Nichts fragen und bloß nichts sagen

Vor ein paar Tagen ist mir plötzlich ein Licht aufgegangen, weswegen sich jede Begegnung mit dem Lieblingsschwager so anfühlt als wären da nie diese mehr als 20 Jahre zwischen der Scheidung der Lieblingsschwester und ihrem erneuten Verlieben in den Exmann gewesen, wieso sich dieser Mensch – obwohl ich fast noch ein Kind war als ich ihn zuletzt gesehen hatte – so vertraut und so sehr wie Familie anfühlt.

Ich glaube, das liegt daran, wie offen er mit mir umgeht und das ist gar keine alte Vertrautheit sondern da ist einfach sehr schnell eine neue entstanden.

Meine Schwester hatte ihm vorm ersten Aufeinandertreffen von meinen Depressionen erzählt und auch Teile darüber, wie lange Zeit ich nur in der Wohnung verbracht habe und er hat direkt bei unserer ersten Wiederbegegnung damals daran angeknüpft und sich interessiert nach mir, meinem Leben, nach den Depressionen und der Angst, nach den Auslösern und allem möglichen erkundigt.

Damals ist mir das gar nicht aufgefallen, wie ungewöhnlich das tatsächlich ist. Dafür fühlte es sich einfach zu normal an. Zwei Menschen, die sich schon sehr lange kannten und die sich an einem Tisch gegenübersaßen und sich gegenseitig auf den neuesten Stand brachten, was in den letzten mehr als 20 Jahren so passiert war.

So richtig greifbar geworden, wie ungewohnt das eigentlich ist, ist das erst nach dem letzten Wochenende wieder mal für mich. Da bin ich auf eine gute Handvoll Menschen getroffen, die auch wissen „was mit mir los ist“. Sie wissen das nicht von mir direkt, sondern vermutlich über drei Ecken und ich vermute, sie wissen auch nicht allzuviel. Am Wochenende hatte ich mehrfach ein merkwürdiges Gefühl, aber das habe ich ja fast immer, wenn ich unter Menschen bin, die ich nicht besonders gut kenne. Erst hinterher ging mir auf, wieso sich das – vielleicht – immer so merkwürdig anfühlt.

Niemand stellte mir in den Gesprächen Fragen. Also zumindest keine, die nicht komplett unverfänglich bleiben können. Und ich glaube (hoffe) nicht, dass das komplettes Desinteresse mir gegenüber ist. Entweder ist das die Angst, mir zu nahe zu treten oder aber es sind die generellen Berührungsängste, die dieses Thema betreffen. Vielleicht ist es auch ein Mix daraus, vielleicht auch etwas ganz anderes, das Ergebnis ist zumindest, dass Gespräche sich merkwürdig anfühlen.

Und ich erzähle von mir aus ja auch nicht so arg viel und eben schon gar nicht über die Depressionen und die Angst, die nunmal vieles davon bedingen, wie ich lebe und wer ich jetzt bin. Irgendwie ist da immer noch das Schamgefühl. Wer kann’s schon vestehen, wer nicht selber solche Phasen kennt? Ich habe immer noch Angst, nicht ernst genommen zu werden. Also nicht ernst im Sinne von wichtig, sondern im empathischen Sinne. Aber es ist ja gar nicht so, dass ich darauf brennen würde, unbedingt über dieses Thema zu reden, nur aus dieser doofen Vermeidungsstrategie heraus, fragen einige Menschen mich eben überhaupt gar nichts. Und so bleiben die Gespräche irgendwie einseitig und ein Stück weit inhaltsleer und der Kontakt bleibt distanziert, zumindest habe ich immer das Gefühl ihnen fremd und unverständlich zu bleiben.

Nichts fragen und bloß nichts sagen.

Katja

12 Kommentare zu “Nichts fragen und bloß nichts sagen

  1. Ich glaube, das ist wirklich Unsicherheit. Sie können einfach nicht wissen, ob du Fragen diesbezüglich hören möchtest oder nicht. Da reagieren die Leute auch sehr unterschiedlich drauf. Es ist ganz bestimmt kein Desinteresse. … Aber das mit deinem Schwager, das ist wirklich schön …

  2. Was ist, wenn das Schweigen nur ein „Ich weiß es, du weißt, dass ich es weiß und wenn du reden möchtest, höre ich zu, werde dich bis dahin aber nicht bedrängen.“ ist? Mein Schweigen wäre so gemeint.

    Ich weiß, wie du dich fühlst. Wie schwer es ist, wenn man nicht raus kann, weil man zu viel Angst hat und oft kann man gar nicht genau sagen, wovor eigentlich. Mir geht es ähnlich. Ich kann vermutlich gar nichts sagen, um dir zu helfen, aber ich wollte zumindest mal gesagt haben, dass ich dich verstehen kann.

