kurz zitiert #27

„Kennst du den Marianengraben?“ frage ich Red. Ich liege auf der Matratze am Boden und starre zur Decke hoch.
„Den Marianen-was?“ Red kratzt sich am Kopf.
„Den Marianengraben. Es ist der tiefste Meeresgraben der Welt.“
Ich spüre, wie meine Gedanken in die Höhe steigen, die Zimmerdecke und die vierundzwanzig Stockwerke über mir durchbrechen und in die unendliche Weite davonschweben.
„Der Marianengraben hat eine Tiefe von 11022 Metern.“
„11022 Meter…“, murmelt Red, als würde die Zahl durch das Wiederholen weniger abstrakt.
Wahrscheinlich ist es unmöglich, in einem Gebäude mit fünfundzwanzig Stockwerken zu leben und sich die Phantasie zu bewahren, die man braucht, um sich den Marianengraben vorzustellen. Insbesondere wenn das Gebäude so überfüllt und unbeschreiblich hässlich wie unseres ist.
„Wo befindet sich der Marianengraben?“, fragt Red.
„Im Südpazifik.“
Red starrt mit leerem Blick aus dem Fenster. Unsere fünfundvierzig Minuten Morgensonne haben sich bereits verabschiedet und den Balkon dunkel zurückgelassen.
„An den  tiefsten Stellen des Meeres sind sogar die Fische platt. Das liegt am Druck des Wassers…“, füge ich mit gedämpfter Stimme hinzu.
Mittlerweile spreche ich mit mir selbst. Ich weiß, dass manche Dinge noch so tief begraben sein können, sie werden immer wieder zurück an die Oberfläche steigen.

Flüchtige Erinnerungen sind der Marianengraben der Seele.
Diesmal steigt mein Lehrer Herr Mou aus den Tiefen des Marianengrabens auf, aus dem Meer bei der Stadt der Steine.
Meine Erinnerungen an ihn sind so tief gesunken, dass sie dort nicht mehr genügend Sauerstoff bekommen, um zu überleben. Als Folge des Sauerstoffmangels sind sie schwach und verblasst, es gibt nur einzelne, unzusammenhängende, verschwommene Bilder. Doch meine Erinnerung an Herrn Mou ist wie das Meer bei der Stadt der Steine. Es mag noch so verschmutzt und trüb sein, ein Meer bleibt ein Meer, ungestüm und erschreckend in seiner Intensität.
Herr Mou ist eine der vielen Unterströmungen in meinem Gedächtnis. Selbst nach all diesen Jahren steigen Bilder von ihm in mein Bewusstsein auf.

(Xiaolu Guo, Stadt der Steine, Seite 175, 176)

Die Poesie in diesen Worten hat mich so sprachlos gemacht und dazu gebracht, diese Seiten direkt noch ein zweites und auch ein drittes Mal zu lesen.
Ich muss an meinen eigenen Marianengraben denken, an jene Erinnerungen die immer wieder in jener meeresähnlich wellenartigen Form hochschwappen, mich dabei teils von den Füßen hauen, die aber in anderen Teilen nicht mehr mehr als ein seichtes Plätschern um die Knöchel ausmachen. Und an jene, die so tief versunken sind, dass kein Lichtstrahl sie mehr erreicht, die all ihre Farbe verloren haben und an die ich kaum noch oder gar nicht mehr herankomme, weil die Wassermassen, die uns trennen einfach undurchdringlich sind.

Und ich muss an jene denken, denen ich vor Jahren Ketten umgelegt habe und die ich in meinem Marianengraben versenkt habe, weil sie zu schmerzhaft oder erschreckend waren und auch daran, wie unterschiedlich gut das funktioniert hat.

*

Ein sehr intensives Buch und wäre da nicht diese ungeheuere Poesie in der Sprache und den Bildern, der Inhalt hätte mich furchtbar bedrückt und ich hätte es wohl irgendwann beiseite gelegt, weil da so viele Dinge auftauchen, die man lieber in tiefen Meeresgräben versenkt wissen will. Und das wäre aus verschiedenen Gründen und nicht nur des hoffungsvollen Endes wegen schade gewesen.

Katja