Die Sache mit der Verantwortung

Vorhin bin ich beim Ausmisten meiner ältesten Entwürfe hier im Blog über einen Text gestolpert, den ich vor fast 2 Jahren geschrieben habe und damals aber aus irgendwelchen Gründen nicht fertig geschrieben und veröffentlicht hatte.  Gerade habe ich gemerkt, dass ich ihn aber auch nicht einfach löschen kann, weil ich wirklich noch häufig darüber nachdenke. Und weil ich ihn auch nicht noch länger in den Entwürfen liegen lassen will, findet er jetzt doch noch seinen Platz hier.

Ich bin vor einiger Zeit über das Blog eines jungen Mädchens gestolpert, das mit seiner Mutter zusammen lebt, zu der sie kein gutes Verhältnis hat, die einen Freund hat, der wenig Verständnis für sie aufbringt, von der eine ungeheuere Traurigkeit ausgeht. In unzusammenhängenen Blogeinträgen erzählte sie Fragmente aus ihrem Leben, erzählt von selbstverletzendem Verhalten, deutet Missbrauch an, schrieb sie immer dringlicher darüber, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Ich war froh über jeden einzelnen Eintrag, weil die – egal wie schlecht der Inhalt auch war – zeigten, dass sie keinen Blödsinn gemacht hatte.

In einer ähnlichen Situation, Jahre vorher, hatte ich in einem Chat Kontakt zu einem Mädchen, das eine ähnliche Geschichte erzählte. Ich redete den kompletten Tag mit ihr, setzte mich abends ins Auto und fuhr fast 300 km, um sie zu treffen – ohne eine Ahnung, ob sie „echt“ war, ohne eine Ahnung, ob sie wirklich käme oder mich einfach stehen ließe. Sie kam, sie war echt, wir hatten hinterher lange Zeit Kontakt. So gerne ich sie hatte, so sehr kraftraubend war der Kontakt für mich. Ich weiss nicht wie oft nachts um 4 mein Handy klingelte, weil sie nicht schlafen konnte – sie die Geister ihrer Vergangenheit plagten. Damals ging es mir gut, aber das zerrte ordentlich an meinen Kräften. Das im Hinterkopf habend, habe ich mich nicht getraut, einen Stein ins Rollen zu bringen und Kontakt zu dem Mädchen aus dem Blog aufzunehmen. Zum einen fürchtete ich die Hilflosigkeit und Machtlosigkeit (ich kann nicht gut damit umgehen, nicht helfen zu können und zerfleische mich dafür gerne selber), zum anderen habe ich in den letzten Monaten gelernt ein bisschen besser auf mich selber zu hören und zu achten und hatte schlicht Angst, ich könnte nochmal so vereinnahmt werden und die Grenze zwischen meinen eigenen Problemen und fremden könnte sich wieder einmal verwischen.

Also hielt ich die Füße still und war lediglich über jeden Eintrag im Blog froh. Bis zu dem Punkt, wo sie sehr eindringlich über ihren Suizid schrieb, beschrieb, dass sie nur noch ihre Spuren verwischen wolle, ihre Accounts in VZ und Co. löschen, alles sehr entschlossen wie über eine beschlossene Sache.

Ich kannte sie nicht, kannte nur die paar Beiträge von ihr, wusste nicht, wie ernst das zu nehmen war, wie ich das einschätzen sollte. Da ich mir echt keinen anderen Rat wusste, habe ich bei der Polizei angerufen. Völlig gehemmt, mich zig Mal entschuldigend, erklärend, dass ich nicht weiss, ob und wie ernst es ist, dass ich aber lieber einmal zuviel die Pferde scheu machen möchte als nichts getan zu haben.
Spätestens, wenn die Beiträge im Blog ausgeblieben wären, hätte ich mir sonst wohl ewig vorgeworfen, nichts unternommen zu haben. Und die hätten ja aus was-weiss-ich-denn-für-Gründen ausbleiben können.

Der Anruf damals war eine Katastrophe. Ich rief zuerst bei der Polizei in Darmstadt an, weil ich eigentlich die Hoffnung hatte, dass die mehr Erfahrung mit solchen Dingen hätten als die in meiner kleinen Stadt. Da ich ja ihren Wohnort nicht kannte, dachte ich, es sei nicht wichtig, welche Dienststelle ich verständige – Hauptsache überhaupt jemandem Bescheid gesagt. Der Beamte war ziemlich unfreundlich, weil ich mich nicht an meine örtliche Polizei gewendet hatte und ließ mich nicht mal ausreden, um meine Gründe zu erklären, sondern verwies mich nur an die örtliche Dienststelle.
Damals fiel mir Telefonieren noch schwerer als heute (und das ist weiss Gott heute noch nicht leicht), aber ich habe es dann doch noch geschafft, hier anzurufen. Und völlig entgegen meiner eigentlichen Befürchtung, war der hiesige Beamte sehr einfühlsam und freundlich und vor allem nahm er meine Sorge ernst. Schon ein paar Stunden später rief er mich zurück (Schock! Ohne dass ich ihm die Nummer gegeben hatte.) und sagte mir, dass sie das Mädchen ausfindig gemacht hätten und dass seine Kollegen an ihrem Wohnort, dort vorbeifahren würden.

Am nächsten Tag war ihr Blog gelöscht. Ich weiss nicht, ob sie das selber getan hatte oder der Bloganbieter. Aber seitdem kommt das bei mir immer wieder hoch. Immer wieder die Frage, was wohl aus ihr geworden ist. Und ich grüble, ob das nun richtig war oder ob ich ihr damit eher noch den Boden weggezogen habe, weil ich ihr die Sicherheit des anonymen Bloggens genommen habe.

Ich weiss nicht, wie ich reagiert hätte. Ich weiss, wie shice es sich für mich anfühlte als ich bei meinem Blog einmal das Gefühl hatte, meinen Boden zu verlieren. Diese plötzliche Ratlosigkeit, weil das Kopf Auskippen mir so wichtig geworden ist. (Was mich heutzutage wohl nicht mehr so aus der Bahn werfen würde. Hoffe ich.) Aber ich hoffe einfach, dass sie es vielleicht als tröstlich empfunden hat, dass es irgendwo jemanden gibt, dem nicht egal ist, was mit ihr ist. *soifz*

Ich weiss nicht, ob das richtig war, ich hätte nicht anders gekonnt, musste handeln, konnte nicht wegsehen so wie ich damals bei dem Mädel aus dem Chat irgendetwas machen musste, mich sofort verantwortlich gefühlt habe. Ich hoffe echt so sehr, dass sie noch am Leben ist und dass es ihr besser geht. *grübel*

Hat zufällig jemand ähnliche Erfahrungen gemacht? (Ich vermute/befürchte wirklich das Web ist voll von Suizidankündigungen…) Und wenn ja, hast du etwas und wenn ja, was denn unternommen?
Gibt es da überhaupt eine eindeutig richtige Lösung? Mir lässt das echt keine Ruhe.

Katja