kurz zitiert #31

„Nun ja“, sagte Hector, „was ist Ihrer Meinung nach ein gut ausgefülltes Leben?“
Die beiden Hundertjährigen schauten einander an, und dann brachen sie in Gelächter aus. Das war zwar schön anzusehen, aber es brachte Hector kein bißchen weiter.
Schließlich hörte der Hunderjährige mit der Fliege zu lachen auf und sagte in sehr ernsthaftem Ton: „Das mit dem ausgefüllten Leben ist eine ziemlich schlechte Idee. Man kann es nämlich nie mit allem füllen, was einem vorschwebt. Außerdem füllt man notgedrungen auch Fehler und Irrtümer mit hinein. Was aber zählt, ist, bestimmte Momente gut auszufüllen. Oder wenn Sie so wollen, gewisse Augenblicke voll auszuleben.“
„Um die Gegenwart gut ausfüllen zu können“, sagte der Alte mit der Schirmmütze, „müssen wir auch oft unser Inneres entrümpeln und freien Raum schaffen.“
Hector begriff, was er damit sagen wollte. Wenn man einen Augenblick wirklich auskosten wollte, mußte man sich ganz von ihm erfüllen lassen und durfte sich nicht wegen anderer Dinge den Kopf zerbrechen.
„Das Leben ist ja keine Flasche, in die man etwas hineingießen soll“, meinte der Hundertjährige mit der Fliege, „sondern eher wie eine Musik, die manchmal weniger gelungene oder langweilige Stellen hat und manchmal sehr intensive. Die Musik vermittelt eine sehr gute Vorstellung von der Zeit. Eine einzelne Note berührt Sie nur, weil Sie sich an die vorangegangene erinnern und die nächste erwarten … Jede gewinnt ihren Sinn nur dadurch, daß sie in ein wenig Vergangenheit gehüllt ist und in ein wenig Zukunft.“

(François Lelord, Hector un die Entdeckung der Zeit, Seite 163/164)

 

Die schönsten (und in meinen Augen) klügsten Sätze, die ich seit langem gelesen habe. Überhaupt das ganze Buch ist ungeheuer lesenswert – aber das habe ich auch bei dem weiteren Hector Band, jenem über das Glück, den ich schon gelesen habe, auch so empfunden.

Ich hadere so oft mit der Zeit, habe das Gefühl sie rennt mir davon und ich habe so viel davon verloren und verliere noch, schaffe es nicht, die Flasche mit genügend Inhalt zu füllen. Ewig fühlen sich die Dinge an als würde ich furchtbar hinterherhinken, müsste rennen, um nicht komplett den Anschluss zu verpassen. Und das setzt mich so unter inneren Druck, dass ich regelmäßig stolpere.

Und auch hier scheint das Zauberwort wieder mal Loslassen zu sein.

Zeit als Musik, als Fluss – das Bild mag ich mir in Zukunft gelegentlich rauskramen, wenn ich wieder mal in Sorge um den Inhalt meiner Flasche bin.

Katja

 

3 Kommentare zu “kurz zitiert #31

  1. Wenn ich ehrlich bin, liebe Katja, dann lese ich deine Gedanken sehr viel lieber als diese Geschichten des Hector. Ich kenne ihn und vor einer Weile fand ich ihn auch wunderbar.
    Aber im nachhinein-also jetzt-betrachtet, ist es mir zu flach, zu sehr instant-irgendwas. Das mag und wird an meinen eigenen Bedürfnissen liegen, denn eigentlich glaube ich ja auch, dass das wahre einfach ist und es darauf ankommt, die Gedanken anzunehmen und nachzuempfinden/leben.
    Trotzdem kann ich mit deinen Erfahrungen viel mehr anfangen, sie mir übersetzen. Dieses durch und durch direkte liest sich [für mich] zu konkret und kuchenrezeptartig. [So nun hoffe ich, habe ich deutlich machen können, was ich meine, OHNE dabei deine Vorliebe für dieses Zitat/diesen Hector zerstört zu haben.
    Liebste Grüße! Mary am Meere

    • Liebe Maryam, natürlich zerstören deine Gedanken gar nichts – erst recht nicht, wenn sie ein solches Kompliment enthalten (als das nehme ich das gerade mal, dass du meine Gedanken lieber liest).
      Ich glaube, ich kann schon verstehen, was du meinst und speziell mit dem Zusatz, dass du Hector mal mochtest. In letzter Zeit (vielleicht seit und weil ich so viel lese) habe ich vermehrt das Gefühl, dass bestimmte Bücher, Geschichten, Erzählweisen ihre Zeit haben.

      Vor über 20 Jahren hatte ich im Regal einen ganzen Stapel damals gerade aktuell erschienener Märchenbücher. Das waren alles moderne Märchen, keine Klassiker, die fast alle die Botschaft enthielten, sich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist anstatt nur Geld und Karriere hinterherzuhetzen, die Umwelt nicht auszubeuten und dergleichen. Damals haben mir die ungeheuer gut gefallen und ich war jahrelang betrübt, weil ich sie irgendwann verliehen hatte und nicht zurückbekommen. Vor einiger Zeit kaufte ich sie mir ein zweites Mal – dooferweise recht viele davon auf einmal. Dooferweise, weil sie mir jetzt überhaupt nicht mehr gefallen. Kommt mir alles als viel zu esotherisches Geschwurbel her und vor allem ist mir das, was die Texte als Botschaft vermitteln wollen seit Jahren vertraute Denkmuster sind. Damals habe ich mir über so Dinge noch wenig Gedanken gemacht und die Botschaften waren relativ neu für mich. Jetzt wirken sie auf mich so ungeheuer platt. Da steht nicht direkt drin ‚mach’s so oder so‘, stattdessen werden Bilder über Bilder überstrapaziert als wollten die Autoren sicher gehen, zwar nicht direkte ‚Anweisungen‘ zu geben, aber dass sie trotzdem jeder zwingend auch so verstehen muss.

      Wieviel lieber ist mir da gerade ein Hector, der seine Weisheiten – die er ja auch aus Geschichten zusammensammelt – dann nochmal in schlichten Worten direkt aufschreibt. 🙂

      Aber wer weiss, wie ich das empfinden würde (werde?), wenn ich’s in 5 oder 10 Jahren nochmal lese. Eine Geschichte bringt eben immer nur ihren Anteil mit, den Rest des Leseerlebnisses steuern wir selber mit all unseren Gedanken und Erfahrungen bei – aber gerade das macht es ja auch so spannend. 🙂

      Herzliche Grüße!

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