Lost

Diese Tage, an denen ich mich selber verliere, mich nicht richtig spüren kann. Innerlich zappelnd und hektisch, der Kopf dreht ohne Unterlass, äusserlich kaum etwas von den Dingen auf die Reihe bekommend, die ich tun müsste. So, als hätte ich vergessen, wie das überhaupt alles geht und funktioniert. Aufgewühlt, aufgebracht, in einer gefühlsmäßigen Achterbahn unterwegs. Immer, wenn das Kopfkarusell zwischen den Runden Pause macht, frage ich mich, was das überhaupt ist, was da gerade so in mir rumort, aber die Antwort ist mir so fern, wie ich mir selber bin.

Diese Tage, an denen ich mir selber davondrifte. Es ist kein Fallen, mir geht es nicht wirklich schlecht, eigentlich nur dauernd anders, seltsam. Es ist mehr so ein seitliches mir-selber-Entgleiten. Wo ich mich nicht richtig wahrnehmen kann und das, was ich wahrnehme nicht leiden kann, weil es so zappelnd und gar nicht in sich ruhend ist und weil ich so nicht bin, zumindest nicht sein will.

Diese Tage, an denen ich mich selber nicht spüren, nicht sehen kann, sind oft auch jene, an denen ich irgendwann merke, wie auf einmal wichtig ist, von anderen wahrgenommen zu werden. So als könne ich mich dann leichter wiederfinden, als müsse ich ja irgendwo sein, wenn mich irgendjemand sieht. Und ich merke, wie wieder dieser Wunsch in mir hochsteigt, gemocht zu werden, weil es sich nur so anfühlt als hätte ich nur dann einen Wert, nämlich jenen, den jemand anderes mir beimisst.

Und ich weiss zumindest von diesen Sehnsüchten, woher sie kommen. Dass sie viel älter sind und dass es überhaupt nicht möglich ist, sie zu stillen, was auch immer ich in der Gegenwart damit veranstalte. Ich wäre ja schon froh, wenn ich das annehmen und / oder hinnehmen könnte, nicht das Gefühl hätte, mich für diese Wünsche schämen zu müssen. Ich will das nicht mehr, diese strenge innere Einteilung in meinem Kopf nach guten und bösen Gefühlen, wobei der Wunsch nach Wahrnehmung in dieser strengen Wertung eindeutig zu den schlechten gehört, weil da die innere Stimme direkt aufmuckt, das das ja nur Eitelkeit sein kann, wenn ich tatsächlich glaubte, ich sei es überhaupt wert, wahrgenommen zu werden. Und Eitelkeit ist so falsch und schlecht wie Egoismus, auf dieser merkwürdigen Skala, von der ich nicht weiss, wie sie überhaupt in meinem Gefühl landen konnte. Denn dass Egoismus, in Maßen, durchaus gesund sein kann und Eitelkeit nicht zwangsläufig eine krankhafte Selbstüberschätzung, das weiss der Kopf ja eigentlich ganz genau. Aber ich kann mir das trotzdem nicht zubilligen.

Bleibt zu hoffen, dass es der fehlende Schlaf einer durchwachten Nacht ist, der das heute mit mir macht und dass sich das morgen alles wieder ganz anders anfühlt. Ich mich in mir anders anfühle, mich überhaupt fühlen kann und nicht nur zappeln.

Und das alles geht mir im Kopf herum, während ich unter der Dusche stehe und ich denke ‚das musst du unbedingt gleich aufschreiben‘ und ich merke, wie skurril sich der Gedanke anfühlt, weil da gleich wieder eine Stimme lostönt und behauptet auch dabei ginge es ja wohl nur um die Aufmerksamkeit. Aber jetzt sitze ich hier, mit tropfnassen Haaren und Augen, anstatt einkaufen zu gehen, was ich dringend machen müsste und mache genau das. Und während ich schreibe, merke ich, dass es doch viel mehr ist, dass ich das gerade für mich aufschreibe(n muss), ausformulieren muss, dass mich die Auseinandersetzung mit diesen Gedanken mir selber gerade näher bringt, als ich es mir den ganzen Tag lang war. Aber ich lasse es erst mal beim Schreiben und sehe zu, dass ich in den Laden komme. Mal sehen, ob ich mich nachher traue, auf Veröffentlichen zu klicken oder ob ich mich dieser Gefühle, dieser Seite von mir, die ich am liebsten vor mir selber verstecken möchte, doch zu sehr schäme.

Hmm. Manchmal muss ich wohl genau das überwinden. Ich klicke jetzt also einfach mal. Wer weiss, wobei es mir hilft.

