Wenn einer eine Reise tut (Spanien 2011) #13

In Cordoba angekommen finden wir irgendwann endlich einen Parkplatz und zum ersten Mal ist uns ziemlich unwohl dabei, das Auto vollgepackt mit unserem ganzen Gepäck mitten in einer Stadt abzustellen. Rund um die Parkplätze wimmelt es nur so von schräg aussehenden Männern, von denen man nicht erkennen kann, ob sie das einfach hobbymäßig machen oder dafür von irgendjemandem bezahlt werden, die Autos in die Parkplätze einzuweisen, sich dafür ein Trinkgeld geben zu lassen und dann zu verkünden, man bräuchte kein Parkticket zu ziehen. Vielleicht meinen sie auch etwas ganz anderes. Wir sind auf jeden Fall so verwirrt, dass wir losziehen, aber irgendwann später schleicht sich ein seltsames Gefühl ein. Was wenn der Wagen später nicht mehr dort ist, wo wir ihn abgestellt haben?

Nachdem wir uns dann auch noch erst mal im engen Gewirr der Innenstadt verlaufen haben, ragt irgendwann der Turm der Mezquita über den Dächern hervor. Da lang! (Klick macht alle Fotos groß.)

Meine Zielstrebigkeit endet jäh, als mein Blick in eine schmale Gasse, die links von der etwas weniger schmalen Gasse abzweigt und ich muss erst mal fasziniert gucken und knipsen.

Kurz darauf sind wir durch’s Portal und stehen auf dem Patio de los Naranjos – dem Orangenhof – der Mezquita und gerade als ich die Bezeichnung vom Plan der Kathedrale abschreibe, stolpere ich über die männliche Form des Wortes ’naranjo‘, weil eigentlich das weibliche Pendant ’naranja‘ Orange bedeutet, aber auch im Reiseführer steht es so und dict.leo liefert mir schließlich die Lösung: die naranjas wachsen am naranjo! Naranjo ist der Orangenbaum. Korrekterweise wäre es also der Orangenbaumhof, was aber nicht so wichtig ist, denn schön ist er allemal, egal wie er heisst! 😀

Und noch ein paar Minuten später stehen wir zwischen dem wahnsinnigen Wald aus 856 Säulen und mir steht der Mund offen, weil ich innerhalb eines Gebäudes noch nie dieses Gefühl der unendlichen Weite empfunden habe.

Und noch ein bisschen später stehen wir vor der ersten der Seitenkapellen der Mezquita und da wird mir erst so richtig klar, was ich zwar in diversem Reisematerial gelesen hatte, aber mir nicht so richtig vorstellen konnte.

Dort, wo die Mezquita steht, ist seit Urzeiten ‚heiliger‘ Boden. Unter den Römern stand dort ein Tempel für den doppelgesichtigen Gott Janus, später eine Basilika der Westgoten. Als die Mauren Cordoba 711 einnahmen, nahmen sie den Christen die Kirche nicht einfach ab, sondern teilten sie in zwei Hälften und beteten lange nebeneinander im gleichen Gotteshaus. Ungefähr 70 Jahre später, kaufte Abd ar-Rahman I. den Christen deren Teil ab, ließ die Kirche abreissen und baute an deren Stelle die damals größte Moschee der Welt. Drei seiner Nachfolger bauten in den nächsten 300 Jahren jeweils nochmal ordentlich an und insgesamt war die Fläche dann wohl etwa verfünffacht im Vergleich zur ursprünglichen und es gab über 900 Säulen.

