Mit kleinen Schritten

Ich dachte eigentlich, damit wäre ich schon lange durch.

Ich weiss nicht, wie oft ich diesen Satz in den letzten Tagen und Wochen gedacht und gesagt habe.

Gerade bin ich zurück von einem Spaziergang, nur hier durch die direkt umliegenden Straßen, und fühle mich als hätte ich einen Marathon hinter mir. Rausgehen. Das ging mittlerweile so gut, dass ich mir nur noch extrem selten tatsächlich Gedanken darum gemacht habe und das eigentlich nur, wenn das Ziel des Rausgehens etwas für mich Beunruhigendes / Ungewohntes / Neues war. Das Rausgehen an sich, das war endlich (endlich!) wieder normal nachdem ich vor einigen Jahren pro Jahr seltener vor der Wohnungstür war als ich Finger an meinen Händen habe.

Damals hat die Angst mich daran gehindert, überhaupt die Türschwelle zu übertreten, überhaupt die Tür, die zu dieser Welt da draussen führte, zu öffnen. Ich schaffte es nicht in den Keller zur Waschmaschine zu gehen und ich schaffte es nicht, den Briefkasten zu leeren. Mir zitterten selbst die Knie beim Gedanken auf den Balkon zu gehen und lange schaffte ich nicht mal das. Mein Leben spielte sich nur in den vier Wänden der Wohnung ab (und irgendwann im Internet).

Und immer war dieser Gedanke da: ich müsste, ich würde so gerne und bis es dann soweit war, dass ich tatsächlich rausgehen wollte, setzen alle körperlichen Symptome der Panik ein und ich war gar nicht in der Lage, meine Beine überhaupt sinnvoll zu benutzen, weil mir die Knie schlicht wegklappten.

Irgendwann dann hatte ich eine Idee im Sinn – und ich weiss noch genau, dass ich unter der Dusche stand als ich darauf kam. Es gab nicht so viele Dinge, die ich damals alleine und selbständig auf die Reihe bekam, aber das Kümmern um meine Blumen gehörte dazu. Egal wie schlecht es mir ging und egal wie unmotiviert ich auch war – ich schaffte es, meinen Pflanzen mindestens einmal pro Woche Wasser zu geben.

Davon ausgehend, dass mir das – unabhängig davon, wie es mir ging – gelang, kam mir der Gedanke, dass ich das mit dem Rausgehen auch hinbekommen könnte/müsste. Einmal die Woche, mindestens. Als Task, Plan, Aufgabe, was auch immer. Wie beim Blumen gießen: Wenn Freitag ist und ich hab sie noch nicht gegossen / war noch nicht draussen, dann wurde es aber wirklich Zeit, das endlich zu erledigen. Dadurch, dass das ganze auf einmal meine Aufgabe war, rückte die Angst etwas in den Hintergrund. Ich musste das ja schließlich machen.

Die ersten Wochen waren eine echte Qual. Mir war dauernd übel und ich brauchte oft drei, vier Tage lang Anlauf an denen ich nicht weiter als bis zur Wohnungstür oder auch mal bis zur Haustür kam. Doch es wurde von Mal zu Mal leichter und aus dem einmal pro Woche wurde innerhalb von nur 4 oder 5 Wochen über zwei-, dreimal pro Woche schließlich einmal pro Tag. Und ich habe das sehr konsequent durchgezogen und wirklich nur selten geschwänzt.

Und mit der Zeit fühlte sich das Rausgehen immer normaler an und ich hatte da, wo vorher riesige Panik mich hinderte, nicht mehr mehr als ein kleines Ziepen. Und mit dem Umzug hier her, mit dem eigenen Garten und vor zwei Jahren dann mit dem eigenen Auto war Rausgehen für mich wirklich kaum noch ein Thema. Und wenn dann wirklich nur, wenn es mir – was nicht mehr so oft vorkam – wirklich richtig mies ging oder eben das Ziel des Rausgehens mir Bauchweh machte.

Und jetzt ist das auf einmal wieder da. Diese Angst, diese Übelkeit, wenn ich rausgehen will. Nicht so schlimm wie in den schlimmsten Zeiten, aber körperlich so deutlich spürbar, dass es mich beeinträchtigt und mich alle Kraft kostet, dem nicht nachzugeben und trotzdem rauszugehen, um Einkäufe zu erledigen. Wenn ich erst mal draussen war (und nicht gerade in Stoßzeiten in den Läden zwischen viele Menschen geriet) ging es besser, ging so gut, dass ich sogar ein, zwei kurze Abstecher zum Rhein geschafft habe. Aber das Rausgehen ohne zwingenden Grund, das ging gar nicht die letzte Zeit.

Gerade bin ich zurück vom Spaziergang zum Briefkasten und dann über einen Schlenker durch die umliegenden Straßen zurück und das war das erste Mal seit längerem, dass ich ‚freiwillig‘ ausserhalb von Wohnung und Garten unterwegs war, ohne dass ich zwingend rausgemusst hätte.

Ich hab das einmal hinbekommen, aller Angst zum Trotz, durch positive Erfahrungen so ‚umzulernen‘, dass die Angst in den Hintergrund rückte – und damals wusste ich sehr viel weniger über diese Mechanismen und Zusammenhänge – wäre doch gelacht, wenn ich das nicht nochmal hinbekäme. Wär’s doch…

Erlegte Beute:

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Katja