Leseempfehlung

Ich finde den Artikel

Brief an einen Unbekannten bei madamelebt.wordpress.com

sehr lesenswert!

Die Kommentare dort sind leider – aber sehr nachvollziehbarerweise – geschlossen.

Der Artikel erinnerte mich wieder an den Suizid von Robert Enke und jene Gefühle von damals, die mich dazu brachten, zum ersten Mal in meinem Blog ‚das Kind beim Namen zu nennen‘ – ohne kryptische Umschreibung, ohne mich zu winden, meine Depressionen zu benennen und wie schwer mir dieser Schritt fiel, weil man ‚darüber‘ einfach nicht offen spricht. Nicht mal in diesem anonymen Internetdingens traute ich mich das, auch hier war das Schamgefühl noch viel zu groß.

Und mir wird gerade bewusst, wieviel sich für mich dadurch geändert hat, dass ich das offen benannt habe. Wieviele Blogeinträge ich seitdem geschrieben habe, die sich mit der Depression beschäftigen und auch mit der Angststörung und wie wertvoll es für mich ist, diesen (virtuellen) Ort zu haben, wo ich ungefiltert darüber reden kann und wie mich das vorangebracht hat.

Und auf der anderen Seite muss ich daran denken, wie feige ich ausserhalb des Internets dahingehend immer noch bin. zB wenn ich dieser Frau begegne, die ich an sich wirklich sehr mag, die sich aber bei fast jedem Treffen über irgendwelche Arbeitskollegen aufregt, die wegen Depressionen oder Burn out krankgeschrieben sind. Und es ist jedes Mal eine Mischung aus Empörung und Belustigung über die Betroffenen und über diese „‚Modekrankheit‘, die sie sich vielleicht auch einfach mal zulegen sollte, damit sie nicht die einzige wäre, die so blöd wäre, einfach ihre Arbeit zu machen“. Und das finde ich schrecklich den Kollegen gegenüber und auch mir gegenüber, denn eigentlich weiss sie, wie es mir geht. Aber ich glaube, ihr ist das nicht mal bewusst, dass sie damit auch mich trifft, wenn sie den Kollegen unterstellt, Depressionen seien ja nur überempfindliches Anstellen und mangelndes Zähnezusammenbeissen und da könnte ja jeder kommen.

Aber anstatt auch nur einmal wütend zu werden oder auch nur meine Kränkung zu zeigen, gehe ich ins Bad, um meine Tränen in den Griff zu bekommen, weil ich mich dann klein und minderwertig fühle und nicht mal wüsste, wie ich ihr erklären könnte, wie – ich scheue mich, es dumm zu nennen, aber mir fällt auch keine andere treffende Bezeichnung ein – ich finde, was sie da sagt. Und ich kann auch nicht mit ihr über mich sprechen, zumindest nicht über die Depressionen, weil ich ja überdeutlich weiss, wie sie über die Krankheit denkt. Und damit auch über mich. Aber das sagt sie natürlich nicht direkt. Und vielleicht ist ihr das noch nicht mal bewusst und sie denkt, sie würde mich mögen. Aber das kann sie ja gar nicht. Das bin ich nämlich gar nicht.

Herrje, eigentlich wollte ich nur die Leseempfehlung und den Link hier bloggen und jetzt sitze ich wieder mal heulend vor der Tastatur und ich weiss nicht mal so genau, weswegen.
Um also lieber noch mal einen sinnvollen Bogen zu schlagen, zu dem ‚darüber reden‘: Heute Abend treffe ich mich kurz vor knapp (nächsten Dienstag startet der nächste Kurs) mit ein paar Leuten aus meinem Spanischkurs in der Tapasbar und nachdem ich denen beim letzten Treffen schon in großer Runde todesmutig erzählt habe, dass ich Angst vorm Telefonieren habe, ist der feste Vorsatz, dieses Mal nicht allen Fragen über mich möglichst auszuweichen, sondern einfach offen zu antworten – auch, wenn ich dabei die Depressionen erwähnen muss.

