinten knickte der Flur nach rechts ab, dort ging es in die Backstube und die einzige Tür auf der rechten Seite führte in den kleinen Laden, in den nicht mehr als 3 oder 4 Kunden auf einmal passten. Die anderen mussten im Flur warten. Nur wir Kinder quetschten uns oft fast im Dutzend zusammen in den engen Raum.

Der Laden hatte eine Holzeinrichtung, die in diesem für die 60er Jahre typischen Mittelkackbraun lackiert war. Gegenüber der Tür war direkt schon die Ladentheke; auf der linken Seite niedriger, weil man dort seine Waren bekam, auf der rechten Seite etwas höher und zum Teil als verglaste Vitrine. Auf der Theke stand die alte Registrierkasse, die bei jedem Öffnen klingelte und hinter der Theke befand sich das Brotregal, oben Regale für die Brote, unten eine Art Schütte für die Brötchen. Die Brötchen hießen dort natürlich nicht Brötchen sondern Weck, so wie sie in München Semmeln oder in Hamburg Rundstücke heissen. Es gab dort eine einzige Brotsorte, ein Roggenmischbrot und eine einzige Sorte Brötchen, die ganz normalen und es gab Kümmelstangen. Ausserdem konnte man Weissbrot bekommen, das wurde aber nur in abgezählter Stückzahl auf Vorbestellung gebacken. Das normale Brot bestellte man besser auch, denn sonst war am Nachmittag häufig nichts mehr übrig. Wenn man Samstagmorgens Brötchen zum Frühstück wollte, musste man sich den Wecker stellen, denn nach 8 oder allerspätestens halb 9 hatte man nur selten Glück. Wenn etwas aus war, wurde nicht mehr nachgebacken, das gab es dann eben am nächsten Tag wieder. Aber für Notfälle, gab es immer eine tiefgekühlte Reserve an Brot aus der privaten Tiefkühltruhe der Bäckersfamilie. Auch am Mittwochnachmittag, an dem der Laden eigentlich geschlossen war. An den anderen Nachmittagen gab es Kaffeestückchen. Die besten Nougatplunder der Welt (und ich habe mittlerweile viele verschiedene an verschiedenen Orten probiert), Zimtschnecken mit dickem hellen Zuckerguss, die ganz ok waren, wenn man die Rosinen rauspickte, Streusselstückchen und diverse Blechkuchen, je nach Saison. Damals wurde noch jeden Nachmittag der Kaffeetisch gedeckt und fast immer gab es ein Stückchen dazu.

Zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst, wenn im Ort der traditionelle Krämermarkt veranstaltet wurde, gab es ausserdem Schillerlocken, gefüllt mit Sahne oder Buttercreme und sog. Maatsweck. Das war vom Teig her etwas ähnliches wie Rosinenbrötchen, aber ohne die doofen Rosinen (ich mochte sie trotzdem nicht, ausser in kalte Milch getunkt). Zu Beerdigungen wurden die gleichen Brötchen zum Trauerkaffee gereicht, da hießen sie allerdings nicht Maatsweck, sondern Beerdigungs- oder Totenweck.

Über der Ladentür hing eine große Glocke, die anschlug, wenn man die Tür öffnete und dann dauerte es meist nur einen kleinen Augenblick bis die Bäckersfrau durch die immer offenstehende Schiebetür hinter der Theke den Laden betrat. Tante Hilde. Oder eigentlich eher sowas wie „Dante Hilde“, weil das der Aussprache im Dialekt meines Heimatortes viel eher entsprechen dürfte. Wobei das „D“ in „Dante“ ein bisschen härter als ein normales „D“ und das „T“ ein bisschen weicher als ein normales „T“ gesprochen wird. Natürlich war sie nicht meine echte Tante, aber alle Kinder im Dorf nannten sie so, obwohl sie vom Alter her eher unsere Oma hätte sein können. Tante Hilde trug immer ihre Haare in einem korrekten Dutt hochgesteckt, der war ziemlich breit und groß und saß ziemlich weit oben auf ihrem Kopf. Deutlich weiter vorne als bei den meisten anderen Frauen, die einen Dutt trugen. Darüber trug sie, wenn sie in der Backstube oder im Laden war, immer ein Haarnetz, das in der Farbe ein kleines bisschen heller war, als ihr eigener Haarton, sodass man das immer sehen konnte. Und sie hatte immer eine dunkelblaue Kittelschürze mit adrettem weissen Kragen und weiss eingefassten Säumen an.

