Wenn man unter der Dusche heult, kann niemand die Tränen sehen. Nicht mal man selber.

Wenn mich jemand, von dem ich eine Weile nichts gehört habe, fragt, wie es mir geht, sage ich fast immer ‚meistens ganz gut‘ und eigentlich stimmt das auch. Ich bin in den letzten Monaten und Jahren gut vorangekommen. Die meisten Dinge, die mich vor einigen Jahren vor Angst erstarren ließen, die Panikattacken auslösten, mache ich mittlerweile so nebenbei und bin mir dessen kaum noch bewusst. Ich habe viele Dinge (heraus-)gefunden, die mir gut tun, die mich erden. Primär Kram, den ich mit den Händen mache, als Ausgleich für all das Grübeln und nicht aufhören können zu denken. Und ich packe viele Dinge an, die sich früher wie unüberwindbare Berge vor mir auftürmten, mache viel mehr – noch mehr seit Anfang diesen Jahres, das ich mir für’s Machen ausgesucht habe – als vor einigen Jahren, wo häufig alleine aufzustehen und mir ein Brot zu schmieren sämtliche Kraft gekostet haben, die ich für einen Tag zur Verfügung hatte.

Und zwischen all dem Machen, oder wenn Machen gerade wieder mal nicht geht, wie vor einigen Tagen, wo ich stattdessen nur gelesen habe, was im Grunde aber auch nichts anderes als Machen ist, gibt es dann diese Momente, wo ich alleine unter der Dusche stehe, nur mit meinen eigenen Gedanken und die Tränen laufen mir über die Wangen und mischen sich mit den Strömen aus heissem Wasser, das mir über den Kopf rieselt.

Unter der Dusche habe ich seit Jahren immer wieder meine besten Ideen und genauso erwischt mich unter der Dusche immer wieder eine Traurigkeit, die ich im Alltag mit aller möglichen Geschäftigkeit überdecke. Dort geht das nicht. Erst kommen die Tränen und dann bahnen sich die Gedanken den Weg aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein.

Dann erwischen mich alle Zweifel und alle Hoffnungslosigkeit. Dann sehe ich nicht mehr, wie ich voran gekommen bin, kann nicht mein eigenes Selbst vor einigen Jahren als Messlatte wahrnehmen sondern der Blick klärt sich und ich sehe diese traurige, einsame Frau, die sich mit Gartenarbeit, mit Büchern, mit Fotografieren, mit Kochen, mit Spanisch lernen, mit Bloggen, mit all diesen Dingen, von denen sie üblicherweise sagt, dass sie ihr gut tun (und die das auch tun), davon ablenkt, dass sie eigentlich gar nicht weiss, wo sie im Leben steht.

Ich habe früher immer Pläne und Ziele vor Augen gehabt. Sei es, dass ich als Kind unbedingt alt genug werden wollte, um endlich von meinen Eltern wegziehen zu können. Sei es, dass ich als Jugendliche ganz genau wusste, dass ich mit 18 den Führerschein machen wollte (musste, wenn ich aus dem engen Heimatdorf weg wollte) und ein Auto kaufen und darauf sparte. Sei es, dass ich immer wusste, dass ich unbedingt irgendwann noch mein Abi nachholen wollte.

Immer war da ein Ziel, ein Plan, etwas, das ich anfangen wollte. Und jetzt? Ich hangele mich durch die Jahre, ab Herbst den Frühling herbeisehnend, weil dann die Dunkelheit wieder weicht und weil ich ja ‚weiss‘, dass es mir, wenn es heller ist, automatisch wieder besser gehen wird/muss. Ich tue und mache, hab meist das Gefühl, in Hektik zu sein, obwohl ich so gut wie keine Termine habe, mache mir selber oft genug Druck und Stress ohne eigentliche Notwendigkeit, vermutlich als unbewusstes Mittel gegen die Leere.

Und wenn ich dann darüber nachdenke, wie das wäre, wieder zu arbeiten. Oder nur daran, was ich überhaupt würde machen wollen, dann rauscht das Blut durch die Ohren und ich gerate in völlige Panik, weil ich gar nicht mehr / immer noch nicht wieder, irgendwie belastbar wäre. Weil mich alleine dieser eine feste Termin jede Woche, die 1,5 Stunden Spanischkurs am Dienstag Abend so furchtbar stresst, dass ich den ganzen Montag und Dienstag völlig unter Strom stehe. Wie sollte ich denn dann irgendwo eine ‚echte‘ Verpflichtung eingehen können, wenn mich dieser mehr oder weniger freiwillige Termin schon so unter Druck setzt?