Vive la revolu Enttabuisierung!

Katja

15 Kommentare zu “Leseempfehlung

  1. Grad mal zwischendurch kurz drücken.
    Deinen Post von 2009 hatte ich bisher noch nicht gelesen.
    Du bist schon sooo einen weiten Weg seitdem gegangen. *und nochmal kräftig drück*
    Ich wünsch‘ dir einen richtig schönen Abend!

  2. Liebe Katja,
    ob „unbewusst“, „dumm“ oder abwehrend … alles trifft möglicherweise auf diese Frau einfach zu. Vielleicht.
    Wie häufig man solchen Menschen auch immer begegnet und begegnen wird … es wird einen wohl leider nie kalt lassen. Dabei sind sämtliche Deiner Reaktionen wesentlich „gesünder“ und achtsamer, als die derer, die den Blick vor der Realität verschließen, aus Unkenntnis, Angst?. Nicht, weil sie an einer Angsstörung leiden, sondern vielleicht aus Ignoranz und verdrängten Schwierigkeiten.

    Danke für Deine feinen Zeilen.
    mb

  3. Tja, solche Leute gibt es leider immer wieder. Eine Bekannte von mir hat einmal einen Nachmieter gesucht. Unter den telefonischen Bewerbern war eine Frau, die ihr wohl gleich ihre halbe Lebensgeschichte erzählt hat (u. a. dass sie gerade frisch getrennt ist und unter Depressionen und Angstörungen leidet). Kommentar dieser Bekannten mir gegenüber (von der sie das mit der Angststörung eben auch weiß): „Kein Wunder, dass der Mann die verlassen hat.“

    Ich bin immer wieder sprachlos gegenüber solcher…. ja was ist es…. Frechheit, Dummheit, Taktlosigkeit? Mangel an Empathie, absolute Unsensibilität?

    Auch ich habe damals nichts gesagt, damals konnte ich es auch noch nicht. Mittlerweile aber mache ich in solchen Situationen den Mund auf… peinlich ist es nur für die betreffenden Personen und auf den Kontakt mit ihnen kann ich sowieso gut verzichten. Denn wenn sie solche abfälligen Bemerkungen über andere bei mir machen, machen sie das gleiche über mich bei anderen auch, davon bin ich überzeugt.

  4. Ich versuche, all die gedankenlosen Kommentare meiner Mitmenschen als absolutes Unwissen anzusehen. Bei Menschen, die mir wichtig sind, betreibe ich dann „Aufklärung“. Es tut allerdings sehr weh, wenn die mir am nächsten stehenden Menschen die Depression trotzdem als persönliche Schwäche ansehen und glauben, dass z.B. positives Denken das Leiden einfach beenden könnte.

    Irgendwann vielleicht kommt selbst Deine Kollegin dahinter, wie sehr sie Dich verletzt.

  5. @Svü: Danke für’s Denken! 🙂

    @Guinan: Danke vielmals! *rückdrück*!
    Gerade gestern habe ich wieder mal gezweifelt, ob sich seit damals überhaupt etwas geändert hat und da hat dein Kommentar mir sehr geholfen, diese Gedanken zu stoppen und mich lieber auf das zu konzentrieren, was sich geändert hat als auf das, wo ich immer noch das Gefühl habe, auf der Stelle zu treten.
    Der Abend war wirklich sehr schön! Es konnten leider nicht so viele und wir waren nur zu viert. Deswegen hatte ich auch befürchtet, dass da eher direkte Fragen kommen würden und ich mich nicht so gut an einer Ecke des Tischs verstecken könnte. Und die Frage kam prompt nach gar nicht langer Zeit und es war total gut, dass ich mir vorher darüber Gedanken gemacht hatte und mir hier auch vorgenommen, dass ich dem nicht ausweichen wollte, denn ich hab den dreien ganz offen von meinen Depressionen erzählt und alle drei haben verständnisvoll genickt (weil ja fast jeder jemanden kennt), mir wieder mal gesagt, man würde mir diese Angst und Unsicherheit von aussen überhaupt nicht anmerken (was ich anfangs nie glauben wollte) und wir redeten auch darüber wie schwierig solche ‚Outings‘ sind. Und dann haben wir über viele andere Dinge geredet und viel gelacht und das fühlte sich richtig und gut an und nicht so als hätte ich einen Schutz aufgegeben. 🙂