Katja

10 Kommentare zu “Lost

  1. o liebe katja, ich kenne das sooo gut! und ich finde es sehr mutig von dir, es zu veröffentlichen. ich kenne das so gut. und manchmal hilft es, sich in diesen momenten der liebe der anderen zu vergewissern, wenn man es schafft aus seiner beschlagenheit heraus zu kommen. ich hab meinen kindern (denn es ging mir in letzter zeit deiner beschreibung sehr ähnlich), dass es mir nicht gut geht und dass sie bitte nachsichtig mit mir sein sollen und sie waren es !!
    danke für deinen post hier. und wenn es dir doch komisch wird es stehen zu lassen, dann höre darauf und nimm es wieder raus.

    liesbte grüße!! aus einem vollmöndigen berlin!! mary

    • Liebe Maryam! Danke vielmals für dein Verstehen und (Er)kennen.

      Ich musste in der Tat schon beim Schreiben an dich denken. Ich glaube, wir haben uns irgendwann über diese Strenge sich selber gegenüber ausgetauscht (oder hattest du nur darüber gebloggt und mir fehlten wie so oft die richtigen Worte für einen Kommentar?) und ich musste daran denken, dass du schriebst, dass man sich damit ja eine Sonderstellung herausnimmt, sich also von den anderen abgesetzt wahrnimmt. Ich muss oft daran denken und frage mich manchmal, ob nicht meine ganze Wahrnehmung, in der ich mich selber so klein empfinde, falsch ist und ich mich mit dem strengeren Maßstab, den ich bei mir anlege, nicht doch überzogen eitel bin, wenn ich glaube, das leisten zu können/zu müssen. Aber kann das sein? Aus der Angst heraus und der Ablehnung gegenüber eigener Überschätzung genau das zu kreieren? Alleine der Versuch, darüber näher nachzudenken, macht mir Kopfweh…

      Herzliche Grüße an den Vollmond und dich!

  2. Ich bin sehr sehr froh, dass du das hier mit uns geteilt hast. Es hat mir sehr geholfen, so seltsam sich das auch anhören mag, das hat es wirklich. Dieser Satz hat mir fast die Sprache verschlagen: „Es ist mehr so ein seitliches mir-selber-Entgleiten.“

    Denn genauso fühlt es sich an, wenn man nur halb bei sich, halb auf der Flucht ist, bzw. wenn ich. Manchmal habe ich auch ganz seltsame Körperempfindungen, so, als würde meine Hand oder mein Fuß gleich etwas tun, was ich gar nicht wollte. Kennst du das auch? Das macht mir solche Angst. An solchen Tagen verfluche ich, dass ich auf der Arbeit bin oder in der Uni oder wieder in irgendeiner Situation, in der ich mich zusammenreißen muss, während mein Mund schon total trocken wird vor lauter Angst.

    Ach Katja … Eitelkeit und der natürliche Wunsch, wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden, das sind zwei Paar Schuhe, die sehr weit voneinander weg liegen. Bitte vergegenwärtige dir das, gestehe dir die natürlichen Rechte eines Menschen mit Seele ein. Denn die hast du so sehr verdient.

    Danke nochmal für deinen Artikel … ❤

    • Sherry, vielen Dank für deinen Kommentar! 🙂

      Diese Körperempfindungen kenne ich auch. Also nicht, dass die Körperteile das tatsächlich täten, aber es fühlt sich dann an, als müsse ich Kraft aufbringen und mich anstrengen, um sie ruhig zu halten. Also so irgendwie umgekehrt wie es normalerweise ist.

      Noch schwieriger empfinde ich dann das Kommunizieren mit anderen. Dinge, die ich sage, scheinen dann von selber aus mir ‚rauszufallen‘ und ich nehme sie mit einem Sekundenbruchteil Verzögerung wahr, so als würde ich jemand anderem zuhören und wäre das nicht selber. Folglich fühlt es sich auch so an, als hätte ich gar keine Kontrolle darüber, was ich sage und sobald ich’s gesagt habe, kommt’s mir unfassbar dumm vor. *soifz*
      Und ich schaffe es sogar, das tippend hinzubekommen, obwohl es da ein leichtes wäre, Dinge nicht abzusenden, aber dafür müsste mir das erst mal vorher bewusst sein. Und genau dieses Gespür fehlt ja in den Momenten.

      Nochmal Danke, Sherry – auch für das, was du über die Schuhe sagst. Ich weiss seit euren Kommentaren, wofür das Schreiben darüber gut und richtig für mich war. Es fühlt sich weniger alienartig an, wenn jemand ähnliche Gefühle und Gedanken kennt und das bedeutet mir wirklich viel.

  3. Liebe Katja.
    Wie Du das hier schreibst. Und schreiben kannst.
    Dafür danke ich Dir sehr.
    Mir fehlen die Worte und die Benennungen dieser Gefühle und „Zustände“, wenn sie mich erreichen … und lahmlegen. Ich kann es dann sogar kaum jemandem erzählen.

