The Piano Man

Kaffeetrinken im Café in der kleinen Stadt, dessen Inneneinrichtung an Scheusslichkeit kaum zu überbieten ist. Am Eingang sitzen – verteilt auf 2 Tische – 3 alte Männer, die uns lautstark begrüßen und sich anschließend genauso lautstark über den Gang zwischen den Tischen hinweg in bestem Ortsdialekt unterhalten.

‚Na das kann ja super werden.‘ ist mein erster Gedanke. Der Kaffee kommt. Neumodischer Latte Macchiato (kann sich noch irgendein Café erlauben, den nicht im Angebot zu haben?). Serviert wird er auf einem ovalen Tablett mit antirutschender, geschnörkelt verzierter Gummimatte – vermutlich das gleiche Tablett, auf dem schon vor 25 Jahren das Kännchen Kaffee in dem Lokal serviert wurde.

Die zwei älteren Männer vom einen Tisch stehen auf, verabschieden sich lautstark vom verbleibenden und rufen auch quer durch’s Lokal einen Gruß zu unserem Tisch. Der verbleibende der drei erkundigt sich schon nach dem ersten Bissen, ob der Kuchen schmecke. Ufff. Wo bitte sind wir denn hier reingeraten?

Wir sind zu dritt, neben unserem Tisch steht ein weisses Klavier – das mit Abstand schönste Stück der Einrichtung – auf dem Notenständer aufgeschlagen ein Song von Udo Jürgens. Wir scherzen darüber, wer denn jetzt dran sei mit Vorspielen. Ich weiss nicht, ob der verbleibende der ‚Alten‘ das mitbekommen hat, auf jeden Fall bietet er sehr zurückhaltend an, er würde für uns spielen, falls wir das wollten. Aber wirklich nur, wenn wir’s wünschten, er wolle nicht stören.

Und dann spielt er und nichts ist mehr übrig von meinem ersten Eindruck der Plumpheit. Einen Song nach dem anderen, fast alles Schlager aus den 50ern und 60ern. Von fast keinem kenne ich Text oder Titel und doch kommen mir viele davon bekannt vor, wirken auf mich, wie die Filmmusik aus jenen alten Filmen, die mein Opa so gerne schaute. Häufiger mal dreht unser ‚Piano Man‘ sich um, fragt – sichtlich um besseres Hochdeutsch als den breiten Dialekt des Ortes bemüht ‚Kenne Sie des?‘ und gibt Auskunft über Interpret und Titel. Irgendwann spielt er die Moonlight Serenade von Glenn Miller, erzählt über Glenn Miller und fängt nahtlos an, ein bisschen aus seinem eigenen Leben zu erzählen.

Das Café samt Bäckerei und Hotel gehört nämlich ihm. 77 ist er, aber an Ruhestand ist noch nicht so recht zu denken, weil keines seiner 3 Kinder das Geschäft übernehmen will und so steht er noch jeden Tag selber in der Backstube. Heutzutage könnten die Kinder ja machen, was sie gerne wollen – er hätte seinen da auch nicht reingeredet und seine Frau hätte sogar immer wieder auf die ganzen Nachteile hingewiesen, die der Beruf und die Gastronomie so mit sich bringt. Er konnte sich das damals noch nicht aussuchen und musste mit 15 vom Gymnasium runter, um den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Damals war das so, da durfte der älteste Sohn nicht studieren, sondern musste das elterliche Geschäft weiterführen. Dabei hatte er immer Spaß an Sprachen und war da auch wirklich gut.

Das Klavierspielen hat er als ‚Bub‘ mal 5 Jahre lang gelernt, aber damals hat’s ihm keine Freude gemacht, weil er die Stunden nehmen musste. Aber jetzt, so im Alter, da dachte er, er könne es ja nochmal probieren – die Noten kannte er ja immerhin schon. Und so hat er sich das Spielen vor ein paar Jahren wieder selber beigebracht. Wie lange genau er schon wieder spielt, kann er gar nicht beantworten. Und obwohl auf dem Klavier mehrere dicke Stapel mit Notenheften liegen, spielt er die meisten Stücke aus dem Gedächtnis und ohne dafür Noten aufzuklappen.

Von seinem Cousin erzählt er, der auch eine Bäckerei hatte und die vor ein paar Jahren gut verkauft hat. Aber die hat auch eine viel bessere Lage und vor allen Dingen 40 Parkplätze auf dem Hof. Er hat ja gar keine und das merkt man auch heutzutage. Die jungen Leute wollen alles, was sie brauchen in einem einzigen Laden kaufen und nicht mehrere anlaufen müssen und am liebsten wollen sie mit dem Auto direkt reinfahren.

Zwischendrin spielt er immer wieder 2, 3 Stücke, dann dreht er sich wieder halb um und erzählt ein bisschen. Unaufdringlich, freundlich.

Irgendwann kommt eine Horde von Leuten herein, setzt sich an einen der Tische. Dann spielt er noch ein Lied und geht dann, ohne viel Tamtam. Nicht mal richtig bedanken können wir uns, weil er direkt schon wieder im Laden steht und die Torten, die er morgens gebacken hat, verkauft.

Der Erdbärkuchen war wirklich unspektakulär, aber der alte Bäcker, Konditor, Hotelier und Piano Man hat mich sehr beeindruckt und mich die scheussliche Inneineinrichtung komplett vergessen lassen.

Katja