Och nö. Ich find dich jetzt total doof.

Normalerweise verstecke ich mich immer noch vor (von extrem wenigen Ausnahmen abgesehen) allen Menschen, die mich von früher kennen.

Ich hatte mich vor einigen Jahren bei einem der Netzwerke mit vollständigem Namen angemeldet und mir ging es nach kürzester Zeit echt schlecht damit, dass auf einmal die Mütter von meinen Grundschulklassenkameradinnen diese Verknüpfungsanfragen stellten. Gruselig. Ich logge mich da also nicht mehr ein, schon seit Jahren. Mir war das viel zu viel. Ich hatte im Vorfeld der Anmeldung nicht bedacht, dass mich da ja jeder finden könnte, der meinen Namen kennt und nicht nur die Menschen, bei denen ich mich darüber gefreut hätte. Bei einem zweiten Netzwerk bin ich mit komplettem Namen angemeldet, aber das scheinen nicht so viele Leute zu nutzen – zumindest hat mich da noch niemand aufgespürt von dem ich es nicht gewollt hätte.

Selbst, wenn man meinen Namen kennt, kann man mich nicht googeln (mir ist es zumindest noch nie gelungen) – und ich bin fast immer froh und dankbar darüber, diese Sache selber kontrollieren zu können.

Die Rückseite der Medaille ist, dass man, wenn man selber nicht gefunden werden kann, immer agieren muss, nie reagieren kann. Also falls man dann doch gerne Kontakte wiederaufleben ließe.

Gelegentlich gebe ich mal ein paar Namen von mir lieben Menschen aus meiner Vergangenheit in die Suchmaske bei google ein. Wenn ich dann jemanden finde, dann lese ich, was ich finde, versuche herauszufinden, wie es dem- oder derjenigen geht, denke darüber nach, jetzt einfach eine Mail zu schreiben und ‚Hallo‘ zu sagen – und bin kurz drauf meistens verdammt traurig, weil ich mich nicht traue. Weil ich Angst habe, derjenige könnte sich gar nicht freuen. Und noch viel mehr Angst, derjenige könnte die, die ich jetzt bin nicht mehr leiden. Komischerweise habe ich nie Angst, dass ich jemanden von den ‚alten‘ Leuten blöd finden könnte, immer nur umgekehrt.

Ich habe Angst davor, erzählen zu müssen, wo ich die ganze Zeit gesteckt habe, weswegen ich so vollständig von der Bildfläche verschwunden bin, was mit mir los ist. Und dann denke ich, dass ich das immer noch nicht erklären kann. Niemandem, der mich von früher kannte. Die, mit der großen Klappe, die nie um eine Antwort verlegen war und die nicht mal vor ihren Vorgesetzten oder sonstigen Respektspersonen ein Blatt vor den Mund genommen hat.  Die, die so ganz anders war, als die, die ich jetzt bin. Den Kopf dauernd voll Psychomist. Permanent über alles nachdenkend, alles zerpflückend, reflektierend mit jeder Menge Ängsten und Einschränkungen.

Wie zur Hölle erklärt man das denn jemandem? Ich denke doch, immer alles erklären zu müssen. Und ich kann doch nicht einfach ‚Hallo‘ sagen und ‚da bin ich wieder‘ und dann nichts darüber sagen, wo ich denn gewesen bin. Und ich kann doch auch nicht lügen und einfach irgendwas erzählen. Ich kann ja nicht mal solchen Dingen ausweichen, weil sich selbst das Ausweichen, das Nicht-Erzählen für mich oft wie eine Lüge anfühlt. Und das kann ich nicht.

Und weil mich das alles schon im Vorfeld überrollt, gucke ich alle paar Monate mal nach ein paar Freunden von früher und meist endet das damit, dass ich irgendwann ein trauriges Häufchen Elend bin. Nur melden tue ich mich bei niemandem. Ich glaube, ich schrieb das schon häufiger: Lieber hänge ich der Illusion nach, dass ich ‚irgendwo da draussen‘ mal Freunde hatte, als im hier und jetzt auszuprobieren, ob von diesen Freundschaften noch etwas übrig ist. Als zu merken, dass ich so klein und dumm und wertlos bin mit dieser Dreckskrankheit, dass mich niemand mehr mag.