Oben auf der Ladentheke standen die Dinge, die damals unsere Kinderherzen am meisten begehrten. Kleine Gefäße mit allerlei Süßigkeiten, je für wenige Pfennige zu haben. Da gab es kleine rote Kirschlutscher mit grünen Pappstielen, bunte Kaustäbchen in Orangen-, Himbeer- und Zitronengeschmack, Lakritzschnecken, die ich schon als Kind nicht mochte, essbare Schnüre mit Apfel- und Colageschmack, weisse Schaummäuse und vor allem die runden Brausebonbons, die nur 2 Pfennige das Stück kosteten. Obwohl wir die einzelnen Preise natürlich auswendig konnten, standen wir immer lange überlegend und halblaut zusammenrechnend da und verplanten unser Taschengeld. Wir alle hatten Tante Hilde wirklich lieb. Nicht nur, dass sie immer freundlich zu uns war und ohne zu drängeln abwartete bis wir endlich wussten, was wir wollten. Sie verlor auch nie die Geduld, wenn sich wieder mal jemand verrechnet hatte und oft packte sie uns ein, zwei Dinge mehr in die kleinen, weissen Papierspitztüten, in denen wir die Kostbarkeiten aus dem Laden trugen. Und wenn man mit dem für Brot exakt abgezählten elterlichen Geld geschickt wurde, schenkte sie einem immer einen der Kirschlutscher oder eine weisse Maus, damit man nicht leer ausging. Ich war ungefähr 10 als sie starb und ich war damals lange traurig und habe sie vermisst, wie viele andere Kinder im Ort auch.

Tante Hildes Mann, der alte Bäcker, an dessen Namen ich mich gar nicht mehr erinnern kann, bekam man nur selten zu Gesicht. Eine Staublunge hatte er, durch das jahrzehntelange Einatmen des feinen Mehlstaubes ohne Mundschutz und er war schon, als ich noch recht klein war, sehr krank. Der Sohn hatte danach die Backstube übernommen, Bäckers Arnold – sprich: Bäggösch Annold, das „ö“ ganz weich gesprochen. Die Bäckersfamilie hieß nicht Bäcker, aber in meinem Heimatdorf war es üblich, dass die Leute sog. Dorfnamen hatten. Die waren Generationen früher, viele anhand der damaligen Berufe der Menschen, entstanden und zogen sich durch die Generationen fort. Oft war auch der Name mit dem Haus seiner früheren Bewohner verhaftet. Zogen Auswärtige in ein altes Haus, so bekamen sie auch oft den Dorfnamen der früheren Bewohner verpasst, da hieß man dann zB Zinke-ihr-nu-Fraa.

Morgens, wenn wir zur Bushaltestelle gingen, um mit dem Schulbus zur Schule zu fahren, hatte der Bäckersladen noch geschlossen. Aber hinten, an der Tür von der Backstube zum Hof, brannte immer für uns Kinder Licht. Die Backstubentür war nur angelehnt und wir mussten nur kurz rufen, dann kam der Bäcker mit einem Blech frischer, noch warmer Weck zur Tür. Er stellte sein Blech ab, nahm ein großes Messer, schnitt die Brötchen auf und packte einen der Mohnköppe, die Tante Hilde auf einem silbernen Tablett bereit gestellt hatte, in jedes Brötchen und jedem von uns einen Mohnkoppweck in eine Papiertüte. Mohnkoppweck, so hieß das damals in dem Ort. Erst Jahre später wunderte ich mich, weil da ja eigentlich gar kein Mohn drin war und noch später war der Begriff „Mohrenkopf“ politisch überaus unkorrekt. Vielleicht war er das auch damals schon, aber nicht in diesem Ort, in dieser kleinen Blase, in der man lebte. Die heutigen Schokoküsse hießen nunmal so. Das Geld, 25 Pfennige kostete dieser köstliche süße Genuss, hatten wir abgezählt in der Hand, denn es musste schnell gehen, damit wir den Bus nicht verpassten.

