Katja knipst Sonnenuntergänge, die 143.

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Katja

Aufschreiben kann’s doch nur besser machen… (oder?)

Als könnte ich der Wahrheit davonlaufen. Fast als wäre es weniger wahr, wenn ich nur angestrengt genug so tue als wäre alles in Ordnung, wenn ich nur nach aussen ausreichend lache, wenn alles in mir schreit und weint und fast als würde es erst dadurch zur Realität, dass ich es eingestehe, allen voran mir selber.

Als ob davonlaufen oder verdrängen oder leugnen jemals eine (auf Dauer) funktionierende Lösung gewesen wäre.

Aber es ist doch Sommer und das darf doch nicht sein, brüllen mir meine eigenen Gedanken entgegen. Im Herbst und Winter, OK, da kann das nunmal passieren. aber. doch. nicht. im. Sommer. Nein. Nein. Nein.

Es geht mir schlecht.

Seit Wochen schon hat mich diese fiese Krake Depression wieder im Griff, geht es mir schlechter als lange Zeit vorher, geht es mir schlechter als es mir eigentlich zu dieser Jahreszeit zugestehen kann / will / üblicherweise tue.

Ich sitze oft halbe Tage lang und kann nicht aufhören zu heulen, weiss  oft nicht mal weswegen ich überhaupt angefangen habe, bin (eigentlich grundlos) traurig, verzweifelt, habe Angst davor, wieder in eine noch schlimmere Abwärtsspirale zu gelangen. Ich bin kaum draussen, wenn ich nicht unbedingt raus muss, um einzukaufen – völlig anders als das normalerweise – zumindest in den letzten Jahren – zu dieser Jahreszeit der Fall war. Ich kann mich auf nichts konzentrieren, brauche manchmal den halben Tag um nur die Spülmaschine auszuräumen und die Küche aufzuräumen. Ich habe keine Lust irgendetwas zu tun, nicht mal zu lesen. Stattdessen verbringe ich mehr Zeit am Rechner als mir gut tut, klicke hier und dort im Web rum und merke nicht wie die Zeit an mir vorbeirast, merke nachmittags um vier, dass ich noch nicht gefrühstückt habe und dass mein Kaffee seit Stunden kalt ist. Zu allem, was ich trotzdem auf die Reihe bekomme, muss ich mich zwingen. Muss mich zwingen zu funktionieren, damit wenigstens ein kleiner Teil des Alltags funktioniert. Und nichts davon macht mich gerade wirklich zufrieden, geschweige denn wirklich froh. Ich hab nichtmal Lust zu kochen. Mir fehlt der Spaß daran und ich quäle mich durch, mehr Pflicht als Lust. Aber ich kann’s auch nicht lassen, bin zu diszipliniert um stattdessen Fertigkram einzukaufen, will das/mich da nicht aufgeben. Hoffe, dass es im Tun schon besser werden wird.

Und immer ist da der Gedanke, dass das nicht sein darf. Dass ich mich nicht hängen lassen darf. Dass es viel schwieriger ist, wieder da rauszukommen, wenn ich zulasse, dass ich falle. Und dann stehe ich auf, nur um 10 Minuten später doch wieder zusammenzusacken.

Ich bekomme gerade keine Struktur in meinen Tagesablauf, keine Struktur in meine Wochen. Ich muss auf den Kalender schauen, um zu wissen, welches Datum und welchen Wochentag wir haben und eine halbe Stunde später, weiss ich es wieder nicht.

Ich will so raus und will so machen… und sacke zusammen und kann nicht. Und dann denke ich, dass das nicht sein darf, dass ich können MUSS, damit ich nicht noch tiefer reinrutsche und das macht es eher noch schlimmer als besser.

Ich habe Angst. Das jetzt ist normalerweise die Jahreszeit in der ich alles an Sonne und Luft und Licht tanken muss, was ich bekommen kann, damit ich irgendwie über den Dreckswinter komme. Wie soll denn bloß der Winter werden ohne diese Vorräte? Und ich habe Angst, dass so der ganze Sommer rumgehen könnte ohne dass ich viel davon mitbekommen habe. Und dann denke ich, dass ich sofort rausgehen müsste und scheitere wieder an der Tür, die mir lange nicht so unüberwindlich war, wie in der letzten Zeit.

Wollen und können liegen gerade so weit für mich auseinander und sofort schleicht sich die Angst ins Herz. Die Angst vor dem unten sein, von dem ich dachte, dass ich es, zumindest in der starken Form, lange schon hinter mir gelassen hätte.