  3. @Sherry: Es geht ja gar nicht um die diesbezüglichen Fragen, ich glaube, das was so merkwürdig ist ist, dass sie mich eben gar nichts fragen (nicht mal völlig unverfängliche Dinge), um einen weiten Bogen um jedes vermeintliche Fettnäpfchen zu machen. Und ich glaube nicht mal, dass das bewusst geschieht.

    @Flimmersee: Wenn du ähnliche Gefühle und Ängste kennst, dann weisst du vermutlich, wie wertvoll genau das ist – einfach mal wer, der sagt: hey, ich kann dich verstehen. 🙂

    Zum Schweigen: Hmm, das ist nicht so leicht zu erklären. Also es ist nicht wirklich ein Schweigen, aber diese Gespräche fühlen sich immer komisch an ohne dass ich greifen konnte, weswegen. Das ist mir eben jetzt erst aufgefallen, dass dieses interessierte Nachfragen, was ich unter Leuten, die man gerade so ein bisschen näher kennenlernt, komplett fehlt. Also von Seiten der anderen. Ich finde es zB immer interessant zu erfahren, wie Mensch seine Zeit verbringt, also nicht nur jobmäßig, sondern zB ob jemand gerne liest und was derjenige so macht und ich frage dann oft drauf los. Und es kommt eben nie eine Gegenfrage, nach überhaupt gar nichts. Ich glaube, bis mir das jetzt bewusst wurde, hab ich das wirklich unbewusst für Desinteresse gehalten (und natürlich kann ich das auch nicht ausschließen). Und wenn sich jemand nicht für mich interessiert, dann erzähle ich natürlich auch von mir aus nicht viel (dafür hab ich ja immerhin mein Blog :mrgreen: ) Was vielleicht den Eindruck erweckt, ich würde nicht gerne Dinge über mich erzählen und andere erst recht vom Nachfragen abhält.
    Vielleicht muss ich da wirklich von mir aus ein bisschen offener werden und schauen was passiert. Hmmm.

    @Leonie: Vielleicht liegt das mit meinem Schwager ja doch an der Tatsache, dass ich den schon als Kind kannte, wir also die vergangene Zeit nur irgendwie aufholen mussten und uns auf den aktuellen Stand bringen und nicht irgendwo bei Null anfangen. Aber egal, woran es liegt, es ist auf jeden Fall sehr unverkrampft und das tut gut. 🙂

  4. ich stimme leonielöwin zu – gut, daß es deinen schwager [für dich jetzt wieder :)] gibt!

    und hiermit preise ich dir noch einen vorteil des persönlichen treffens deiner blogleser an: wir wissen bescheid. also, so ziemlich richtig. 🙂 und wir sind noch immer hier!!1elf [<– übertreibung, dramatische]

    ich finde, deine überlegungen hören sich vernünftig an. wenn ich auf menschen treffe, bei denen es dinge im leben gibt, die gleichzeitig sehr bestimmend und doch so 'unaussprechlich' sind, frage ich denen oft ein loch in den bauch [natürlich je nach situation ^^], beginnend mit der frage 'darf ich dich zu xyz etwas fragen? das interessiert mich nämlich sehr!'.

    • Ich erinnere mich noch, dass du mit ähnlichen Worten auch damals hier auf mein Blog gepurzelt bist und ich fand’s gut. 🙂

      Aber ich frage mich wirklich, durch was unaussprechliche Dinge zu solchen werden und noch viel dringender: was muss passieren, damit sich das mal ändert?

      • ich rede darüber. zwar auch nicht unbedingt über eigenes, aber doch im allgemeinen. das ist zwar nur ein kleiner, aber immerhin ein schritt. denke ich. mehr als die direkte umgebung hat man in der regel ja doch nicht, um beispiel zu geben und zu sein.

      • Hmm, falls ich fragen darf (ich bin kein bisschen böse, wenn du das nicht vertiefen magst), aber was ist es, was dich davon abhält über eigenes zu reden? Hast du dich damit mal beschäftigt?
        Meiner Meinung nach ist das ja gerade einer der Kernpunkte. Es ist natürlich nicht besonders schwierig über Probleme und Depressionen so ganz grundsätzlich und allgemein zu reden, aber trotzdem traut sich kaum jemand zu sagen ‚hey, mir geht’s so‘. Und nicht mal Menschen, die – so schätze ich das bei dir zumindest ein, ich hoffe ich interpretiere da nicht zu frei – ziemlich fest mit den Füßen im Leben stehen und nur selten mal trübe Phasen oder Durchhängzeiten durchmachen, thematisieren das.
        [*Edit: Ich schreib das lieber noch dazu: Davon ist nichts irgendwie kritisierend oder vorwurfsvoll gemeint, sondern nur nachfragend, weil ich das gerne verstehen möchte. Bitte nicht falsch verstehen! Ich hab dich sehr gerne und meine dir gegenüber nie irgendwas böse! :)]