Ein paar Jahre später baute Bäckers Arnold sein Elternhaus um. Dort wo es links zur Wohnung der Bäckersleute ging, baute er einen größeren Laden hin mit einem eigenen Eingang und mit großem Schaufenster, vielen beleuchteten Regalen, hellem Fließenboden und einer Vitrine, so groß wie der ganze alte Laden gewesen war. Es gab eine zweite Sorte Brot, ein Vollkornbrot und jeden Tag Weissbrot, auch ohne Bestellung und es gab eine dunkle Brötchensorte und samstags auch Käse- und Sesam- und Mohnbrötchen. Noch ein paar Jahre später, erkrankte auch Arnold an einer Staublunge. Er zog aus dem Ort weg und verkaufte die Bäckerei. An Auswärtige. Die blieben erst mal bei den altbewährten Rezepten, änderten und ergänzten erst mal nur zaghaft das Sortiment. Die „neuen“ sind mittlerweile längst eingebürgert, haben die Bäckerei immer noch.

Aber dieser Charme des alten Ladens, der Charme von Tante Hilde und von noch warmen Mohnkoppweck, frisch von der Backstubentür, der ist nurmehr eine schöne Erinnerung.

Katja

 

ge-urlaubt

gefahren: 6.760 km – durch wahnsinnig viele Serpentinen

geschlafen: in 5 verschiedenen Betten, eines in einem Ferienhaus und vier davon in Hotels und eines davon in einem Kloster – in Campdevanol, Totana, Atlanterra (Zahara de los Atunes), Las Mestas und Gradignan – vier davon in Spanien, eines in Frankreich

gelesen: insgesamt für Urlaub superwenig (echt wahr, ich konnte meinen Blick nicht von den Wellen reissen, Bücher hab ich ja auch zu Hause) und viel viel weniger als ich Bücher mitgeschleppt hatte, Biss zum Abendrot, In Plüschgewittern, Die Märchen von Beedle dem Barden, Lauf, Jane, lauf!, Erledigungen vor der Feier, Hummeldumm (angefangen), viel im Andalusienreiseführer, im Kunst und Architekturführer Andalusien und bei Wikipedia und auf diversen Tourismuswebseiten über Ausflugsziele, bisschen Blogs und Twitter

gegessenschlemmt: Fisch, fast ausschließlich und vermutlich fast mehr davon als im ganzen letzten Jahr (kann ich das mit diesem gesunden Kram aus Fisch nicht irgendwie schutzimpfungsmäßig immer im Urlaub hinter mich bringen, wenn ich am Meer bin?), fast alles davon frischer Thunfisch (alles andere wäre in dieser Thunfischgegend quasi Sünde gewesen) – selbstgepulte Garnelen mit Knoblauch, Rosmarin und selbstgemachtem Knoblauchbrot – Buñuelos – Queso y Jamón – unglaublich gute Fertigpizza aus dem Kühlregal (genau DIE will ich in Deutschland!) – zum ersten Mal Ochsenschwanz (den Mutigen gehört die Welt! aber was für ein Gepröckel mit den Knochen) – zum ersten Mal Jakobsmupfel und direkt verliebt (ein bisschen zäh und trotzdem unglaublich zart, und salzig nach Meer schmeckend ohne nach Fisch zu schmecken) – wenn nicht im Ferienhaus, dann in 3 sehr guten Hotelrestaurants, 2 sehr guten und einem herausragenden Restaurant (und dabei nur ein einziges Mal das Gefühl gehabt, kein wirklich sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis erwischt zu haben)