Und was würde ich überhaupt mit mir anfangen wollen? Ich weiss so vieles, was ich nicht (mehr) kann oder will, aber ich habe keine Ahnung, was ich überhaupt will. Und noch weniger, wie ich das überhaupt herausfinden soll. Weil jeder Gedanke daran, der nur halbwegs in diese Richtung geht, diese Panik hervorruft, dazu führt, dass ich nicht weiterdenken kann, sondern tief durchatmen und den Gedanken möglichst weit beiseite schieben muss, um nicht völlig einzubrechen.

Und dann frage ich mich, wie ich das überhaupt schaffen und machen sollte. Meine Zeit fühlt sich ja so schon dauernd zu knapp an. Ich bin dauernd in Hektik. Nur mit den wenigen Dingen, die ich gerade mache. Und eigentlich machen die mich ja auch alle froh. Eigentlich gehören die ja alle zu mir, helfen mir, bei mir selber zu sein. Und eigentlich genügen die mir doch auch gerade.

Aber trotzdem ist da diese Leere. Dieses in ruhigen Momenten immer mal wieder Hochblitzende. Die Tränen unter der Dusche.

Aber so genau weiss ich gar nicht, ob es nicht eigentlich viel eher Menschen sind, die mir fehlen. Ob das nicht viel eher die Einsamkeit ist, die diese Gedanken hochbringt. Und natürlich würde eine Beschäftigung auch in irgendeiner Weise bedeuten, dass ich mehr Kontakt zu Menschen hätte. Und danach sehne ich mich. Und gleichermaßen macht mir genau das entsetzliche Angst.

Ziele, Pläne, Träume. Ich weiss nicht, wo ich die hernehmen soll, wenn da von selber nichts mehr ist. Alles, was ich an Träumen hatte, ist entweder geplatzt oder macht mir furchtbare Angst, sodass ich mich nicht traue, es überhaupt zu betrachten oder scheint so unerreichbar weit weg, dass ich mich nicht traue, genauer hinzugucken, aus Angst, dass das den Frust noch größer machen könnte.

Und dann ist die Dusche längst ausgeschaltet und die Tränen laufen weiter. Bis ich mich wieder selber am Kragen hochziehe, mir verbiete rumzujammern, sondern lieber hinzugucken, was sich verändert hat und was ich mittlerweile alles mache(n kann) und hinbekomme und wieviele Dinge es gibt, die mir gut tun. Und dann verschwinden diese Gedanken und Gefühle wieder hinter dem ‚mir geht’s meistens ganz gut‘ und eigentlich stimmt das ja auch.

Katja

15 Kommentare zu “Wenn man unter der Dusche heult, kann niemand die Tränen sehen. Nicht mal man selber.

  1. Wie schön deine ehrlichen Worte sind. Wir müssen lernen geduldig mit uns zu sein und uns gerade auch in der Hilflosigkeit anzunehmen. Das ist so schwer.
    Vielleicht solltest du das nächste Mal das Wasser abschalten, damit du deine Tränen sehen kannst. Ganz liebe Grüße! Maryam

    • Liebe Maryam, Dankeschön für deine Worte! Mir fällt das so schwer, mich anzunehmen, wenn ich schwach bin. Zu all der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit in diesen Momenten kommt noch hinzu, dass ich mich dann selber nicht leiden kann. Deswegen schiebe ich das meist ganz schnell wieder weg, wenn es mir gelingt.
      Hier darüber zu schreiben ist vermutlich mein Weg, mich dem doch zu stellen. Es festzuhalten, als Teil von mir. Und würde ich das nochmal durchlesen und es nicht direkt einfach veröffentlichen, würde es vermutlich gar nicht hier landen, weil mir diese Hilflosigkeit so peinlich ist, mich so schwach macht/zeigt. *soifz*

      Vielleicht ist das Bloggen darüber ja schon so eine Art des Wasser abschaltens für mich…

      Herzliche Grüße in die Hauptstadt!

  2. oh, und ich glaube seit kurzer zeit tatsächlich, daß jeder einbrüche in dieser art hat. nicht genau so, klar, und vielleicht auch aus anderen gründen, ABER. die wahre stärke und entwicklung einer person zeigt sich dann mMn genau in eben diesem sich selbst liebevoll drängelnd am kragen hochziehen. am sich selbst wieder weitermotivieren. ich glaube, sowas ist auch das, was man landläufig charakter nennt. denn immer lächeln und winken, wenn man keine sorgen hat, kann jeder. weißte?

    drück dich! und vielleicht täten dir mehr menschen wirklich so langsam wieder gut. darf ich sagen: ‚in homöopathischen dosen ausprobieren!‘ :)?