Keine Angst, ich weiss, dass das nicht stimmt. Aber (fast) alle Menschen, die mich jetzt kennen und mögen, haben mich schon mit den Depressionen und der Angst und dem Psychoquatsch kennengelernt. Und ich weiss auch rational, dass es viele Gründe gibt / geben kann, weswegen Menschen sich entfremden und keinen Zugang mehr zueinander finden. Aber dieses Gefühl, dass – falls das so ist, falls das nicht mehr harmoniert – das meine ‚Schuld‘ ist, weil ich ja diejenige bin, die sich so sehr verändert hat, das macht einen so fiesen Knoten in den Magen, dass ich diese Situationen, wo ich das herausfinden müsste und könnte, komplett vermeide.

Bis vor 1,5 Wochen. Durch einen Zufall stieß ich auf einen Namen, der zu einem Menschen gehört, der einmal sehr wichtig für mich war. Dass es nicht der gleiche war, war schnell klar, aber ich fing an zu suchen und entdeckte kurz darauf (zum ersten Mal, ich hatte es schon häufiger in den letzten Jahren probiert) eine eMailadresse des ‚echten‘.

Und komplett entgegen all meiner Gewohnheit und meiner Angst zuwider, schrieb ich eine kurze Mail, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Erst als ich sie abgeschickt hatte, kam der Gedanke auf, dass ich ja auch wohl antworten müsste, wenn ich Antwort erhielte. Und als ich die am gleichen Abend bekam und ich noch dazu echte Freude rauslas und nicht nur das, sondern auch noch die Bitte an mich, nicht direkt wieder von der Landkarte zu verschwinden, wurde mir komplett flau. Ich glaube in der Tat, wenn er das nicht dazu geschrieben hätte, hätte ich mich nicht getraut, wieder zu antworten. *soifz*

Nachdem ich mich 5 Tage lang in alle möglichen und unmöglichen Beschäftigungen gestürzt hatte – (Ey, ich hab gar keine Zeit, Mail zu schreiben. Ich muss jetzt Marmelade kochen. Und wenn die fertig ist, backe ich ’nen Kuchen….) habe ich mir selber ’nen Tritt verpasst, mich hingesetzt und geantwortet. Und just nach dem Absenden dachte ich, ich hätte jetzt alles kaputt gemacht (oh bitte, was denn überhaupt? Da ist ja nur Erinnerung.) mit meiner dussligen Mail und meinem dussligen Hang, zu glauben, ich müsste direkt alles erklären.

Das ist jetzt 3 Tage her. Seitdem bange ich, ob ich Antwort bekommen werde oder ihn direkt total verschreckt habe. Seitdem zerfleische ich mich selber für meine blöde Mail (von der ich überhaupt nicht mehr einschätzen kann, ob sie das überhaupt ist oder nicht. Zumindest ehrlich ist sie.). Seitdem wird mir wieder bewusst, wie groß mein Schamgefühl immer noch ist.

Ich kann zwar mittlerweile im Internet offen über meine Krankheit schreiben und ich konnte das auch 3 Leuten aus meinem Spanischkurs erzählen – aber ich habe mich ungeheuer gewunden bei dem Versuch eine passende Formulierung zu finden, um jenem Menschen davon zu erzählen. Ich empfinde die Depressionen immer noch als Makel, als etwas, wofür ich mich schämen muss, als etwas, was mich wertlos macht – zumindest wertloser als alle anderen. Ich fühle mich in fast allen Begegnungen unterlegen, nicht gleichwertig. Als diejenige, die froh sein muss, dass sich jemand mit ihr ‚abgeben‘ mag. Ich habe immer das Gefühl, tiefer zu stehen. Nichts (zurück-)geben zu können. Und ich weiss, dass diese Gefühle nur von mir kommen, aus mir heraus. Dass ich es bin, die sich den ‚wertlos‘-Stempel selber aufdrückt, nicht die anderen.

Und das ist völlig unabhängig von dieser aktuellen Situation und unabhängig davon, ob ich Antwort bekommen werde, einfach nur völlig kagge.

Aber freuen würde ich mich trotzdem ganz schön dolle, wenn und falls ich noch eine Antwort bekäme. Also eine, in der was anderes steht als ‚Och nö. Ich find dich jetzt total doof.‘. *soifz*

Katja