        Und dann ist es aus meiner Sicht umso schwieriger, was zu sagen, wenn man durch dieses Nichtsagen der anderen das Gefühl bekommt, allen anderen geht’s ganz super und Depressionen gibt’s zwar, aber nur theoretisch und du bist die einzige, die sich so anstellt, weil sie tatsächlich meint, darunter zu leiden. – Also mal sehr überspitzt formuliert.
        Ich würde mir gerade von Menschen, die ziemlich stabil sind, häufiger mal wünschen, dass sie eigene ‚Schwäche‘ entblößen. Denn so fühlt sich das immer an, wenn ich jemandem davon erzähle, also immer noch. Als würde ich eine Schwäche entblößen und mich damit schutzlos/angreifbar machen. Das fällt leichter, wenn das Gegenüber keine so glatte Oberfläche präsentiert sondern auch seine eigenen Kerben zeigt. Zumindest mir fällt es dann leichter.

        [Seltsamerweise ist das übrigens ein Punkt, an dem meine Innenwahrnehmung oft von der Wahrnehmung abweicht, die jemand von aussen von mir hat. Ich habe jetzt schon einige Male gesagt bekommen, dass ich von aussen gar nicht schwach und klein wirke (wie ich mich in so Momenten, wenn ich viel von mir preisgebe fühle), sondern ganz im Gegenteil sehr stark und mutig. Vielleicht ist es tatsächlich eine Stärke, seine Schwächen zu zeigen? Es fühlt sich für mich überhaupt nicht so an, aber nachdem ich das jetzt schon 4, 5 Mal von unterschiedlichen Menschen gehört habe, bin ich dahingehend wirklich irritiert.]

  5. Liebe Katja,

    manchmal ändert die Zeit etwas. Auch wenn man ihr nicht alles überlassen sollte. Manchmal heilt sie nicht nur, so wie Meerwasser das mit Wunden tut. Manchmal schwemmt sie auch Menschen in den Leben. Menschen, die dir besser tun, die passender sind. Und durch sie weißt du dann, wie es sein kann, wenn dir das Außen hilft. Später wirst du wieder auf dich selbst zurückgeworfen. Du lernst den Unterschied zwischen dem Selbstgefühlten und dem Vorhandenen besser zu unterscheiden.

    Übrigens hat mich dieser Eintrag von dir, neugierig auf die Schreiberin dahinter gemacht. Es war als wäre einen Moment die Tür aufgegangen und durch den Spalt, hätte ich Katja gesehen [ohne mir ein visuelles Bild zu machen].

    Herzlich! Mary…

    • Liebe Maryam,

      ach wenn man sich das ja immer aussuchen könnte, mit welchen Menschen man zu tun hat. Aber es gibt zum Glück auch wirklich einige Leute, bei und mit denen das ganz anders ist, wo es solche Berührungsängste nicht gibt und wo der Kontakt sich natürlich anfühlt. 🙂

      Über das Selbstgefühlte und das Vorhandene muss ich ein bisschen nachdenken!

      Liebe Grüße!

  6. Das eigentliche Problem ist, dass man dem Umfeld erst mal vermitteln muss, dass es gut ist gefragt zu werden. Dass es völlig in Ordnung ist und man damit nicht weiter herunter gezogen wird. Aber ich persönlich kenne das Gefühl auch von der anderen Seite… z.B. bei Menschen mit offensichtlicher Behinderung oder Verletzung… ich traue mich auch nicht zu fragen… obwohl es mich interessiert und obwohl ich mir sicher bin, dass es den meisten Menschen besser gefallen würde, wenn man einfach fragt, statt es zu vermeiden…

    Die unaussprechlichen Dinge sind meist schon länger unaussprechlich als wir selbst überhaupt existieren… Einfach Überbleibsel aus einer völlig anderen Zeit… und ich glaube gerade den Deutschen fällt es schwer… einfach mal Vergangenheit Vergangenheit zu lassen… und umzudenken. Die Tabus sind schon längst nicht mehr zeitgemäß.

    • Hm, mir fällt gerade auf, wie ungewohnt (also dafür wie ich sonst bin) ich mich da tatsächlich verhalte. Ich bin nämlich eigentlich (oft sogar viel zu) offen und geradeheraus, vermutlich ist das tatsächlich immer noch ein zu großes Schamgefühl, dass ich’s in solchen Situationen nicht bin.

      Und daran hängen vermutlich auch die Signale, die ich/man ans Umfeld sende. Ich fühle mich ja nur dann mit meine Krankheit okay, wenn mein Gegenüber das auch so sieht. Gibt mir jemand das Gefühl, ich würde mich ’nur anstellen‘, dann werde ich sofort ganz klein. Hmm.

      Ich glaube, ich muss da wirklich noch ein bisschen drauf rumdenken.

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