    • Mhhm, ich glaub das auch mit den Einbrüchen. Also den grundsätzlichen. Wobei auch die Frage ist, inwiefern man sich das selber eingesteht oder es einfach überspielt (was für eine gewisse Zeit ja ganz gut gelingen kann).

      Erstaunlich übrigens, dass gerade die gehäuften Talfahrten es waren, die mir das selber rausziehen beigebracht haben. Also dieses immer wieder erfahren: Egal wie kagge sich gerade alles anfühlt und auch wenn das morgen und übermorgen und vielleicht in 2 Wochen noch so ist, irgendwann wird’s wieder besser. Allerdings eben fast ausschließlich als Folge dessen, dass ich etwas unternommen habe, damit’s besser wird. Wieso also nicht möglichst schnell was unternehmen? …

      Und ja: mehr Menschen, so irgendwie.

      Drücke mit und zurück und so!

  3. Oh mein Gott…. wie sehr ich mich in Deinen Worten wieder erkenne. Seit mich die Angst am Schlafittchen gepackt hat, ist auch bei mir nichts mehr gewesen wie es war. Alles hat sich verändert, alles.

    Und mittlerweile, wo es mir auch schon wieder etwas besser geht, da kommen so viele Träume und Wünsche hoch…. alte, aber auch neue…. und ich habe keine Ahnung, ob ich sie mir je erfüllen kann. Denn auch bei mir kommt dann immer noch die Panik, ich kann mir so vieles einfach noch nicht vorstellen.. und dann kommt diese immense Traurigkeit darüber, wie viele Jahre schon verloren sind, wie viel Zeit einem im wahrsten Sinne des Wortes durch die Angst geraubt wurde. Was man in der Zeit alles hätte tun und erleben können und statt dessen waren die Tage nur ein vor sich hin existieren und immer wieder kämpfen, kämpfen, kämpfen. Kämpfen um die normalsten und alltäglichsten Dinge.

    Die ganzen Fortschritte, die man ja schon gemacht hat, werden in diesen Phasen ganz ganz klein… weil man eben immer noch sooo viele Grenzen hat, weil man nicht frei ist. Frei, das zu tun, was man wirklich will.

    Aber dann denke ich wieder, ich mache – wie Du – heute schon wieder so viel, wovon ich vor ein, zwei Jahren niemals geglaubt hätte, dass es geht…. also warum soll ich nicht auch noch den Rest packen? Warum sollen WIR nicht noch den Rest packen? Wir haben doch schon so viel geschafft.

    Wir dürfen der Angst nicht mehr die Macht über uns überlassen…. wir müssen immer wieder MACHEN und sagen „Nein, liebe Angst, davon hältst Du mich nicht mehr ab“. Auch wenn es so verdammt schwer ist. Der Preis dafür ist die Freiheit. Die ich jetzt immer wieder mal für kurze Momente fühle…. ich hoffe, Du auch? Und diese Momente sind so schön, so erfüllend…. ich will mehr davon.

    Ich wünsche uns beiden noch ganz viele solcher Momente.

    Ganz liebe Grüße,
    Träumerin

    • „und dann kommt diese immense Traurigkeit darüber, wie viele Jahre schon verloren sind, wie viel Zeit einem im wahrsten Sinne des Wortes durch die Angst geraubt wurde.“

      Diesen Gedanken verbiete ich mir kategorisch. Sobald der hochkommt, schiebe ich ihn mit aller Macht von mir weg, weil ich eine Heidenangst davor habe, dass mich das so richtig runterziehen und umhauen würde.

      Ich will nicht an die Zeit als verlorene Zeit denken (so schwer das auch ist). Ich habe viel viel gelernt durch diese Zeit, durch die Angst, durch die Depressionen. Und wenn es an manchen Stellen auch nur der Respekt vor meinen eigenen Grenzen ist, den ich gelernt habe/immer noch lernen muss.

      Mit den Träumen und Wünschen ist es bei mir, glaube ich, ganz anders als bei dir. Alle die ich mal hatte, sind aus irgendwelchen Gründen (zumindest aktuell) so, dass ich nicht darüber nachdenken kann und will.
      Aber mir fehlen aktuelle Wünsche. Was will ich überhaupt? So für’s nächste Jahr oder für’s übernächste?
      Wo sehe ich mich dann?
      Ich kann das gar nicht einschätzen, kann das – mich – nicht weiterdenken. Das ist es, was mir da gestern so zugesetzt hat. Dieses Fehlen von etwas, woran ich mich orientieren kann.