    @mb: Ich glaube (!), jene Frau ist von vielen ihrer Gefühle einfach abgeschnitten, weil alles andere zu schmerzhaft wäre. Ich hab jetzt hier dreimal geschrieben, dass sie mir eigentlich leid tut und es wieder rausgelöscht, weil ich befürchte, das könne sich überheblich lesen, obwohl es mitfühlend gemeint ist. Ich will gar nicht wissen, wie anstrengend es ist und wieviel Aufmerksamkeit es erfordert, stets die Kontrolle über diese innerlichen Schleusen zu behalten. Ich merke von aussen nur bei den Gelegenheiten, wo wir uns sehen, wieviel Distanz da immer bestehen bleibt, auch ihrer Familie und ihrem kleinen Sohn gegenüber. (Wobei das natürlich nur Momentaufnahmen sind und ich mir keineswegs anmaßen möchte zu sagen, das sei so. Das ist nur mein Eindruck, der überaus subjektiv ist.)
    Hab vielen Dank für deine lieben und verstehenden Worte. 🙂

    @Träumerin: Den Mund mache ich nur zB meiner Mutter gegenüber auf, wenn sie so über jemanden redet. Aber ihre Reaktion ist quasi immer ‚ja aber _du_ bist doch ganz anders. _Dich_ hab ich doch nicht gemeint.‘ und sie merkt das nicht mal, dass da trotzdem diese Gemeinsamkeit ist. 🙄
    Und ja zum letzten Satz. Mit einer der Gründe weswegen ich mich in diesem Jahr einer der wenigen Bekannten/Freundinnen gegenüber, die ich hier in der Gegend habe, extrem rar gemacht habe. Sie hat wirklich viele Freundinnen, mit denen sie viel unternimmt und da ist nur eine einzige bei, über die sie nicht ausdauernd lästert, wenn ich sie treffe. Ist ja bei mir auch so praktisch, weil ich keine davon kenne und sie nicht in die Verlegenheit bringen könnte, das bei irgendeiner von denen zu erwähnen.

    @Smultronella: Ich finde, das ist eine sehr großzügige Haltung, einfach die Unwissenheit anzunehmen, anstatt sich von Gedankenlosigkeit treffen zu lassen. Ich muss mal darauf rumdenken und reinspüren, ob ich mir die zu eigen machen kann.
    Dass es gerade bei nahestehenden Menschen so weh tut, wenn sie einen selber und die Krankheit so einschätzen, kann ich gut nachvollziehen. 😦
    Kennst du das Buch ‚Das heimatlose Ich‘ von Holger Reiners? Ich hatte damals beim Lesen das Gefühl, da hat es jemand geschafft zu erklären, was in meinem Kopf vor sich geht, was die Depression mit mir macht. Ich empfehle das seitdem (gefragt oder ungefragt – und wahrscheinlich rollen jetzt einige hier mit den Augen, wenn ich das schon wieder tue) jedem, der versuchen möchte, Depressionen zu verstehen. Ich hatte damals nach dem Lesen hier über das Buch gebloggt.