Ich fühle mich einsam, bin viel zu viel zu viel Zeit alleine. Gerade viel zu viel Zeit um nachzudenken. Und ich weiss nicht, wie ich’s anpacken soll, das zu ändern. Weiss nicht mehr wie das geht, Menschen kennenzulernen, Menschen zu begegnen und ich habe auch furchtbare Angst vor jeder Begegnung, Angst alles zu vermasseln, fühle mich oft wie eine komplette Soziallegasthenikerin.

Und wenn ich dann unter Menschen bin, wie gestern zB zwischen meiner Familie, ist es eher noch schlimmer, fühle ich mich noch einsamer, weil ich aus Gründen in diesem Kreis nicht sagen konnte, wie es mir wirklich geht und stattdessen ein Schauspiel vorführe und selber merke, wie ungelenk ich mich dabei anstelle. Die Gesprächspausen sind kein angenehmes Schweigen und ich merke, wie ich es nicht hinbekomme, das Schweigen zu brechen, ärgere mich, dass ich nicht abgesagt hatte. Und dann frage ich mich, ob es denn wirklich besser gewesen wäre, wenn ich mich noch mehr einigle, ob ich mich nicht stattdessen noch viel mehr unter Menschen zwingen müsste.

Alles zuviel, das vorherrschende Gefühl ist Überforderung. Keine konkrete greifbare und benennbare, sondern eine allumfassende.

Ich habe das Gefühl auf der Stelle zu treten und ich weiss nicht, wie ich voran kommen soll. Ich habe Angst davor, Schritte zu machen, weil ich unglaubliche Angst vorm Scheitern habe. Und ich weiss, dass das Murks ist und doof und dass kein Scheitern so schlimm sein könnte wie es überhaupt nicht zu versuchen und trotzdem ich das alles weiss, erfasst mich die blanke Panik und lähmt mich und hindert mich und nichts ausser mir selber steht mir im Weg rum.

Und dann hasse ich mich selber für meine elendige Feigheit, aber diese destruktiven Gedanken machen es ja noch schlimmer und hindern mich erst recht anstatt mich voranzubringen.

Und diese Gedanken brodeln und brodeln und ich schieb sie weg, will sie nicht wahr haben, will das Heulen nicht wahrhaben, traue mich nicht, mich mit den Gedanken auseinanderzusetzen und versuche das zu verdrängen. Aber auch das klappt nicht und der Scheiss kommt immer wieder hoch, spiralt mir durch’s Hirn. Ich weiss nicht mal, ob es gut oder schlecht ist, das jetzt aufzuschreiben. Hoffe auf die Erleichterung, dass alles gar nicht mehr so schlimm ist und sich lösen lässt, wenn ich nur endlich diesen dussligen ersten Schritt mache und es anerkenne, es mir eingestehe und gleichzeitig fürchte ich, dass es durch das Aufschreiben wahrer als vorher ist, dass es mir schlecht geht. Dass ich mich nicht mehr vor mir rausreden kann. Als würde ich der Depression wieder mehr Macht verleihen indem ich anerkenne, dass sie gerade schlimmer als seit langem ist. Und ich merke selber, was das für ein Bullshit ist, denn es geht mir ja verflucht nochmal schlecht und ist keine Henne-Ei-Problematik. Also doch hoffen. Hoffen. Anerkennen, zugestehen. Kenne deinen Feind.

Diese Zeiten, wo die Diskrepanz zwischen Wollen und Können und zwischen Wissen/Erkennen und Um-denken-fühlen-handeln so groß ist, machen mich wahnsinnig. Mein mir selber im Weg stehen mit meiner Feigheit und Angst macht mich wahnsinnig.

[Verzeiht bitte, dass ich euch gerade schon beim zweiten Beitrag in Folge aus den Kommentaren aussperre. Ich möchte das nicht einfach wortlos tun, weil ich euren Input und eure Gedanken – gerade bei meinen schwierigen Themen – immer sehr schätze und froh darüber bin, dass ihr euch mit meinen Gedanken auseinandersetzt. Ich habe lange darüber nachgedacht, sie offen zu lassen, aber mir macht das gerade zu viel Angst. Bei mir ist im Moment jeder Tag eine wacklige, instabile Angelegenheit und es genügt ein falsch verstandenes Wort (und dass man im angeschlagenen Zustand dauernd Dinge falsch versteht, kennt ihr vielleicht aus eigener Erfahrung), um mich für einen halben Tag aus der Bahn zu werfen.
Ich hatte überlegt, stattdessen den Beitrag gar nicht zu veröffentlichen, aber ich glaube ich brauche gerade dieses ‚Plakatieren‘, dieses Aussprechen/Aufschreiben ohne die Möglichkeit, das vor mir selber wieder zurückzuziehen.]

Katja