Dann nochmal 500 Jahre später als die Reconquista längst beendet war und die katholischen Rückeroberer ihre Macht demonstieren wollten, wollten die hohen Kirchenherren von Cordoba unbedingt eine Kathedrale innerhalb der Mezquita errichten, was die Stadtverwaltung ihnen aber eisern und unter Androhung der Todesstrafe für die Bauarbeiter verweigerte. Und wieder mal war es Karl V. (Ihr erinnert euch? Der, der im Alcazar von Sevilla seinen eigenen schrillbunten Palast errichten musste.), den ich mir, nach allem, was ich mittlerweile von ihm mitbekommen habe, als einen vorstelle, der unbedingt einen auf dicke Hose (oder was immer sie damals so an Beinkleidern getragen haben) machen musste, denn er erteilte die Genehmigungn für den Bau der Kathedrale.

Der Legende nach hatte er die Mezquita vorher nicht gesehen und hinterher, nach Abschluss des Baus, soll er in einem Anfall von Reue gesagt haben „Hätte ich gewusst, was Ihr vorhabt, Ihr hättet es nicht gemacht. Was Ihr tatet, hätte man überall tun können, was Ihr zerstörtet, war einmalig auf der Welt.“ Janee, ist klar. Der gleiche reuige Karl ließ später seinen hässlichen Palastklotz inmitten der Alhambra errichten.

Mitten in diesem herrlichen Gefühl der Unendlichkeit, das die Säulen vermitteln finden sich also jede Menge christlicher kitschüberladener Seitenkapellen, die nicht so recht ins Bild der schlichten Schönheit der rot-weissen Hufeisenbögen passen und mitten in der einstigen Moschee überragt eine verzierte Kirchenkuppel den Raum. Vielleicht könnte ich mich eher dafür begeistern oder auch nur mal genauer hinsehen, wenn ich nicht so irre wütend auf diesen Karl wäre, weil er etwas so Wunderschönes so verschandeln ließ.

Dann lieber weiter, wieder Säulen gucken! Die unterschiedlichen Farben und Beschaffenheiten des Fußbodens sind übrigens ein Hinweis auf die unterschiedlichen Bauabschnitte. Und auch die Säulen sehen fast alle sehr verschieden aus. Viele davon sind noch wesentlich älter als die Mezquita, stammen aus alten Bauruinen, die damals als ‚Steinbrüche‘ dienten. Wikipedia verrät mir gerade, dass man das Spolien nennt. Die unterschiedliche Höhe wird an einigen Stellen dadurch ausgeglichen, dass der Boden einfach ein Stück höher gesetzt ist, an anderen haben die Säulen noch einen Unterbau, ein Podest, auf dem sie errichtet sind.

Irgendwann stehen wir vor der Südwand der ehemaligen Moschee, wo sich der Mihrab, die Gebetsnische, die die Betrichtung anzeigt, befindet. Wir kommen nur bis zu einem Blick in die Vorhalle, dichter darf man nicht ran, dort ist abgesperrt. Aber auch die Vorhalle finde ich schon ziemlich schick.

Der Versuch, davon ein Panorama zusammenzusetzen. Ein bisschen gewölbt ist es und man sieht wo’s angesetzt ist, aber das war die einzige Möglichkeit alles zusammen ins Bild zu bekommen.

Nach der Alhambra ist die Mezquita für mich das Bauwerk, das mich bisher in Andalusien am meisten fasziniert und ich merke, wie ich auch die Geschichte von al Andalus immer interessanter finde und das ist für mich ein echtes Wunder. Bisher war ich immer ein furchtbarer Geschichtsmuffel und konnte mir auch nie besonders gut irgendwelche geschichtlichen Zusammenhänge oder Jahreszahlen oder Personen merken, weil mir das Interesse völlig abging. Hier ist das anders. Diese grob 750 Jahre, die das Land so geprägt haben und einen überall sichtbaren Mix der Kulturen hinterlassen haben, finde ich wahnsinnig spannend.

Und um die anfangs aufgeworfene Frage noch zu beantworten: natürlich steht das Auto noch genau dort, wo wir’s abgestellt hatten und wir machen uns auf den Weg, um die noch etwa 250 km bis zum ersten Übernachtungsstop in Almagro zurückzulegen.

Katja

 

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