getrunken: Kaffee, Vino Tinto (und auch hier: mehr als im ganzen letzten Jahr überhaupt), Agua sin gas, Limettenlimo, diverse spanische lustige Mixsäfte (von denen Pfirsich-Ananas-Traube mein Favorit war. Lecker, ohne Scheiss!), Wodka-Karamell, und überhaupt viel Schnaps, jeweils lokale Spezialitäten als Digestif auf’s Haus und einmal mit einem so nachschenkfreudigen Kellner, dass ich kaum noch gerade aus dem Laden rauskam, weil ich klammheimlich um nicht unfreundlich zu sein, auch noch je das Glas des Mitreisenden geleert habe, der noch fahren musste

gebadet: im Atlantik, freiwillig und unfreiwillig, die Wellen waren so hoch und unberechenbar, dass der Vorsatz nur bis zu den Knien reinzugehen, diverse Male durch überraschende Wellen die Klamotten doch bis zur Hüfte durchgeweicht hat – im Pool mit Meerblick

gesehen: Schnee auf 2.500 m Höhe, Wellen, 3 Länder, 2 Meere, Afrika, Andorra, Sevilla, Cadiz, Jerez de la Frontera, Salamanca, La Rochelle, den Drehort einer Szene aus einem Bondfilm und den Drehort einer Szene aus einem Star Wars Film, eine Menge Surfer, atemberaubende Sonnenuntergänge über’m Atlantik, viel viel Meer und Berge

geknipst: alles! wie immer 😀

gehört: viel Wellenrauschen, wenig Musik

geredet: so viel Spanisch wie möglich und ich war immer froh, wenn die höflichen Spanier nicht direkt auf Englisch umschwenkten sondern Spanisch mit mir redeten. Insgesamt habe ich zum ersten Mal seit ich die Sprache lerne wirklich gemerkt, dass sie mir langsam vertrauter wird, zB ist mir aufgefallen, dass ich viele Aufschriften und Schilder verstehe ohne darüber nachzudenken oder im Kopf zu übersetzen

gedacht (und manchmal leise vor mich hingebrüllt): das hier MUSS das Paradies sein! – ich will hier nicht weg – oh Gott, ist das schön hier! – das sind die coolsten Wellen der Welt!

gehachzt und gefreut: über Wellen und noch mehr Wellen – über die Vögel, von denen fast immer ein paar auf dem Rand des Pools saßen um dort zu trinken – über Sonnenuntergänge – über Freundlichkeit – über Menschen, die das, was sie tun, mit Leidenschaft tun – über guten Wein – über das Kaminfeuer, das der Mitreisende eines Abends entflammte (es war zwar eigentlich viel zu warm dafür, aber wie romantisch! :D) – über ein wunderschönes Gemälde in einer Kirche – über Sternchendecken in maurischen Bädern – über das sehr coole Ferienhaus

geärgert: fast gar nicht, echt wahr – ein bisschen gestöhnt über furchtbar schmerzende Füße in Sevilla und ein bisschen genervt gewesen darüber, dass wir die Führung samt Verkostung durch die Sherry Bodega wegen 10 Min, die wir zu sehr in der Kathedrale rumgetrödelt hatten, ausfallen lassen mussten – über eine Menge Mückenstiche

geschafft: den Urlaub ohne größere Verletzungen zu überstehen (was mir normalerweise nie gelingt), mir eine spanische Prepaid-SIM für’s Internet zu kaufen, womit dann hoffentlich auch die zukünftigen Urlaube gesichert sind und das komplett auf Spanisch inclusive ‚ich erfrag mir alle wichtigen Infos‘! – meine Angst vor der Höhe und vor engen Turmtreppen soweit in den Griff zu bekommen, dass ich mir Cadiz von oben anschauen konnte

