Hold the line

Ich habe gerade, zuerst bei der städtischen Entsorgungsfirma für einen Sperrmülltermin, dann beim Friseur für einen Termin, angerufen.

Das, was sich so banal liest, hat mich vorher eine halbe Stunde lang in der Wohnung auf- und ablaufen, lieber doch noch einen Kaffee trinken, das Telefon viermal in die Hand nehmen und doch wieder weglegen, tief durchatmen, lieber erst mal die Spülmaschine ausräumen, auf- und ablaufen, wieder zum Telefon greifen und dann schließlich anrufen, lassen. Und zwar beide Telefonate in einem Rutsch, so lange ich das Telefon eh schon in der Hand hielt, weil Weglegen zwangsläufig dazu geführt hätte, dass ich heute nicht noch den zweiten Anruf getätigt hätte.

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Vor einer Weile gab mir jemand, von dem ich weiss, dass Telefonieren ihm auch nicht leicht fällt, seine Telefonnummer für Notfälle. Und obwohl ich natürlich (vermutlich selbst in Notfällen) zu feige wäre anzurufen, fühlte ich mich wie ein König, weil ich weiss, wie schwer es mir jedesmal fällt, jemandem meine Telefonnummer zu geben und wie gründlich ich darauf achte, dass nicht viele Menschen sie haben und auch nur solche, denen ich ausreichend vertraue. Ich vermute, andere Nichtguttelefonierenkönner ticken da ähnlich, daher freue ich mich so über die Nummer – selbst wenn ich sie nie nutzen sollte.

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Ans Telefon zu gehen, wenn ich weiss, wer dran ist (Unglaublich, dass man früher keine Ahnung hatte, wer am anderen Ende der Leitung war, wenn es klingelte.), fällt mir deutlich leichter als selber wo anzurufen.
Selbst bei einem lieben Freund, der mich meist mehrmals pro Woche anruft und mit dem ich wirklich schon viele, viele Stunden telefoniert habe und wo sich das auch kein bisschen merkwürdig anfühlt, fällt es mir immens schwer, ihn ein paarmal pro Jahr selber anzurufen.

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Letzte Woche Dienstag als wir im Spanischkurs ausmachten, den letzten Termin des Kurses wieder mal bei spanischem Essen statt spanischen Verben zu vertrödeln, fragte unsere charmante Kursleiterin natürlich wieder ausgerechnet mich, ob ich den Tisch in der Tapasbar reservieren könnte. Ich weiss nicht weswegen, aber das hat sie tatsächlich bisher jedesmal gemacht – also ausgerechnet mich danach gefragt. Und ich stammele dann jedesmal sehr verlegen, dass es mir lieb wäre, wenn das jemand anderes machen könnte, weil ich nicht so gut telefonieren kann, was sie jedesmal mit einem ‚Aber da musst du nicht Spanisch sprechen am Telefon. Die können Deutsch.‘ quittiert, was mich dann jedesmal dazu bringt, zu sagen, dass es nicht an der Sprache sondern am Telefonieren grundsätzlich liegt, während ich am liebsten im Boden versinken würde.

Eine andere Teilnehmerin des Kurses (und ich glaube, es ist auch immer die gleiche, die mich aus der Situation rettet) hat dann den Anruf übernommen und via Rundmail alle über die Reservierung informiert. Mir fiel auf, dass einer der Teilnehmer, der nun auch ausgerechnet in dieser Stunde, als wir das planten, nicht da war, nicht mit im Verteiler stand und ich fragte bei unserer Spanischlehrerin nach, ob sie seine Mailadresse hat und ihn vielleicht informieren kann. Mailadresse hatte sie nicht, aber seine Telefonnummer, die sie mir prompt in die Antwortmail schrieb, damit ich ihm Bescheid sagen könnte. Äh ja. Ich hab also am Wochenende dreimal (so viele Anläufe brauchte ich, um ihn tatsächlich zu erreichen) todesmutig das Telefon in die Hand genommen, um Bescheid zu sagen. (Und dann war der gestern nicht mal da, obwohl er eigentlich kommen wollte!1elf :D)

Gestern in der Bar fragte dann die Kursleiterin, ob ich ihn erreicht hätte und ich bejahte und ergänzte grinsend, dass das ja heldenhaft war, ausgerechnet mir die Telefonnummer zu geben, wo ich ja gerade ein paar Tage vorher wieder erzählt hatte, dass ich nicht (gut) telefonieren kann. Ich glaube, ihr ist jetzt zum ersten Mal klar geworden, was ich damit meine. Andererseits war das ja auch irgendwie wieder mal eine gute Übung, ich will das ja schon gerne wieder besser können. Äh ja, jetzt wissen das auch wirklich alle, die da waren und die Reaktionen waren so unerwartet positiv und irgendwie rührend. Vom Angebot, sowas beim nächsten Mal einfach per Mail weiterzugeben bis zum Angebot, mit ihnen allen telefonieren zu üben, falls ich mag, weil ich sie ja nun kenne und sie das auch wissen.

Und eine der Frauen, die in die gleiche Richtung geparkt hatte, hat mir beim Abschied an der Ecke, wo sich unsere Wege trennten, noch meine Nummer abgerungen und meinte, sie ruft mich während der Kurspause mal an.

Ich bin ja meist echt sparsam damit, jemandem von diesen Problemen zu erzählen (also ausser natürlich hier im Blog, ihr bekommt das alles geballt ab ;)), aber so viele offene und freundliche Reaktionen gestern Abend, haben mir echt das Herz gewärmt. Das fühlte sich da auch gar nicht schräg an und komisch und ich hatte mal nicht das Gefühl das nur drucksend und stotternd erzählen zu können.

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Einer meiner Lieblingssongs der 80er schlich sich bei der Suche nach einem Titel für den Eintrag in mein Ohr und ich kann seitdem nicht aufhören zu summen.

Katja