Steinsammlerin

Dieser zarte Hauch, dieser kleine Rest von Zauber, der mir gerade noch vom Urlaub geblieben ist, den die abartige Kälte der Wohnung nicht direkt mit ihrem Kältefeuer verzehrt hat. Am liebsten würde ich die Hände schützend darum legen, ihn vorsichtig an die Brust drücken, von der Welt abschirmen, damit ihm nichts passiert, damit ich ihn möglichst lange bewahren kann.

Das Zurückkommen war grausam. Grausam, weil die Kälte einfach alles überlagert hat. Brutal. Schneidend. Es gab kein langsames wieder in die gewohnte Umgebung reinschlüpfen, so wie man vorsichtig nachts im dunklen nach dem Hausschuh vorm Bett tastet. Die Wohnung war wie ein eiskaltes und einen ganzen Tag nicht enden wollendes Tauchbecken nach einem langen Saunagang. Vor lauter Frierens und Schultern Hochziehens und warm Einmummelns und trotzdem Weiterfrierens war kein Raum, um langsam hier anzukommen, um überhaupt anzukommen.

Seit ich wieder da bin, fühle ich mich wie in einer Zwischenwelt gefangen. Nicht mehr wirklich weg, aber auch nicht richtig da. Die Wohnung ist mir fremd. Ich komme gar nicht rein in die Dinge, die ich jetzt tun müsste. Die Wäsche stapelt sich noch, der Kühlschrank ist bis auf den spanischen Käse noch gähnend leer, überall stehen und liegen noch Dinge rum, die wegzuräumen ich gerade nicht hinbekomme, fast als hätte ich vergessen, wo sie ihren Platz haben oder wie das geht, etwas anzupacken.

Und das, was mich mehr als alles andere beschäftigt und ängstigt ist die Frage nach dem Festhalten. Wie kann ich mir den Urlaub, die Reise, die Gefühle des Urlaubs, das Meer, die vielen Dinge und Orte, die ich gesehen habe, am besten bewahren? Und das ist fast nach jedem Urlaub das gleiche, dass ich hin- und hergerissen bin über dieser Frage. Dass ich schwanke zwischen dem Gefühl, das direkt und alles gleichzeitig und schnellstmöglich irgendwie festzuhalten und dem Gefühl, dass sich das alles erst mal setzen muss und dass die Dinge, die Erinnerungen, die dann übrig bleiben ohnehin jene sind, die mir ganz automatisch bleiben werden. Auch und trotz der merkwürdigen Heimkehr.

Steine sind es, die ich seit Jahren aus jedem Urlaub mitbringe. Von jedem Strand, den ich besuche, muss ich mindestens einen aufheben und mitnehmen. Als Kind sammelte ich immer Muscheln, aber von denen überlebten viele nicht mal die Heimreise und kamen zerbrochen zu Hause an. Irgendwann waren es also die Steine, die ich aufsammelte, um sie mitzunehmen. Weswegen nur fühlen sich die Eindrücke, die ich in mir drin, in Herz und Kopf mit nach Hause bringe, immer so muschelzerbrechlich an, dass ich stets um sie fürchte? Vielleicht sollte ich anfangen, auch mein Eindrucks-Erlebnis-Erinnerungs-Sammeln als Steinesammeln wahrzunehmen? Immerhin ist mir das bei den letzten Reisen auch gelungen, mir viel davon zu bewahren.

Bewahren. Wahren. Wahr. Wahrnehmung. Alles immer eine Frage derselben.

Katja