gelacht: insgesamt viel mehr als üblich – über ein auf dem Parkplatz komplett rotgestaubtes Auto nach der zweiten Nacht auf der Hinfahrt – über den kleinen in der Sonne dösenden Hund auf dem Parkplatz des Mirador del Estrecho – über mich selber – über den Mitreisenden – über joggende Ampelmännchen – über den Nachbarn aus der anderen Haushälfte, der mich fast jeden Morgen, wenn ich runterkam um mir ’nen Kaffee zu kochen, erschreckt hat, weil er laut platschend in den Pool vor meinem Fenster sprang

geshoppt zu Importzwecken: eine spanische Kinderausgabe des Don Quijote (wenn ich jetzt schon das dritte Jahr in Folge vergeblich versucht habe, den ersten Harry Potter auf Spanisch zu bekommen, dann eben dieses Mal wenigstens den Quijote) – Queso de oveja viejo und ein bisschen Manchego – Jamón Iberico – Dulce de leche – geräucherten, gesalzenen Thunfisch – getrockneten marinierten Thunfisch – Wodka-Karamell – Sherry – einen Jahresvorrat Olivenöl und dieses Mal nur wenig vino tinto

gefühlt: glücklich, oft und sehr

Irgendwann vorm nächsten Spanienurlaub dann sicher auch wieder die ausführliche Version.

Katja

Loslassend. Zumindest es versuchend.

Am 24. November 1987 klingelte morgens um halb 7 das Telefon und schon bevor ich ranging, wusste ich genau, dass es meine Tante war, die anrief und dass sie anrief, um mir zu sagen, dass mein Vater in der Nacht gestorben war. In den letzten paar Tagen vorher zuckte ich bei jedem Telefonklingeln zusammen, immer in der Angst, dass das jetzt der Anruf mit dieser Nachricht sein könnte. Keine zwei Wochen vorher hatte mein Vater Geburtstag, seinen 43., es ging ihm soviel besser als die letzten Wochen und Monate vorher, von denen er die meiste Zeit im Krankenhaus verbracht hatte und er wollte alle seine Geschwister und natürlich meine Schwester und mich um sich haben. Es war dieses letzte Aufbäumen des Körpers. Wir wollten uns alle Hoffnung einreden, dass es jetzt aufwärts ginge, aber er wusste, dass er sich von den meisten der Anwesenden dort zum letzten Mal verabschiedete. Ich weiss nicht mehr, ob ich in den Tagen, die seinem Geburtstag folgten, noch mehrmals dort war. Damals noch zu jung zum Auto fahren, war ich darauf angewiesen, dass mich jemand hinfuhr und weder meine Mutter noch meine Großeltern waren besonders gut auf ihn zu sprechen, nachdem er ausgezogen war.

Ich telefonierte damals täglich mit meinem Vater, oder wenn er zu schwach war, mit meiner Tante, deren Familie klaglos ihr Wohnzimmer geräumt hatte und meinen Vater dort aufgenommen hatte für die letzten Monate seines Lebens, wenn er denn mal das Krankenhaus verlassen konnte. Am 21. November, das war ein Samstag, rief mein Vater an und konnte kaum noch sprechen. Er wünschte sich, dass meine Schwester und ich ihn am folgenden Tag besuchen würden.

Ich weiss noch, dass wir uns lange stumm im Arm hielten und dass mein Vater mich tröstete, weil ich gar nicht aufhören konnte zu weinen und dann weinte er auch und das war das zweite oder dritte Mal im Leben, dass ich überhaupt Tränen bei ihm sah. Und er hielt mich fest und tröstete mich und er wollte, dass ich ihm verspreche, dass ich nicht allzu traurig sein sollte, ein bisschen wäre ja in Ordnung, aber nicht zu sehr. Er wollte lieber, dass ich fröhlich sein und an ihn denken sollte.

Und das ist eines der wenigen Versprechen in meinem Leben, die ich nicht halten konnte.