    Herzlichen Dank,
    mb

    • Vielen Dank, mb! Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir genau das hilft, wenn ich die Dinge in Worte fasse(n kann). Ich glaube, sie machen mir weniger Angst, wenn sie einen Namen haben, verlieren den Schauer der Unaussprechlichkeit. Herzliche Grüße an dich!

  4. Für diese Wünsche muss man sich nicht schämen, und wie schon gesagt wurde, mit Eitelkeit hat es überhaupt nichts zu tun. Ich kenne diese Wünsche und Sehnsüchte selbst nur zu gut und ich weiß auch bei mir, woher sie kommen. Allerdings könnte ich das Ganze nie so gut in Worten ausdrücken, wie Du es hier gerade getan hast….danke dafür.

    • Danke auch dir, Träumerin. Ich bin wirklich froh über eure Kommentare, irgendwie fühlt es sich dann ein bisschen weniger seltsam an, darüber geschrieben zu haben.

      Scham ist ja leider etwas tief ziemlich tief Sitzendes. Wenn ich über solche Seiten an mir schreibe, für die ich mich schäme, fühlt es sich immer ein wenig an wie eine Desensibilisierungstherapie – Worte gegen Scham und Tabu. Nur, dass ihr mir viel lieber seid als große Spinnen! 🙂

  5. Jeder Mensch ist es wert wahrgenommen zu werden! Du auch!

    Und ich könnte mir vorstellen, dass es einem, wenn man sich seiner selbst nicht sicher ist, wichtig erscheint, von den Menschen um einem herum wahrgenommen, wichtiggenommen und gemocht/geliebt zu werden. Also irgendwie wie eine Bestätigung. Mit dem, dass mir mein Gegenber vermittelt, dass er mich wahrnimmt, mich wichtig nimmt, mich mag oder gar liebt, hilft er mir womöglich über meine Selbstzweifel hinweg. Und ich denke dann: wenn der/die mich mag, dann kann ich doch gar nicht so daneben sein, wie ich mich gerade fühle.

    Sind das nicht die Grundpfeiler, die unser soziales Zusammenleben erst lebenswert machen – das Miteinander, das Füreinander, das Geben und das Nehmen? Ich denke schon. Ansonsten wären wir doch alle Einsiedler.

    Und wahrscheinlich ist es das Natürlichste auf der Welt, Kraft aus dem zu schöpfen, was einem an positivem Feedback von anderen zuteil wird. Jedoch muss man es auch zulassen. Man muss das positive Feedback annehmen, dem Glauben schenken, dem Gegenüber vertrauen, dass er es ehrlich mit einem meint. Und hier gibt es womöglich große Zweifel: man möchte gemocht werden und das wird einem auch von anderen vermittelt jedoch daran auch zu glauben ist wahrscheinlich schwer, da man sich selbst evtl. nicht als „liebenswert“ empfindet und sich schon gar nicht vorstellen kann, dass einen andere mögen oder gar lieben. Denn wenn man an sich selber zweifelt ist man vielleicht auch geneigt, an dem, was einem von anderen vermittelt wird zu zweifeln.

    Und was das „nicht spüren können“ betrifft, vielleicht ist es ja so etwas, wie ein innerliches Weglaufen vor einem selbst?

    Ich wünsche Dir von Herzen Menschen, die Dich wahrnehmen – um Deiner selbst willen.

    Liebe Grüße
    Rabea

    • Liebe Rabea, hab vielen Dank für deinen Kommentar! Ich bin beim Lesen fast gar nicht mehr aus dem Nicken rausgekommen. Du beschreibst das Gefühl sehr treffend. Wenn mich Selbstzweifel zerfressen oder in jenen (zum Glück sehr seltenen) Momenten, wo ich mich so verliere, dann bekomme ich erst dadurch Wert, dass ihn mir jemand anderes zumisst. Und ich weiss, dass das eigentlich falsch/doof/keine_gute_Denkweise ist, aber das Wissen ändert ja nichts am Gefühl und manchmal bin ich dann auch froh, dass es so herum überhaupt funktioniert. Dass ich das – und auch da triffst du den Nerv genau, dass es unheimlich schwer ist, das dann überhaupt zu glauben, obwohl ich mich so danach sehne – überhaupt von aussen her annehmen kann.

      Auf dem innerlichen Weglaufen muss ich etwas rumdenken, aber ich glaube, das trifft es nicht, weil es ja so ein driftendes und entgleitendes Gefühl ist.

      Ich danke dir sehr für deine Gedanken und die Wünsche!
      Ganz liebe Grüße zurück!

Und jetzt du! Deine Gedanken, Worte, Punkte, Smilies, Bilder, Gesänge... Danke dafür!

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