      Was aber eben primär so schlimm ist, weil mir Menschen um mich rum fehlen. Die Dinge, die ich tue erfüllen mich eigentlich schon sehr gut und lasten mich auch gerade aus. Mir fehlt nur der Austausch darüber.

      Liebe Träumerin, ich grüße zurück und wünsche dir einen guten angstfreien Tag!

  4. Liebe Katja …

    Dein Beitrag hat mich so berührt, ich kann es gar nicht in Worte fassen. Es tut mir einwenig weh, dich so zu lesen. Ich mag es, wenn du siehst, was du unter den Umständen, die du nun einmal mit dir trägst, eigentlich geschafft hast. So verdammt viel. Das können sich Menschen ohne Depressionen und Panikattacken überhaupt nicht vorstellen. Ich verstehe auch, dass dich der eine Termin in der Woche so stresst. In meinen depressiven Phasen ging es mir wirklich genau so. Ich hatte ständig das Gefühl der Überforderung. Und weißt du, was ich denke? Dieser eine Termin ist bei uns nicht nur ein Termin, der 1,5 Stunden dauert, sondern eine Lawine voller Grübelgedanken, in sich kreisend, Schlingen um einen ziehend, voller Selbstzweifel, Angst vor Versagen, Angst vor irgendwas, wer weiß denn überhaupt noch, vor was? Ich wusste es irgendwann nicht mehr.

    Ich wünsche mir sehr für dich, dass du bald zu deinen Aufgaben noch irgendein anderes Hobby aussuchst, bei dem du Kontakt zu anderen findest. Wenn du dich nach etwas sehnst, dann kannst du es ja versuchen, einfach in die Möglichkeiten reinschnuppern. Dich dagegen entscheiden kannst du ja jederzeit. Ich wünsche dir, dass du stolz auf dich bist, immer öfter, immer mehr. Und die Tränen unter der Dusche und auch die guten Ideen, die kommen mit der Entspannung. Wenn wir entspannt sind, sind unsere Mauern durchlässig. Und das ist gut so. Lass es durch, dann bist du einwenig frei danach. Und erkennst eben, wie du so schön sagtest, dass es dir doch eigentlich gut geht.

    • Ach Sherry, du ahnst nicht, wie gut es gerade tut, zu lesen, dass du dieses Gefühl der Überforderung aus solchen Phasen kennst. Ich fühle mich immer wie ’ne komplette Memme und kämpfe da schon wieder seit langem mit mir, mich nicht als Vollversagerin zu fühlen, weil ich so wenig belastbar bin gerade. Schwach, weich, klein, dumm, unnütz…. Das hängt da alles gedanklich mit dran und drin und obwohl der Kopf weiss, dass das meiste davon nicht zutrifft, fühlt es sich doch so an. Es ist so schwer, keinen Maßstab von aussen, von anderen, von der Gesellschaft anzulegen, sondern meinen eigenen. Es ist so schwer, nicht zu gucken, wie andere auf einem Einrad sitzend, mit rechts brennende Reifen jonglierend, während sie mit links ein Buch tippen oder wenigstens den Staubsauger schwingen – zumindest kommt ihr mir alle so vor – während ich mich in solchen Momenten als die Staubfluse wahrnehme, die alle Energie dafür aufbraucht, nicht in dem Staubsauger zu landen. Dann ist es nicht leicht, mir voller Stolz zu sagen: ‚Aber hey. Ich bin ’ne Staubfluse und entkomme dem Staubsauger! Ist das nicht toll?‘ *soifz*

      Hab lieben Dank für deine Gedanken und Wünsche! Ich hab schon im Hintergrund einen Tab mit dem aktuellen vhs-Programm geöffnet, um mal zu sehen, ob es da noch was für mich gäbe. (Ich weiss noch nicht mal, ob mein Spanischkurs in die nächste Runde geht. Daran, dass der jetzt enden könnte, weil wir zu wenige sind, mag ich gar nicht denken.)

  5. …. ich könnte jetzt gaaaaanz viel dazu schreiben… weil ich… viele Parallelen sehe… hmmm…. aber ich drück dich stattdessen nur… ein wenig… ja? (und versuche mich in den nächsten Tagen – hoffe ich – an einer Mail… )

    Liebe Grüße…

  6. @Rüdiger: :)!

    @Tanya: Nein, nicht traurig sein deswegen. Sowas geht mal besser und mal weniger gut und dieses Gefühl, dass ihr irgendwie da seid und ich nicht so alleine mit diesem Kopfmist, dafür braucht’s ja gar nicht viele Worte und es fühlt sich trotzdem gut an! 🙂

Und jetzt du! Deine Gedanken, Worte, Punkte, Smilies, Bilder, Gesänge... Danke dafür!

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