Ich weiss nicht, warum ich immer noch so traurig bin, wenn ich an meinen Vater denke, warum ich immer noch diesen Verlust so stark empfinde. Wir hatten keine besonders lange Zeit, in der wir ein gutes Verhältnis zueinander hatten und ich bin dieser verdammten Krankheit gegenüber, die ihn mir weggenommen hat, so ambivalent eingestellt. Wäre er nicht krank geworden und würde heute noch leben, hätten wir vermutlich seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Erst diese todbringende Krankheit hat diesen Menschen total gewandelt und zu dem Vater gemacht, der mir so sehr fehlt. Vielleicht ist das der Grund, dass er mir erst durch die Nähe des Todes so nah gekommen ist, dass ich deswegen auch so viel an diese letzte Zeit mit ihm denken muss. Dass die Krankheit und sein Tod meine Erinnerungen an ihn so dominieren. Da sind ansonsten nicht viele glückliche Momente vorher gewesen, an die ich mich erinnern könnte und die mich froh und dankbar machen könnten. Und ich will auch gar nicht an den Menschen denken, der er vorher – vor seiner Krankheit – war. Der mich mit Gürteln, Kleiderbügeln oder was er sonst gerade in den Fingern hatte, grün und blau prügelte.

Aber der Preis, den ich dafür zahle, dass ich in seinen letzten beiden Lebensjahren einen ‚echten‘ Vater hatte, ist hoch und daran bin ich wohl selber schuld, weil ich nicht loslassen kann. Ich war jung genug, ihm zu verzeihen, aber seitdem zahle ich den hohen Preis der Sehnsucht und des Vermissens, seitdem zahle ich mit Verlust und mit einem diffusen Schuldgefühl, weil ich seine eigene Wertung, dass diese Krankheit und das, was sie mit ihm gemacht hat, das beste war, was uns passieren konnte, übernommen habe.

Seit 25 Jahren vermisse ich. Und besonders schlimm ist das im November, weil da sowohl sein Geburtstag als auch sein Todestag liegen. Heute vor 25 Jahren war ich auf der Beerdigung meines Vaters, angekotzt von dem heuchlerischen Getue der Ex-Nachbarn, die kein gutes Wort für ihn hatten und hintenrum kein gutes Haar an ihm ließen, seit er ausgezogen war, aber an diesem Tag mit traurigem Gesicht auf dem Friedhof standen. Abends dann als die Tortur mit dem gemeinsamen Kaffeetrinken rum war, saßen wir zu Hause im Wohnzimmer. Es war ausserdem der Geburtstag meines Opas und mein damaliger Exfreund, der von weit zur Beerdigung gekommen war, hatte eine Torte für meinen Opa mitgebracht, die sein Vater, der Konditor war, für ihn gebacken hatte. Und das war eine Erdbeertorte.

Und auch seit 25 Jahren sind mir diese paar Einzelheiten dieser rund 2 Wochen so tief ins Gedächtnis gebrannt und so gestört sich das auch anfühlt, ich krame das auch jedes Jahr an diesen Tagen wieder hoch. Zu groß ist meine Angst vor dem Vergessen. Ich habe so viele Phasen meines Lebens, an die ich mich gar nicht oder nur äusserst fragmentarisch erinnere, ich habe Angst davor, auch nur das kleinste Fitzelchen von meinem Vater zu verlieren. Ihn zu vergessen. Mir irgendwann nicht mehr vor Augen rufen zu können, wie er ausgesehen hat, wie seine Stimme klang. Deswegen klammere ich mich mit aller Gewalt fest. Nicht an den ganz alten Kindheitsdingen, aber dafür an allem, was zu meinem Vater – jenem späteren, den ich geliebt habe – gehört. Auch an die schlimmen Erinnerungen an jene Tage rund um seinen Tod.

Letzteres will ich nicht mehr. Ich möchte gerne diesen selbstzerstörerischen und mich immer wieder runterziehenden Teil aus dem Fokus meiner Erinnerung rausnehmen. Ich möchte endlich mein Versprechen einlösen und nicht mehr so sehr traurig darüber sein. Es wird Zeit, das zu tun.