    Vielen Dank für deinen Kommentar und herzlich Willkommen auf meinem Blog! 🙂

  6. Viel Glück heute Abend und nur positive Rückmeldungen wünsche ich dir.

    Und irgendwann findest du bestimmt den Mut, den blöden Kommentaren deiner Bekannten gegenüber zu treten. Die sollte nämlich lieber dankbar sein, dass sie arbeiten kann…

    Und jetzt schau ich mal nach dem Buch von H. Reiners…

  7. Liebe Katja, mir laufen gerade die Tränen.
    Habe deinen Eintrag hier und den „das Kind beim Namen nennen-Eintrag“ gelesen. Und das ist so verdammt nah an dem dran, wie es mir ergangen ist bzw. immer noch ergeht.
    Ich hoffe, dass das Thema Depressionen und Ängste in sehr naher Zukunft kein Tabu mehr sein wird. Es gibt so viele Leute die einfach keine Ahnung haben – nicht haben können, denn sie hatten noch nicht mit einer Depression zu „kämpfen“. Und sie wissen gar nicht, wie dankbar sie dafür sein sollten.
    Vielen Dank für deine Offenheit, Hut ab!

  8. Ach Katja … Vielen Dank für die Empfehlung des Artikels. Was für ein schöner Brief das ist, so herzvoll und warm. Und auch zu dir muss ich sagen: Schäm‘ dich bitte nicht. Wir haben in der Praxis so viele Burn Out Patienten gehabt, einhergehend mit Panikattacken mitten auf der Straße, bei der Arbeit, irgendwann kurz vor dem Schlafengehen, dass ich nur sagen kann: Wer sich darüber lustig machen kann, der hat einfach nur das Hirn weg, mehr nicht. Da werd‘ ich richtig wütend. Irgendwann, Schritt für Schritt, wirst du ihr vermutlich wie für Dummies, die Symptome erklären und den Leidensdruck auch. Und selbst wenn nicht, du tust es tagtäglich hier für die ganze Blogwelt. Und das ist viel viel wert.

  9. Ich finde es gut, das du dir im virtuellen einen Ort gesucht hast an dem du dich ein wenig befreiter fühlen kannst darüber zu sprechen. Mir hat der Eintrag von Grete auch Mut gegeben zumindest einen Anfang zu machen darüber zu sprechen. Noch bin ich zögerlich, doch ich denke das es eine gute Möglichkeit ist, aufzuklären und (was noch wichtiger ist) anderen die Möglichkeit einräumt psychische Dysfunktionen besser zu verstehen und als etwas ernstes wahrzunehmen. Danke für deinen Mut.

  10. Danke für diese offenen Worte! Ich meine nicht von Depression betroffenen zu sein, möchte aber JEDERZEIT Betroffenen offen und mit Herz und Einfühlungsvermögen begegnen!

  11. @Pfeffermiinze: Vielen Dank! Der Abend war schon einen Tag vorher und es war in der Runde viel einfacher als befürchtet, den Fragen mal nicht auszuweichen, sondern ein bisschen zu erzählen.

    @londonparisny: Dankeschön für deinen Kommentar und die Wünsche!

    @iwi: Ohje, ich wollte natürlich nicht, dass jemand weinen muss wegen meiner Worte, aber ich kenne das umgekehrt auch, wenn mir etwas sehr nahe geht. Ich wünsche dir alles Gute und viel Kraft und danke dir sehr für deinen Kommentar.

    @Sherry: Das Schamgefühl ist ja tatsächlich schon viel geringer geworden. Ich hab das am Dienstag Abend vermutlich zum ersten Mal erzählen können, ohne dabei losweinen zu müssen – was es ja immer zusätzlich kompliziert und schambehaftet gemacht hat. Danke für deine lieben Worte.

    @01missbrooks: Ich empfinde es in erster Linie als befreiend und für mich hilfreich, über meine Depressionen zu schreiben. Da, wo ich früher Probleme im Kreis gewälzt habe, merke ich, wie mein ganzes Denken strukturierter geworden ist und was man benennen kann, empfinde ich als viel weniger schlimm als diese diffusen Empfindungen. Herzliche Grüße und alles Gute für dich!

    @Marlis: Danke für’s Lesen, für deinen Kommentar und die Herzlichkeit!

Und jetzt du! Deine Gedanken, Worte, Punkte, Smilies, Bilder, Gesänge... Danke dafür!

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