Kurz zitiert #18

Am Tag seiner Abreise kam Aeskulapius ein letztes Mal zu Johanna, in seinen langen blauen Reiseumhang gekleidet. Er hielt ein Paket in den Händen, das in Leinen gewickelt war.
„Das ist für dich, Johanna“, sagte er und drückte ihr das Paket in die Arme.
Johanna legte es zu Boden und wickelte die Streifen aus Leinen ab. Als sie dann sah, was das Paket enthielt, verschlug es ihr den Atem. Es war ein Buch, auf morgenländische Art zwischen Holzdeckel gebunden, die mit Leder bespannt waren.
„Dieses Buch hat mir gehört“, sagte Aeskulapius. „Ich habe es vor einigen Jahren selbst kopiert. Es sind die Werke des Homer – die erste Hälfte ist die griechische Originalfassung und die zweite Hälfte die Übersetzung ins Lateinische. Das Buch wird dir helfen, dein Wissen über diese Sprachen zu bewahren und zu mehren, bis du deine Studien wieder aufnehmen kannst.“
Johanna war sprachlos. Ein eigenes Buch! Eine solche Vergünstigung wurde für gewöhnlich nur Mönchen oder hervorragenden Gelehrten von höchstem Rang zuteil. Johanna schlug das Buch auf und betrachtete Zeile um Zeile von Aeskulapius‘ überaus gleichmäßiger Handschrift. Die Buchstaben und Worte füllten die Seiten mit unaussprechlicher Schönheit. Aeskulapius beobachtete Johanna, und in seinen Augen lag ein Ausdruck wehmütiger Zärtlichkeit.
„Vergiss nicht, Johanna. Vergiss niemals.“

(Donna W. Cross, Die Päpstin, Seite 74)

Nun ist es nicht so, dass ich nur ein Buch besäße. Ganz im Gegenteil – manchmal verfalle ich wirklich in einen Kaufrausch und kaufe über 10 davon auf einmal. Und trotzdem waren es vermutlich genau diese Zeilen des ersten Zitats, die dafür sorgten, dass ich Johanna und die ganze Geschichte von Anfang an mochte. Dieses Staunen, wenn man ein Buch aufklappt. Diese Freude zu wissen ‚das ist meins‘ habe ich bei wenigen anderen Dingen so intensiv wie bei Büchern.

 

Zumal Johanna selbst für ein Mädchen geradezu eine Schande war. Sie war eine schreckliche Näherin, die nur halb so gut stricken und sticken und weben konnte wie andere Mädchen in ihrem Alter. Und dann war da ihre Leidenschaft fürs Bücherwissen. Als Mädchen! So etwas war wider die Natur, wie jedermann wusste.

(Donna W. Cross, Die Päpstin, Seite 99)

 

So manches Mal bin ich ja gerne widernatürlich! 😀

Katja