Mein erster Schritt ist, das hier alles aufzuschreiben. Das, was ich hier notiere, geht mir nicht verloren. Das ist wie eine Art externer Datensicherung. Dann muss ich diese Dinge nicht so dringend, in meinem Bewusstsein festhalten, damit sie mir nicht im Unbewussten entgleiten.

Der nächste Schritt ist, dass ich jetzt den Todestag meines Vaters aus meinem Kalender löschen werde. Seit 25 Jahren steht er da drin und seit ich nur noch einen elektronischen Kalender nutze, ist das um so schlimmer, weil der Termin schon drei Tage vorher anfängt rumzuhupen. Diese Fokussierung will ich nicht mehr. Vergessen werde ich das Datum ohnehin nie, aber ich muss wenigstens ausprobieren, ob sich dadurch vielleicht etwas ändern kann. Ob ich vielleicht in ein paar Jahren einfach irgendwann im Laufe dieses 24. Novembers beim Blick auf den Kalender in einem normalen Ausmaß an jenen Tag vor 25 Jahren denken kann.

Loslassend. Zumindest es versuchend.
Katja

Schrammelantrieb

Kaum etwas treibt mich dieser Tage so gut an, tätig zu werden, wenn ich mich wieder mal nicht aufraffen kann, wie diese unheimlich treibende Gitarre in dem Song, den ich gerade dauernd in Dauerschleife hören kann.

Katja

Kochbuchkochen 34/36

Tadaaa! Man beachte bitte die beachtlich hohe Nummer! Vier Wochen bleiben mir noch, um noch weitere 2 Kochbuchrezepte zu kochen und dann habe ich mein zu Jahresbeginn vorgenommenes Ziel tatsächlich erreicht. 🙂

Nummer 34 stammt aus ‚Lust auf Landhausküche – Ofengerichte‘ aus dem Lingenverlag und es gab Gefüllte Zucchini.

Eigentlich sollten die mit Gemüse und Quinoa gefüllt werden, nur dass sich leider in der kleinen Stadt kein Quinoa auftreiben ließ. Das Rezept war aber so gut, dass ich beim nächsten Metroeinkauf mal danach gucken werde. Dort bekomme ich oft die Dinge, die es hier nicht gibt.

Neben dem Rezept ist angemerkt, dass man grundsätzlich Quinoa gut anstelle von Reis verwenden könne (umgekehrt müsste also auch gehen), mir stand der Sinn aber mehr nach Couscous und der passte gut dazu.

Man braucht dafür:

5 Zucchini
2 Möhren
30 g Rosinen (Ich hatte dooferweise nicht nachgeschaut und dann doch keine mehr zu Hause und hab durch getrocknete Aprikosen ersetzt. Die hatte ich aber vermutlich zu klein geschnitten, man nahm sie nämlich kaum im fertigen Essen wahr. Beim nächsten Mal würde ich da tatsächlich Rosinen reingeben.)
120 g Couscous (nach Rezept 180 g Quinoa, das kam mir für Couscous zu viel vor)
Salz und Pfeffer aus der Mühle
2 EL gehackter Basilikum (eigentlich Petersilie – ich hab dieses Mal tatsächlich viel ausgetauscht)
geriebener Käse
Olivenöl

Und so geht’s:

Couscous oder Quinoa nach Packungsanweisung zubereiten.

Die Zucchini waschen und die Enden abschneiden. Vier der Zucchini längs halbieren und mit einem Teelöffel aushöhlen. Die ausgehöhlten Zucchini in einem großen Topf mit kochendem Wasser ca. 3 Min blanchieren, mit kaltem Wasser abschrecken und nebeneinander auf ein Backblech oder in eine große Auflaufform legen.

Die Karotten waschen, putzen und in kleine Würfel schneiden. Die letzte Zucchini ebenso klein würfeln. Die Rosinen in Wasser einweichen.

