Kurz zitiert #16

Sie blieb stehen und nickte ihm zu: „Ja, Hauke; aber eben hättest du drinnen sein müssen!“
„Meinst du? Warum denn, Elke?“
„Der Herr Oberdeichgraf hat den Wirt gelobt!“
„Den Wirt? Was tut das mir?“
„Nein, ich mein, den Deichgrafen hat er gelobt!“
Ein dunkles Rot flog über das Gesicht des jungen Menschen: „Ich weiß wohl“, sagte er, „wohin du damit segeln willst!“
„Werd nur nicht rot, Hauke, du warst es ja doch eigentlich, den der Oberdeichgraf lobte!“
Hauke sah sie mit einem halben Lächeln an. „Auch du doch, Elke!“ sagte er.

(aus: Theodor Storm – Der Schimmelreiter)

Ich glaube, dass es am Viellesen liegt, dass mein Lesen, meine Wahrnehmung und meine Prioritäten beim Lesen sich so verändert haben. Früher stand für mich im Vordergrund eine gute, möglichst spannende Geschichte zu lesen und ich habe kaum darauf geachtet, was es für mich ausmachte, sie gut zu finden. Konnte nicht benennen, was die Wirkung von Geschichten bedingte. Mittlerweile lese ich viel mehr und lese ich anders. Der eigentliche Inhalt der Geschichten spielt eine viel geringere Rolle, wenn der Autor eine schöne Sprache verwendet und der spannendste Krimi ‚kriegt mich nicht‘, wenn die Formulierungen holprig sind oder ich immer wieder über Grammatikschnitzer stolpere.

Theodor Storm lese ich gerade zum ersten Mal und ich glaube, es wird nicht bei dieser einen Geschichte bleiben. Zu sehr habe ich mich direkt in die Sprache verliebt. Den Inhalt finde ich mittlerweile auch spannend, nachdem der Anfang etwas brauchte, um in Gang zu kommen, aber ich bringe es nicht fertig, jetzt schneller zu lesen, weil ich jetzt schon weiss, dass es sich am Ende sehr leer anfühlen wird, nicht mehr in dieser Sprache weiterzulesen. So alt und teils so geschnörkelt ohne gestelzt zu wirken, dafür aber echt und lebendig, obwohl das Buch schon 1888 veröffentlicht wurde. Einfach schön. ♥

Katja