Das Olivenöl in einer Pfanne erhitzen und die Gemüsewürfel darin ca. 5 Min braten und dabei salzen und pfeffern. Dann Couscous (Quinoa), Basilikum und die Rosinen dazugeben und ordentlich durchmischen. Die Masse in die ausgehöhlten Zucchini füllen und mit dem Käse bestreuen. Ich hatte einen recht kräftigen Käse, der fertig gerieben als Spätzlekäse verkauft wurde – eine Mischung aus Emmentaler und Bergkäse – und der passte sehr gut dazu.

Die Füllung passte jedoch nicht komplett in die Zucchini, deswegen wanderte der Rest in eine kleine Paprikaschote. Kann man gut machen, fand ich mindestens genauso gut wie in den Zucchini.

Bei 180°C ca. 25 Min backen.

Ziemlich fix und einfach zubereitet und mir fallen spontan jede Menge Möglichkeiten ein, das zu variieren. Das gibt’s bald mal wieder!

Katja

still

Es ist nicht diese dumpfe und schwere Stille, wie jene, wenn man den Kopf unter Wasser hat, sondern eine ganz leichte und luftige Stille, die diesen Ort erfüllt. So still, dass der eine einzige Vogel auffällt, dessen Ruf irgendwann aus der Ferne erschallt. Und er ruft nur ein einziges Mal. So still, dass man die Richtungsänderung der Schwäne hören kann. Ein ganz leises und kurzes Plätschern nur, das ihr ansonsten perfekt lautloses Gleiten über das Wasser unterbricht. So still, dass ich mich irgendwann umdrehe, als es hinter mir raschelt, weil ich nachsehen will, wer dort ist. Doch es ist nur ein Blatt, das sanft zu Boden segelt und das mit einem leisen Seufzen auf seinen bunten Kollegen, die schon am Boden liegen, landet.

Katja

Tellerrand und so.

Der Eridanus ist in der griechischen Mythologie ein großer Fluss am Ende der Welt. Als Flussgott war Eridanos der Sohn des Okeanos und der Tethys.

Phaeton, der Sohn des Sonnengottes Helios, stürzte in den Eridanos, nachdem er die Kontrolle über den Sonnenwagen seines Vaters verloren hatte. Seine Schwestern, die Heliaden seien am Ufer des Eridanos in Schwarzpappeln verwandelt worden und ihre Tränen in Bernstein.

Bei Apollonios von Rhodos ist etwa unklar, ob der Eridanos ein Fluss, ein Strom oder Meeresarm oder eher ein See ist. Seit Phaetons Sturz sollen dort immer noch Dämpfe aus dem Wasser steigen. Kein Vogel könne den Ort überfliegen, denn inmitten des Sees würde jeder Vogel in Flammen aufgehen. Es sei eine traurige Gegend, erfüllt von Dünsten und Brandgestank und in der Nacht höre man die schrillen Trauerschreie der Heliaden. Die Bernsteine, die man dort finde, seien den Kelten zufolge die versteinerten Tränen Apollons, der sich dort aufhielt, als er aus dem Olymp exiliert war. Der Eridanos mündet Apollonios zufolge in den Okeanos, in das Ionische Meer und mit sieben Mündungen in das Tyrrhenische Meer.

Angesichts solch einer wirren Geographie ist es nicht erstaunlich, dass es keine gesicherte Lokalisierung des Eridanos gibt.

(Quelle: Wikipedia)

Nun ist es so, dass ich hier an einem Teilstücks des Rheins wohne, in dem es keine Brücken gibt. Die nächste Brücke rheinaufwärts ist etwa 30 km entfernt, die nächste Brücke rheinabwärts ist über 40 km entfernt. Und so kommt es, dass ich, obwohl ich jetzt seit über 5 Jahren hier wohne, noch nie im weniger als 10 km entfernten Nachbarort auf der anderen Rheinseite gewesen bin. Es gibt zwar auf diesem langen Rheinabschnitt ohne Brücke diverse Fähren, aber man will ja nicht unbedingt das Risiko eingehen, in Flammen aufzugehen, wenn man den Eridanus äh pardon Rhein nur so zum Spaß und ohne triftigen Grund überquert.

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